A-G

Susanne Kleinöder-Strobel

Verfolgung von Zauberei und Hexerei in den fränkischen Markgraftümern im 16. Jahrhundert

 

Vorbemerkungen

Das Gebiet zerfällt in das Gebiet "oberhalb des Gebirgs" (= Oberland) mit den Hauptstädten Kulmbach (bis 1603) und Bayreuth und das Gebiet "unterhalb des Gebirgs" (= Unterland) mit der Hauptstadt Ansbach. Es erstreckt sich damit von Crailsheim im Westen bis nach Hof/Rehau im Osten, von Kitzingen im Norden bis nach Hohentrüdingen im Süden.

Am 11.3.1528 ordnete Markgraf Georg der Fromme, der 1527-1541 beide Gebiete in Personalunion regierte, die Einführung der Reformation an und sorgte für ihre Durchsetzung. Seine Regierungszeit markiert Fortgang und Ende der Reformation und mit der Brandenburg-Ansbachischen Kirchenordnung von 1533 den Anfang der Konfessionalisierung, die sich bis ins nächste Jahrhundert hinzog. Eine besondere Bedeutung kam dem Markgrafen Georg Friedrich zu, der ebenfalls von 1557-1603 beide Gebiete in Personalunion regierte. Er führte grundlegende Reformen auf dem Gebiet der Verwaltung, der Staatswirtschaft und der Rechtspflege durch, sein besonderes Augenmerk galt aber auch der Neuordnung des Kirchenwesens. Die Markgrafen von Ansbach und Kulmbach/Bayreuth verstanden sich als Obrigkeit in Anlehnung an Luthers Zwei-Reiche-Lehre und der damit verbundenen Unterscheidung zwischen geistlichem Arm und weltlicher Obrigkeit. Beide erledigen ihre Aufgabe, weil sie ihnen von Gott her befohlen ist, sie haben eine gemeinsame Grundausrichtung: Erhaltung der göttlichen Ordnung! Sie haben aber unterschiedliche Aufgaben und nur der weltlichen Gewalt obliegt es, das "weltlich schwert" zu führen.

Aus dem historischen Abstand heraus muss jedoch festgehalten werden, dass sich die Markgrafen im Verlaufe des 16. Jahrhunderts deutlich mehr Kompetenzen aneigneten, als dies in Luthers Vorstellungen gegeben war. Somit sind sie ein typisches Beispiel für die Einebnung von Luthers Zwei-Reiche-Lehre in das "System" des landesherrlichen Kirchenregiments. Wie sich dies in Bezug auf die Verfolgung von Zauberei und Hexerei auswirkte, wird im Folgenden kurz dargestellt, getrennt nach dem Vorgehen der weltlichen Obrigkeit einerseits und dem der kirchlichen Leitung andererseits.

I. Verfolgung von Zauberei und Hexerei durch die weltliche Obrigkeit

 

Statistisches Material:

Von 1505 bis 1604 belegen die Quellen, dass gegen 111 Personen ein Zauberei- oder Hexereiprozess angestrengt worden ist. Dabei gab es 32 einzelne Hexenprozesse und ab 1550 neun kleinere Verfolgungen mit bis zu drei Inquisitinnen. Mittlere Verfolgungen (bis zu 10 Inquisitinnen) gab es 1505 in Schwabach, 1582 in Heilsbronn, 1587 in Kulmbach, 1591 in Heidenheim, 1592 in Cadolzburg, 1591 in Schwabach und 1594 und 1595 in Crailsheim. Dabei kristallisiert sich bereits ein Höhepunkt um 1590 heraus, der in der großen Verfolgung (über 10 Inquisitinnen) von Heilsbronn/Langenzenn 1591 gipfelte.

Insgesamt wurde bei 42 Personen ein Todesurteil gefällt, bei 20 ein Freispruch erwirkt, 13 Personen erhielten ein anderes Urteil (Prangerstehen, Landesverweisung, Arrest, Rutenschläge et cetera). Bei 37 Fällen bleibt der Prozessausgang unbekannt. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der prozentuale Anteil der Todesurteile zunimmt mit der Größe der Verfolgung.

