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Castro, Alfonso de

Harald Maihold

27. August 2013

* 1492/95 in Zamora, † 11.02.1558 in Brüssel; Franziskaner, Theologieprofessor in Salamanca, Häresie- und Strafrechtstheoretiker

Kurzbiografie

Alfonso de Castro trat im Alter von 15 Jahren in den Orden der Franziskaner ein. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie an der damals neu gegründeten Universität von Alcalá de Henares wurde er Professor an der Universität von Salamanca, wo er neben seinem Ordensbruder Luis Carvajal (ca. 1500-nach 1548) und den Dominikanern Francisco de Vitoria (1486-1546) und Domingo de Soto (1494-1560) die spätscholastische, an Aristoteles und Thomas von Aquin orientierte Theologie begründete. Castro verfügte aber auch über gute Kenntnisse im römischen und kanonischen Recht sowie in der Medizin.


Abb. 1 Master Bradford and two Spanish Friers

 

Am 25. Februar 1555 besuchten Alfonso de Castro (Mitte) und Bartolomé de Carranza (1503-1576, Erzbischof von Toledo und Beichtvater der Queen, rechts im Bild), den englischen Protestanten John Bradford (1510-1555) im Tower of London. Links im Bild steht ein Wächter („Tailor“, in anderen Drucken als „Goaler“ bezeichnet). Die Unterhaltung, die sich vor allem um die von Bradford verworfene Transsubstantationslehre drehte, ist von dem calvinistischen Chronisten John Foxe in seiner Märtyrergeschichte Englands wörtlich wiedergegeben und bildlich darstellt worden: John Foxe, Acts and Monuments … of the Church, London 1563, book 5, S. 1209.


Als Beichtvater, Hofprediger und Diplomat der spanischen Könige Karl I. (Kaiser Karl V.) und Philipp. II. und durch sein Engagement auf dem Konzil von Trient 1545-47 (als Begleiter Kardinal Grennis) und 1551-52 wurde Castro zum Verfechter der spanisch-kaiserlichen Interessen und des katholischen Glaubens gegen die Lutheraner. 1553/54 begleitete er Philipp II. zu dessen Hochzeit mit Maria I. Tudor nach England, wo er die Verfolgung der englischen Protestanten miterlebte. Castro setzte sich für deren Bekehrung ein und verurteilte die Hinrichtungen. In seinen letzten Lebensjahren wirkte er als Prediger in Flandern. Seine Verdienste würdigte Philipp II. Ende 1557 mit der Ernennung Castros zum Erzbischof von Santiago de Compostela. Castro verstarb vor Erhalt der Urkunden.

Werk

1. Überblick

In seinen Werken widmet sich Castro der Verteidigung des katholischen Glaubens gegen die Häretiker. Über die Beschäftigung mit der Häresie gelangt Castro zum Strafrecht. Gegenüber der praktisch orientierten Strafrechtsliteratur seiner Zeit betont Castro die Notwendigkeit einer klaren Begriffsbildung. Sein von der Beichttheologie geprägter, streng auf die vergangene Schuld bezogener Begriff der Strafe trug erheblich zur Ausdifferenzierung des Strafrechts bei. Sein punitiver Ansatz begründete aber auch seinen Ruf als „Geißel der Ketzer“ (flagellum haereticorum). In der spanischen Literatur schon des frühen 20. Jahrhunderts gilt Castro daher als Begründer des Strafrechts, während er außerhalb Spaniens noch heute weitgehend unbekannt ist.

