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Change, der, bzw. Schöffen, die, von Nancy

Lothringen, Herzogtum (Nancy)

Elisabeth Biesel

13.12.99

Das Gericht der Schöffen von Nancy, das bis 1608 im Haus Change an der Place des Dames residierte, entwickelte sich aus dem Gericht der Bailliage de Nancy . Spätestens seit 1345 bestand das Gericht der Schöffen von Nancy unter dem Vorsitz eines Schöffenmeisters. Der Bailli führte den Vorsitz, ohne Einfluß auf die Rechtsprechung auszuüben. Die Rechtsprechung lag in den Händen der Schöffen und des Schöffenmeisters. Zum Gericht gehörte auch ein Gerichtsschreiber (Clercjuré oder Greffier) . Der Procureur général de Lorraine gehörte nicht eigentlich zum Gericht, war aber an der Urteilsfindung beteiligt.

Obwohl die Rolle des Change in lehnsrechtlichen Angelegenheiten zuerst nur beratender Natur war, gelang es dem Herzog im Laufe des 15. Jahrhunderts, mit Hilfe des Schöffengremiums von Nancy die alten Gerichtsbarkeiten des Adels zu reduzieren und viele rechtliche Angelegenheiten, die eigentlich vor die Assisen von Nancy gehörten, an dieses Gericht zu ziehen. Im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts wurden die Kompetenzen der Schöffen von Nancy stark erweitert. Im 16. Jahrhundert gelang es den Schöffen von Nancy, unterstützt von der herzoglichen Politik, sich Teile der grundherrlichen Gerichtsbarkeit anzueignen und weitere Kompetenzen der Assisen ganz an sich zu ziehen.

Eine Verordnung von Herzog Anthoine vom 12./13. Dezember 1519 legte fest, daß in Strafrechtsverfahren die zuständigen Hochgerichte, sowohl der Change in Nancy als auch die übrigen Hochgerichte, souverän und in letzter Instanz urteilen durften; eine Appellation wurde nicht zugelassen. Diese Verordnung hätte in der Folge zu einer Stärkung der verschiedenen nichtlandesherrlichen Hochgerichte führen müssen. Auf der anderen Seite förderten jedoch die lothringischen Herzöge die bereits im 16. Jahrhundert stark verbreitete Sitte der Aktenversendung der Gerichte, auch der Hochgerichte, an den Herzog, den Conseil ducal, einzelne Rechtsgelehrte, die Gerichte der größeren Städte und vor allem an die Schöffen von Nancy. Da dieses Gremium von den Herzögen konsequent mit ausgebildeten Juristen besetzt wurde, bot es sich an, den Change anzurufen, wenn die verschiedenen Hochgerichte juristischen Beistand benötigten.

Die Kompetenzen der Schöffen von Nancy wurden bis zum Ende des 16. Jahrhunderts von den Herzögen so stark erweitert, daß kein Gericht in strafrechtlichen Angelegenheiten ein Verfahren einleiten, die Folter anordnen oder ein Urteil verhängen durfte, ohne zuvor die entsprechenden Avisen der Schöffen eingeholt zu haben. Spätestens mit der Drucklegung der Coutumes générales 1596 war dieser Prozeß abgeschlossen. Ziel des Herzogs war es, ein herzogliches Gericht über die grundherrlichen Hochgerichte zu setzen. Damit wurde in Einklang mit den Coutumes générales die Rechtsprechung vereinheitlicht und zentralisiert. Der Change wurde damit neben den Assisen der Ritterschaft zum höchsten Gericht des Herzogtums und zur Appellationsinstanz für die niederen Gerichte. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts kontrollierte der Change und damit der Herzog die gesamte strafrechtliche Rechtsprechung Lothringens und vereinheitlichte diese im Sinne einer landesherrlichen Jurisdiktion.

Letzlich bleibt die Vermutung, daß der Herzog die groß angelegte Hexenverfolgung nutzte, um die landesherrliche Gerichtsbarkeit gegenüber den konkurrierenden adligen Hochgerichten durchzusetzen, und daß sowohl der Procureur général als auch der Change in Nancy die Hexenverfolgung als Möglichkeit sahen, ihre eigenen Kompetenzen zu erweitern und ihre Vorrangstellung gegenüber den übrigen Hochgerichten durchzusetzen.

Literatur

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Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997.

Jean BOËS (Bearb.): La démonolatrie. Texte établi et traduit à partir de l'édition de 1595. Nancy 1998.

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Étienne DELCAMBRE: Le concept de la sorcellerie dans le duché de Lorraine aux 16e et 17e siècles. 3 Bde., Nancy 1948-1951.

Étienne DELCAMBRE: Les ducs et la noblesse lorraine. In: Annales de l'Est 3, 1952, S. 39-60, 103-119, 191-209.

Jean-Claude DIEDLER: Démons et sorcières en Lorraine. Le bien et le mal dans les communautés rurales de 1550 à 1660. Paris 1996.

Lucien DINTZER: Nicolas Rémy et son œuvre démonologique. Lyon 1936.

Charles et Henri HIEGEL: Le Bailliage d'Allemagne de 1600 à 1632. Bd. 1: L'administration, la justice, les finances et l'organisation militaire. Sarreguemines 1961.

Eva LABOUVIE: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1991.

Laurent LECLERC: Notice sur Nicolas Rémy, Procureur général de Lorraine. In: Mémoire de l'Académie de Stanislas 1868, S. IXL-CXLIII.

Christian PFISTER: Nicolas Rémy et la sorcellerie en Lorraine à la fin du XVIe siècle. In: Revue historique 93, 1907, S. 225-239.

Nicolas RÉMY: [Nicolai Remigii] Dæmonolatria, Oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit wunderlichen Erzehlungen / vieler natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen vermischet. Hamburg 1703.

Charles SADOUL: Essai historique sur les institutions judiciaires des duchés de Lorraine et de Bar. Paris/Nancy 1898.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Benward, Blaisatte (Prozeßopfer) von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Procureur général de Lorraine von Elisabeth Biesel

Rémy, Nicolas (Dämonologe u. Procureur général de Lorraine) von Elisabeth Biesel

 

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Change / Schöffen (Nancy). Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzok/

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Erstellt: 19.01.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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