A-G

Grave, Gerhard

Katrin Moeller

11. Januar 2008

 

* vermutlich 1598 in Osnabrück, † unbekannt

Kurzbiografie

Gerhard Grave wurde wohl als Sohn des Bürgermeisters Konrad Grave 1598 in Osnabrück geboren. Nach dem Studium der Theologie wurde er in Osnabrück als Pastor der Marienkirche tätig.

Zwischen 1636 und 1639 wurden in Osnabrück mehr als vierzig Personen wegen Hexerei angeklagt, wobei die Anwendung von Wasserproben und die offenbar äußerst mangelhafte Gerichtspraxis auf starken Widerspruch innerhalb der Bürgerschaft stießen. Mit seiner Schrift über die Wasserprobe wendet sich der protestantische Pastor Gerhard Grave zu St. Marien direkt an den Rat, vor allem den Bürgermeister Wilhelm Peltzer (Pseudonym: Pfältzer) und die Bürger der Stadt Osnabrück. Gewidmet ist das Werk allerdings König Gustav Adolf von Schweden. Von der schwedischen Regierung erhielt Grave schließlich auch Unterstützung in seinen Bemühungen, die Hexenverfolgungen in seiner Heimatstadt zu beenden.

„Von der WasserProb oder vermeintem Hexenbaden“


Abb. 1:

In seiner Vorrede schilderte Grave bewegt den tumultarischen Prozessverlauf und die wachsende kritische Haltung gegen die Hexenprozesse von Seiten der Osnabrücker Geistlichkeit, für die er sich immer wieder rechtfertigt. 1636 erging in der Stadt ein Ratsbeschluss, in dem die Verdächtigen im Falle eines freiwilligen Geständnisses der Verzicht auf Wasserprobe, Folter und öffentlicher Exekution offeriert wurde. Dieses öffentliche Eingeständnis der Anwendung von Wasserproben nahm Grave zur Abfassung zweier Sendschreiben 1636 und 1639 zum Anlass, in denen er diese Praxis scharf verurteilte. Die sich daran anschließenden Auseinandersetzungen zwischen Rat und Pastor führten zur Konfiszierung der Sendschreiben noch in der Druckerei, zum symbolkräftigen öffentlichen Anschlag der Schreiben durch Grave und zur Amtsenthebung des Pastors. Die Abfassung des Traktats, dem alle drei Dokumente vorangestellt wurden, bildeten für Grave die umfassende Untermauerung seiner skeptischen Haltung zur Wasserprobe, die in der Stadt nicht ohne Kritik blieb.

 

In vier Kapiteln untersucht der Autor die Rolle der Wasserprobe innerhalb eines Hexenprozesses. Unterschieden werden drei Formen, wobei die Abhandlung jedoch nicht immer stringent innerhalb der einzelnen Kapitel erfolgt:

1. Die Wasserprobe als Bestandteil von Tortur und Geständnisbeweis.

2. Der Wasserprobe als gewohnheitsrechtliches Mittel und Ordal.

3. Wirkung der Wasserprobe als magisches Mittel speziell zur Hexenidentifikation.

Im abschließenden vierten Kapitel diskutierte Grave die Argumente die für oder wider die Anwendung von Wasserproben sprachen.

 

Polemisch beginnt Grave mit einer Argumentation gegen die Hexenprobe als „frauenfreundliches“ Mittel zur Geständniserlangung. Er selbst sei zunächst durchaus für die Anwendung von Wasserproben gewesen. Durch das schnellere Geständnis nach der Wasserprobe könnten – zumindest in der Theorie - grausame Folterungen unnötig werden. Die Wasserprobe wird damit als humanes Mittel in einem Beweissystem betrachtet, welches das alleinige gütliche Geständnis im 17. Jahrhundert weitgehend ausgeblendet hatte. Da der Hexenglaube und der Hexenprozess weithin akzeptiert wurden, mehrten sich im 17. Jahrhundert allerdings die Kritikpunkte an Folter und Prozesspraxis.

Allerdings würden – so Grave - bereits im Umfeld der Wasserprobe Mittel gebraucht, die stark superstitösen Charakter tragen und damit zum Verbot (gerade im kanonischen Recht) führen müssten. Grave argumentiert hier ganz auf dem Boden der protestantischen Supersitionskritik und orientiert sich – im gesamten Text - eng an Hermann Neuwaldt.

Diesen superstitiösen Charakter macht er an verschiedenen Beispielen plausibel: Dem Strick, mit dem die Hexen gebunden werden, sprach man etwa besondere Kräfte zu, dem kreuzweisen Binden als christlichem Symbol eine Schutzfunktion gegen das Wirken des Teufels. Insgesamt finden sich im Umgang mit den inhaftierten Hexen viele Gebräuche, die starke Analogien zum theologisch kaum legitimierten Exorzismus trugen und von Grave kritisch reflektiert wurden. Volksmagischen Charakter hafteten auch das in Westfalen übliche dreimalige „Baden“ der Hexen und das Eingeben von geständnisfördernden Mitteln (Meyfarth) an. In ähnlicher Weise taxierte Grave (in Anlehnung an Johann Georg Gödelmann u.a.) die bei Delrio und Goeshausen erwähnten Wachsbilder (Agnus Dei), die man den Gefangenen zum leichteren Geständnis umhängte.

