A-G

Dämonen

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

27.September 2010

Im Christentum sind Dämonen böswillige Wesen, normalerweise unsichtbar, die auf der Erde versuchen, die Gläubigen zur Sünde zu verleiten und sie nach dem Tod in der Hölle ewig bestrafen werden. Obwohl in den lateinischen Quellen ‚diabolus‘ und ‚daemon‘ regelmäßig als Synonyme verwendet werden, wird sich hier lediglich auf die ‚kleineren‘ Teufel bezogen und nicht auf ihren Gebieter, Beelzebub, Luzifer oder Satan.

Eine kurze Geschichte der Dämonen

Mehrere Überlieferungen verbanden sich, um das Bild jener bösen Kreaturen als eine Komponente des traditionellen christlichen Glaubens zu formen. Vom Alten Testament stammen Dämonen wie Behemoth, Asmodeus und Leviathan, aber sie blieben nichts als Namen und besaßen nur für die fachkundigsten Dämonologen ein persönliches Profil. Wichtiger waren einige Episoden des Neuen Testaments wie der Exorzismus der ‚Legion‘ böser Geister am See Genezareth, die in Schweine eindringen mussten, da darin sowohl der Glaube an Dämonenbesessenheit als auch die Möglichkeit des rituellen Exorzismus eine biblische Grundlage fanden. Die mittelalterliche und nachmittelalterliche Idee, dass viele Besessene von hunderten oder tausenden bösen Geistern belästigt wurden, geht offensichtlich auf dieses Beispiel zurück.

Durch die Interpretatio Christiana wurde das klassische Pantheon in einen Dämonenzirkel verwandelt. Was das im Mittelalter bedeutete, kann erfahren werden anhand des aufschlussreichen Beispiels der in der Trierer Kirche St. Matthias gefesselten antiken Skulptur der Göttin Venus, die als ein heidnisches Götzenbild rituell gesteinigt wurde. Römische Religion trug nur ein paar Entwürfe zum Bild der Dämonen bei, einige Eigenschaften des Faunus und der Glauben an Incubi. Die Kirche zögerte ebenfalls nicht, durch den gleichen Mechanismus alle keltischen und germanischen Gottheiten in Teufel umzuwandeln, obwohl das Überleben der wichtigen heidnischen Götter in dämonologischer Maskierung selten gewesen zu sein scheint; im Schlesien des 14. Jahrhunderts wurde ein Zauberspruch gegen die Dämonen der Nacht benutzt, Wodan und seine Armee nennend. Für gewöhnlich waren es die ‚kleinen‘ Göttinnen, Wichtel, Kobolde, Trolle und ähnliche Kreaturen, die im Volksglauben weiterhin ihre Rollen als Helfer spielten. Erst das Werkzeug der Interpretatio Christiana glich sie den weniger bedeutenden heidnischen Gottheiten der lateinischen Tradition an und verwandelte sie in Dämonen. Als solche wurden sie vom Klerus eingestuft, wohingegen sie für das Volk weiterhin freundliche Wesen blieben, wenn sie richtig behandelt wurden. Ein gutes Beispiel dafür ist die von Bruder Rudolfus in seinen De officio cherubim (1235/50) ‚dyabolus‘ genannte Kreatur. Dieser ‚Teufel‘, der eine Toilette bewohnte, besaß ein Pferd und einen Habicht und sagte den örtlichen Frauen gegen Geschenke und ein Bad ihre zukünftigen Verehrer voraus.

Während die Furcht vor diesen Wesen im Frühmittelalter vornehmlich ein Bestandteil klösterlicher Geistlichkeit gebildet zu haben scheint, veränderte sich dies im 12. und 13. Jahrhundert, als sowohl die Beispielgeschichten der Prediger, die fromme volkssprachliche Literatur, wie auch die Skulpturen und Gemälde der Kirchenkunst die Laien ebenfalls sehr viel intensiver mit den Handlungen und Erscheinungen der bösen Geister konfrontierten. Die Besessenen wurden als der beste Beweis für ihre Existenz angesehen, wie wir vom Zisterzienser Caesarius von Heisterbach wissen, Autor einer einflussreichen Kollektion von Exempeln (ca. 1220). In der katholischen Kirche wurden viele psychische Krankheiten als Besessenheit von bösen Geistern erklärt. Das Konzept der Naturgeister und Naturmagie begann allerdings erst in der Zeit von Agrippa von Nettesheim und Paracelsus, ungeachtet einiger früherer Erörterungen, die Gedanken der Theoretiker über Dämonen ernsthafter zu verkomplizieren. Im 16. Jahrhundert tauchen in der deutschen Literaturgattung der ‚Teufelsbücher‘ semi-allegorische Dämonen auf, die mit verschiedenen Lastern personifiziert werden konnten – ein ‚Hosenteufel‘, Erfinder von neuen luxuriösen Hosen, ein ‚Saufteufel‘, ein Anstifter von Saufgelagen, ein ‚Spielteufel‘, dessen Verpflichtung darin bestand, Menschen zum Spielen riskanter Spiele um Geld zu verlocken, und so weiter. Während der Frühen Neuzeit wuchsen die Gelehrtenkonzepte der Dämonengesellschaft zu wirklich barocken Systemen heran, komplexe Hierarchien konstruierend und klassische Mythologie integrierend (Pluto als Dämon der Habsucht, etc.). Das religiöse Theater der Jesuiten und ihre Predigten brachten das gemeine Volk ebenfalls in Kontakt mit dieser Art von Dämonen, bevor die Aufklärung ihre Glaubwürdigkeit beendete.

