A-G

Conrad von Anten

Winfried Küper und Rolf Schulte

26. Juli 2013

* 2. Hälfte 16. Jahrhundert, Jurist und Syndikus des Domkapitels von Lübeck, † 1591 in Wismar

Drucklegung

Conrad von Anten, der Syndikus des Domkapitels von Lübeck, gab 1590 eine Schrift von über 100 Seiten heraus. Sie erschien bei dem Lübecker Drucker und Verleger Asswerus Cröger. Cröger veröffentlichte zahlreichen Schriften für den deutschen wie skandinavischen Markt wie zum Beispiel lutherische Erbauungsliteratur, Gesangbücher und Predigten. Das erste Buch von Antens trug den lateinischen Titel:

„Gynaikolusis seu mulierum lavatio, quam purgationem per aquam frigidam vocant, item vulgaris de potentia Lamiarum opinio, quod utraque Deo, Naturae, omni iuri et probatae consuetudini sit contraria“

„Das Bad der Frauen, das sie Kaltwasserprobe nennen, auch dass die allgemeine Meinung von der Macht der Hexen, Gott, der Natur, allen Rechten und dem hergebrachten Brauch zuwider sei.“

Vorrangig ging es dem Juristen in diesem Traktat um eine Kritik an dem rechtlichen Ablauf von Hexenprozessen, dennoch weitete er seine Argumentation auf Grundlagen der Hexenverfolgung vorsichtig aus.

Argumentation

Von Antens Schrift richtete sich mit der lateinischen Sprache eindeutig an ein gebildetes Publikum. Die ‚gynaikolusis’ erschien nach seinem Tod erneut in zweiter Auflage. Sie erreichte damit möglicherweise Leser über den regionalen Bereich hinaus. Da der Verleger das Buch auch als „oratio“, d. h. Vortrag, vorstellte, könnte von Anten seine Kritik auch öffentlich vor Zuhörern vertreten haben. Dennoch sprechen nicht wenige schwer entschlüsselbare Sätze, gelegentliche grammatikalische Schwächen wie z. B. Fehlen von Prädikaten oder der Abbruch von noch nicht vollständig ausformulierten Sätzen und die mit Penibilität aufgeführten Literaturzitate gegen vor breitem Publikum vertretene Ausführungen. Von einer weiten Rezeption des Buches kann daher trotz der zwei Auflagen nicht unbedingt ausgegangen werden. Dennoch könnte von Anten dazu beigetragen haben, dass die Hexenverfolgung in Lübeck und in einigen anderen Territorien Norddeutschlands vergleichsweise moderat verlief.

Der Autor war persönlich mit der Hexenverfolgung konfrontiert worden als man seine Verlobte Anna Schreiber kurz vor der Hochzeit 1583 in Osnabrück wegen angeblicher Teilnahme an einem Hexensabbat festgenommen und gefoltert hatte. Sie legte jedoch kein Geständnis ab und kehrte nach Ableistung einer Urfehde frei, aber mit Lähmungen, aus dem Gefängnis zurück. Als schließlich weitere Verwandte ebenfalls in der Stadt wegen Hexereidelikten angeklagt wurden, zogen von Anten und seine Ehefrau 1590 nach Lübeck. Dort verfasste er die ‚gynaikolusis’. Von Anten starb ein Jahr nach dem Erscheinen seines Traktates 1591 während eines Arztbesuchs in Wismar. Sein Grab in der Marienkirche war bei einer Bestandsaufnahme aller Grabplatten in und um dieses Gebäude 1891 nicht mehr nachweisbar.

Bereits in der Überschrift zählt von Anten die Argumente gegen die Wasserprobe auf: Ebenso wie die verbreitete Meinung von der „Macht der Hexen“ verstoße sie gegen „Gott, jedes Recht der Natur und die erprobte Gewohnheit“.

In den ersten beiden Kapiteln des ersten Buchs stellt er die Aktualität seiner Kritik an der Wasserprobe in den Vordergrund: „Gewisse Civitates Germaniae“, also deutsche Territorien, wendeten immer noch dieses Verfahren als Indiz in einem Hexenprozess an, das „Unschuldige in den Verlust von Ehre, Leben und Besitz” stürze.

