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Hexenverfolgung in Bremen

Rolf Schulte

18. Juni 2013

1. Rat, Recht und Reformation

Die Stadt Bremen an der Weser hatte im Spätmittelalter faktisch ihre Unabhängigkeit durchgesetzt, obwohl noch formal eine Gebundenheit an den Stadtherrn, den Bischof von Bremen, bestand. Durch gefälschte Urkunden sollte daher ein höherer Rechtsstatus belegt werden, um definitiv als freie und reichsunmittelbare Reichsstadt zu gelten, was aber erst 1646 gelang. Ein aus der kaufmännischen Oberschicht gewählter Rat übte die politische Herrschaft über ungefähr 20.000 Bürger und Einwohner aus. Konkurrierende Ansprüche des Erzbischofs von Bremen beschnitten jedoch noch die Rechtskompetenzen dieses Rats, da dem Bischof der Vorsitz bei Akkusationsprozessen durch private Kläger oblag. Die Stadtobrigkeiten setzten sich seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts in der Gerichtspraxis durch, fällten selbst die Urteile in allen Rechtsangelegenheiten und gewährten lediglich einem Vertreter des Bischofs symbolisch ein Mitspracherecht.

1534 nahm der Rat eine protestantische Kirchenordnung an. Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Reformierten setzte sich um 1580 eine calvinistische Strömung in der Stadt durch. Diese Richtungsentscheidung stand im Gegensatz zum Konfessionsbekenntnis des in Bremen residierenden lutherischen Erzbischofs, der seit Mitte des 16. Jahrhunderts ein eigenes evangelisches Territorium im westlichen Norddeutschland regierte und dort eine eigene Gerichtsbarkeit ausübte. Die Hafen- und Hansestadt blieb im 30jährigen Krieg weitgehend unzerstört, so dass die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts für Bremen keinen ökonomischen Niedergang darstellte.

Das Stadtrecht von 1433/1497 sah für Zauberei und Ketzerei die Strafe der Verbrennung vor. Beide Delikte galten aber als noch voneinander getrennte Delikte. Eine 1606 vom Bürgermeister verfasste neue Strafordnung, die Statuta Reformata, wies eine unverwechselbare Ähnlichkeit mit dem Stadtrecht des mit Bremen politisch besonders verbündeten Hamburg auf: Über die kaiserliche Carolina von 1532 hinaus, die in Bremen Gültigkeit erlangt hatte, schrieb man darin nun nicht nur bei nachgewiesenem Maleficium, sondern auch bei Gottesabfall durch Teufelpakt ohne Schadensfolge die Todesstrafe vor. Wahrsagerei hingegen, bei der kein Schaden entstünde, trennte der Autor vom Hauptdelikt der Hexerei, nämlich vom Teufelsbündnis ab: Die Strafordnung interpretierte dieses Delikt lediglich als Dialog mit dem Teufel, das lediglich mit Stadtverweis oder Körperstrafen geahndet werden sollte.

2. Hexenprozesse

Der erste Prozess datierte von 1503, doch die Hexenverfolgung beschränkte sich bis Mitte des 16. Jahrhunderts auf das Konzept des einfachen Schadenszaubers und der Ahndung von Formen magischen Heil- und Schutzzaubers verschiedenster Art. Offenbar wegen der ungeklärten Rechtszuständigkeiten zwischen Rat und Erzbischof bei Akkusationsprozessen führten die Obrigkeiten fast ausschließlich Inquisitionsverfahren, d. h. Anklagen von Amts wegen, durch. Erst 1559 tauchten in einem Doppelprozess Elemente der elaborierten Hexenlehre mit Teufelsbund, Teufelsbuhlschaft und Hexensabbat auf. Das voll ausgebildete elaborierte Hexenparadigma mit dem Bild einer vom Teufel organisierten Gegenkirche findet sich erst 1603 in einem Prozess gegen zwei Frauen. Die eine Angeklagte - Pellke Stubben - gab im Geständnis ein Glaubensbekenntnis ab, in dem es heißt „Ich glove an den bosen Geist, seine allgemeine bose kercke, de gemenschup des bosen“ (Ich glaube an den bösen Geist, die allgemeine böse Kirche und die Gemeinschaft des Bösen). Beide Frauen wurden zum Tod durch Verbrennung verurteilt, die eine starb bereits zuvor im Gefängnis.