Von den Todesurteilen betrafen 37 Frauen, bei fünf Hinrichtungen ist das Geschlecht des Opfers nicht bekannt, eine wurde nachweisbar an einem Mann vollzogen. Hingegen fallen immerhin 2 der Freisprüche und zwei mildere Urteile auf Männer.

Zusammenfassende Bemerkungen zur Verfolgung durch die weltliche Obrigkeit:

(1.) In der Verfolgung von Zauberei und Hexerei durch die weltliche Obrigkeit im 16. Jahrhundert sind Phasen unterschiedlicher Intensität erkennbar. Auffällig ist eine Zuspitzung um 1590.

(2.) Charakteristisch für die markgräflichen Prozesse ist das Zusammenspiel verschiedener Ebenen: Der Ansbacher Hof, lokale Behörden, aber auch die Nachrichter konnten den Verlauf eines Prozesses beeinflussen.

(3.) Aufgrund des Zusammenwirkens verschiedenster Ebenen, wodurch es mehrere Gelenkpunkte gab, die einen Prozess forcieren, aber auch bremsen konnten, und aufgrund der insgesamt als reaktiv zu bewertenden Haltung des Ansbacher Hofes zählen die Markgraftümer nicht zu den verfolgungsstärksten Territorien. Hexenprozess-Serien wie in Bamberg oder Würzburg fanden nach den erhaltenen Quellen nicht statt.

(4.) Vor allem in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts ist ein Abweichen der weltlichen Obrigkeit von den Vorgaben der Carolina und damit auch der eigenen peinlichen Halsgerichtsordnung zu konstatieren: Nicht mehr der Schadenzauber, sondern der transzendentalisierte Aspekt des Teufelsbundes stand im Mittelpunkt der Anklage wie der Verurteilung.

(5.) Die Unterscheidung der Aufgabenverteilung zwischen kirchlicher Leitung auf der einen und weltlicher Macht auf der anderen Seite wurde von beiden Seiten respektiert bzw. eingefordert.

(6.) Die Aufgabe der protestantischen Geistlichkeit im konkreten Hexenprozess lag in der Zeugenschaft von Pfarrern und der Vorbereitung der Angeklagten auf den "endlichen Rechtstag", seltener aber in der Teilnahme an Verhören. Sie hatten im Normalfall keine aktive, einen Prozess fördernde Funktion, wohl aber eine passiv-unterstützende und damit auch bestätigende Rolle. Trotz aller Aufgabenunterscheidung fand demnach auf dieser Ebene eine Kooperation zwischen kirchlicher Leitung und weltlicher Obrigkeit statt.

(7.) Mit 82,45 % aller Angeklagten stellen Frauen den weitaus größten Anteil der wegen Zauberei und Hexerei in den Markgraftümern Verfolgten dar.

(8.) Die Quellen spiegeln einen Wandel des den jeweiligen Prozessen zugrunde liegenden Frauenbildes: Von der weisen Frau über die schadenstiftende Zauberin bis hin zur Teufelshure.

II. Verfolgung von Zauberei und Zaubereigebrauch durch die kirchliche Leitung

Das Vorgehen gegen Zauberei seitens der kirchlichen Leitung betrifft den Bereich der Kirchenzucht. Auf gemeindlicher Ebene erfolgt der Kampf der Pfarrer gegen Zauberei und Hexerei in der Predigt und im Katechismusunterricht. Hier konnten Verstöße aufgezeigt und angeprangert werden, welche die Allgemeinheit der Kirchengemeinde betrafen, seltener die Einzelperson. Visitationen boten hingegen die Möglichkeit, auf der Ebene der Superintendentur Fehlverhalten aufzudecken und zu ahnden. Eine Durchsicht der erhaltenen Visitationsprotokolle aus den Markgraftümern Ansbach und Kulmbach/Bayreuth von 1558-1600 ergab über 48 Einträge Zauberei betreffend, angefangen von Wetterzauberei, Wahrsagerei über Segnerei, Liebeszauber / Männlichkeitsdiebinnen, Schatzgräberei, Milchzauber, Heilzauber, Zauberei um Diebstahl auf die Spur zu kommen, Schadenzauberei bis hin zum Wetterläuten.

