A-G

Gödelmann, Johann Georg

 

Sönke Lorenz und Oliver Scharschmidt

08. September 2010

* 12. Mai 1559 in Tuttlingen, Jurist, Diplomat, † 20. März 1611 in Dresden. Gödelmann forderte, auch für das Delikt der Hexerei die Rechtsvorschriften der Carolina anzuwenden. Kritiker des Hexenglaubens stützten sich in ihren Schriften auf Gödelmann (PND: 104286458).

Kurzbiografie

Als Sohn eines Amtsvogtes besuchte Gödelmann das Gymnasium in Stuttgart. Ab September 1572 studierte er an der Universität Tübingen und erreichte Ende März 1574 den Baccalaureus der Philosophie, im Februar des übernächsten Jahres den Magister Artium. Ab November 1578 war er als Student der Rechtswissenschaft an der Universität Wittenberg eingeschrieben, später in Rostock. Im September 1580 promovierte er in Basel zum Doktor. Drei Jahre später schließlich erhielt er eine außerordentliche Professur in Rostock. An der dortigen Juristenfakultät entstand sein Werk über den Hexenglauben, das „Tractatus de magis“. Die in diesem Werk reflektierten Vorbehalte gegen die Hexenverfolgung sowie die ideelle Trennung von Hexe und Schwarzkünstler besaßen bspw. in der mecklenburgischen Hexenverfolgung des 16. Jahrhundert durchaus auch praktische Relevanz. Dies führte zu einem langem Festhalten am processus ordinarius und zu einer gezielten Verfolgung von magischen Spezialisten (Moeller 2007, S. 88f.). 1587 wechselte Gödelmann in den diplomatischen Dienst über und vertrat zunächst die Interessen der Stadt Riga. 1592 wurde er Hofrat bei dem Kurfürsten von Sachsen. Diese Arbeit führte er bis zu seinem Tode fort.

„Tractatus de magis“

Das „Tractatus de magis“ strukturierte Gödelmann in drei Hauptteile. Die ersten beiden setzen sich mit den Schwarzkünstlern bzw. Zauberern (Buch I) und den Hexen (Buch II) auseinander. Zusammen geben sie Auskunft über Gödelmanns Haltung zum Hexenglauben. Dem dritten Buch sind juristische Fragen bezüglich des Hexenprozesses vorbehalten.

Wesentlich für das Verständnis von Gödelmanns Auffassung des magischen Delikts war eine strikte Unterscheidung von Schwarzkünstlern und Hexen. Unter letzteren verstand Gödelmann – ganz im Sinne Weyers – als vom Teufel verblendete Personen, zumeist ältere Frauen. Diese hätten sich nicht aus Vorsatz und Willen mit dem Teufel eingelassen, sondern wären von ihm verführt worden. Elemente des Hexereideliktes wie der Hexensabbat, die nächtlichen Hexenfahrten und Tierverwandlungen seien bloße, durch Salben bewirkte Trugbilder. Ebenso erklärte Gödelmann die Teufelsbuhlschaft sowie den Wetterzauber als Fantasiegebilde, denen jegliche Entsprechung in der Realität fehlte. Die Reduzierung des Hexereidelikts auf ein Blendwerk des Teufels und die Betrachtung des Hexensabbats als Illusion verringerte auch dessen Relevanz: Das Kollektivverbrechen Hexerei schmolz bei Gödelmann zu einer individuellen Angelegenheit (Lorenz 1981, S. 101). Dabei ist zu berücksichtigen, dass er magische Fähigkeiten nicht leugnete, weil er sie für unmöglich hielt. Vielmehr ordnete er die Zauberei als eigenes Delikt in Unterscheidung zur Hexerei ein. Strafwürdig war in erster Linie der Verstoß gegen den freien Willen. So wären Schwarzkünstler durchaus Willens und in der Lage einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Magische Fähigkeiten erkannte Gödelmann jedoch nur bedingt an. Während er Nachtfahrten durchaus als möglich betrachtete, wendete er sich gegen Auffassungen, die eine Veränderung der menschlichen Natur voraussetzten, wie etwa das Fliegen durch einen zu engen Schornstein oder die Tierverwandlung:

„darumb weil sie das Wesen ihrer Natur nicht endern mögen / oder machen / daß ein Leib durch einen andern / ohn eines / oder beyder Verletzung gehe: Oder daß ein großer Leib dringe durch einen raum / so ihm viel zu gering und ungemeß […].“ (Gödelmann 1592, S. 213, zit. n. Lorenz 1981, S. 73)