Castros 1534 erschienenes Erstlingswerk, Adversus omnes haereses, das den Titel einer pseudo-tertullianischen Schrift aus dem 3. Jahrhundert aufgreift und in Form einer alphabetisch sortierten Enzyklopädie über 400 häretische Irrlehren und Argumente behandelt, war eine wichtige Referenz der katholischen Restauration und wurde noch 1712 ins Französische übersetzt. Mit dem 1547 in Salamanca erschienenen und Karl V. gewidmeten Werk De iusta hereticorum punitione folgte eine ausführliche Darstellung der Strafen der Häretiker, in der Castro mit theologischen und juristischen Grundsätzen die gerechte Mitte zwischen pharisäischer Verdammung und feiger Duldung, zwischen Bekehrung und Bestrafung hartnäckiger Häretiker zu bestimmen versucht. Dabei streift er auch die Frage nach den sozio-religiösen Ursachen der Häresie. Als Castros strafrechtliches Hauptwerk gilt das 1550 in Salamanca veröffentlichte De potestate legis poenalis, in dem sich Castro eingehend systematisch mit dem Begriff des Strafgesetzes, mit der Natur und den Zwecken der Strafe und mit dem Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe auseinandersetzt. Castro entwickelt darin nicht nur das strafrechtliche Analogieverbot und den Grundsatz einschränkender Auslegung, sondern spitzt den Begriff der Strafe in der ihm eigenen Radikalität ganz auf die Schuldstrafe zu und stattet ihn erstmals mit einem sittlichen Tadel aus.

Neben diesen drei Hauptwerken ist noch eine 30 Seiten umfassende Schrift zur Zauberei und Hexerei mit dem Titel De sortilegiis et maleficiis eorumque punitione, Lyon 1558, bekannt. An der Autorschaft Castros sind zwar Zweifel angemeldet und das Werk stattdessen Cristobal de Castro zugeordnet worden (Castillo Hernández 1941, S. 35), doch diese Verwechslung ist, wenn sie stimmt, sehr alt. Die Ausgaben des 16. und 17. Jahrhunderts nennen Alfonso de Castro als den Verfasser, und in der Schrift werden auch die anderen Werke Castros als eigene zitiert.

2. Strafbegriff und Strafgesetz

Die Strafe (poena) definiert Castro als ein „Leiden, das dem ihm Unterworfenen einen Schaden zufügt und das wegen einer eigenen vergangenen Sünde auferlegt wird“ (Castro 1550, lib. 1, cap. 3, fol. 15r). Durch die Bestimmung als Leiden wird die Strafe von aktiven Satisfaktionsleistungen, durch die Bestimmung als Schaden von „nützlichen“ bzw. „medizinischen“ Sanktionen und durch den Bezug auf eine eigene Sünde von anderen, schuldunabhängigen „Übeln“ (afflictiones) abgegrenzt. Solche „unechten“ Strafen dürfen Castro zufolge nicht mit dem Begriff der „echten“ Strafe vermengt werden. Den Zweck der Strafe erblickt Castro entgegen den Präventionslehren der zeitgenössischen Juristen in der Wiederherstellung der durch die Sünde verkehrten göttlichen, politischen und vernünftigen Ordnung. Das irdische Gericht solle dabei der göttlichen Gerechtigkeit nacheifern (Maihold 2005, S. 181ff.).

Castros theologisch aufgeladener Begriff der Sündenstrafe setzte unter die in der Kanonistik geführten Diskussionen um Ausnahmen vom Schuldprinzip einen vorläufigen Schlussstrich. Die Weiheuntauglichkeit (Irregularität) wegen körperlicher Fehler und die Erstreckung des Lokalinterdikts auf unschuldige Bürger fallen nicht mehr unter Castros Strafbegriff. Auch die Erstreckung von Strafsanktionen auf unschuldige Nachkommen der Häretiker bedeute nur für den Vater, nicht aber für die Söhne eine „echte“ Strafe. Die göttlichen Strafgerichte über ganze Familien, von denen die Bibel berichtet, seien als auf geheimen Gründen beruhende Urteile der Nachahmung durch irdische Gerichte entzogen. Die Furcht vor einer Nachahmung der Sünde durch die Söhne könne allerdings Grund für präventive Sanktionen sein. Dabei spielten auch biologische Überlegungen über die Übertragung des infizierten Blutes eine Rolle, die nach Castro jedoch nur eine widerlegliche Vermutung für die Nachahmung begründeten und ihn keinesfalls in die Nähe einer rassistischen Ideologie der Blutreinheit (limpienza de sangre) rücken (Castro 1547, lib. 2, cap. 9, 10, 11, 26; Maihold 2005, S. 296ff.; anders Müller 2001, S. 347).

