A-G

Bleijenbergh, Willem van

Wiep van Bunge

(Übersetzung von Johannes Peisker)

10. Dezember 2012

* 1632 in Dordrecht, † 11. Mai 1696 in Dordrecht; niederländischer Getreidehändler; Amateurtheologe und -philosoph; Unterstützer des Cartesianismus und Bewunderer des Leidener Theologieprofessors Abraham Heidanus (1597-1678); Briefpartner und Kritiker Spinozas (1632-1677), ebenfalls kritisch gegenüber Balthasar Bekker (1634-1698).

Kurzbiografie

Willem van Bleijenbergh (Bleyenbergh, Blijenbergh, Blyenbergh, etc.) war ein wohlhabender Getreidehändler des 17. Jahrhunderts, der sein gesamtes Leben in der Stadt Dordrecht verbrachte, in der er ein prominentes Mitglied der örtlichen Kulturelite gewesen zu sein scheint. Heute ist er vor allem aus vier Gründen bekannt. Erstens initiierte er im Dezember 1664 einen kurzen, jedoch wichtigen Briefwechsel mit Benedict de Spinoza. Er hatte den Philosophen zwar nie getroffen, dessen Debüt zu Descartes‘ Prinzipien der Philosophie (1663) jedoch genau studiert. Van Bleijenbergh scheint Spinozas Arbeit bewundert zu haben, zeigte sich von Spinozas Betonung der Universalität von Gottes Kausalpräsenz beunruhigt: War Gott für die Erscheinungen des Bösen ebenfalls verantwortlich zu machen? Und wie beurteilte Spinoza die Autorität der Bibel? Obwohl Spinoza anfangs ernsthaft versuchte, seine Ansichten zu erklären (die selbstverständlich erst posthum mit der Veröffentlichung der Ethik 1677 Allgemeingut wurden), wuchs seine Gereiztheit gegenüber seinem Korrespondenten und er beendete schließlich den Schriftverkehr.

Zweitens verfasste Van Bleijenbergh 1666 eine scharfe Attacke gegen das, was er als grassierende sozianistische Neigungen unter den Mitgliedern, besonders der Utrechter, Mennonitengemeinde ansah. Ein entfernter Verwandter von ihm, der mennonitische Arzt Jacob Ostens (ca. 1630-1678), der zufällig auch ein Briefpartner von Spinoza war, hatte eine Reihe anonymer Abhandlungen geschrieben, die gemäß Van Bleijenbergh zeigten, dass einige Mennoniten, inklusive Ostens, begannen, sozianistische Sympathien zu hegen. Als ein entschiedener Verteidiger der niederländisch-reformierten Kirche dachte Van Bleijenbergh, dass die Proliferation von Sozianismus ebenso wie Arminianismus das protestantische Anliegen ernsthaft bedrohe. Nach Van Bleijenberghs Ansicht ist es der calvinistische Leidener Theologieprofessor Abraham Heidanus gewesen, der wohl Arminianismus und Sozianismus ‚zerstört‘ hatte. Gemäß Van Bleijenbergh hatte Heidanus ebenfalls gezeigt, wie reformierte Orthodoxie mit der von Descartes hervorgebrachten philosophischen Innovation versöhnt werden konnte, folglich könnte Van Bleijenbergh nicht beschuldigt werden, sich intellektueller Erneuerung als solcher zu verweigern.

Drittens schrieb Van Bleijenbergh zwei sehr detaillierte Anfechtungen sowohl des Tractatus theologico-politicus (1670) als auch der Ethik (1677). Diese Bemühungen folgten offensichtlich seiner Unzufriedenheit mit Spinoza, welcher erfolglos versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, dass er die christliche Orthodoxie nicht schlechtzumachen versuchte. Diese Bücher sind dahingehend von Interesse, dass sie ein ausgeprägtes Bewusstsein seitens Van Bleijenberghs bezüglich der Quellen von Spinozas Denken offenbaren. Er war einer der ersten Kritiker des niederländischen Philosophen, der in erheblichem Detail auf die Schriften von Maimonides und Hobbes hinweist. Er beachtete ebenfalls die Affinitäten, die Spinozas Schriften mit denen anderer niederländischer Freidenker wie Lodewijk Meyer (1629-1682) und Adriaan Koerbagh (1632-1669) aufwiesen. Laut Van Bleijenbergh zeigte der Tractatus deutlich, dass Spinoza ein Atheist war. Selbst ohne irgendeinen Teil der Ethik gelesen zu haben, gelangte er zu der Schlussfolgerung, dass Spinoza Gott mit Natur identifizierte. Nach Van Bleijenbergh lief dies eindeutig auf Atheismus hinaus. Weiterhin betrachtete er Spinozas Trennung von Philosophie und Theologie, und damit den Versuch jede Disziplin in ihrem eigenen Geltungsbereich zu belassen, als listigen Kniff. In Wirklichkeit, behauptete Van Bleijenbergh, sah Spinoza die Philosophie als die alleinige Quelle der Wahrheit an, und die Art, in der er mit der Bibel umging, lies ebenfalls keinen Zweifel aufkommen: Spinoza war offensichtlich nicht bereit, dem Wort Gottes irgendeine Autorität zuzuschreiben.

