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Hexenverfolgungen Flandern, Grafschaft

Rik Opsommer und Jos Monballyu

15.03.02

In der Grafschaft Flandern in den südlichen Niederlanden fanden zwischen 1350 und 1700 mindestens 615 Zauberei- und Hexenprozesse statt. 285 der Prozesse können als echte Hexenprozesse eingestuft werden. Die flämischen Hexenverfolgungen fanden zwischen 1595 und 1620 ihren Höhepunkt. Mit insgesamt 181 Hinrichtungen gilt Flandern im europäischen Kontext als ein dauerhaftes, aber moderates Verfolgungsgebiet.

1. Das Territorium und die Gerichtsorganisation im Zeitraum der Hexenverfolgungen

Die Grafschaft Flandern (im frühen 17. Jahrhundert etwa 7000 km² und 600.000 bis 700.000 Einwohner) bestand aus mehreren Städten und Kastellaneien. Sie war bis 1526 größtenteils französisches Lehen, bildete seit 1548 mit den anderen Territorien der Niederlande den Burgundischen Kreis und gehörte damit seit 1555 der Spanischen Krone.

Die spanischen Könige waren in den Niederlanden durch einen Landvogt vertreten. Unter den Erzherzögen Albrecht und Isabella (eine Tochter Philipps II.) genossen die Niederlande kurzfristig einen Sonderstatus. Der niederländische Aufstand gegen Spanien (1568) und der nachfolgende achtzigjährige Krieg führten zur endgültigen Spaltung der Niederlande. Das von den Aufständischen besetzte seeländische Flandern fiel 1648 endgültig der protestantischen nördlichen Republik zu. Die südlichen Niederlande, also auch der größte Teil Flanderns, blieben dagegen katholisch-habsburgisch. Nach 1659 verlor die Grafschaft Flandern die französischsprachigen Kastellaneien Lille, Douai und Orchies an Frankreich.

Die flandrischen Städte besaßen relativ hohe Verwaltungs- und Gerichtsautonomie. Jede Stadt hatte ein aus Laien zusammengesetztes Schöffengericht, das in Kriminalsachen fast souverän handelte und auch Höchststrafen aussprechen konnte. In den vielen Herrschaften auf dem Lande hatten die lokalen Schöffengerichte oder Lehnshöfe manchmal eine ebenso große strafrechtliche Befugnis. In den nicht einer bestimmten lokalen Herrschaft unterstellten Gebieten wurden Angeklagte durch die Kastellaneischöffen oder von den Kastellaneilehnshöfen abgeurteilt. An der Spitze der Gerichtsbarkeit stand der Provinzialjustizrat, Rat von Flandern genannt, der alle "cas reservez" und alle unverfolgt gebliebenen Missetäter bestrafen konnte. Wie in mehreren anderen europäischen Regionen war auch in Flandern die Appellation in Kriminalsachen nicht gestattet. Der Rat von Flandern konnte jedoch, wie das Reichskammergericht, Nichtigkeitsklagen wegen Verfahrensfehlern behandeln. Wie in anderen europäischen Regionen wurden auch in Flandern die eigentlichen Hexenprozesse generell von den weltlichen Gerichtshöfen behandelt.

2. Die Hexenverfolgungen in Flandern

Bis zum 15. Jahrhundert wurden verschiedene Arten von Zauberei wie Wahrsagerei, Liebesmagie und schädliche Zauberei nur in Ausahmenfällen verfolgt und mit Bußgeldern oder eine Ehrenstrafen geahndet. So wurde 1470 Mathijs de Wint in Gent an den Pranger gestellt, weil er Gott verleugnet und seine Seele "dem Teufel geschenkt" hatte. Bereits 1468 waren vier Frauen (drei in Brügge, eine in Diksmuide) verbrannt worden, die mit unnatürlichen Mitteln Leute vergiftet haben sollten.

Die ersten frühneuzeitlichen Verfolgungen begannen in Flandern um 1530 und dauerten bis etwa 1560. 1530 wurde Jan Coune in Gent wegen versuchten Teufelspakts für 50 Jahre aus Flandern verbannt. 1532 wurden Gheleyn Wouters und Ampleune Coopman, denen man einen Vertrag mit "dem Feind der Hölle" vorgeworfen hatte, in Brügge hingerichtet. 1538 folgten die Hinrichtungen von Martin Bogaerd (Oudenburg in der Nähe von Ostende), Antonine van Masseme (Eeklo) und Katheline Duerincx (Sint-Niklaas). 1554 wurde Ollivier van Tyssenacke in Oudenaarde verbrannt.