Parallel zur Einengung des Strafbegriffs auf die Sündenstrafe wird die Strafe von Alfonso de Castro und seinen Anhängern mit einem ethischen Tadel ausgestattet. In den theologischen Texten äußert sich das in der Feststellung, dass das Strafgesetz den Täter nicht nur zur Leistung der Strafe verpflichten (obligatio ad poenam), sondern auch „zur Schuld binden“ (obligatio ad culpam) könne. Schuld ist also nicht nur eine Voraussetzung, sondern auch eine Folge der Strafe: Wer ein Strafgesetz übertritt, lädt eine Sünde auf sich. Gemeint ist damit eine subjektive Befindlichkeit, ein Sich-schuldig-Fühlen des Sünders. Diese Schuldbindung besteht nach Ansicht der Theologen nicht nur bei eindeutig moralischen Strafgesetzen, die die Verpflichtung zur Schuld ausdrücklich anordnen (z. B. die Bestimmungen über die Exkommunikation), sondern auch bei sogenannten gemischten Strafgesetzen (leges mixtae), die an die Übertretung einer Norm eine Strafdrohung knüpfen, ohne die Verpflichtung zur Schuld ausdrücklich anzuordnen. Nach Ansicht der Theologen ergibt sich die Schuldbindung hier bereits aus der Strafdrohung, die vom Untertanen Gehorsam verlangt. Strafgesetze verpflichten zur Schuld, nicht weil sie Strafgesetze, sondern weil sie moralische Gesetze sind. Anders sieht es bei Gesetzen aus, die Alfonso de Castro und seine Nachfolger als reine Strafgesetze (leges pure poenales) bezeichnen, obwohl dies der neuen Terminologie von der Strafe eigentlich widerspricht. Ein reines Strafgesetz verbietet nicht, sondern es gestattet, es droht keine „echte“ Strafe an, sondern bestimmt lediglich ein Entgelt, das für die im Gesetz bezeichnete Handlung, beispielsweise die Einfuhr von Getreide, bezahlt werden muss. So bilden die sogenannten leges pure poenales einen seltsamen Fremdkörper in der Straflehre der Theologen, ein Relikt aus der Zeit des weiten Strafbegriffs (Maihold 2005, S. 195ff.).

Die Schuldverstrickung des Strafgesetzes bedeutet also zunächst, dass der Täter mit der Begehung des Verbrechens eine Sünde auf sich lädt. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob der Täter auch unabhängig von einem richterlichen Urteil vor seinem Gewissen zur Schuld gebunden werden kann. Alfonso de Castro scheint diese Frage im Hinblick auf die kirchlichen Strafen zu bejahen, die einen Eintritt von Rechts wegen (ipso iure) anordnen, was namentlich bei der Exkommunikation der Fall war. Dies kann als Reaktion auf die Betonung des Gewissens durch die Protestanten verstanden werden, als Versuch, die sich auf das Gewissen berufende religiöse Devianz der Häretiker mit der Autorität des Strafgesetzes in den kirchlichen Gehorsam zurückzuführen. Die herrschende Ansicht unter Theologen und Kanonisten bis zum Ende des 16. Jahrhunderts stand einer Gewissenspflicht zum Selbstvollzug der Strafe jedoch sehr kritisch gegenüber. Der Täter sei zwar im Gewissen verpflichtet, das Strafleiden zu dulden. Vom Täter zu verlangen, die Strafe aktiv an sich selbst zu vollstrecken, sei jedoch mit dem Charakter der Strafe als Leiden nicht vereinbar und sogar „inhuman“, weil es dem naturrechtlichen Grundsatz widerspräche, dass niemand verpflichtet sei, sich selbst anzuklagen oder zu richten (Maihold 2005, S. 197ff.; Lavenia 2004, S. 183ff.).

Die Feststellung der Schuldbindung des Strafgesetzes war eine wichtige Weichenstellung für den ethischen Tadel, den das moderne Strafrecht an den Täter richtet. Danach will das Strafgesetz nicht nur die objektive Abgeltung der Schuld durch die Strafe, sondern ebenfalls eine subjektive Befindlichkeit des Täters, Einsicht seiner Schuld, auslösen, die eine Kommunikation mit dem Täter als moralische Person bezweckt. Wenn dabei eine Duldungspflicht im Gewissen auch vor respektive ohne eine Verurteilung angenommen wird, zeigt dies deutlich, dass nicht erst die Verurteilung, sondern bereits die Strafdrohung diesen sittlichen Makel impliziert.

