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Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium Lippe, Grafschaft (Lemgo)

Regina Fritsch

13.12.99

Bernhard Grabbe (* 1624 in Lemgo, + 1667 ebd. ) wurde im Jahr 1624 als einziger Sohn des Heinrich Grabbe und seiner Ehefrau geboren. Die Handwerkerfamilie war vermutlich schon lange in Lemgo (-> Lemgo, Stadt) wohnhaft. Bernhards Großvater Hermann war 1599 Deche des Schusteramtes und der Vater Heinrich bekleidete in seinem Todesjahr 1638 das Amt des Rentmeisters in der Zunft der Goldschmiede. Um 1628 hatte er ein ansehnliches Bürgerhaus in der Marienbauerschaft, direkt neben dem Wohnhaus der Familie Cothmann, erworben. Hier wuchsen Bernhard und seine ältere Schwester Anna Maria auf.

In dieser Zeit gab es bereits einen Nachbarschaftskonflikt, in dem Heinrich Grabbe seine Nachbarn Cothmann und Dreymann als Diebe bezeichnet hatte, wofür er zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

1628 begann eine zweite Welle der Hexenverfolgungen in Lemgo, welche auch die Familie Grabbe erfaßte. Die Ehefrauen der Brüder Heinrichs, Bernhard und Johann Grabbe, wurden um das Jahr 1630 "beklafft", ebenso wie der Bruder Hans. Catharina Corver, die Frau Bernhards, wurde 1634 hingerichtet. Als eines der seltenen privaten Dokumente eines Betroffenen, die in den Hexenprozeßakten erhalten sind, befindet sich ein Brief ihres Ehemannes in den Akten des Stadtarchivs Lemgo (-> Stadtarchiv Lemgo). Der Brief, der in der damals üblichen Umgangssprache, in Niederdeutsch, verfaßt wurde, belegt die tiefe Verwurzelung des Hexenglaubens, der sich selbst gegen die engsten Familienangehörigen richtete.

Zu dieser Zeit besuchte Bernhard Grabbe die Schule und verließ bald darauf seine Heimatstadt, um zu studieren. Überliefert ist, daß er an der Universität Rostock vier Jahre studierte, wo er möglicherweise auch den um fünf Jahre jüngeren Hermann Cothmann, den Nachbarjungen aus Lemgo, wiedertraf, der dort 1649 sein Studium der Rechte begann.

1651 kehrte Bernhard Grabbe nach Lemgo zurück, wo er 1652 als Lehrer und Kantor in den Schuldienst am Gymnasium eintrat. In der im Stadtarchiv aufbewahrten Schulordnung des Lemgoer Gymnasiums ist sein handschriftlicher Eid auf diese Ordnung enthalten. Um diese Zeit dürfte er die aus einer Herforder Kaufmannsfamilie stammende Lucia Sophia Pöppelmann geheiratet haben. Ihre beiden Schwestern Anna Elisabeth und Adelheid waren mit den Pastoren der Lemgoer Nicolaikirche, Andreas Koch und Johannes Kemper, verheiratet.

Mit dem Jahr 1653 setzte in Lemgo eine neue Welle von Hexenverfolgungen ein, die diesmal auch vor dem Schultor nicht Halt machte. 1654 wurde der Schulmeister Hermann Beschoren hingerichtet, zu dem auch Bernhard Grabbe in einem freundschaftlichen Verhältnis gestanden hatte. Ein Jahr später erwarb Grabbe das Bürgerrecht, zu diesem Zeitpunkt verzeichnet das Bürgerbuch ihn zusammen mit seiner Frau und ihrem Sohn Diederich Bernhard. Es dauerte jedoch noch etwa zehn Jahre, bis die Verfolgungswelle so weit um sich griff, daß eine Anzahl von vermutlich kritischen oder zumindest skeptischen Köpfen von ihr erfaßt wurde, darunter auch Bernhards Schwager Andreas Koch.

