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Hexenverfolgungen in Zürich

Otto Sigg

11. Dezember 2012

Prolog

In der Zeit zwischen 1487 und 1701 wurden im Territorium des Stadtstaates Zürich 79 Personen (davon 5 männlich) wegen Buhlschaft mit dem Teufel und Gottesverleugnung zum Tode verurteilt, bis 1606 ausschließlich durch Verbrennen bei lebendigem Leib, darnach zunehmend durch Verbrennung des Leibes nach erfolgter Enthauptung. Aber noch 1701, im letzten klassischen Hexenprozess im Staat Zürich, wurde eine sehr betagte Frau bei lebendigem Leib verbrannt. Nochmals etwa gleich viele Personen wurden in entsprechende Prozesse verwickelt, mussten aber mangels Geständnisses– meist auf Urfehde hin – wieder frei gelassen werden.

Sozio-ökonomische Grundlagen

Zur Zeit des ersten Hexenprozesses 1487 hatte die alte Reichsstadt, ab 1336 verfassungsrechtlich zünftisch organisiert, ihr Territorium von rund 1800 Quadratkilometern (weitgehend dem modernen Kanton Zürich entsprechend), als festgefügten Stadtstaat etabliert. In diesem Staat hatte um 1470 ein - an den damaligen Ressourcen gemessen – drastisches Bevölkerungswachstum eingesetzt. Bis zur Zeit der Reformation verdoppelte sich die Bevölkerungszahl auf 50.000, um in den folgenden 50 Jahren, das heißt bis in die Jahre der beginnenden Kleinen Eiszeit nochmals um 25.000 Seelen anzusteigen. An diesem Wachstum hatte die sich gesellschaftlich abschließende Stadt mit ihrer vom 15. bis 17. Jahrhundert eher unter 5.000 Seelen bleibenden Einwohnerschaft kaum Anteil. Bis zum Jahr 1700 war die Bevölkerung des Staates auf etwa 120.000 Seelen angewachsen.

In der vorindustriellen Zeit bedeutet ein solches Wachstum zunehmend räumliche, soziale und mentale Enge, eine Enge, die durch die Agrarverfassung mit ihren kleinen, eingezäunten Zirkeln, seien es die einzelnen Haushofstätten, die darum liegenden Kraut- und Baumgärten, sei es der diese Einheiten umfassende Dorfetter, die daran angrenzenden Ackerzelgen mit ihren praktisch weglosen und nur gemeinschaftlich zugänglichen schmalen Parzellen, die ebenfalls eng umzäunten Wiesen- und Rebenbezirke, die übernutzten Wäldern mit ihren Haubezirken oder seien es die eng überwachten gemeinen Weiderechte und Allmenden, ohnehin gegeben war.

Die durch Ein- und Anbauten erweiterten und oft mit Mietlingen überfüllten Häuser mit ihren dünnen Holzwänden wurden noch ringhöriger, und die höchstens pro Hektare geerntete eine Tonne Getreide musste durch noch mehr Esser geteilt werden.

Verfolgung

Diese Enge und Verarmung scheint im Zürcher Gebiet ganz wesentliche Ursache der mit der Klimaverschlechterung der letzten drei Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts zugleich anschwellenden Verfolgung vermeintlicher Hexen gewesen zu sein. Blieben diese Verfolgungen auch immer in weltlicher Hand, so ist hintergründig für diese Verfolgungen eine zunehmende religiös-fundamentalistische Erstarrung, ein wachsender Anspruch auf Rechtgläubigkeit der ohnehin schon eng gestrickten reformierten Zürcher Staatskirche mit verantwortlich zu machen.

In diesem Milieu konnten Unwetter, Frost, Erkrankungen von Menschen und Nutztieren in archaisch-assoziativer Weise als Schadenzauberattacken besonders durch ältere Frauen verursacht interpretiert werden. Auch ihr Auftauchen an merkwürdigen Orten und unter ungewöhnlichen Umständen genügte unter Umständen, um in den Dörfern eine Frau, oft aus ärmstem Milieu stammend, als „Unholdin“ zu verdächtigen. Hin und wieder schimmern in den Quellen auch unglückliche Liebschaften, besondere Charaktere im Kontext der Verfolgungen durch.

Verunglimpfung, Verdacht gegen solche Frauen konnten sich über Jahre hinziehen, aber auch in kurzer Zeit zu einer Anklage führen. In Zürich lassen sich verschiedene typische Abläufe von Denunziationen bzw. Anklagen ermitteln:

1. Mitunter versuchten sich die als „Unholdin“ beschimpfte Frauen auf dem offiziellen Gerichtsweg gegen die Denunziationsstrategien zu wehren. Nicht immer war jedoch der Versuch einer Rehabilitation erfolgreich. Erwies sich im Verlauf der gerichtlichen Klärung der Leumundsklage, dass der Verleumder „recht“ hatte. Dann stand nur noch die Verleumdete im Mittelpunkt des Prozesses, der sich nun gegen sie wandte.

