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Christliche Erinnerung von Johann Matthäus Meyfart

Markus Schmid

11. September 2013

Meyfart und die Hexenverfolgung in Coburg


Abb. 1: Johann Dürr o. J. (vgl. Trunz, Tafelteil, Nr. 2)

Nach langjähriger Lehrtätigkeit an den verschiedenen Fakultäten des Casimirianums in Coburg wurde Meyfart 1623 vom Herzog zum Direktor ernannt. Zwar erblühte die Schule unter seiner zehnjährigen Leitung, doch abseits von seinem pädagogischen Schaffen geriet er in Coburg wiederholt mit seinen Vorgesetzten aneinander. Zuerst 1628 mit dem General-Superintendenten Caspar Finck, als dieser eine allgemein geäußerte Kritik Meyfarts an der Besetzung der Pfarrstellen persönlich nahm und sich darüber schriftlich beim Herzog beschwerte. Danach in den Jahren 1628 bis 1630 – im Rahmen des ‚Coburger Hexenstreits‘ – mit Fincks Nachfolger, dem Hofprediger Nikolas Hugo, der dem Coburger Schöffengericht mit starkem Bezug auf den Jesuiten Delrio vorwarf, die Hexen nicht gründlich genug zu verfolgen und in der Praxis zu nachlässig zu sein. Hier kam Meyfart erstmals direkt mit der Hexenverfolgung in Kontakt und wie er in seiner später veröffentlichten Schrift gegen die Hexenprozesse deutlich ausformulierte, schlug er sich auf die Seite der Verfolgungsgegner. Die angespannten Beziehungen in Coburg lockerten sich hiernach nicht mehr. 1633, nachdem Meyfart mit zwei seiner kritischen Disputationen den Großteil der Coburger Geistlichkeit gegen sich aufbrachte, dürfte es ihm leicht gefallen sein, den ergangenen Ruf an die Universität Erfurt rasch anzunehmen. (Weitere Informationen zur Kurzbiografie im Artikel: Meyfart, Johan Matthäus).

Die Schrift gegen die Hexenprozesse

Unter dem Titel ‚Christliche Erinnerung / An Gewaltige Regenten / vnd Gewissenhaffte Praedicanten / wie das abschewliche Laster der Hexerey mit Ernst außzurotten / aber in Verfolgung desselbigen auff Cantzeln vnd in Gerichtsheusern sehr bescheidentlich zu handeln sey‘ veröffentlichte Meyfart 1635 seine wortstarke, gefühlsreiche Stellungnahme zur Hexenverfolgung. Das Manuskript wurde 1631/32 in Coburg bereits fertiggestellt. Meyfart war damals mit mehreren Vertretern der Geistlichkeit aneinander geraten und hatte darüber hinaus auch gesundheitlich gelitten. Ein „tief sitzender Groll“ (Trunz 1987, S. 54) wird seine Feder geschärft haben, sodass auch die Komplikationen mit der Zensur abzusehen waren. Insgesamt vier Jahre lang lag „das Werck auff Truckereyen wegen vieler Verhinderung zur seiten“ (Meyfart, Vorrede), in Erfurt jedoch konnte er es endlich drucken lassen, zumal er als Senior des ‚Evangelischen Ministeriums‘ und Rektor der Universität sein eigener Zensor war.