Teufelsglauben

Schließlich spielte Van Bleijenbergh, neben der Kritik an Sozinianern und Spinoza, ebenfalls eine geringfügige Rolle in den Auseinandersetzungen um Balthasar Bekkers "De betoverde Weereld" (1691-1693). Dieser calvinistische Geistliche aus Amsterdam hatte seinen bekannten Angriff auf den Teufelsglauben mit der Kritik an der Möglichkeit satanischer Interventionsmöglichkeiten verknüpft. Sah Bekker schon in der exegetischen Auslegung der Bibel einen engen Handlungsspielraum für den Teufel gegeben, war eine direkte Beeinflussung der realen Welt durch den Teufel aus metaphysischen Gründen unmöglich. Nach Bekker war der Teufel als reiner ‚Geist‘ schlichtweg unfähig, andere geistige Entitäten, geschweige denn Körper, zu affektieren. Bekker hatte seine Analyse auf eine sehr lockere Anwendung des hermeneutischen Prinzips der Akkommodation und cartesianischen Dualismus aufgebaut: einerseits betonte er die Notwendigkeit, hinter die Buchstaben des Bibeltextes zu blicken, andererseits argumentierte er, keine ‚denkende‘ Substanz könne eine ‚ausgedehnte‘ beeinflussen. Der Publikation der ersten beiden Teile von "De betoverde Weereld" 1691 folgte eine gewaltige Debatte, die beinahe 300 Bücher und Flugblätter zu den von Bekker aufgeworfenen Themen hervorbrachte, und besonders in Deutschland sollte die Übersetzung von 1693 mit dem Titel "Die bezauberte Welt" noch bis weit ins 18. Jahrhundert hinein Aufmerksamkeit erregen. In der niederländischen Republik sollte der Amsterdamer ‚Dominee‘ sogar von seinem Posten abgesetzt werden, und obwohl er weithin als ein sehr fähiger Geistlicher und bedeutungsvoller Gelehrter respektiert wurde, führte seine Kompromisslosigkeit gegenüber der reformierten Synode zu seiner beinahe vollständigen Isolation.

Offenbar hatte Van Bleijenbergh den Amateurphilosophen Willem Deurhoff (1650-1717) schon länger gekannt, als beide einen Briefwechsel über Bekkers Vorschläge begannen. In diesem Austausch mit Deurhoff nahm Van Bleijenbergh bezüglich der Existenz ausgedehnter und denkender Wesen eine cartesianische Position ein und erklärte, dass der Mensch aus einer speziellen Kombination von Körper und Geist bestehe: Obwohl die beiden Wesenheiten tatsächlich zu unterschiedlichen Substanzen gehören, argumentierte Van Bleijenbergh, ‚empfängt‘ der Geist Gedanken vom Körper. Zugleich ist es ersterem ebenfalls möglich ist, den Körper vermöge des ‚Willens‘ zu ‚bewegen‘. Gleichermaßen sei, fuhr Van Bleijenbergh fort, eine Menschenseele, ein Engel oder ein Teufel in der Lage, den Geist ebenso wie den Körper zu ‚bearbeiten‘. Folglich wies Van Bleijenbergh Bekkers Behauptungen im entgegengesetzten Sinne zurück und untermauerte diese Position, indem er Johannes 8, 44 über den Teufel als ‚Mörder des Menschen‘ anführte wie auch auf Moses‘ Ansichten über den Teufel als Verführer Evas hinwies. Nach Van Bleijenbergh macht sich der Teufel sekundäre Ursachen wie etwa den Körper einer Schlange zunutze, um den Menschen zu korrumpieren. Offensichtlich nahm er an, dass es keine metaphysischen Hindernisse für den Teufel gäbe, Chaos und Verwüstung anzurichten.

