A-G

Hexenverfolgungen Esslingen (Reichsstadt)

Günter Jerouschek

31.03.00

Die 'Stauferstadt' Esslingen hatte sich nach dem Zerfall der staufischen Königs- und Herzogsmacht in Schwaben gegen den Zugriff der Württembergischen Grafen als nachmalige Reichsstadt behaupten können. Im Mittelalter bildete sie das kulturelle und ökonomische Zentrum Innerschwabens. Mit ca. 6000 Einwohnern zählte sie zu den mittelgroßen Reichsstädten. Erst im Spätmittelalter gelang es Stuttgart als Residenzstadt der Württembergischen Grafen und Herzöge, aus ihrem Schatten herauszutreten und sie zu überflügeln. Die Reichsstadt bildete eine Enklave im Herzogtum Württemberg. Vor allem auf den Fildern verfügte sie über ein kleineres, unzusammenhängendes Territorium, das geographisch allerdings von der Stadt getrennt und nur über württembergisches Territorium erreichbar war. Der Gegensatz zu Württemberg blieb für die politischen Geschicke der Reichsstadt bestimmend, angesichts der seit Mitte des 16. Jahrhunderts desolaten ökonomischen Lage wurde freilich sogar erwogen, sich dem Erbfeind aufzulassen.

Das politische Führungsgremium der Reichsstadt war der Rat. Der Einfluß, den sich die Zünfte im Rahmen der Ratsverfassung erkämpft hatten, wurde durch Kaiser Karl V. 1552 zugunsten des patrizischen Elements beseitigt. Die auf Betreiben des Kaisers vorgenommene Verfassungsreformation führte zum sogenannten 'Hasenrat', benannt nach dem kaiserlichen Emissär Dr. Heinrich Haas von Lauffen. Die Machtbefugnisse im großen und kleinen Rat konzentrierten sich im 'Geheimen Rat', dessen fünf Mitglieder in der Führungshierarchie der Reichsstadt das eigentliche Machtzentrum bildeten.

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wandte sich die Reichsstadt der Reformation zu, wobei zwinglianische und calvinische Anleihen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beseitigt wurden. Die Reichsstadt verblieb sodann bei der lutherischen Orthodoxie.

Wie in anderen Reichsstädten auch, gelangte in Esslingen die Gerichtsbarkeit durch die Heimholung des u.a. an Württemberg verpfändeten Reichsschultheißenamtes 1360 und des Reichsvogtamtes 1403 unter die Hoheit des Rats. U.a. für peinliche Sachen zuständig war das sogenannte Einungergericht unter dem Vorsitz des Stadtammanns. Soweit ersichtlich, lag es im Ermessen des Gerichts, ob es Strafprozesse inquisitorisch oder akkusatorisch zu führen gedachte. Eine unabhängige Stellung kam dem Gericht nicht zu, die Gerichtshoheit lag beim Rat, der auch über die personelle Besetzung des Gerichts verfügte. Wesentliche Verfahrensakte, etwa die Verhängung der Tortur oder den Urteilsspruch, behielt sich der Rat selbst vor, und er konnte auch jederzeit aus Opportunitätsgründen in Verfahren eingreifen. Bemerkenswert ist hier die Einsetzung eines regelrechten 'Sondergerichts' für Hexensachen im Zuge der großen Verfolgungswelle von 1662 bis 1665. Hier betraute der Rat den Ratsadvokaten Daniel Hauff mit dem Vorsitz und entsandte Deputierte aus der Mitte des Rats in das Gremium.