Mit diesem Prozess endete jedoch schon die Ära der Todesurteile in Hexenprozessen Bremens. Ein reformiertes Ministerium, bestehend aus den calvinistischen Pastoren, übernahm vorwiegend die Suche nach angeblichen Hexen und Hexenmeistern in der Stadt. Doch dieser Ausschuss ging gegen angezeigte Verstöße gegen die Strafordnung vorwiegend mit kirchlichen Maßnahmen vor. Die Pastoren erzielten in ihren Ermittlungen zwar Geständnisse, in denen Angeklagte sogar Teufelsbünde oder Teufelsbuhlschaften wie 1627 sowie 1651 gestanden: Sie reichten diese Anklagen bzw. Geständnisse nicht mehr an das säkuläre städtische Obergericht weiter. Stattdessen verhängten die Theologen nach Reuebekenntnissen der Delinquenten Kirchenstrafen wie z. B. Verpflichtungen, regelmäßig den Gottesdienst zu besuchen. Die amtliche Hexenverfolgung durch die Stadtobrigkeit ging parallel zur Arbeit des reformierten Gremiums schleichend in Beleidigungsprozesse über, die von Privatpersonen angestrengt werden mussten. Ein letzter Prozess datiert von 1714, der allerdings der klassischen Züge eines Hexenprozesses entbehrte.

Mindestens 63 Menschen standen von 1503-1714 wegen Hexereidelikten vor Bremer Gerichten, davon eine deutliche Mehrheit vor den Tribunalen des weltlichen Rates. Die Folter in den Verfahren wurde vergleichsweise wenig eingesetzt: In lediglich zehn Verfahren ist ihr Einsatz nachweisbar. Der Rat verhängte gegen 20 Angeklagte die Todesstrafe, 32 wurde freigesprochen bzw. nicht mit säkulären Strafen belegt, neun Personen zur Verbannung oder zu Körperstrafen verurteilt, vier Menschen starben bereits im Gefängnis, zwei Leichen wurden ebenfalls auf den Scheiterhaufen verbrannt. Einzel- oder Doppelprozesse dominierten und kein Prozess überstieg die Anzahl von drei Angeklagten. Das Element des Hexensabbats fand im dominierenden Hexenbild, das in den Prozessen zum Tragen kam oder hineingetragen wurde, nur eine geringe Resonanz, so dass sich Serienprozesse ausschlossen.

Zwei Drittel der Angeklagten waren weiblichen Geschlechts. Im Gegensatz zu den männlichen Angeklagten, unter denen sich einige wenige Personen mit Bürgerstatus befanden, stammten diese Frauen zum großen Teil aus der sozialen Unterschicht. Der vergleichsweise hohe Männeranteil unter den Verfolgten erklärt sich teilweise, weil der Rat im 16. Jahrhundert auch gegen das magische Personal, das Schutz- bzw. Heilzauber sowie Wahrsagerei kommerziell in der Stadt verkaufte, strafrechtlich vorging und deswegen nicht wenige Männer vor Gericht brachte. Unter den männlichen Angeklagten befanden sich auch zwei Scharfrichter der Stadt.

3. Eine moderate Verfolgungspraxis

Die vorsichtige und moderate Handhabung der Hexenverfolgung durch den Rat Bremens und das frühe Ende der Todesurteile entsprach auch die Haltung der kulturellen Eliten der Stadt: Schon der Stadtphysicus und Lehrer an einer Gelehrtenschule, Johann Ewich, warnte in einer Schrift von 1583/1586 „De sagarum“ vor der Überschätzung des Hexereiverbrechens. Ewich war mit dem Hexenverfolgungsgegner Weyer befreundet. Er erkannte grundsätzlich die Realität von Schadenszauber durch einen Teufelspakt an, lehnte aber das Hexensabbatsmuster als Produkt von Fantasie ab. Auch wenn Ewich prinzipiell für die Todesstrafe bei Hexereivergehen eintrat, plädierte er für eine milde Behandlung von GeständigenDer höchste kirchliche Würdenträger in der Stadt, Erzbischof Johann Friedrich, verwarf 1603 die Wasserprobe als rechtliches Beweismittel, kritisierte die ungeregelte Anwendung von Folter und bemängelte die Neigung von Gerichten, den Besagungen (d. h. Bezichtigungen von angeblichen Mittäterinnen in Hexenprozessen) ungeprüft zu folgen. 1647 verlegte ein Drucker in der Stadt die erste Teilübersetzung der einflussreichen „Cautio Criminalis“ des Verfolgungsgegners Friedrich Spee in die deutsche Sprache.