Die Frage, ob während des Mittelalters und der konfessionellen Periode das Phänomen der Dämonolatrie tatsächlich existierte, hat keine allgemein akzeptierte Antwort gefunden. Für den Autor beweisen Fälle wie der von Gilles de Rais oder die Überlieferung von Zauberbüchern mit Gebeten an Dämonen, dass es Menschen gab, die wirklich versuchten mit Dämonen zu paktieren, auch wenn die überwiegende Mehrheit der erpressten Geständnisse zu diesem Thema wohl nur die Fantasien des Inquisitors widerspiegeln. Umgekehrt wandten sich einige Christen, keine Antwort von Gott erhaltend, hilfesuchend an seinen Feind.

Es ist heute die verbreitete Meinung von Wissenschaftlern, dass die Dämonen, von denen die Hexen in ihren Geständnissen redeten, einerseits Teile von Volksglauben zeigen und andererseits Elemente gelehrter Theologie manifestieren, die Verkündigungen der Priester in der Kirche und die Suggestivfragen der Inquisitoren reflektierend. Während die letzteren Komponenten im katholischen Europa mehr oder weniger die gleichen waren, da auf den lateinischen Standardwerken der Scholastiker, Inquisitoren und Dämonologen basierend, zeigen die ersteren gewisse regionale Unterschiede. Der der Hexe wirbeln helfende Teufel, beispielsweise, ist ein typisch skandinavisches Motiv, während der tiergestaltige Wichtel auf dem englischen Schauplatz am häufigsten gewesen zu sein scheint. Dass die bösen Geister sich in Gestalt eines Tieres zeigten, meist eines chthonischen wie der Viper und der Kröte, auch des Hundes oder der Katze, scheint eine paneuropäische Vorstellung gewesen zu sein. Der böse Geist wechselt oft seine Erscheinung, zum Beispiel wurde Clarisse Magdalena Crucia (+1560), ein damals bekannter Fall, von ihrem Teufel Balbán in Gestalt eines Engels, Christus, Tieren und eines freundlichen jungen Mannes besucht. Die Fähigkeit der bösen Engel sich in Form von guten zu zeigen, machte die Entwicklung einer theologischen Analyse notwendig, genannt Unterscheidung der Geister. Dies war einer der Vorwürfe gegen Jeanne d`Arc, dass sie das kirchliche Amt nicht um die Anwendung dieser Technik auf die Erscheinungen gebeten hatte, deren Befehlen sie gehorchte.

Allerdings scheinen viele Dämonen an gewisse natürliche Lokalitäten gebunden zu sein, wo sie mit ihren menschlichen Komplizen zusammentreffen, häufig ein Wald oder eine Bodenerhebung. Auch ist der Raum für die Inszenierung des Sabbats nicht frei wählbar, sondern korrespondiert mit den ‚heiligen‘ Orten der Volksreligion, wie der berühmte Brocken, der Blocksberg oder der Nussbaum zu Benevent. Gemäß den Protokollen der Verhandlungen in Preußen versammelten sich die Hexen anscheinend an den Orten, die einst eine kultische Funktion für die preußische Bevölkerung vor ihrer Christianisierung besaßen.

Die Funktionen der Dämonen

Schon im Hochmittelalter, regelmäßiger jedoch in der Frühen Neuzeit konstruierten Theologen Systeme von spezialisierten Dämonen, von denen jeder ein bestimmtes Amt erfüllen musste. So beschrieb der Zisterzienser Richalm von Schöntal (frühes 13. Jahrhundert) die Hierarchie der bösen Geister, die bestimmt waren, die Mönche zu versuchen, als eine exakte, wenn auch unsichtbare Kopie der klösterlichen Hierarchie: Es gibt einen dämonischen Abt, einen Prior, einen Kantor, und so weiter. Sie umgeben die Menschen wie eine dichte Wolke, stets Husten, Zahnschmerzen, Schlaflosigkeit, Trunksucht, etc. hervorrufend, eine Vorstellung, die noch von Luther geteilt wurde. Es war allgemeine Überzeugung, dass Dämonen alle Arten von Unglück über den Menschen bringen konnten; im 9. Jahrhundert verurteilte Agobard von Lyon den Glauben an böse Geister, die Gewitter und Hagel verursachten, aber die in allen Kirchen benutzten offiziellen Segnungen gegen Stürme zeigen, dass dies eine einsame Stimme war, die erst von den Reformern und Aufklärern erfolgreicher wiederholt werden sollte.

Im späteren Mittelalter wurde es mehr und mehr zur Überzeugung der Theologen, dass religiöse Devianz und Hexerei keine unabhängigen menschlichen Haltungen oder Handlungen waren, sondern durch Kollaboration zwischen Menschen und Dämonen verursacht sein muss. Magie, scheint es, wurde ursprünglich praktiziert durch die in besonderen Pflanzen, Steinen, Gesten, etc. inhärenten natürlichen Tugenden und durch die geistigen Kräfte von speziell gesinnten Individuen. Der Klerus allerdings legte Magie, gemäß einer hauptsächlich von Augustinus stammenden Formel, als Handlungen aus, die beabsichtigten, mit Dämonen in Kontakt zu treten und mit ihrer Hilfe Schaden anzurichten. Die ‚klassische‘ Hexe der fachkundigen Metaphorik konnte durch ihre eigene Energie nichts erreichen, sondern musste sich auf die Kräfte ihres Dämons verlassen. Abgesehen davon, dabei zu helfen, Magie und andere Verbrechen zu verüben, hatten die Teufel eine andere Funktion, und zwar die der außermenschlichen Liebhaber in Form von Incubi und Succubi. Es ist klar, dass dies hauptsächlich die Projektion der sexuellen Fantasien des Inquisitors war, da die Mehrheit der angeklagten Frauen Geschlechtsverkehr mit ihrem ‚Buhlteufel‘ gestehen mussten, während Hexer bedeutend seltener gezwungen wurden, diese Verirrung zu bekennen. Die Beschreibungen des Akts reichen vom begeisterten Lob der erotischen Talente des außermenschlichen Liebhabers (beispielsweise sehr freimütig in den Geständnissen von Gostanza, der Hexe von San Miniato, verurteilt 1594) bis zur Klage über ihre Brutalität und Kälte (besonders in den baskischen Protokollen). Viele Theologen glaubten, die Wechselbälger seien die Früchte eines solchen Verkehrs; Luther empfahl ihre Tötung ohne Umstände.

Die schrecklichste Aufgabe der bösen Geister war schließlich die Bestrafung der Sünder in der Hölle und (wie viele im Gegensatz zur offiziellen Lehre glaubten) im Fegefeuer. Das Mittelalter brachte ein enormes Schrifttum von Jenseitsvisionen hervor, wo man die von den Dämonen für die Verdammten vorbereiteten Qualen detailliert betrachten konnte, und dieses Genre beeinflusste die vielen Schilderungen dämonischer Handlungen in der Unterwelt, vor denen die geistliche Kunst vom 12. Jahrhundert an strotzte. Was die Dämonen ihren Gefangenen antun (auspeitschen, kochen, zerschlagen, kastrieren) ist eine Kombination von sadistischer Fantasie mit ebenso sadistischen physischen Bestrafungen, sachlich ausgeführt in Übereinstimmung mit dem Strafrecht. In dieser Hinsicht boten die menschenähnlichen Figuren der Dämonen einen idealen Schirm für eine sozial akzeptierte Projektion aggressiver individueller und kollektiver Fantasien.

Literatur

Joseph Bizouard, Des rapports de l'homme avec le demon, essai historique et philosophique. Paris : Gaume & Duprey, 1863/64.

W. Busch-Bernard, Zur Dämonologie Martin Luthers, in: L’immaginario nelle Letterature Germaniche del Medioevo, ed. Adele Cipolla. Milano: Franconangeli, 1995, S. 11-36.

Franco Cardini, Demoni e Meraviglie. Magia e stregoneria nella società medievale. Bitonto : Rafaello, 1995.

Peter Dinzelbacher, Angst im Mittelalter. Teufels , Todes und Gotteserfahrung. Paderborn: Schöningh, 1996.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit. Düsseldorf: Patmos, 4th ed. 2001.

Petra van Boheemen, Paul Dirkse, Duivels en demonen. Utrecht: Museum Het Catharijneconvent, 1994.

Isabel Grübel, Die Hierarchie der Teufel. München: tuduv, 1991.

H. A. Kelly, The Evil, Demonology, and Witchcraft. New York, 1968.

Max Osborn, Die Teufelsliteratur des 16. Jahrhunderts. Berlin. 1893.

Rossel H. Robbins, The encyclopedia of witchcraft and demonology. New York: Bonanza. 1981.

Jeffrey B. Russell, M. Wyndham, Witchraft and the Demonization of Heresy, in: Medievalia 2, 1976, S. 1-22.

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Dämonen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzos/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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