Eine Besonderheit im Rahmen der Gerichtsverfassung bildete das Institut der sogenannten Ratsuche. Zunächst nur in Zweifelsfällen, später generell, wurden vor einschneidenden Prozeßstationen wie Inhaftierung, Folter oder Endurteil Rechtsfakultäten um Rat angegangen, wie das Verfahren fortzuführen sei. Die Zwischen- und Endurteile der Fakultäten, die Esslingen von den Universitäten Tübingen, Straßburg und ausnahmsweise auch Altdorf bezog, bildeten dabei, anders als die Bezeichnung Rat, lat. consilium, nahelegt, nicht lediglich unverbindliche Empfehlungen, sondern stellten verbindliche Prozeßweisungen dar, deren Einhaltung freilich nicht durchsetzbar war. Die Reichsstadt machte auch nicht selten davon Gebrauch, im Falle eines unliebsamen Fakultätsspruchs bei einer weiteren Fakultät anzufragen, um einen genehmen Spruch zu erlangen. Auch dieser Umstand kennzeichnet das Ausmaß an Verbindlichkeit, wenn der Rat ohne einen seine Entscheidung tragenden Spruch einer Rechtsfakultät kein Urteil fällen mochte.

Für die politische und ökonomische Entwicklung der Reichsstadt bildete die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts eine stadtgeschichtliche Zäsur. Ökonomisch ist eine Stagnation zu verzeichnen, die sich in einer geschlossenen Stadtwirtschaft verfestigte und zu einer anhaltenden Überschuldung führte. Die politische Isolierung trug zu einem psychologisch beklommenen Klima bei, das sich durch eine reformatorische Atmosphäre von Nervosität, Angst und Sinnenfeindlichkeit auszeichnete.

Die Hexenverfolgung in der Reichsstadt Esslingen fügt sich, was den Beginn und das Ende anlangt, vollauf in den südwestdeutschen Kontext ein. Dabei machen sich bis 1562 keine besonderen Verfolgungsaktivitäten bemerkbar.

Ein erster Prozeß datiert von 1543. Hier wurde eine langjährig im Verdacht der Zauberei stehende Frau der wiederholten Folter unterzogen, ohne aber zu gestehen. Im Jahr darauf bahnte sich ein erneutes Zaubereiverfahren gegen einen vagierenden Soldaten an, doch kam dieser durch einen Selbstmord dem anstehenden Prozeß zuvor. Zu Anfang der 50er Jahre des 16. Jahrhunderts verlor ein Ehepaar, das mit Hilfe einer Kräuter-Heilkundigen eine Nachbarin wegen Hexerei beklagt hatte, den Prozeß. Als die Kräuterfrau von ihren Anschuldigungen nicht abstand, wurde sie gefoltert und wegen falscher Anschuldigung mit Abschneiden der Zunge bestraft. Europaweites Aufsehen erregte der Prozeß gegen die Ulmerin, die sogenannte 'Geschwollene Jungfrau von Esslingen'. Diese war von ihrer Mutter mit einem aus Lumpen bestehenden überdimensionalen Bauch ausgestattet worden. Das vermeintlich medizinische Wunder wurde von Besuchern aus ganz Europa, darunter höchste Fürsten, bestaunt. Als der Schwindel aufflog, mutierte das daraufhin angestrengte Verfahren zum Hexenprozeß. Die Mutter wurde als Hexe zum Verbrennungstod verurteilt, die Geschwollene Jungfrau zu Pranger und ewigem Gefängnis, nachdem ihr die Stadtzeichen in die Wangen gebrannt worden waren. Dem Vater und dem Gesinde der Familie konnte eine Mitwisserschaft nicht nachgewiesen werden, weshalb sie gegen Beschwörung einer Urfehde freigelassen wurden.

Die erste Verfolgungswelle datiert von 1562/63. Drei Frauen wurden inhaftiert und gefoltert, ohne daß sie zum Geständnis gebracht werden konnten. Sie wurden gegen Ableistung einer Urfehde auf freien Fuß gestellt. Eine vierte legte unter der Folter ein Geständnis ab und wurde verbrannt.

1628 wurden drei Männer wegen Hexerei zum Tode verurteilt, zwei davon zur Verbrennungsstrafe, einer zur Schwertstrafe, der in der Folge begnadigt und der Stadt verwiesen wurde.

