A-G

Clauss, David d. Ä., Scharfrichter

Lippe, Grafschaft (Lemgo)

Gisela Wilbertz

13.12.99

David Clauss d.Ä. (* 1628/29 + 1696) wurde wohl 1629 oder Ende 1628 in Lemgo (-> Lemgo, Stadt) geboren, wo seine Vorfahren bereits seit 1566 das Amt des Scharfrichters innehatten. Sein Vater Dietrich Clauss starb früh. Nach dem Tod der Mutter Anna Margaretha Struck, einer Scharfrichtertochter aus Höxter, übernahm er 1647 von seinem Stiefvater Henrich Unverzagt den Dienst in der Stadt Lemgo und ein Jahr später auch in der Grafschaft Lippe. Im gleichen Jahr heiratete er Agnesa Bröcker aus Schüttorf. Möglicherweise war er bei deren Vater, dem dortigen Scharfrichter Jürgen Bröcker, der wegen seines chirurgischen Könnens berühmt war, in der Lehre gewesen. Vermutlich aus dem Erbe seiner Frau stammten die finanziellen Mittel, die es ihm ermöglichten, 1661 vom Grafen zur Lippe ein stattliches Wohnhaus in der Papenstraße zu erwerben und sich noch im gleichen Jahr zwei Privilegien auf die ungehinderte Ausübung der Chirurgie - eine traditionelle Tätigkeit der Scharfrichter - und auf den ungehinderten Verkauf der aus der Abdeckerei - den Scharfrichtern einst als Besoldungsersatz verliehen - stammenden Tierhäute ausstellen zu lassen, womit er die Zukunft seiner Familie bis ins 19. Jahrhundert absicherte. Ein weiteres, 1665 wohl als Leibzucht errichtetes kleines Haus in der Neuen Straße trägt bis heute eine Bauinschrift mit seinem Namen und dem seiner Frau Agnesa Bröcker. Aus dieser ersten Ehe überlebten acht Kinder, vier Söhne und vier Töchter, die sämtlich eine gute Ausbildung bzw. Ausstattung erhielten und dank einer offenkundig intensiven Zuwendung der Eltern im späteren Leben erfolgreich waren. Nach dem Tod von Agnesa Bröcker schloß David Clauss d.Ä. 1678 eine zweite, kinderlos gebliebene Ehe mit der jungen Scharfrichtertochter Agnesa Gertrud Muth aus Lübbecke. Er starb am 9. August 1696 in Lemgo.

Wie kaum ein anderer Scharfrichter war David Clauss d.Ä. von Berufs wegen mit Hexenprozessen befaßt. In seine sehr lange Dienstzeit von fast fünfzig Jahren fielen nicht nur die beiden Lemgoer Prozeßwellen ab 1653 und ab 1665, sondern auch etwa die Hälfte der in der Grafschaft Lippe wegen Hexerei geführten Verfahren. Nichts wäre jedoch falscher, als ihn einseitig auf die Figur des allzu willigen Strafvollstreckers oder gar des skrupellosen Sadisten zu reduzieren, wie dies bei Scharfrichtern zumal im Kontext der Hexenverfolgungen häufig geschieht und auch in der Lemgoer Erinnerungskultur bisher die Regel war. Am Beispiel von David Clauss d.Ä. läßt sich mit Hilfe eines biographischen Forschungsansatzes zeigen, daß die Rolle des Scharfrichters im Hexenprozeß sehr viel differenzierter als bisher zu sehen ist. Er war ein individueller Mensch mit einer eigenen Lebensgeschichte, und diese blieb bei Ausübung seines Amtes, bei Tortur und Hinrichtung, nicht außen vor. Über seinen Dienst hinaus war er noch in andere Beziehungsnetze eingebunden, von denen sein Handeln mitbestimmt wurde.

David Clauss d.Ä. und seine Familie gehörten zur Nachbarschaft und waren somit zu den üblichen gegenseitigen Diensten und Hilfeleistungen verpflichtet, bei Geburt und Taufe, Heirat und Vormundschaft, Krankheit und Tod, oder sonstigen kleinen Unterstützungen im Alltag. Die Nachbarschaft war ebenfalls der bevorzugte Schauplatz von Konflikten und der Ort der höchsten Gefährdung, wo Hexen umgingen und ihre magische Kunst ausübten. Vor dem Haus des Scharfrichters machten sie nicht halt, und so wurden auch seine Familienangehörigen zu Opfern von Schadenzauber. Seine Frau wurde wie andere Lemgoerinnen als Hexe beschuldigt. Innerhalb Lemgos und darüber hinaus unterhielt David Clauss d.Ä. vielfältige Geschäftsbeziehungen. Auch wurde er, wenn auch anscheinend nicht häufig, als Heiler konsultiert. Er erwarb in St. Nicolai mehrere Kirchenstühle, machte fromme Stiftungen und pachtete Land. Auf der Basis von Gegenseitigkeit war er ebenfalls in die in Lemgo üblichen geselligen Zusammenkünfte einbezogen. Soziale Ausgrenzung betraf allein seine als Abdecker tätigen Knechte. Die Beziehungsnetze von David Clauss d.Ä. rissen auch während der Hexenprozesse nicht. Selbst als Scharfrichter blieb er Lemgoer und Nachbar, dem niemand die Tätigkeit als Strafvollstrecker nachtrug, nicht einmal die Angehörigen der Hingerichteten. Sogar die Angeklagten im Hexenprozeß hielten ihn nach wie vor für einen vertrauenswürdigen Gesprächspartner.