Gödelmann band die Hexenprozesse damit eng in das verbindliche Rechtssystem der Reichsstrafprozessordnung 1532 (Carolina) ein. Mit der Forderung, die Hexereidelikte als „processus ordinarius“ zu führen, wendete er sich gegen den im „Malleus Maleficarum“ geforderten Ketzerprozess, der eigenen Regeln unterworfen werden sollte. Da er die Hexen eher als Opfer denn als Täter beschrieb, räumte er ihnen auch die im Kriminalrecht üblichen Verfahrensrechte Verteidigungsmöglichkeiten ein. Die Anschuldigung der Hexerei forderte stets mehrere unparteiische Zeugen. Der Beklagte müsse zudem seine eigenen Verteidigungsmöglichkeiten haben und etwa die Zeugen des Klägers selbst befragen können. Des weiteren wäre der Kläger verpflichtet nachzuweisen, dass er bei Freilassung des Angeklagten nicht nur Schadenersatz, sondern auch dessen „Schmach“ aufgrund falscher Verdächtigung ersetzen kann. Des weiteren mache sich der Richter durch eine vorschnelle Inhaftierung selbst strafbar.

Nach Gödelmanns Aufassung kamen Zauberei und Schadenszauber (maleficium) als Delikt nur für Schwarzkünstler infrage und sollten mit dem Tod bestraft werden. Bekannte eine als Hexe Beschuldigte dennoch Verbrechen mithilfe von Magie begangen zu haben, so konnte sie nach Gödelmann allerhöchstens belehrt und bekehrt, nicht aber bestraft werden. Hätten sich Hexen bekannt, einen Bund mit dem Teufel eingegangen zu sein, ohne Schaden verursacht zu haben, war die poena arbitraria als Strafe anzuwenden. Zu dieser Strafe zählten Pranger- und Körperstrafen, Geldzahlungen oder der Landesverweis, nicht aber der Tod (Rowlands 2006, S. 448).

Während des Prozesses zählte ein Geständnis als der höchste Beweis. Wurde es nach der Folter abgelegt, musste es gemäß des „processus ordinarius“ vor dem Gericht bestätigt werden, um wirksam werden zu können. Widerrief man mehrmals nach der Folter, wäre man freizulassen. Die Folter war nach Gödelmann ebenso nur auf Grundlage der in der Carolina angeführten Indizien anwendbar. Die weiterführenden Indizien des Hexenhammers, wie etwa die Wasserprobe oder die Besagung, wurden verworfen. Gleichzeitig ließ er die Besagung als Indiz für das Delikt der Zauberei gelten, wenn er es auch an die Auflage knüpfte, dass die beschuldigte Person bereits einen einschlägigen Leumund besitzen mussten (Lorenz 1981, S. 91f.). Im Falle der Zauberei konnte auf Grundlage zweier Indizien die Folter angesetzt werden.

Gödelmann legte in seiner Schrift höchsten Wert auf das Beweisverfahren. Einzig der formal richtige Ablauf eines Prozesses könne nach seiner Auslegung der Gerechtigkeit nahe kommen. Da den Hexen jegliche magische Fähigkeit aberkannt wurde, müssten sie der normalen Prozessordnung, wie sie in der Carolina festgelegt war, unterstellt werden. Über die naheliegende Frage, welche Art von Prozess für die Schwarzkünstler zuständig gewesen wäre, schwieg sich Gödelmann aus. Den Glaubensabfall, der in der kursächsischen Konstitution die Höchststrafe verdiente, wollte Gödelmann allerdings nicht mit dem Tode bestrafen, aber auch nicht ungestraft lassen. Hier setzte er die poena arbitraria an. Der processus ordinarius einerseits und die Entkollektivierung des Hexenglaubens andererseits erschwerten in großem Maße die Gefahr von Maßendenunziationen (Besagungen). Die Schrift Gödelmanns richtete sich in erster Linie auf rechtliche Fragen und ließ eine Kritik dämonologischer Prinzipien außen vor (Vgl. Clark 1992, S. 16f.)

Das „Tractatus de Magis“ wurde im 17. Jahrhundert mehrmals neu aufgelegt. In seiner rechtstheoretischen Dimension, kann das Buch als Vorläufer späterer Kritiken von Hexentheoretikern wie Friedrich von Spee oder Johann Matthäus Meyfart angesehen werden. (Vgl. Rowlands 2006, S. 449) Die weite Verbreitung seiner Schrift lässt sich daran ermessen, dass sowohl Protestanten als auch Katholiken das „Tractatus“ zitierten. Seine Unterscheidung von Schwarzkünstlern und Hexen wurde von Lutheranern zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufgegriffen, so etwa von Theodor Thumm (Clark 1997,S. 519).