Unter der Ägide des Ratsadvokaten Daniel Hauff fand in den Jahren 1662 bis 1665 eine der verheerendsten Verfolgungswellen im deutschen Südwesten statt. Die Verfolgung führte zu 33 Hinrichtungen, ganz überwiegend durch Verbrennung, wobei 20 der Verbrannten Männer waren. Fast die Hälfte der Verfolgten entging der Todesstrafe und mußte gegen Ableistung einer Urfehde, zumeist in Verbindung mit einem Landesverweis, freigelassen werden. Die Verfolgungsintensität erreichte bei der ersten Verfolgung ein mäßiges bis mittleres Niveau, die der letzten Verfolgungswelle ist als sehr hoch zu bezeichnen. Im dazwischen liegenden Jahrhundert blieb sie unterdurchschnittlich und imponiert als gering.

Der Anlaß für die erste Verfolgungswelle 1562/63 war ein Hagelunwetter, das im August 1562 den deutschen Südwesten heimsuchte. Nicht nur in Esslingen wurden hierfür die Hexen verantwortlich gemacht. Der maßgebliche Verfolgungspropagandist war hier der Esslinger Oberpfarrer Naogeorgus, der von der Kanzel herab das Volk aufwiegelte und den Rat in Zugzwang brachte. Die Verfolgungsinitiative stieß im Rat auf Widerstand. Daß sich die Fraktion der Verfolgungsbefürworter durchsetzen konnte, verdankte sich mehr einer Art Beschwichtigungspolitik als der Überzeugung, die Unwetterkatastrophe sei dem Hexenwerk der verfolgten Frauen geschuldet. Aufgrund dieser Konstellation wurde die Verfolgung auch als "politischer Hexenprozeß" bezeichnet (Jerouschek 1992, S. 73). Mußten drei trotz Folter ungeständige Frauen freigelassen werden, so betraf die einzige Verbrennung eine ersichtlich debile Hebamme. Die Machtprobe zwischen Rat und Oberpfarrer endete mit der Entlassung und Ausweisung des Pfarrers, dem calvinische Abweichungen nachgewiesen wurden.

Die Verfolgung von 1628 mit zwei Verbrennungen und einer Begnadigung entspann sich aus einem Verfahren wegen Sodomie, d.h. Homosexualität, derer die drei Angeklagten bezichtigt wurden. Die Begnadigung ist insoweit bemerkenswert, als sie auf fußfällige Fürbitte 15 lediger Bürgerstöchter zustande kam.

Auch der Pogrom von 1662 bis 1665 nahm seinen Ausgang in einer homosexuellen Verführung des Sohns eines Webers durch den Knecht. Ihre horrenden Ausmaße erreichte die Verfolgungswelle durch die Involvierung des neu eingestellten Ratsadvokaten Lic. iur. Daniel Hauff, dessen gutachtliche Stellungnahme den weiteren Verlauf der Verfolgung vorzeichnete. Hauff selbst wurde später zum Chefinquisitor bestellt und brach eine beispiellose Verfolgungskampagne vom Zaun, die das Esslinger Territorium in Angst und Schrecken versetzte. Lag der Verfolgungsschwerpunkt zunächst in den Esslinger Filialen Vaihingen und Möhringen, so ergriffen die erfolterten Besagungen nach und nach auch die Stadt, was in der Bevölkerung bis in den Rat hinein für Unruhe sorgte. Die Stabführung in Hexensachen war für Hauff ein höchst wirksames politisches Instrument zur Beförderung seiner Karriere, bis Hauff der Mehrheitsfraktion im Rat zu gefährlich und seine Ablösung betrieben wurde. Anzeichen deuten darauf hin, daß Hauff, 36jährig, keines natürlichen Todes starb, sondern aus der Mitte des Rats heraus vergiftet wurde. Mit seinem Ableben 1665 klangen die Verfolgungen alsbald aus.