Erscheinungsort war nicht Erfurt, sondern Schleusingen, da es dort im Vergleich zu Erfurt mehr Hexenprozesse gab: Insgesamt 107 Hexen wurden dort zwischen 1597 und 1676 hingerichtet. Die Veröffentlichung sollte eine „unmittelbare Wirkung und Umsetzung“ erfahren und zwar dort, wo auch ein „Handlungsbedarf“ bestand (Pelizaeus 2001, S. 44). In insgesamt 36 Kapiteln (268 Seiten) behandelt Meyfart seine Punkte, wobei sich in den Kapiteln 8, 24 und 26 bis 28 (ca. 30 Seiten) überwiegend die allgemein gehaltene Kritik der Prozesse findet. Die Kapitel 17 bis 22 sowie 29 bis 32 (ca. 70 Seiten) sind der Kritik der Folter und der dabei entstehenden Geständnisse gewidmet, die Kapitel 9 bis 11 und 16 (ca. 40 Seiten) behandeln die Missstände bei den Obrigkeiten und in Kapitel 35 (ca. 20 Seiten) werden von Meyfart Lösungsvorschläge formuliert. Eine klare inhaltliche Strukturierung fällt bei Meyfarts Buch recht schwer, da er an vielen Stellen Argumente wiederholte beziehungsweise in neue Kontexte einbettete. Oftmals schob er ergänzend zu seiner eigenen Darstellung auch Kapitel dazwischen, in denen er die Argumente der Verfolgungsbefürworter dezidiert widerlegte. Ebenso brachte er auch typisch für Gelehrtenschriften in der Frühen Neuzeit an mancher Stelle weitschweifige Geschichten an. Sie stammten mal aus der Bibel, mal aus seiner eigenen Feder, die zwar die Aussagen lebensnah unterstrichen, dafür aber auch die Struktur aufbrachen. Hinsichtlich seiner Grundlagenliteratur stützte sich Meyfart auf bekannte Autoritäten wie Godelmann, Thummius, Tanner und Spee, die er an mehreren Stellen explizit zitierte. Das Buch von Praetorius und auch den anonymen ‚Malleus judicum‘ schien Meyfart hingegen nicht gekannt zu haben.

Im Rahmen seiner allgemein gehaltenen Kritik an den Prozessen verurteilte er das allgegenwärtige Verdachtsmoment der Hexerei, das uneingeschränkt in den Köpfen der Menschen verankert schien. Bei eigenem Pech und Unglück, bei fremden Glück und Erfolg, bei unnatürlichen Wettereignissen, überall suchten die Menschen die Hexen als Ursache und daher war es für Meyfart vor allem das Verleumden und gegenseitige Bezichtigen, woraus die Hexenprozesse ihren Ursprung nahmen. Zumal weder die Obrigkeit mit Gesetzen und Strafordnungen gegen das Gerücht vorging, noch die Geistlichkeit mit mahnenden Worten dagegen predigte. Die Behandlung des Hexereidelikts als ein crimen exceptum öffnete nach Meyfart dem Missbrauch Tür und Tor, denn die Richter pochten auf ihre dortige Verfahrensfreiheit und verfuhren dadurch „ärger als die Teuffel“ (Meyfart 1636, S. 200) mit den Angeklagten. Des Weiteren gab es weder eine Unschuldsvermutung, noch wurden Advokaten, also Verteidiger, zugelassen. Eine Praxis, die Meyfart kritisch argwöhnen ließ, ob die Richter, die er selbst als ‚Hexenmeister‘ bezeichnete, nicht aus guten Gründen so handelten: Denn ihr Ziel war ja offensichtlich ein möglichst schneller Prozess, an dessen Ende Geständnis und Hinrichtung der angeklagten Hexe standen. Alle Maßnahmen, die diesem Ziel entgegen stehen konnten, wurden kategorisch abgelehnt, beispielsweise externe Experten. So gab es auch keine Akteneinsicht, da sich Richter, Folterknechte und Henker gerne mit exklusiven Kompetenzen schmückten. Meyfart griff als Theologe und Prediger auch seine Standeskollegen an, die zwar keine Juristen waren, aber angeblich trotzdem genau wussten, was sie über Hexen von der Kanzel zu predigen hatten. Wenn die Geistlichen in die Gefängnisse gingen, um die Beichte abzunehmen, fuhren sie die Angeklagten an, drängten auf ein Geständnis und machten mit den Richtern gemeinsame Sache. Für Meyfart sollten sie mit Bescheidenheit und Umsichtigkeit dafür sorgen, dass kein unschuldiges Blut vergossen würde, anstatt dass sie die gefällten Urteile auf der Kanzel nachschwatzen und dadurch unterstützen.