Auch der Begriff des Strafgesetzes wird von Castro auf die Schuldstrafe bezogen. Das menschliche Strafgesetz verdient erst die Bezeichnung als Strafgesetz, wenn es nicht nur zur Strafe, sondern auch zur Schuld verpflichtet (Castro 1550, lib. 1, cap. 3). An die Bestimmtheit des Gesetzes stellt Castro zwar noch keine gesteigerten Anforderungen, vielmehr könne das Gesetz die Schätzung der Strafe dem Gericht oder sogar, wie die Statuten der Bettelorden, dem Verurteilten überlassen. Die vom Gesetzgeber gewählte Formulierung ist jedoch bindend. Castro befürwortet insofern eine einschränkende Auslegung des Strafgesetzes und kennt auch das Analogieverbot (Castro 1550, lib. 1, cap. 7, doc. 3).

3. Irrtumslehre

Die systematische Unterscheidungskraft Castros zeigt sich besonders in der Irrtumslehre. Castro unterscheidet fünf verschiedene Arten des Irrtums: (1.) nach der Vorstellung des Irrenden: Nichtwissen / Falschwissen, (2.) nach der Art, wie er dem Irrenden zustoßen kann: hartnäckiger / lässiger Irrtum, (3.) nach dem Objekt: Tatsachen- / Rechtsirrtum, (4.) nach der Verpflichtung zur Kenntnis: vermeidbarer / unvermeidbarer Irrtum und (5.) nach dem Bezug zum Werk des Irrenden: ursächlicher / begleitender Irrtum.

Der Tatsachenirrtum entschuldige nur, soweit er unvermeidbar sei. Der Irrtum selbst sei dann zwar keine Sünde, wohl aber die fahrlässige Handlung, die ihn verursachte. Beim Rechtsirrtum unterscheidet Castro weiter: Die Regel, wonach der Rechtsirrtum nicht entschuldige („Ignorantia facti, non iuris excusat“, Liber Sextus 5, 12, 13), gelte nur für das ordentliche Gericht, nicht für das forum internum. Es komme dann auf die Rechtsquelle an. Ein Irrtum über das Naturrecht, das jedem Menschen ins Herz geschrieben sei, sei niemals beachtlich. Für das positive göttliche Recht vertritt Castro dagegen einen nominalistischen Standpunkt: Da seine Offenbarung von Gottes Willen abhänge, könne es geschehen, dass jemand trotz Anstrengung aller Geistesgaben nicht zur Rechtskenntnis vordringe und ihm sein Irrtum vor Gott nicht zugerechnet werde. Bei Irrtümern über menschliche Gesetze sei danach zu fragen, ob der Irrende das Gesetz kennen musste. Prinzipiell müsse jeder nur das wissen, was seinem Stand gebühre, d. h. was zur Ausübung des von ihm Erwarteten notwendig sei. Nur die universalen Gesetze, die jedermann zur Sünde verpflichteten, müsse jedermann kennen. Gesetze über bestimmte Verträge beispielsweise müsse nur kennen, wer sich dieser Geschäfte bediene. Von den gesetzlichen „Strafen“, die nicht für eine Schuld, sondern wegen eines anderen Grundes auferlegt würden, vermöge allerdings kein Irrtum zu befreien, da sie Wissen und Wollen nicht voraussetzten (Castro 1550, lib. 2, cap. 14).