Das Prozedere während der großen Verfolgung wies einen deutlich höheren Verrechtlichungsgrad auf als die Prozesse im 16. Jahrhundert. Basis war das späte Gemeinrecht, wobei die Carolina von 1532 nur eine Rechtsquelle unter vielen darstellte. Das von Hauff gepflogene Verfahren wies typische Merkmale des Hexenprozesses auf, so Fangfragen oder die Verfälschung von Aussagen und die Abfolterung der sogenannten socii criminis, um die Voraussetzungen für weitere Verfolgungen zu schaffen. Verhängnisvoll wirkte sich die Praxis der Mehrfachkonsilierung aus, mit der versucht wurde, abschlägige Gutachten der einen Juristenfakultät, zumeist Tübingen, durch verfolgungsfreundlichere Voten anderer Fakultäten, zumeist Straßburg, zu konterkarieren. Im Verlauf der Verfolgungswelle neigten die Fakultätsgutachten vermehrt zu einer fiktionalen Deutung der Hexerei, die in der Tradition des sogenannten canon episcopi des Dekretum Gratiani (um 1140) stand und die gängigen Hexereivorstellungen als Wahn ausgab. Mit der Aufgabe der realistischen Position, die dem Hexenwerk die Möglichkeit einer realen Schadenszufügung zubilligte, war den Verfolgungen der juristische Boden entzogen. Die fiktionale Deutung blieb aber in ihrem verfolgungshemmenden Potential so lange beschränkt, als es noch Fakultäten gab, die Verhaftungen, Torturinterlokute und Todesurteile decken mochten.

Von 75 geführten Prozessen endeten 37 mit der Todesstrafe. Drei Inquisiten starben während der Haft, in 28 Fällen ist davon auszugehen, daß extraordinäre Strafen, zumeist Landesverweis mit Urfehde, aber auch Prangerstrafe und Einweisung in das Spital, verhängt wurden. Verfolgt wurden 34 Männer und 38 Frauen. In 44 Verfahren kam die Folter zur Anwendung, in 31 Fällen ist der Einsatz der Folter jedenfalls nicht nachweisbar. Fast die Hälfte der Verfolgungsopfer rekrutierte sich aus dem Filialdorf Vaihingen, aus der Stadt selbst stammte lediglich ein Viertel der Opfer. Die Hälfte der Gefolterten legte auch unter der Folter kein Geständnis ab, wobei Frauen torourresistenter waren als Männer. Fast zwei Drittel der Opfer waren 40 Jahre und älter, Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren finden sich mit über zehn Prozent überproportional unter den Opfern.

Sowohl bei der ersten wie auch bei der letzten Verfolgungswelle wird deutlich, daß Verfolgungen im Rat nie einhellig befürwortet wurden. Immer gab es zwei Fraktionen, die sich in der Hexenverfolgungsfrage zum Teil heftig bekämpften. Die Geistlichkeit, die in Hexensachen gutachtlich zu Wort kam, war der Tendenz nach eher verfolgungsfeindlich eingestellt. Zu nennen sind hier vor allem Christoph Herrmann, Lukas Osiander, Martin Kegerlin und Joachim Pinkisser, die 1596 mit ihrem engagierten Votum der verfolgungskritischen Ratsfraktion beisprangen, und der nachmalige Superintendent und Tübinger Universitätskanzler Tobias Wagner, unter dessen Ägide Hexerei und Zauberei geistlich und nicht strafrechtlich traktiert wurden. Nur während des großen Hexenprozesses von 1662 bis 1665, als Wagner bereits in Tübingen amtierte, ist eine geistliche Kritik am Verfahren Hauffs zu vermissen.

Quellen:

Akten des Stadtarchivs Esslingen a.N.

Literatur:

G. Jerouschek, Die Hexen und ihr Prozeß, Esslingen/Sigmaringen 1992. G. Jerouschek, Der Hexenprozeß als politisches Machtinstrument, in: S. Lorenz; D.R. Bauer (Hg.): Das Ende der Hexenverfolgungen, Stuttgart 1995, S. 117-128.

 

Empfohlene Zitierweise

Jerouscheck, Günter: Esslingen - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzqu/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 04.05.2006

Index A-G


Lesezeichen / Weitersagen

FacebookTwitterGoogle+XingLinkedInDeliciousDiggPinterestE-Mail