Gegen die Probe spricht auch die weit reichende Ehrverletzung, welche den Frauen durch die Entblößung, die Entfernung der Haare, Verspottung und Gewalt bei der Probe widerfuhren, obwohl ihre Schuld noch gar nicht erwiesen war. Neben dem juristischen Charakter des Ehrverlusts ist dem Pastor jedoch, in enger Anlehnung an Friedrich Spee, auch der Verlust an Menschlichkeit Herzanliegen seines gesamten Textes und reflektiert damit die zeitgenössische Diskussion um Menschenwürde und Menschenrechte. Im Anschluss an Anton Prätorius verwirft Grave die Probe schließlich auch deshalb, weil der Teufel selbst Unschuldige auf dem Wasser halten könnte. Sie wird damit sowohl als zuverlässiges Rechtsmittel diskreditiert als auch gemäß dem theologischen Grundsatz verworfen, wonach nichts Böses in guter Absicht ausgeübt werden darf.

Ein knapper Durchgang von Schriften zur Folter (Johann Cothmann, Johann Zanger, Joos de Damhouder, Paul Crocius) beweißt für Grave, dass die Wasserprobe keineswegs als Bestandteil der Folter legitim ist. Überdies würde die völlig unterschiedliche Reaktion der Betroffenen auf Wasserprobe und Folter zeigen, wie unsensibel solche Mittel wirken. Immer wieder verschränkt Grave erfolgreich juristische Aspekte mit Argumenten der medizinisch-psychologischen bzw. sittlichen Debatte.

Rechtskritische Äußerungen Graves schließen sich an die schnell wechselnde Argumentation des Osnabrücker Rates an, welche die Wasserprobe mal als Hexenprobe, mal als Bestandteil der Tortur, mal als Gewohnheitsrecht verteidigten. Dem Rechtsbegriff nach „alter Gewohnheit“ setzt Grave den Begriff der „nützlichen Gewohnheit“ gegenüber, der sowohl positiven religiös-christlichen wie weltlichen Normvorstellungen genügen und als „kontinuierliche Gewohnheit“ nachweisbar sein muss. Das Gewohnheitsrecht kann zudem nur dann Geltung besitzen, wenn ein Mangel an Gesetz oder Autorität zu verspüren ist, woran vorhandene städtische Rechtsprivilegien nichts ändern. Im Falle der Hexerei und Wasserprobe trifft dieser Fall nicht zu. Die intensive Diskussion verschiedenster Beispiele für die Ungültigkeit schädlicher Formen von Gewohnheitsrecht, deutet auf die entgegen gesetzten Argumentationszusammenhänge in der Stadt.

Immer wieder finden sich auch Anklänge, die auf die „teutsche“ Ehre, auf ein übergeordnetes Nationalgefühl bzw. Nationalrecht hinweisen, welche über den Gewohnheiten des städtischen Rechts stehen und im Kontext staatstheoretischer Diskussionen der Frühen Neuzeit zu sehen sind. Im Fall des Gewohnheitsrechts wird sogar der gesamteuropäische (christliche) Kontext angesprochen, in dem die Wasserprobe weitgehend unbekannt sei.

Zur Diskussion, ob eine Wasserprobe überhaupt Schuld bzw. Unschuld und dies noch speziell im Fall der Hexerei erweisen kann, führt Grave unzählige Exempel an. Der Streifzug durch die Geschichte erbringt, dass die Wasserprobe heidnischen Ursprungs ist, sie in sehr unterschiedlichen Formen besonders innerhalb der Ordalien praktiziert und mehrheitlich nicht für den Nachweis von Zauberei gebraucht wurde, die man traditionell durch andere Mittel diagnostizierte.

Die Anwendung der Wasserprobe ist für ihn selbst schon Zauberei (Hermann Witekind, Johann Ewich, Hermann Neuwaldt). Diese definiert er gemeinsam mit dem Osnabrücker Direktor der Ratsschule, Jacob Dürfeld, bemerkenswerter Weise als Fähigkeit, ohne die Gabe Wunder zu tun und ohne Gottes Befehl (!) „vber die Natur“ hinaus zu wirken. Setzt man Gottes Befehl mit der Zulassung Gottes gleich, weicht diese Definition graduell vom Pfad der Dämonologie ab.

Da dem leblosen Element des Wassers jede übernatürliche Kraft fehlt, kann es nur über magische Einflüsse wirken. Grave nutzt hier intensiv die Vorstellung eines impliziten Teufelspaktes, den er vor allem bei Delrio entnimmt. Die Ausübung eines Ordals beinhaltet mindestens einen „inwendigen“ Bund mit dem Teufel, „wenn einer suchet / das Heimliche / so ihme Gott allein hat furbehalten“. Grave unterstellt damit allen Richtern, die die Wasserprobe anwenden, zumindest die Eingehung eines impliziten Teufelpaktes, der letztlich schon strafbar ist. Überdies sei die Wasserprobe eine Form der Wahrsagerei, die ebenfalls strafrechtlichen Normen unterliegt. Nicht nur in dieser Schrift wird deutlich, dass der Vorwurf der Hexerei in symbolischer und polemischer Absicht, jedem beliebigen Gegner gemacht werden konnte, völlig unabhängig davon, ob er den Hexenglauben verteidigte oder ablehnte.