Gegen göttliches Recht verstoße die Wasserprobe als „Nachäffung“ alter Verfahren, da sie unendlich weit „vom Pfad des göttlichen Willens“ abweiche. Wenn Christen durch Opferschau jeder Art, speziell Wasserproben, den Willen des Schöpfers zu erkunden versuchten, widerspreche dies dem ersten der Zehn Gebote. Wer den Dogmen des Satans folge, setze sich göttlicher wie menschlicher Zurechtweisung aus. Alle Formen von Wasserproben seien daher gottlos (Kapitel III und IV).

Gegen kanonisches Recht verstoße die Wasserprobe auch, da diese nichts mit „humanitas“, dem Sinn für Menschlichkeit und Bildung, zu tun habe, vielmehr mit einem “tyrannischen und diabolischen Charakter“. Wasserproben entstammten dem „instinctus“, also einer Verlockung, die göttliche Macht herauszufordern, folglich sei ihre Anwendung auch nach kanonischem Recht verboten (Kapitel V).

Die Wasserprobe sei auch durch kein Gewohnheitsrecht (iusta/legitima consuetudo) bestätigt. In dem Bemühen um Widerlegung der Einwände seiner Antagonisten, die auf Aktivitäten der Vorfahren verweisen, zieht von Anten auch Plinius d. J. (61–113 n. Chr.) hinzu. Er war der Meinung, dass es bei den Weisen äußerst ehrenvoll gewesen sei, auf den Spuren der Vorfahren zu wandeln, „vorausgesetzt, sie verfolgten den rechten Weg." „100 Jahre Unrecht ist niemals Recht“ ruft er daher seinen Gegnern zu. Gewohnheit und lange Anwendung seien nie so gültig wie die Vernunft und geschriebene Gesetze (Kap. VIII).

Im 2. Buch wendet sich von Anten in den Kapiteln I-VI gegen die Vorstellungen einer weitverbreiteten Aktivität von Hexen. Es sei eine „Majestätsbeleidigung Gottes“ (Majestatis divinae laesae crimen), wenn seine Geschöpfe darüber entscheiden wollten, ob Satan durch seine Instrumente und seine Sklaven, die Hexen, Schäden, Krankheiten und Unglück jeder Art verursachten. Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen und Entstellung der göttlichen Lehre versuche Satan an „Gottes Ruhm“ selbst teilhaftig zu werden, denn er verbreite „betrügerische Vorstellungen“ von seiner Macht. Heute, so von Anten, gäbe es zahlreiche Menschen, die bei einer plötzlichen Krankheit oder, wenn ein Kleinkind kränkelt, das Vieh dahinstirbt bzw. die Ernte vernichtet wird, behaupteten, es handele sich um eine Behexung.

Denen, die auf Autoritäten verweisen, dass Hexen die Geschlechtskraft behindern, Gliedmaßen entfernen, Knaben erblinden, erlahmen und verstummen lassen, widerspricht von Anten mit dem Hinweis auf die Kirchenlehrer Hieronymus und Augustinus: Gott könne die „ars praestigiosa“, die Zauberkraft, dem Teufel zugestehen, nicht aber den Hexen. Ursache von allem Übel seien insbesondere die eigenen Sünden der Menschen. Satan, „dieser Betrüger“, bringe allerdings vielen Personen Unglück durch das Werk der Hexen, womit er den Zorn Gottes erregen will. Die Künste der Hexen und die Lehren des Diabolus seien nichts als Betrügereien, Hirngespinste und „völlig witzloser Unsinn“.

Von Anten schließt daraus, dass die Macht der Hexen beschränkt sei und Gottes Wille nach wie vor die Welt regiere. Schuld an der Unbill des Lebens seien die Menschen selbst und er ruft seinen Lesern zu: „Wenn du, oh Mensch, durch Widerwärtigkeiten bedrückt wirst, dann ist es nicht das Gemurmel einer verzauberten alten Frau, auch nicht der Diabolus, jener Lehrer und Täuscher, sondern dich plagen deine Sünden, die Gott dir als Strafe schickt“.