Nach diesen ersten vereinzelten Prozessen folgte 1560-1590 eine relativ ruhige Periode, da die Kriminalgerichte sich während des Aufstandes überwiegend mit Religionsdelikten beschäftigten. Zwischen 1595 und 1620 erreichten die Prozesse dann ihren Höhepunkt. Nicht die von Philipp II. veranlasste Ordonanz bezüglich Zauberei und Hexerei von 1592, sondern die dämonologische Literatur (unter anderen Damhouder) war der Anlass für die flämische Hexenprozesswelle. Danach gab es noch mehrere Verfahren um 1635 und 1660. Martha van Wetteren war 1684 in Sinaai das letzte Todesopfer der flämischen Hexenjagd. Nach 1692 gab es offenbar keine Verfahren gegen Hexen mehr.

Insgesamt sind bisher 615 Zauber- und Hexenprozesse (1350-1700) belegt. Es wurden 425 (69%) Frauen und 190 (31%) Männer verfolgt. Es gab 196 Verbrennungen, 102 Verbannungen, und 78 Freisprüche oder Entlassungen auf Kaution. 23 Angeklagte überlebten ihren Prozess nicht.

285 Prozesse können mit Sicherheit als Hexenprozesse (bei denen der Teufel als zentrale Gestalt auftritt) eingestuft werden. Es wurden 209 (73%) Frauen und 76 (27%) Männer verfolgt. Es gab insgesamt 181 Verbrennungen (64%), 28 Verbannungen (10%), und 24 Freisprüche (8%) oder Entlassungen auf Kaution. 15 Angeklagte (5%) überlebten ihren Prozess gar nicht. Sie starben im Gefängnis, meistens an den Folgen der Folter. Die übrigen Schicksale kennen wir nicht. Flandern weist zwar keine größere Anzahl an Verfolgungen auf, gilt aber nicht als ein unwichtiges Verfolgungsgebiet ("area of sustained moderate persecution or significant local crises", so Briggs).

Wie überall in Europa wurden bei den eigentlichen Hexenprozessen meistens Frauen verfolgt; in Flandern waren mindestens 98 (47%) der 209 verfolgten Frauen verheiratet und 36 (17%) verwitwet. Ihr Alter wird meist nicht erwähnt. 74 (35%) der Frauen waren älter als 50 Jahre, 15 (7%) jünger. Von nur 9 (4%) Frauen wissen wir, dass sie als Hebammen oder magische Heilerinnen tätig waren.

An keinem Ort fanden zur gleichen Zeit mehr als vier Hexenprozesse statt. Die meisten Hexenprozesse gab es im Südwesten der Grafschaft: in den Kastellaneien Veurne, Cassel, Bourbourg, Bergues, und die Städte Nieuwpoort und Dünkirchen. Diese Gebiete waren am weitesten entfernt vom Provinzialjustizrat in Gent und von den königlichen Zentralbehörden der südlichen Niederlande in Brüssel. In diesen Regionen wehrte sich die Lokaljustiz am stärksten gegen die Kontrolle durch Zentralbehörden.

3. Der Hexenprozess in Flandern

In Hexenprozessen folgte man dem normalen flämischen Strafrechtsverfahren. Es galten nur Sonderregeln für die peinliche Befragung. Im Gegensatz zu den normalen Strafsachen war die Tortur auch dann erlaubt, wenn es nur Indizien gab. Solche Indizien konnte man zum Beispiel mittels der Nadelprobe erhalten. Weitere Folterungen brachten die Verdächtigen so weit, dass sie mehrere Hexereiverbrechen gestanden, so etwa den Teufelspakt, Kopulation mit dem Teufel, Teufelszeichen, Teilnahme an einem Hexensabbat und Schadenzauber. Auf diese Verbrechen stand die Todesstrafe auf dem Scheiterhaufen. Als Gnadenakt wurden einige Todeskandidaten zuvor erwürgt. Nach der Verbrennung wurde der Leichnam meist einige Zeit ausgestellt und dann auf dem Galgenfeld oder in ungeweihtem Grund verscharrt. Die Güter des Hingerichten wurden oft konfisziert.

Literatur

Jos Monballyu: Van hekserij beschuldigd. Heksenprocessen in Vlaanderen tijdens de 16de en 17de eeuw, Kortrijk-Heule, 1996.

Jos Monballyu: Die Hexenprozesse in der Grafschaft Flandern 1495-1692. Chronologie, Soziographie, Geographie und Verfahren, in: Herbert Eiden, Gunter Franz, Franz Irsigler, Rita Voltmer (Hg.), Hexenprozesse und Gerichtspraxis, (Trierer Hexenprozesse. Quellen und Darstellungen 7), Trier, 2002 (im Druck).

Fernand Vanhemelryck: Het gevecht met de duivel. Heksen in Vlaanderen. Löwen, 1999.

Robin Briggs, Witches and neighbors. The social and cultural context of European witchcraft, New York, 1996.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Damhouder, Joos de von Jos Monballyu

Niederlande - Werwolfprozesse in den südlichen und nördlichen Niederlanden im 16. und 17. Jahrhundert von Dries Vanysacker

 

Empfohlene Zitierweise

Monballyu, Jos/Opsommer, Rik: Flandern - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzqt/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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