2. Gewöhnlich war eine Prozesseinleitung von Amtswegen: Die heimlichen und offenen Verleumdungen wurden von Untervogt und Dorfnotabeln aufgegriffen und die Befragungen der Zeugen in die Wege geleitetet. Die unteren Behörden führten diese Befragung je nach den herrschenden Gerichtsverhältnissen selbst durch, die Fälle gelangten anschließend – auch über das Instrument von Gemeindeversammlungen – an den zuständigen obrigkeitlichen Ober- oder Landvogt. Diese nun entschieden, ob der Fall an den Kleinen Rat der Stadt Zürich überwiesen werden sollte, das Herrschaftsinstrument des Stadtstaates. Meistens wurden die Opfer schließlich der Hexerei überführt, erwarteten die Untertanen doch, dass die Obrigkeit das angeblich Böse aus der Welt schaffte. Wurde nun das Ratsgericht tätig, dienten die bis dahin im Mittelpunkt befindlichen Vorwürfe von Schadenzauber und verdächtigen Benehmens nur noch als Anknüpfungspunkt für die von den ratsherrlichen „Nachgängern“ und/oder Obervögten geführten und vom gesamten Rat hautnah verfolgten Verhöre, die zumeist von (ab 1580) protokollierter und in ihrer Intensität und Reihenfolge grausamster Folter durch Strecken mit und ohne Gewichte begleitet waren. Im Mittelpunkt standen im ratsherrlichen Verfahren nun, die beiden juristisch und religiös prägenden Punkte der Teufelsbuhlschaft und der Verleugnung Gottes (Apostasie). Innerhalb der Bürgerschaft bzw. innerhalb der Mauern der Stadt Zürich gab es keine Verfolgung, ebenso wenig innerhalb der Mauern der weitgehend autonomen Bürgerstadt Winterthur. In der Mittelstadt Zürich und in der Kleinstadt Winterthur waren die Verwandtschaftsverhältnisse zu eng, und das gemeinbürgerliche Bewusstsein wollte man im Verhältnis zur Landschaft offenbar nicht mit interner Verfolgung korrumpieren.

Schwerpunkte

Bei den Verurteilungen sind folgende Merkmale festzustellen.

a) Chronologisch

31 der in einer Zeitspanne von über 210 Jahren zu zählenden 79 Fälle fielen in die letzten drei Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts, also in die Zeit der einsetzenden Kleinen Eiszeit und einer sich verschärfenden Rechtgläubigkeit.

b) Territorial-geographisch

Diesbezüglich sticht das Gebiet der beiden Zürichsee-Ufer hervor, 22 Verurteilungen entfallen auf dieses Gebiet. Die beiden Seeufer hatten sich seit ihrer Eingliederung in den Staat Zürich überdurchschnittlich viele Gemeinde- und Eigenrechte erhalten können, die Staatsgewalt war weitgehend nur durch in der Stadt residierende Obervögte vertreten. Es ist auch andernorts beobachtet worden, dass Regionen mit wenig Präsenz zentralstaatlicher Gewalt besonders anfällig für Hexenverfolgungen waren. Im Herrliberger Fall von 1591 beispielsweise tat sich ein Einheimischer namens Hüsser als besonders treibende Kraft der Verfolgung hervor; er sprach von so vielen Unholdinnen am See wie einer Herde Schafe. Waren die Seeufer immerhin relativ dicht besiedelt, so galt dies in den wenigen kleinen Dörfern des sogenannten Kelleramtes nicht. Und trotzdem kam es hier zu insgesamt 15 Todesurteilen. Auch hier war die zentrale Gerichtsbarkeit nicht stark vertreten: Die niedere Gerichtsbarkeit mit vielen Kompetenzen lag beim außerzürcherischen Städtchen Bremgarten, dessen Bürgerschaft sich ohnehin mit Verfolgungen hervortat, die hohe Gerichtsbarkeit bei der zürcherischen Landvogtei Knonau (die als engere Einheit für sich selbst immerhin auch sechs Verurteilungen aufweist). Die Regionen Weinland, Oberland und Unterland, weitaus die größte Fläche des Stadtstaates einnehmend und teils dicht besiedelt, weisen dagegen recht moderate Zahlen auf: Nämlich je fünf das Weinland und das Oberland und 17 das Unterland. In diesen Regionen war die Herrschaft durch etablierte Landvogteien der Hauptstadt recht einheitlich. Die doch relativ hohe Zahl des Unterlandes vermindert sich insofern, als fünf Fälle allein auf das Grenzdorf Weiach fielen. Hier war die Gerichtsbarkeit nicht immer klar zwischen Zürich und dem Bischof von Konstanz getrennt. Die Hexenverfolgungen nahmen zeitweise - ähnlich wie am Zürichsee - epidemischen Charakter an. 1589 ging hier die Rede von angeblich 25 Hexen im Dorf um. Als gleichermassen untypisch für das Unterland wären von den genannten 17 Fällen auch die acht Fälle des einzigen Jahres 1701 im ebenfalls in Grenzlage befindlichen Dorf Wasterkingen abzuziehen, das sich erst seit damals 50 Jahren hochgerichtlich unter Zürich befand.

c) Sozial- und netzwerkgeschichtlich

Im Fall von Adelheita Düggeli von Küsnacht 1590 erscheint in den Akten offensichtlich eine persönliche Verwicklung mit für viele Opfer tragischen Folgen. Adelheita sagte im Verhör aus, sie sei damals vor sechs Jahren im Haus des Ratsherrn Hans Escher zum Luchs gewesen, einem dem oberen Patriziat angehörender Constaffler und Schildner zum Schneggen. Sie habe sich von dessen Ehegattin Verena Wirtz mit den Worten „behüt dich Gott, Frau“ verabschiedet, habe dabei aber gedacht, „behüte dich der Teufel“. Darauf sei die Frau krank geworden und sei gestorben. 1588 wurde Escher, der sich im Patriziat neu verheiratet hatte, Reichsvogt und ein Jahr darauf übernahm er das praktisch mit der Reichsvogtei gekoppelte Amt des Seckelmeisters, der den staatlichen Finanzen vorstand. Der Reichsvogt/Seckelmeister präsidierte bei den Hexenprozessen und anderen Rechtssachen den dafür zuständigen Neuen Rat, also von den beiden sich halbjährlich abwechselnden Ratsrotten diejenige, welche die Amtsgeschäfte führte. Über drei Jahrzehnte hinweg wurden unter seiner, Eschers, Verantwortung etwa ein Drittel sämtlicher tödlich endender Prozesse geführt. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, der Junker habe wegen dem Ableben seiner Gattin, das in Zusammenhang mit Schadenzauber von Adelheita Düggeli gebracht worden war, eine besondere persönliche Verbissenheit mit sich getragen mit Tendenz zu einer individuellen Rachejustiz. Adelheita selbst wurde allerdings nicht durch die Ratsrotte unter dem Vorsitz Eschers, sondern durch diejenige unter dem Vorsitz seines Amtskollegen Junker Keller hingerichtet, der im damaligen Armenwesen als unbarmherzig auffiel. Es gab also offenbar nicht nur in den Dörfern Scharfmacher, sondern auch unter den Urteilenden.

d) Folter

Sieht man einmal von den acht Hingerichteten des einen Prozesses von Wasterkingen im Jahr 1701 ab, kam es ab 1650 nicht mehr zu vielen Verfolgungen. Doch wurde bei drei Opfern 1654, 1656 und 1660 die Folter nochmals derart intensiv angewendet, dass sich offenbar bei diesem und jenem Ratsherrn menschliche Regungen zeigten und an einer einschlägigen Ratssitzung 1656 zu viele ausblieben, um zum gewünschten Termin das Todesurteil aussprechen zu können. Wohl als Folge davon stellte der Rat 1660 vom Strecken auf eine Art "weiße" Folter um. Durch eine Fesselvorrichtung wurden beim Opfer stundenlange Krämpfe hervorgerufen. Die entsprechenden Schmerzen waren wohl eher noch schlimmer, aber der von den Ratsherren instruierte und in seinem Tun von ihnen begleitete Folterknecht musste nur einmal unmittelbar selbst Hand anlegen. Das entlastete nicht das Opfer, wahrscheinlich aber im Augenblick die Täter.

Literatur

David Meili, Hexen in Wasterkingen. Magie und Lebensform in einem Dorf des frühen 18. Jahrhunderts, Wetzikon 1979.

Paul Schweizer, Der Hexenprozess und seine Anwendung in Zürich, in: Zürcher taschenbuch auf das Jahr 1902, Jg. 25, 1902, S. 1-63.

Otto Sigg, Hexenprozesse mit Todesurteil. Justizmorde der Zunftstadt Zürich, Frick 2012, Volltext als PDF im Historicum.net.

Empfohlene Zitierweise

Sigg, Otto: Hexenverfolgungen in Zürich. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jdzvr/

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Erstellt: 17.12.2012

Zuletzt geändert: 18.12.2012

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