Im Rahmen seiner Kritik der Folter strich Meyfart die Grausamkeit der Prozeduren und die Willkür, wenn nicht gar die Nichtigkeit der Hexenprozesse heraus. Er teilte nicht die Sicht der Richter, nach der die Folter erst mit der rein physischen Drangsal begann, sondern ihren Beginn sah er bereits bei den absichtlich erschwerten Haftbedingungen: etwa Schlafentzug oder das Reichen versalzener Speisen. Abseits von den dunklen Kerkern waren die Umstände der Befragung auch nicht besser. Von Angst und psychischem Druck seien sie geprägt, wenn etwa die grausamen Instrumente gezeigt und in ihrer Wirkung beschrieben würden. Hier offenbart sich für Meyfart unzweifelhaft, dass jeder lieber ein Geständnis ablegen würde, ehe man als Krüppel endete. Zumal die Qualen der Folter viel zu groß waren, als dass es überhaupt eine Chance gab, sie erfolgreich und ohne ein Schuldeingeständnis zu bestehen. Zentral war bei Meyfarts Folterkritik nämlich die Frage danach, „ob durch solche Marter neben der schüldigen auch vnschüldiger Personen Namen können außgezwungen / vnd darauff dieselbigen zu der Bekentnis gebracht werden“ (Meyfart, S. 139). Die Folter war für Meyfart ein Werk des Teufels. Sie war geschaffen, den von Gott geschaffenen, wunderschönen Körper auf das Hässlichste hin zu verunstalten und zu zerstören. Der Teufel als Stifter der Folter, als Erzfeind der Wahrheit, konnte kein Werkzeug zur Verfügung stellen, mit dem sich diese Frage klären ließ. Dadurch verkehrte Meyfart die bekannten Fronten: Er rückte die Richter und Folterknechte in die Nähe des Teufels, die von diesem wohl ihr Werk gelernt haben mussten. So überrascht es nicht, wenn Meyfarts Bewertung der Folter in den Hexenprozessen vernichtend ausfiel und er die Frage danach stellte, ob sie beibehalten werden sollte. Mit Hilfe einer Analogie zum biblischen Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das er zweckmäßig aus Spees ‚Cautio criminalis‘ übernahm, kam er zum Schluss: Die Folter müsste in den Angelegenheiten abgeschafft werden, in denen sie neben den Schuldigen auch die Unschuldigen mit hinfort reiße. Gerade bei den Hexenprozessen war dies für ihn der Fall, weil hier Unrecht damit geschähe. Meyfart jedoch wollte an dieser Stelle im deutlichen Gegensatz zu Spee nicht, dass die Folter darüber hinaus aus der gesamten Gerichtspraxis verschwindet. Er betonte diesen Punkt ausdrücklich, damit ihn niemand „beschüldige [...] die Tortur aus dem Römischen Reich zu verbannen. Es gebühret keinem Theologo“ sich „solche Gewalt zuzumessen.“ Wenn bei „Leibes vnd Lebens Gefahr“ in anderen Verbrechen die Beweise sonnenklar sind und der Verdacht begründet ist, „hat es ein andere Beschaffenheit“ (Meyfart 1636, S. 171).