Die Gründe für die Zurückhaltung in Sachen Hexenverfolgung sind in der Forschung nicht geklärt. Einerseits wird darauf verwiesen, „dass man in Kreisen der Obrigkeit nicht mehr recht an den Kollektivbegriff der Hexe glaubte und vor allem an der rechtlichen Beweisbarkeit des Schadenszaubers und des Hexenwesens zweifelte“( Schwarzwälder 1959, S. 221). Überzeugend an dieser Argumentation ist, dass wie in Hamburg oder Lübeck der Rat im 17. Jahrhundert fast zur Hälfte aus Juristen bestand, die an der Stichfestigkeit von Beweisen und der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen festhielten und eifrigen Prozesseifer schon allein mit Verfahrensnormen ausbremsen konnten. Andererseits wird festgestellt, „ dass möglicherweise die Annahme der calvinistischen Lehre …zu einer milderen und besonneneren Urteilsfindung beigetragen hat.“ (Nuckel 2009, S. 61). Doch die calvinistische Theologie der Frühen Neuzeit war insgesamt keineswegs verfolgungsfeindlich eingestellt. Calvinistische Obrigkeiten wie in der Kurpfalz verhinderten zwar Hexenverfolgungen, sie gehörten aber andererseits auch zu eifrigen Verfolgern wie die Beispiele der Grafschaft Lippe oder Schaumburg zeigen.

Eine Gesamtuntersuchung der Hexenverfolgung in Bremen, in der auch die Faktoren für die moderate Verfolgungspraxis empirisch geprüft und diskutiert werden, steht noch aus.

Quellen:

Staatsarchiv Bremen, Ratsarchiv: 2 D 16 (Nequambücher 1376-1813, Sammlung Urfehden 1567-1635); 2 D 19 (Blut-, Hals- und Notgericht 1600-1798, Obergericht als Strafgericht 1627-1865)

Ewich, Johannes: Von der Hexen. Die man gemeiniglich Zauberin nennet, oder auff niedersächsisch Toverschen., Natur, Kunst, Macht und Thaten: Item von den Merckzeichen dabey zu erkennen und straff, damit sie züchtigen. Ein billich und rechtmeßig bedenken, in: Sawr, A.: Theatrum de veneficis Frankfurt am Mayn 1586, S. 325-355.

Literatur:

Nuckel, Ivette: Hexenprozesse während des 16. und 17. Jahrhunderts. Ein Vergleich zwischen Bremen und Oldenburg. Oder: „Als auf dem Jodutenberge die Feuer schwelten“, 2004 . Reihe: Wissenschaftliche Qualifizierungsarbeiten zum Hexen- und Magieglauben, hg. von Katrin Moeller, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/thementexte/magisterarbeiten/ (28.12.2012).

Schwarzwälder, Herbert: “Die Formen des Zauber- und Hexenglaubens in Bremen und seiner weiteren Umgebung, vor allem während des 16.und 17.Jahrhunderts“, in: Heimat und Volkstum - Bremer Beiträge zur niederdeutschen Volkskunde 1958, S. 3-68

Schwarzwälder, Herbert:, 1961. “Die Geschichte des Zauber- und Hexenglaubens in Bremen“, in: Bremisches Jahrbuch 46/ 1959, S. 156-233 und 47/1961, S. 99-142.

Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Band 1: Von den Anfängen bis zur Franzosenzeit (1810). Bremen 1995.

Empfohlene Zitierweise

Schulte, Rolf: Hexenverfolgung in Bremen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzo6/

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Erstellt: 18.06.2013

Zuletzt geändert: 18.06.2013

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