Auch aus juristischer Perspektive erweist sich die Wasserprobe für Grave als unzulässiges, fehlbares Mittel, welches nur untüchtige, gewissenlose Richter gebrauchen. Leidenschaftlich und äußerst polemisch wendet sich Grave einerseits gegen Wilhelm Adolph Scribonius andererseits gegen Hermann Goeshausen, der – auch in seiner Tätigkeit als Rechtsgutachter – zwar die Gültigkeit der Wasserprobe in Zweifel zog, den Gerichten dennoch die Anwendung frei stellte.

Neben diesen Einschränkungen durch das Recht und die Religion sucht Grave nach naturwissenschaftlichen Erklärungen, die das Schwimmen der Hexen erklären sollen. Weitgehend sind diese im Rahmen der aristotelischen Physik und der traditionellen galenisch-hippokratischen Krankheitslehre anzusiedeln. Zurückgehend auf Galen wird nicht nur die mit Luft gefüllte Lunge als Hauptursache angesehen, sondern auch die Auswirkungen von Luft, Dünsten und Spiritus vitales in den Nerven und Blutbahnen des Körpers, welche einen Menschen gut acht oder neun Minuten an der Wasseroberfläche halten könnten. Gerade Frauen, da ihr Fleisch zarter und ihre Brüste „als zwo Flaschen oder Blasen“ anzusehen (Hippokrates), neigen zum Schwimmen. Konsequent führt Grave an, dass sobald die Luft aus dem Körper hinausgepresst wird, dieser zwar sinkt, jedoch gleichzeitig physischen Schaden nimmt. Neben vielen anderen naturwissenschaftlichen und übernatürlichen Beispielen ragt der – von Grave durch zeitgenössische Schilderungen offenbar falsch verstandene - Gebrauch von Windhosen hervor, die – angezogen – zum gefahrlosen überqueren des Wassers taugen. Eine exakte Unterscheidung zwischen Wirkungen im Rahmen der praeter naturam (okkult-natürlich) oder supra naturam (magisch) nahm Grave nicht vor.

Das letzte Kapitel, dient nicht nur abermals der Abrechnung mit den Osnabrücker Prozesstreibern, immer wieder lässt Grave sein Verständnis vom Hexereidelikt und ihrer Strafverfolgung durchblicken. Intensiv bedient er sich bei ausgewiesenen Gegnern der Hexenverfolgung wie Witekind, Weyer und Spee. Insgesamt hält er auch die Teufelsbuhlschaft für einen in der Realität unmöglichen Akt, da „ein Geist / vnd ein Leib / derer Natur vnd Eygenschafft gantz vnd gar vngleich sind“. Daher gibt es auch kein Umtaufen der Hexen, keine Tierverwandlung und keine Kinder, die solchen Verbindungen entspringen. Intensiv wendet er sich dazu gegen den Hexenprozess als crimen exceptum und gegen alle Mittel, die den ordentlichen Prozessrahmen verlassen wie etwa verschiedene Formen von Hexenproben.

Werke vor 1800

Gerhard Grave, Abgenötigte Rettung und Erklärung, zweyer zu Rinteln, jüngsthin, gedruckter Send-Brieffe, so mit Arrest sind hieselbst befangen : in welchen wird gehandelt von der Wasser-Prob oder vermeintem Hexenbaden / ... durch Gerhardum Graven.
Rinteln an d. Weser : [P. Lucius].

Schlüsselseiten VD 17: http://vd17.bibliothek.uni-halle.de/pict/2002/3:621789Q/

Literatur

Stuart Clark, Thinking with Demons, The Idea of Witchcraft in Early Modern Europe, Oxford 1997.

J.A.R. Janssen, Ausführliche Nachrichten über die sämmtlichen evangelisch-protestantischen Kirchen und Geistlichen der freyen und Hansestadt Hamburg und ihres Gebiethes, sowie über deren Johanneum, Gymnasium, Bibliothek, und die dabey angestellten Männer, Hamburg 1826.

Claudia Kauertz, Neuwalt, Hermann, in: Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt (Hg.), Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, 1. Juli 2007, [URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/1653/].

Claudia Kauertz, Wissenschaft und Hexenglaube. Die Diskussion des Zauber- und Hexenwesens an der Universität Helmstedt (1576-1626), Bielefeld 2001.

Heinz-Jürgen Stebel, Die Osnabrücker Hexenprozesse, Osnabrück 2003

Gisela Wilbertz, Hexenprozesse und Zauberglaube im Hochstift Osnabrück, in: Osnabrücker Mitteilungen 84. (1978), S. 33-50.

Empfohlene Zitierweise

Moeller, Katrin: Grave, Gerhard. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzpy/

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Erstellt: 11.01.2008

Zuletzt geändert: 27.10.2008

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