Im Rahmen seiner Kritik der Folterbekenntnisse stellte er die gesamte Verfahrenspraxis damit bloß, dass er unter anderem auf die Absurditäten verwies, die in den Aussagen der gefolterten Angeklagten auftauchten. Angeblich seien diese in einem Augenblick in England, Spanien oder Italien gewesen, hätten in den Palästen der Könige und Kaiser gegessen, und dennoch lägen sie abgemagert im Kerker. Generell war es für Meyfart nicht etwa die Verblendung des Teufels, der seinen Anhängern all diese Dinge vorgaukelte, sonder es war der grausame Marterzwang, der den Gequälten die Sinne zerrüttete. Ärzte sollten Meyfarts Ansicht nach den Regenten erörtern, wie die Folter auf den menschlichen Körper wirke. Darüber hinaus müsse man bedenken, dass es Menschen gebe, die ein schwarzes, melancholisches Geblüt besitzen und sich, einer geistigen Verwirrung gleich, selbst schwer belasten. Meyfart widerlegte dezidiert weitere Behauptungen der ‚Hexenmeister‘ (hier sind die Hexenrichter in Coburg gemeint), etwa den so genannten Hexenschlaf unter der Folter. Auch warnte er vor den Manipulationsmöglichkeiten der Befragenden, die ohne weitere Aufsicht ihre Protokolle abfassen konnten. Letztlich kam Meyfart zu dem Schluss, dass es nur zwei Arten von Geständnissen geben konnte: Zum einen die von „wahrhafftigen vnd schüldigen Hexenpersonen“ und zum anderen die von „fälschlich angegebenen vnd vnschüldigen / jedoch bedrohten vnd gepeinigten Personen“ (Meyfart 1636, S. 227). Auf beide Arten konnte man sich aber nicht verlassen; erstere waren ja vom Teufel eingegeben, letztere stammten von Unschuldigen, die ja nichts über Hexensachen oder dergleichen wissen konnten und nur aufgrund des Folterzwanges aussagten.

Meyfart fragte schließlich: „Woher hat die Obrigkeit Gewalt / solchen vngereimpten [...] mit grossen Buchstaben zu schreiben [...] ABGEPRESSTEN Bekentnussen zu folgen?“ (Meyfart 1636, S. 210) Er kritisierte die Verfahrenspraxis aufs Schärfste, die von Willkür, Unangemessenheit und menschlichen Verfehlungen geprägt war. Meyfart blieb mit seiner Kritik aber nicht in den Kellern der Folterknechte, sondern er hob sie explizit zu den Residenzen der Fürsten empor. Neben den Geistlichen, neben den Juristen und Richtern, suchte er die Verantwortung bei den Fürsten, in deren Herrschaftsbereich die Prozesse stattfanden. Auf dieser Ebene kritisierte er einerseits, wie die Obrigkeiten die Hexensache handhabten, so sie es überhaupt nachweislich taten. Andererseits kritisierte er auch die persönliche Haltung der Fürsten zu den Ungerechtigkeiten, die bei den Prozessen offenkundig wurden. So forderte Meyfart etwa eine Umstrukturierung des Prozessablaufs bei Hexensachen in drei verschiedene Teile, denen jeweils ein anderer Richter vorstehen sollte: Also einem System gegenseitiger Kontrolle, reduzierter Willkür und somit garantierter Sicherheit. Die Besoldung der Richter und Henker auf die Köpfe der Gefangenen war für ihn unhaltbar, die vielen Freiheiten, die ihnen dank des crimen exceptum-Gedankens gewährt wurden ebenso. Die Fürsten sollten sich nicht auf die Worte und Berichte ihrer Amtsleute verlassen, sondern eigenständig, mit eigenen Augen, das Geschehen verfolgen. Im Bestfall sollten sie gar selbst die Verhöre begleiten und die Protokolle überprüfen. Er gestattete ihnen nicht, sich insofern aus der Verantwortung zu stehlen, dass sie die Missstände bei den Hexenprozessen als von ihren Untergebenen verursacht betrachteten: Die Regenten sorgen sich lieber darum, „daß die Pferde / Maul Esel / Ochsen [...] vnd dergleichen Geschmeis fleissig gewartet werden“, aber „was Gut vnd Blut / Leib vnd Leben / Ehre vnd Namen der armen Unterthanen antriffet“, das haben sie sich „aus dem Sinn geschlagen / vnd andern zu verrichten befohlen“ (Meyfart 1636, S. 82). So weit war nicht einmal Spee mit seiner Kritik gegangen. Für Meyfart stand unumstößlich fest, „nachdem die hohen Regenten in Deutschland angefangen die Cantzleyen vnnd andere Gerichtshäuser zuverlassen / ist es von Tag zu Tag erger worden“ (Meyfart 1636, S. 87).