4. Häresie und Zauberei

Das Häresiedelikt definiert Castro als „die falsche bestimmte Äußerung oder Vorstellung, die dem katholischen Glauben derart widerspricht, dass sie mit ihm zusammen nicht sein kann“ (Castro 1547, lib. 1, cap. 1; Müller 2001, S. 337ff.). Die Häresie besteht folglich nicht in einer äußeren Handlung, sondern (zunächst) ganz subjektiv in einem Irrtum des Intellekts, wenngleich die äußere Handlung oftmals den Verdacht der Häresie und damit das Tätigwerden der Inquisitionsbehörden begründet. Das Verbrechen wird mit der Sünde identifiziert. Die Unkenntnis der katholischen Glaubenslehre entschuldigt die Häresie, zur strafwürdigen Tat erwächst der Irrtum aber, wenn er gegenüber der kirchlichen Autorität hartnäckig vertreten wird. Neben die Willensschuld treten damit utilitaristische Erwägungen, die auf die Beseitigung der Gefahr abzielen, die von den Häretikern und ihren falschen Lehren für das christliche Fundament der Gesellschaft ausgeht. Castro hat dabei vor allem die Lutheraner im Blick, die seiner Ansicht nach viele bereits verschwunden geglaubte Häresien wieder aufleben ließen und die vor allem durch die nachlässige Verfolgung der deutschen Fürsten die Einheit des katholischen Glaubens zerstört hätten (Castro 1547, lib. 2, cap. 3).

In diesem Zusammenhang steht auch Castros kleines Traktat über die Zauberer, De impia sortilegarum, Maleficarum, & Lamiarum haeresi, earumque punitione (Lyon 1568), in dem er sich mit der Gleichstellung von Magie, Zauberei und Hexerei mit der Häresie beschäftigt und zu differenzierten Entscheidungen kommt. Castro zufolge ist die Zauberei der Häresie gleichzustellen und wie diese mit dem Feuertod zu bestrafen, insofern dem Magier ein Pakt mit dem Dämon vorgeworfen wird. Ein solcher widerspricht dem katholischen Glauben, da der Magier den Dämon und nicht Christus anbetet und ihm die Macht über seinen Willen anbietet. Von der häretischen Zauberei weiß Castro aber Fälle zu unterscheiden, in denen der Magier beispielsweise die christlichen Sakramente für seine Zwecke missbrauchen will, was die Anerkennung dieser Sakramente voraussetzt und daher keine Häresie darstellt.

Hinsichtlich der Realität des Hexenwesens versucht Castro, die offenbar aus der Prozesspraxis kommenden Erkenntnisse über eine neuartige Hexensekte mit der zurückhaltenden Tradition des kanonischen Rechts (Canon episcopi) zu vermitteln. Den Transport der Hexen durch Dämonen oder Tiere hält Castro zwar grundsätzlich auch körperlich für möglich, jedoch nicht durch die Luft und in kürzester Zeit. Auch den Teufelscoitus hält er nicht für real, da die Dämonen als reine Geistwesen zum Geschlechtsverkehr nicht in der Lage seien (Castro 1568, cap. 4, S. 213ff.). Ebenso hält er die Verwandlung der Zauberer in Tiere für eine Illusion, weil die Dämonen die gottgegebene Ordnung nicht ändern könnten. Die Strafe der häretischen Zauberei ist dabei von der Realität der Dämonenwerke unabhängig, denn aufgrund des subjektiven Verbrechensbegriffs ist gleichwohl der auf den Schaden gerichtete böse Wille mit der ordentlichen Strafe des Feuertodes zu bestrafen.

5. Fazit

Die praktische sowie theoretische Auseinandersetzung mit den Häretikern, ihren Lehren und der Frage ihrer Behandlung durch die Kirche machte Castro zum führenden Strafrechtssystematiker des 16. Jahrhunderts. Kein anderer spanischer Theologe des 16. Jahrhunderts setzte sich so intensiv mit dem Strafrecht auseinander wie Castro.