Sein Ansehen und seine "Ehre" konnte ein Scharfrichter am besten dadurch wahren und sogar noch vermehren, wenn er sich "seinem Stande gemäß" betrug. Bezogen auf den Strafvollzug bedeutete dies, daß er sich so verhielt, wie es den Regeln seines Berufes sowie den Vorstellungen von Obrigkeit und Bürgerschaft entsprach. Gab es darüber Meinungsverschiedenheiten, geriet er in Loyalitätskonflikte. Genau dieser Fall trat in Lemgo ein. Nach 1665 wurde die Kritik am Verfahren der Hexenprozesse immer lauter. Man warf den Bürgermeistern und ihren Hexendeputierten selbstherrliche Justiz unter Umgehung des Rates vor. Während der Verhöre würden den Angeklagten bestimmte Namen vorgegeben, um deren Besagung zu provozieren und auf diese Weise unbequeme Gegner ausschalten zu können. Erstmals hielt man die Anklage Unschuldiger für möglich, ohne allerdings am Hexenglauben selbst zu zweifeln. In den Beweisartikeln einer Klageschrift, die der vor einer Verfolgung aus Lemgo geflohene Ratsherr Cordt Dierking 1669 beim Landesherrn in Detmold einreichte, wurde David Clauss d.Ä. nachgesagt, daß er die Kritik am Hexereiverfahren teilte. Von ihm selbst gibt es dazu keine Äußerung. Feststellbar ist allerdings, daß er spätestens 1673 bei seiner Lemgoer Obrigkeit, mit der er noch 1666 in gutem Einvernehmen stand, in Ungnade gefallen war. Ob ein Zusammenhang zwischen den Hexenprozessen und dem Zerwürfnis mit Bürgermeister und Rat bestand, muß letztlich offen bleiben - doch wäre er möglich.

Beilagen

Quellen

StadtA Le, A 10185; StadtA Le, Nachlaß Clausen; StadtA Le, Ratsprotokolle; StA Dt, L 28 Lemgo, F XIV.

Literatur

Gisela Wilbertz: Der Nachlaß der Scharfrichterfamilie Clauss/Clausen in Lemgo, in: Recht und Alltag im Hanseraum. Festschrift für Gerhard Theuerkauf zum 60. Geburtstag. Hrsg. von Silke Urbanski/ Christian Lamschus/ Jürgen Ellermeyer, Lüneburg 1993, S. 439-461;

dies.: Zur sozialen und geographischen Mobilität einer Scharfrichterfamilie in der Frühen Neuzeit. Die Clauss (Clausen, Claessen, Clages) aus Lemgo, in: Beiträge zur westfälischen Familienforschung, Bd. 53-55, Münster 1995-1997, S. 253-322, 183-246, 204-243;

dies.: Familie, Nachbarschaft und Obrigkeit. Soziale Integration und Loyalitätskonflikte im Leben des Lemgoer Scharfrichters David Clauss d.Ä. (1628/29-1696), demnächst in: Biographieforschung und Stadtgeschichte. Lemgo in der Spätphase der Hexenverfolgung. Hrsg. von Gisela Wilbertz und Jürgen Scheffler, Bielefeld 1999/2000.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Agricola, Franciscus (*)

Cothmann, Hermann - Bürgermeister von Nicolas Rügge

Folterinstrumente von Jürgen Scheffler

Grabbe, Bernhard - Kantor und Lehrer am Lemgoer Gymnasium von Regina Fritsch

Hexenbürgermeisterhaus von Jürgen Scheffler

Hexenverfolgung und lokale Geschichtskultur: Das Hexennest von Jürgen Scheffler

Lippe, Grafschaft (Lemgo) - Hexenverfolgungen von Jürgen Scheffler

Koch, Andreas (Prozeßopfer) - Pfarrer von Gisela Wilbertz

Meier, Karl - Lehrer und Heimatforscher von Jürgen Scheffler

Rampendahl, Maria (Angeklagte im Hexenprozeß) von Gisela Wilbertz

Stadtarchiv Lemgo (Quellen zur Hexenverfolgung) von Gisela Wilbertz

 

Empfohlene Zitierweise

Wilbertz, Gisela: Clauss, David d. Ä.. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzon/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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