Der Autor und seine Schrift

Meyfart verfasste eine wortgewaltige Stellungnahme, die sich auch bei heiklen Punkten nicht zurücknahm. Umso bemerkenswerter ist es, dass er diese Schrift sowohl auf Deutsch als auch unter seinem vollen Namen veröffentlichte. In einer Zeit, in der die Publikationen gegen die Hexenverfolgungen rückläufig waren und in der alte Autoritäten wie Kramer, Bodin oder Binsfeld von zeitgenössischen Autoren wie Delrio und Carpzow aufgegriffen und aktualisiert wurden, hielt es auch der Verfasser der berühmten ‚Cautio criminalis‘ für angebracht, anonym zu bleiben. Zwar war Meyfart Lutheraner und daher in seiner Argumentationssituation nicht so eingeengt wie Spee, der sich eventuell vor einer päpstlich legitimierten Dogmatik hätte verantworten müssen, aber er wusste, in welche Gefahr er sich begab. So kommentierte er in der Vorrede selbst: „Ohne zweiffel wird etlichen sehr befrembden / daß ich mich zu solcher Materien gewinnen / vnd auch zu einer fast scharffen Feder anbringen lassen“ (Meyfart 1636, Vorrede). In Erfurt kannte man ihn zwar als eloquenten Professor und Prediger, aber man hatte ihm eine solch kritische, mahnende Schrift anscheinend nicht zugetraut. Dass er selbst die Brisanz seines Werkes herausstrich, dürfte daran liegen, dass er darin nicht nur als Mahner auftrat, der sich um das Seelenheil der Menschen bemühte. Er war nicht nur ein „alttestamentlicher Prophet, der seine Berufung hat“ (Trunz 1987, S. 343). Meyfart hatte zwar das Weltende und das Seelenheil im Blick, wenn er prophetisch argumentierte; man betrachte sich nur die in der zeitgenössischen Hexenliteratur einmalige Höllenfahrt der Verantwortlichen am Ende seines Buches. Dennoch äußerte sich Meyfart unweigerlich auch zu politischen Themen und wagte sich damit sehr nahe an die fürstlichen Obrigkeiten heran.

Neben Meyfarts beruflich bedingter Betroffenheit als Theologe und Prediger muss man allerdings auch seine persönliche Betroffenheit betonen, die ihn mit den Hexenprozessen verband. Für sich selbst konstatierte er nämlich einen Wandel in seinem Denken über die Hexenverfolgung: Meyfart berichtet von sich selbst, dass es ihn vor etlichen Jahren, „als der Hexenprocess in deutschen Landen hin vnd wieder angienge“, verdross, „wenn es nicht bald von statten gehen wolte / sondern in etwas sich verweilete“. Er zählte sich also im Nachhinein zu den Verfolgungsbefürworten, bis Gott „den blinden Eyfer von mir genommen / vnnd das Licht der Warheit meinen dunckeln Verstand“ hat erhellen lassen (Meyfart 1636, S. 108). Ein entscheidender Moment dieses Wandels dürfte der Coburger Hexenprozess gegen Margareta Ramhold gewesen sein, die Stiefgroßmutter Meyfarts erster Ehefrau. Im Rahmen dieses Prozesses wurde ihm vom Gericht aufgetragen, ein Gutachten über die Angeklagte zu verfassen. Meyfarts Gutachten, auch wenn er es zuvor nicht ahnte, wurde für den weiteren Prozessverlauf ausschlaggebend. Um es kurz zu fassen: Margareta Ramhold wurde verhaftet, gefoltert, für schuldig befunden und 1628 hingerichtet. So finden sich zwischen der Prozessakte Ramhold und Meyfarts Schrift gegen die Hexenprozesse „Entsprechungen“ (Hambrecht 1993, S. 177), etwa wenn er Fehler verurteilte, die er selbst gemacht hatte. In dieser Perspektive zeigt sich in seiner Schrift auch die Aufarbeitung von biografischen Aspekten, wenn nicht gar die Reinigung seines eigenen Gewissens: Er „habe das trawrige Spectackel gesehen“ und würde, wenn ihm die Wahl bliebe, eher auf „viel tausent Thaler“ verzichten, als die Erinnerung daran „aus meinem Verstande vnd Gedächtnis (wo es müglich) zu verbannen“. Er möchte also mahnend an seinen „thörichten Eyfer“ erinnert werden, „in welchen ich genugsam gesündiget“ (Meyfart 1636, S. 136).