Mit diesen Aussagen steht von Anten einerseits in der providentialistischen Tradition des Württemberger Reformators Johannes Brenz als Vertreter der so genannten jüngeren Lutheraner. Diese protestantische Richtung knüpfte an die Tradition des Canon Episcopi an und stellte Schadenzauber als Vorspiegelung des Teufels dar, der als Vollstrecker des göttlichen Willens fungierte, um die Sünder zu bestrafen und die Gerechten zu prüfen. Wenn Menschen dennoch magisch agierten, sollten sie wegen Ausübung teuflischer Künste bestraft werden, aber ihre Möglichkeiten waren nach dieser protestantischen Interpretation beschränkt. Von Anten steht auf der anderen Seite mit seinen Ausführungen in der Denktradition des Verfolgungskritikers Johann Weyer, den er in seinem Werk mehrmals wörtlich zitiert. Dieser hatte die Realität des Hexereidelikts bestritten und den vermeintlichen Zauberschaden auf Einbildung durch Suggestionen des Teufels zurückgeführt.

Dennoch bestreitet der Lübecker Jurist keinesfalls grundsätzlich die Existenz von Hexen: “Echte Hexen und Zauberinnen” sollten als „ Feinde der göttlichen Majestät“ „mit Feuer und Schwert ausgerottet“ werden, die Todesstrafe erleiden. Ihre Praktiken seien zwar Hirngespinste und unwirksam, sie beleidigten aber damit den Schöpfer.

Der vorausgehenden Kritik an fragwürdigen Vorgehensweisen von Richtern folgen sieben Vorschläge, die Hexenprozesse zu versachlichen. Von Anten wendet sich gegen ein Ausnahmerecht in Hexenverfahren und beharrt auf der Anwendung der Carolina, der gültigen Strafprozessordnung des Reiches. Zu Beginn eines konkreten Gerichtsverfahrens müssten schriftliche Informationen vorliegen. Besagungen seien nur teilweise gerichtsrelevant und ein guter Leumund der Angeklagten könne diese Aussagen widerlegen. Vor dem Einsatz von Folter hätten die Angeklagten das Recht auf schriftliche Mitteilung der gegen sie vorliegenden Indizien, damit die Beschuldigten sich verteidigen könnten. Von Anten kritisiert den Einsatz von Folter, geht aber nicht soweit, sie grundsätzlich zu verwerfen. Er beanstandet lediglich ihre wiederholte Anwendung. Daher fordert er konsequenterweise die Freilassung von Menschen, die eine einmalige Tortur ertragen haben, ohne dabei ein Geständnis abzulegen.

In Anbetracht zahlreicher ihm bekannter Verfahren setzt der Jurist sich dann auch für die konsequenten Verteidigungsmöglichkeiten der angeblichen Delinquentinnen ein. Um solchen Forderungen auch Wirkung zu verleihen und sie praktisch werden zu lassen, fordert Anten rigorose Bestrafungen von Richtern, die gegen diese Regeln verstoßen.

Gott, der „allen Gerichten vorsitzt“, heißt es am Schluss, hat der Obrigkeit das Schwert gegeben, damit die Guten sorglos bleiben, die Bösen abgeschreckt und bestraft werden. Die Gerechtigkeit Gottes verlange, dass diejenigen, die zu Unrecht andere beschuldigten, durch das „geschriebene Recht“ bezwungen werden, während die Guten sich eines wohlverdienten Schutzes erfreuen dürften.

Quellen

Cornad Anten, Gynaikolusis seu mulierum lavatio, quam purgationem per aquam frigidam vocant, item vulgaris de potentia Lamiarum opinio, quod utraque Deo, Naturae, omni iuri et probatae consuetudini sit contraria, Lübeck (Answer Kröger) 1593, Onlineausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek: [urn:nbn:de:gbv:3:1-265674].

 

Empfohlene Zitierweise

Küper, Winfried/Schulte, Rolf: Conrad von Anten. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzn5/

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Erstellt: 26.07.2013

Zuletzt geändert: 26.07.2013

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