Die eigentliche Bedeutung Castros liegt in der neuerlichen Aneignung und Fortentwicklung der Straftheologie Thomas von Aquins. Das gelehrte Strafrecht des 16. Jahrhundert, wie es die am römisch-kanonischen Recht ausgebildeten Juristen betrieben, war sehr praxisbezogen, kasuistisch und an die Gesetzestexte und juristischen Lehrmeinungen des Mittelalters gebunden. Symptomatisch für diesen Zustand war die Lehre von einer „Strafe für fremde Schuld“, die, im 13. Jahrhundert von Raymundus de Peniaforte (nach 1180-1275), dem Schöpfer des Liber Extra, entwickelt und von den Glossatoren tradiert, noch Anfang des 16. Jahrhunderts zu langen Fallkatalogen geführt hatte (Maihold 2005, S. 109ff.). Castro gelang es, die Widersprüche dieser Doktrin durch eine systematische Begriffsbildung aufzulösen, indem er den Ansatz Thomas von Aquins von der Sündenstrafe aufgriff und das Strafrecht von anderen Rechtsmaterien emanzipierte. Die Folge war nicht allein eine Legitimation hoheitlichen Strafens, sondern vor allem eine systematische Praxiskritik, die lange vor der Aufklärung das überkommene Strafrecht rationalisierte.

Castro hatte einen erheblichen Einfluss auf die Theologen und Kanonisten und auch auf manche Legisten seiner Zeit, etwa auf Domingo de Soto (1494-1560), Martín de Azpilcueta (1493-1586), Diego de Covarrubias y Leyva (1512-1577) und Fernando Vázquez de Menchaca (1512-1566). Über sie gelangte der theologische Strafbegriff in die deutsche Natur- und Strafrechtslehre des 17. Jahrhunderts (Maihold 2005, S. 210ff., 228ff.).

Ausgaben vor 1800

Adversus omnes haereses libri XIV, Paris 1534, [Ausgabe bei Google Buchsuche, Paris 1541].

De iusta haereticorum punitione libri tres, Salamanca 1547, [Ausgabe bei Google Buchsuche].

De potestate legis poenalis libri duo, Salamanca 1550, [Ausgabe bei Google Buchsuche] Nachdruck Madrid 1961.

De impia sortilegarum, Maleficarum, & Lamiarum haeresi, earumque punitione Opusculum, Lyon 1568, enthalten in Claude Bourgeat (Hg.), Mallei Maleficarum Tractatvs aliqvot novi ac veteres ... tom. II, pars II, Lugduni 1669, S. 188-219 [Ausgabe bei Google Buchsuche] (Text VII).

Opera omnia, 4 Bände, Paris 1565.

Literatur

Eloy Bullón y Fernández, Alfonso de Castro y la ciencia penal, Madrid 1900.

Santiago Castillo Hernández, Alfonso de Castro y el problema de las leyes penales, o, la obligatoriedad moral de las leyes humanas, Salamanca 1941.

Manuel de Castro, Fr. Alfonso de Castro, O.F.M. (1495-1558), consejero de Carlos V y Felipe II, in: Salmanticensis 6, 1958, S. 281-322.

Odilo Gómez Parente (Hg.), Hacia el cuarto centenario de Fray Alfonso de Castro, fundador del derecho penal (1558-1958), Madrid 1958.

Vincenzo Lavenia, L’infamia e il perdono. Tributi, pene e confessione nella teologia morale della prima età moderna, Bologna 2004.

Harald Maihold, Strafe für fremde Schuld? Die Systematisierung des Strafbegriffs in der Spanischen Spätscholastik und Naturrechtslehre, Köln/Weimar/Wien 2005.

Harald Maihold, Systematiker der Häresien – Erinnerung an Alphonso de Castro (1492-1558), in: Zeitschrift für Rechtsgeschichte, Kan. Abt. 118, 2001, S. 523-530.

Daniela Müller, Ketzerei und Ketzerbestrafung im Werk des Alfonso de Castro, in: Frank Grunert / Kurt Seelmann (Hg.), Die Ordnung der Praxis. Neue Studien zur Spanischen Spätscholastik, Tübingen 2001, S. 333-347.

José María Navarrete Urieta, Alfonso de Castro y la ley penal, in: Revista de la Escuela de Estudios Penitenciarios 141, Madrid 1959, S. 1405-1415.

Marcelino Rodríguez Molinero, Origen español de la ciencia del Derecho penal, Alfonso de Castro y su sistema penal, Madrid 1959.

Empfohlene Zitierweise

Maihold, Harald: Castro, Alfonso de. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzoi/

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Erstellt: 23.08.2013

Zuletzt geändert: 23.09.2014

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