Meyfart beschrieb in seiner Schrift gegen die Hexenprozesse Willkür und Verfehlungen der Beteiligten und hinterfragte das Prozedere stets in Sorge um die unschuldigen Seelen, die mit hineingezogen werden konnten. Zwar war er von einem dämonologischen Konservatismus geprägt, wenn er unverändert an der gängigen Hexenlehre festhielt und an die Wirkmächtigkeit der mit ihr verbundenen Phänomene glaubte. Aber nach der Lektüre seiner Schilderungen sollte jeder Leser für sich erkennen können, dass die aktuelle Prozesspraxis nicht zu halten war. Er wählte für seine Kritik einen ähnlichen Weg wie Spee, indem er eine juristische Revision der Prozesse avisierte, was bei konsequenter Umsetzung das Ende der Hexenprozesse bedeuten musste.

Quellen

Meyfart, Johannes Matthäus, Christliche Erinnerung / An Gewaltige Regenten / vnd Gewissenhaffte Praedicanten / wie das abschewliche Laster der Hexerey mit Ernst außzurotten / aber in Verfolgung desselbigen auff Cantzeln vnd in Gerichtsheusern sehr bescheidentlich zu handeln sey, Schleusingen 1636.

Digitalisiert von der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel, URL: http://diglib.hab.de/drucke/323-5-theol-2/start.htm, abgerufen am 26.02.2013).

Literatur

Gerhard Dünnhaupt, Meyfart. In: Gerhard Dünnhaupt (Hg.), Personalbiographien zu den Drucken des Barock, Stuttgart 1991, Bd. 4, S. 2721–2750.

Christian Hallier, Johann Matthäus Meyfart. Ein Schriftsteller, Pädagoge und Theologe des 17. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1926, Neudr. Neumünster 1982.

Rainer Hambrecht, Johann Matthäus Meyfart (1590–1642), sein Traktat gegen die Hexenprozesse und der Fall Margareta Ramhold, in: Michael Gockel / Volker Wahl (Hg.), Thüringische Forschungen. Festschrift für Hans Eberhardt zum 85. Geburtstag am 25. September 1993, Weimar u. a. 1993, S. 157–179.

Hartmut Lehmann, Johann Matthäus Meyfart warnt hexenverfolgende Obrigkeiten vor dem Jüngsten Gericht, in: Hartmut Lehmann / Otto Ulbricht (Hg.), Vom Unfug des Hexen-Processes (Wolfenbütteler Forschungen 55), Wolfenbüttel 1992, S. 223–229.

Ludolf Pelizaeus, Hintergründe der Entstehung von Meyfarts Kritik an den Hexenprozessen und seine Beeinflussung durch Spee, in: Spee-Jahrbuch 8, Trier 2001, S. 33–62.

Markus Schmid, Eine kritische Stimme zur Hexenverfolgung: Johannes Matthäus Meyfarts Christliche Erinnerung von 1635, in: Skriptum 2, 2012, Nr. 2, [URN: urn:nbn:de:0289-2012110259].

Erich Trunz, Johann Matthäus Meyfart. Theologe und Schriftsteller in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, München 1987.

Empfohlene Zitierweise

Christliche Erinnerung von Johann Matthäus Meyfart. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzol/

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Erstellt: 11.09.2013

Zuletzt geändert: 11.09.2013

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