Ausgaben vor 1800

Tractatus de magis, veneficis et lamiis, deque his recte cognoscendis et puniendis, Francoforti 1591. [Digitale Ausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek] urn:nbn:de:bvb:12-bsb00019258-2 [VD16 G 2486].

Ausgaben von 1601 [Schlüsselseiten im VD 17] [VD17 1:014860L; 1:014865Y, 1:014869D, 1:014877V].

Ausgaben von 1676 [Schlüsselseiten im VD 17] [VD17 1:062951Z; 1:062952G; 1:062957V; 1:062958C]

Deutsche Übersetzung: Johann Georg Gödelmann, Von Zäuberern Hexen und Unholden, warhafftiger und wolgegründter Bericht Herrn Georgii Gödelmanni ..., wie dieselbigen zuerkennen und zu straffen, Francoforti 1592 [Digitale Ausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek] urn:nbn:de:bvb:12-bsb10152980-3 [VD16 G 2488].

Ausgabe von 1606 [Schlüsselseiten im VD 16] [VD17 1:001282Q].

Biografische Handbücher

Theodor Distel, Godelmann, Johann Georg, in: Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften (Hg.), Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 9, Leipzig 1879, S. 316f.

Johann Gottlob Wilhelm Dunkel, Johann Gottlob Wilhelm Dunkels ... Historisch-kritische Nachrichten von verstorbenen Gelehrten und deren Schriften: insonderheit aber denenienigen, welche in der allerneuesten Ausgabe des Jöcherischen Allgemeinen Gelehrten-Lexicons entweder gänzlich mit Stillschweigen übergangen, oder doch mangelhaft und unrichtig angeführet werden, 3 Bde., Köthen u.a. 1753-1760.

Johann Samuel Ersch / Johann Gottfried Gruber (Hg.), Godelmann, Johann Georg, in: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste. T. 71, S. 419.

Christian Gottlieb Jöcher (Hg.), Allgemeines Gelehrten-Lexicon: darinne die Gelehrten aller Stände ... vom Anfange der Welt bis auf ietzige Zeit ... Nach ihrer Geburt, Leben, ... Schrifften aus den glaubwürdigsten Scribenten in alphabetischer Ordnung beschrieben werden, 4 Bde., Leipzig 1750-1751.

Walther Killy / Rudolf Vierhaus, Deutsche Biographische Enzyklopädie, 10 Bde., München u.a. 1995-1999.

Johann Bernhard Krey, Andenken an die Rostockschen Gelehrten aus den drei letzten Jahrhunderten, 8 Bde., neue Ausgabe, Rostock 1813-1816.

Friedrich Merzbacher, Godelmann, Johann Georg von, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 6, Berlin 1964, S. 497f.

Johann Friedrich von Recke; Karl Eduard Napiersky, Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Estland und Kurland, 4 Bde., Mitau 1827-1832.

Johann Heinrich Stepf, Gallerie aller juridischen Autoren von der ältesten bis auf die jetzige Zeit, 4 Bde., Leipzig 1820-1825.

Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 11, Halle 1732-1754, S. 46f.

Forschungsliteratur

Stuart Clark, Glaube und Skepsis in der deutschen Hexenliteratur von Johann Weyer bis Friedrich von Spee, in: Hartmut Lehmann/Otto Ulbricht, Vom Unfug des Hexen-Processes. Gegner der Hexenverfolgung von Johann Weyer bis Friedrich Spee, Wiesbaden 1992, S. 15-33.

Ders., Thinking with Demons. The Idea of Witchcraft in Early Modern Europe, Oxford 1997.

Sönke Lorenz, Johann Georg Godelmann – ein Gegner des Hexenwahns?, in: Roderich Schmidt (Hg.), Beiträge zur mecklenburgischen und pommerschen Geschichte, Marburg u.a. 1981, S. 61-105.

Katrin Moeller, Das Willkür über Recht ginge. Hexenverfolgung in Mecklenburg im 16. und 17. Jahrhundert, Bielefeld 2007.

Alison Rowlands, Goedelmann, Johann Georg (1559-1611), in: Richard M. Golden (Hg.), Ecyclopedia of Witchcraft, The Western Tradition, Volume 2, E-J, Santa Barbara u.a. 2006, S. 448-449.

Empfohlene Zitierweise

Scharschmidt, Oliver/Lorenz, Sönke: Gödelmann, Johann Georg. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzpu/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 27.09.2010

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