Abschließend scheint es so, dass Van Bleijenberghs Interesse nicht so sehr in dem liegt, was er tatsächlich schrieb. Obschon seine Beobachtungen bisweilen scharfsinnig scheinen, sind seine Ansichten insgesamt eher konfus. Was ihn zu einer faszinierenden Figur macht, ist der Umstand, dass er als Amateur nicht davor zurückschreckte, sich an einer Vielzahl theologischer und philosophischer Debatten zu beteiligen. Dieses Verhalten zeigt das Ausmaß der öffentlichen Teilhabe an der Auseinandersetzung um den Cartesianismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, zumal Van Bleijenberghs auch auf Niederländisch publizierte. Trotz seiner moderaten Haltung in der Philosophie bestätigt der Eifer, mit dem er sowohl Spinozas wie auch Descartes Auffassungen diskutierte, die Emanzipation der Disziplin in der niederländischen Republik. Es hat den Anschein, dass der Durchbruch des Cartesianismus maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt war: Von den 1650er Jahren an machten sich viele Niederländer, manche von ihnen ohne jedwede formale Ausbildung, daran, eine verwirrende Vielfalt metaphysischer Themen zu diskutieren, darunter die Natur des Bösen ebenso wie das Wesen des Geistes und dessen Verhältnis zum Körper. Van Bleijenberghs Werk verdeutlicht ebenfalls, dass Sympathie für die ‚neue‘ Philosophie Descartes‘ keineswegs die Anhängerschaft zu irgendeiner Art philosophischen oder theologischen Radikalismus bedeutet.

Ausgaben vor 1800

Balthasar Bekker, De betoverde Weereld, 4 vols., Amsterdam 1691-93.

Willem Van Bleijenbergh, Sociniaensche Ziel Onder een Mennonitisch Kleedt, Utrecht 1666.

Willem Van Bleijenbergh, De Kennisse Godts en en Godtsdienst. Beweert tegen d’Uytvluchten der Atheisten, Leiden-Amsterdam 1671, 2nd ed.

Willem Van Bleijenbergh, De Waerheydt van de Christelijke Godts-Dienst en de Authoriteit der H. Schriften. Of een Wederlegginge van dat Godt-Lasterlijcke Boeck, genoemt Tractatus Theologico-Politicus, Leiden, 1674)

Willem Van Bleijenbergh, Wederlegging Van de Ethica of Zede-kunst, Van Benedictus de Spinosa [...] Voornamentlijk ontrent het Wesen ende de Natuur van God en van onse Ziel, Dordrecht 1682.

Willem Van Bleijenbergh, Klaare en beknopte Verhandeling van de natuur en Werkinge der Menschelijke Zielen, Engelen en Duivelen, vervat in gewisselde brieven tusschen de Heer Willem van Blijenbergh en Willem Deurhoff, Amsterdam 1692.

Baruch De Spinoza, Renati Des Cartes Principiorum Philosophiae Pars I & II, Amsterdam 1663.

Baruch De Spinoza, Opera Posthuma, Amsterdam 1677.

Literatur

Wiep Van Bunge, ‘On the Early Dutch Reception of the Tractatus theologico-politicus’, Studia Spinozana 5, 1989, S. 225-51.

Wiep Van Bunge, ‘De Rotterdamse collegiant Jacob Ostens (1630-1678)’, De zeventiende eeuw 6, 1990, S. 65-81.

J.L. Van Dalen, ‘Willem Laurensz. van Blijenbergh’, De Tijdspiegel 2, 1908, S. 344-71.

Gilles Deleuze, Spinoza. Philosophie pratique, Paris 1981.

Andrew C. Fix, Fallen Angels. Balthasar Bekker, Spirit Belief and Confessionalism in the Seventeenth-Century Dutch Republic, Dordrecht, 1999.

Wim Klever, ‘Blijenberghs worsteling met het kwaad en Spinoza’s reactie’, Tijdschrift voor Filosofie 55, 1993, S. 307-29.

Baruch De Spinoza, The Letters, translated by Samuel Shirley. Introduction and Notes by Steven Barbone, Lee Rice, and Jacob Adler, Indianapolis 1995.

Annemarie Nooijen, “Unserm grossen Bekker ein Denkmal?” Balthasar Bekkers Betoverde Weereld in den deutschen Landen zwischen Orthodoxie und Aufklärung, Münster 2009.

Empfohlene Zitierweise

Bunge, Wiep van: Bleijenbergh, Willem van. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfznw/

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Erstellt: 11.12.2012

Zuletzt geändert: 11.12.2012

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