Zusammenfassende Bemerkungen zur Verfolgung von Zauberei und Zaubereigebrauch durch die kirchliche Leitung:

(1.) Entsprechend der Unterscheidung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt und daraus folgenden unterschiedlichen Aufgabenbereichen versucht die Kirche gegen Zauberei vorzugehen. Die Verfolgung von Hexerei überlässt sie der Hochgerichtsbarkeit des Staates.

(2.) Die Verfolgung von Zauberei erfolgt im Rahmen "kirchlicher Sündenzucht". Auf gemeindlicher Ebene wird Wert gelegt auf (prophylaktische) Warnung vor Zauberei in Predigt und Unterricht. Die Überwachung des "rechtgläubigen" Lebenswandels der Gläubigen in Übereinstimmung mit Predigt und Unterricht geschieht zunächst durch den Ortspfarrer, vor allem aber durch die regelmäßigen Visitationen der Gemeinden auf der Ebene der Superintendentur.

(3.) Im Gegensatz zu den Hexenprozessen der weltlichen Gewalt spielt der Schadenzauber in den Visitationsaufzeichnungen eine nur marginale Rolle, die Vorstellungen von Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug und Hexensabbat tauchen nicht auf.

(4.) Im Zentrum des Interesses der kirchlichen Kontrolle steht zum einen das Treiben von Zauberei, wobei es sich bei der überwiegenden Zahl der in den Visitationsprotokollen gefundenen Einträge um nichtschädigende Zauberei handelt. Zum anderen wird aber auch schon Zaubereigebrauch moniert und geahndet. Im Rahmen der Visitation hatte sich also der strenge Aberglaubensbegriff Luthers und der Kirchenordnung von 1533 beziehungsweise der Katechismuspredigten durchgesetzt.

(5.) Auf der Grundlage der Kirchenordnung von 1533 lag der kirchlichen Seite im Zuge der Konfessionalisierung daran, im Gegensatz zu den "Irrthümern des Papstthums" ein protestantisches Profil zu entwickeln und von den Gläubigen einzufordern.

(6.) Die Ahndung der Zauberei- und Zaubereigebrauchsdelikte erfolgte durch notfalls mehrmalige Ermahnung und Anhalten zur Buße.

(7.) Zur Zusammenarbeit mit der weltlichen Gewalt kam es dann, wenn mehrmalige "Sündenzucht" auf kirchlicher Ebene offensichtlich erfolglos geblieben war.

Schlussbemerkung

Die weltliche Obrigkeit wie auch kirchliche Leitung berücksichtigende Untersuchung der Verfolgung von Zauberei / Zaubereigebrauch und Hexerei in den fränkischen Markgraftümern hat gezeigt, dass zwischen beiden eine enge Kooperation gepflegt wurde. Auf der Grundlage eines gemeinsamen christlichen Weltbildes unterstützten sich beide trotz der Unterscheidung der Aufgaben gegenseitig in der Erfüllung der jeweiligen Pflicht: Ein Lebenswandel, der nicht der christlichen "Norm" entspricht, darf in der Gemeinschaft nicht geduldet werden.

Literatur

Traudl Kleefeld, Hans Gräser und Gernot Stepper: Hexenverfolgung im Markgraftum Brandenburg-Ansbach und in der Herrschaft Sugenheim mit Quellen aus der Amtsstadt Crailsheim, Ansbach 2001.

Susanne Kleinöder-Strobel: Die Verfolgung von Zauberei und Hexerei in den fränkischen Markgraftümern im 16. Jahrhundert, Tübingen 2002 (=SuR Neue Reihe, Bd. 20).

Martin Gernot Meier: Systembruch und Neuordnung. Reformation und Konfessionsbildung in den Markgraftümern Brandenburg Ansbach-Kulmbach 1520-1594. Religionspolitik, Kirche, Gesellschaft, Frankfurt/Main 1999.

 

Empfohlene Zitierweise

Kleinöder-Strobel, Susanne: Fränkische Markgraftümer - Hexenverfolgung. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzph/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006

Index A-G


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail