A-G

Cothmann, Hermann - Bürgermeister

Lippe, Grafschaft (Lemgo)

Nicolas Rügge

13.12.99

Herman(n) Cothman(n) (* 1629 in Lemgo, + 1683 ebd.) wurde am 1. Mai 1629 in Lemgo (-> Lemgo, Stadt) geboren, der damals größten Stadt der westfälischen Grafschaft Lippe. Sein Vater Dietrich war Abkömmling einer der ältesten Führungsfamilien der Stadt, aus der auch Hermanns Großonkel, der bekannte Jurist und Rostocker Professor Ernst Cothmann hervorgegangen war; die Mutter Catharina Goehausen gehörte einer aus Brakel im Fürstbistum Paderborn stammenden Beamten- und Gelehrtenfamilie an, ihr Bruder Hermann Goehausen war Rechtsprofessor in Rinteln. Doch konnten die Eltern den Anspruch, den sie mit dem Erwerb eines prächtigen Hauses in der Neustadt dokumentiert hatten, in der unruhigen Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht einlösen: Der Vater blieb wirtschaftlich und politisch weitgehend erfolglos, seine Frau fiel gar 1654 einer Welle von Lemgoer Hexenprozessen zum Opfer.

Nach dem Schulbesuch in Lemgo, Osnabrück und Herford studierte Hermann Cothmann 1649-51 in Rostock und 1657-59 in Jena insgesamt acht Semester Jura. In der Zwischenzeit war er bei einer Adelsfamilie auf Rügen als Hofmeister angestellt, verfolgte aber auch dort gerichtliche Auseinandersetzungen mit und gelangte schließlich als Begleiter seines Schützlings wieder an die Universität. Geldmangel und soziale Isolation - der schlechte Ruf seiner hingerichteten Mutter hing ihm an - trübten die Studienzeit.

1661 kehrte Cothmann nach Lemgo zurück und trat die juristische Praxis an. Nachdem inzwischen auch der Vater verstorben war, konnte eine Zwangsversteigerung des belasteten und verfallenen Elternhauses nur mit Mühe verhindert werden. Am 12. Februar 1663 heiratete er Christina Elisabeth, eine Tochter des fürstlich osnabrückischen Vogts Wilhelm de Baer zu Dissen. Am 28. November desselben Jahres leistete er den Bürgereid.

Für seine nun folgende rasche politische Karriere in der Stadt war entscheidend, daß er schnell Eingang in den Personenkreis um den mächtigsten Mann der Stadt fand, den langjährigen Bürgermeister Dr. Henrich Kerkmann. Dieser designierte Cothmann gleichsam zu seinem Nachfolger, indem er ihn am 16. Januar 1666 durch den Stadtrat zum "Directore des Peinlichen Processus c[on]t[ra] die Unholden und Hexen" wählen ließ. Die Nachfolgefrage war zu dieser Zeit aus mehreren Gründen akut geworden: Die Führungsspitze des Rates war selbst für frühneuzeitliche Verhältnisse völlig überaltert, und mit der Selbstbezichtigung eines jungen Mädchens hatte sich 1665 eine neue Hexenprozeßwelle angekündigt - nach 1628/37 und 1653/56 sollte es die dritte große in diesem Jahrhundert werden. Denn Cothmann setzte die Tradition seines Vorgängers Kerkmann, eines für seine unbarmherzige Strenge berüchtigten Juristen und Spezialisten für die Hexenverfolgung, so intensiv fort, daß er bereits im ersten Amtsjahr 37 Todesurteile fällte.

Im Januar des folgenden Jahres 1667 wurde er zum Bürgermeister gewählt und übte diese Funktion mit Ausnahme von 1669 und 1674 ununterbrochen bis zu seinem Tod aus - bis dahin ein einmaliger Fall in der Lemgoer Stadtgeschichte, da bislang die umschichtige Regierung von zwei verschiedenen Ratsbesetzungen üblich gewesen war. In den Jahren 1665-69, 1675/76 und 1681 fielen den Hexenverfolgungen rund hundert Menschen zum Opfer, davon der überwiegende Teil unter seiner Verantwortung. Unter den Hingerichteten waren überdurchschnittlich viele Männer und Angehörige der oberen bürgerlichen Schichten, darunter der Ratsapotheker David Welmann und der Pfarrer Andreas Koch.

Cothmann gehörte der lutherischen Konfession an, deren Beibehaltung die Stadt Lemgo 1617 nach langen Auseinandersetzungen mit den reformierten lippischen Grafen verbrieft erhalten hatte. Begünstigt durch diese besondere politische und rechtliche Lage, die dem Rat u. a. auch die fortgesetzte Ausübung der Blutgerichtsbarkeit ermöglichte, erlangte er eine bedeutende Machtstellung, die er zur Errichtung eines autoritären Regiments nutzte. Die autokratischen Züge seiner Herrschaft lassen sich zum einen als zeittypische Tendenz deuten, zum anderen aber verweisen sie auf die bislang nicht beachtete Tatsache, daß Cothmann in der Lemgoer Stadtgesellschaft relativ isoliert war und über keine "Hausmacht" im Rat verfügte. Möglicherweise trug diese mangelhafte Verwurzelung in der Stadt auch zur ungehemmten Eskalation der Verfolgungen bei, hatte der Bürgermeister doch keine persönlichen Rücksichten zu nehmen. Zwar klagten seine Gegner aus den Gremien der Bürgerschaft, er regiere "wie ein Monarcha" und bereichere sich, effektiver Kontrolle entzogen, am Eigentum der Stadt und seiner Mitbürger; trotzdem stützte der lippische Graf aus Furcht vor Unruhen im Zweifel stets die Herrschaftsgewalt der "Herren von Lemgo". Wie sein Vorgänger Kerkmann stand auch Cothmann dem lippischen Landesherrn sehr nahe, der ihn schon vor seiner Wahl zum Bürgermeister zum gräflichen "Landrat" angenommen und mit Kommissionen betraut hatte.

Als die Verfolgungen in Lemgo immer noch andauerten, obwohl man sich vielerorts schon davon distanziert hatte, sprach schließlich sogar das Reichskammergericht vom "blutdürstigen Gemüth des unbarmhertzigen Richters und Bürgermeisters Kothmann". Zu dieser Zeit, um 1682, führte die nach einem Hexenprozeß der Stadt verwiesene Maria Rampendahl durch ihren Ehemann einen Prozeß gegen die Obrigkeiten in Lemgo und Detmold, der schließlich für den schweren Vorwürfen ausgesetzten Rat gerade noch glimpflich ausging. Cothmann starb wenige Tage nach der Urteilsverkündung an einer langwierigen fiebrigen Erkrankung; nach seinem Tod wurde eine Wiederaufnahme des zuletzt heftig umstrittenen Hexenprozesses vom Rat nie mehr erwogen. Das Image einer Hochburg der Hexenverfolgung blieb gleichwohl an Lemgo haften. Indem sich die Erinnerung an sein Wohnhaus mit der prächtigen Renaissance-Fassade (" Hexenbürgermeisterhaus ") knüpfte, behielten die Lemgoer Cothmann als dämonischen "Hexenbürgermeister" im Gedächtnis.

Die Frage nach Cothmanns Motiven ist immer wieder gestellt worden und kann auch heute noch nicht befriedigend beantwortet werden. Das wohl verbreitetste Erklärungsmuster ist die Funktionalisierung der Verfolgung für den Kampf gegen politische Gegner. Dabei neigte die ältere Forschung zur Personalisierung und anachronistischen Moralisierung ( Karl Meier ), sie wies aber auch schon auf Faktoren hin, die in jüngeren Arbeiten vermehrt angeführt werden: auf ökonomische (Erpressung von Schutzgeldern, Bereicherung am Vermögen der Opfer) und psychologische Motive (Absetzung von der als Hexe hingerichteten Mutter, kollektive Angstpsychose in einer konfessionell und politisch von der Außenwelt isolierten Stadt). Im Gegensatz zur älteren Forschung sollte man in Cothmann zunächst einmal einen gar nicht so untypischen Vertreter von Bürgermeistern seiner Zeit sehen, die sich, juristisch gebildet, durch einen autoritären Führungsstil zwar innenpolitische Feinde machten, deren strenges Regiment aber einer nach den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges verbreiteten Sehnsucht nach christlicher Ordnung entgegengekommen sein dürfte.

Beilagen

Quellen

Bürgerbuch der Stadt Lemgo von 1506 bis 1886, bearb. v. Hans Hoppe, Detmold 1981

Weland, Johann, Hn. Hermann Cothmann / Hochgräfl. Lipp. ansehnlichen Land=Raths und wolverdienten älteren Bürgermeistern und Scholarchen hieselbst ... [Leichenpredigt], Lemgo 1683

Staatsarchiv Detmold, Bestände L 28, L 82, L 86 u.a.

Stadtarchiv Lemgo, A 321, A 6843, A 10.054; Familiengeschichtl. Slg. Plöger u.a.

Literatur

Gerlach, Friedrich, Die Patrizierfamilie Cothmann in Lemgo (1373-1726), 11 Folgen, in: Lippische Blätter für Heimatkunde 1950-52

Meier, Karl, Lemgo, eine Hochburg der Hexeninquisition, in: Mitteilungen aus der lippischen Geschichte und Landeskunde, 16, 1938, S. 5-62

Rügge, Nicolas, Hermann Cothmann - Annäherungen an die historische Person des "Hexenbürgermeisters" von Lemgo, in: Gisela Wilbertz u. Jürgen Scheffler (Hg.), Biographieforschung und Stadtgeschichte. Lemgo in der Spätphase der Hexenverfolgung, Bielefeld 2000 (i. Vorb.)

 

Siehe auch folgende Artikel:

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter von Gisela Wilbertz

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Kerkmann, Heinrich von Nicolas Rügge

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

Empfohlene Zitierweise

Rügge, Nicolas: Cothmann, Hermann. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzoq/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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