Im Oktober 1665 wurde auch Bernhard Grabbe erstmals der Zauberei beschuldigt. Der Verdacht begründete sich vor allem auf seine freundschaftlichen Kontakte zu anderen Verdächtigen und bereits Verurteilten, mit denen er zu Tische gesessen und Branntwein und Bier getrunken habe. Der Stadtsekretär Berner wußte, daß Grabbe mit seinen Lehrerkollegen nicht in gutem Einvernehmen stand, daß er seine Schüler in seinem Haus unterrichtet und ihnen Urlaub gegeben oder sie in seiner Scheune habe spielen lassen. Eine schwere Anschuldigung brachte ein Zeuge vor, der ein Augenleiden auf den Besuch Grabbes an seinem Krankenlager zurückführte (-> Schadenzauber).

Nachdem er von Bekannten gewarnt worden war, hatte Grabbe versucht, seiner Verhaftung durch Flucht zu entgehen. Am Hof des lippischen Grafen Casimir zu Brake bat er vergeblich um Aufnahme, woraufhin er sich zum Wohnsitz des Landdrosten der Grafschaft Lippe, Levin Moritz von Donop, nach Wöbbel begab. Doch dessen Verantwortungsgefühl gegenüber der Justiz oder sogar politische Hintergründe veranlaßten ihn dazu, Grabbe auszuliefern. In Eisen gelegt, wurde Grabbe von gräflichen Soldaten und Detmolder Schützen nach Detmold gebracht, von wo aus er nach Lemgo ausgeliefert wurde.

1666 hatte der Lemgoer Rat Hermann Cothmann zum Direktor des Peinlichen Gerichtes gewählt und ein Jahr später nahm er auf dem Stuhl des Bürgermeisters Platz. Die Härte, mit der Cothmann in dieser Zeit gegen die Beschuldigten vorging, ließ kaum ein mildes Urteil bzw. eine Freilassung erwarten. Beteuerte Grabbe anfangs noch seine Unschuld, so ließ ihn die Folter bald die erdrückenden Zeugenaussagen bestätigen. Anfang Dezember 1666 mußte er sein Todesurteil vernehmen, das aufgrund des Gnadengesuches seiner Ehefrau Lucia Sophia Pöppelmann beim lippischen Grafen zum Tod durch das Schwert abgemildert wurde. Vollstreckt wurde das Urteil am 26. März 1667. Er hinterließ neben seiner Frau fünf kleine Kinder.

Aus einem Prozeß, den die Witwe gegen ihre Nachbarin, die Witwe Dreymann, wegen einer Grenzauseinandersetzung 1683 führte, geht hervor, daß sie nach dem Tod ihres Mannes eine in Fachwerk an das Wohnhaus angebaute Scheune abtragen und das Holz verkaufen ließ, wohl um dadurch ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Darüber hinaus dürfte die Familie die zum Leben notwendigen Einkünfte aus der Bewirtschaftung bzw. Verpachtung von Landbesitz bezogen haben. Über die Lebenswege der fünf Kinder Bernhard Grabbes und Lucia Sophia Pöppelmanns ist mit Ausnahme einer Tochter, Anna Elisabeth, die 1683 den Lemgoer Schuhmacher Henrich Bödeker heiratete und nach dem Tod der Mutter das Elternhaus erbte, nichts bekannt.

Quellen

StadtA Lemgo, A 3641 Hexenprozeß gegen Catharina Corvers, Ehefrau von Bernd Grabbe, A 3668, Hexenprozeß gegen Bernhard Grabbe, A 7417, Streit zwischen Witwe Grabbe und Witwe Dreymann wegen Verletzung der Grundstücksgrenze, Y 101, Lemgoische Schulordnung 1591-1815, Familiengeschichtliche Sammlung Plöger; StA Detmold, L 28 Lemgo, B X Nr. 2, Gnadengesuch der Lucia Sophia Pöppelmann

Literatur

Regina Fritsch: Im Schatten des berühmten Nachbarn. Chronik eines Lemgoer Bürgerhauses. Städtisches Museum Hexenbürgermeisterhaus, Museums-Materialien Nr. 8/1999; Gisela Wilbertz: Quellensammlung Hexenverfolgung in Lemgo. Lemgo 1998, S. 8.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Fritsch, Regina: Grabbe, Bernhard. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzpx/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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