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Bildmagie

Peter Dinzelbacher

Wirkungsweise

Die angenommene Identität einer Person mit einem Abbild, speziell mit einer dreidimensionalen und damit realistischen Statue, das als ihre Repräsentation geschaffen wurde, ist eine der am häufigsten wiederkehrenden Fakten der Religionsgeschichte. Unzählbare Berichte erzählen von Skulpturen griechischer oder römischer Gottheiten, die sich bewegen, schwitzen oder sprechen; von hölzernen Christus- oder Marienstatuen, die weinen, umarmen, reden, etc. Nach dieser (theologisch nicht anerkannten) 'Empsychose' bewohnt die Gottheit tatsächlich ihr Abbild. Im archaischen Gedankengut (das vom alten Ägypten bis zur heutigen Karibik reicht, einige bestimmte Kreise in westlichen Metropolen nicht ausgeschlossen), ist der Gedankengang anders, wenn auch verwandt: Das Abbilden einer lebenden Person begründet eine existentielle Verbindung in Form einer magischen Übereinstimmung zwischen beiden, obwohl die Figur nur ein “Lebens-Symbol” und damit nicht bewohnt ist. Auf dieser Überzeugung beruht verschiedenste schwarze und Liebesmagie; das Abbild (meistens eine Puppe) wird dabei gefoltert, zerstört, oder auf andere Art manipuliert. Dies ist ein Grund dafür, dass primitive Völker es ablehnten, fotografiert zu werden – sie befürchteten, dadurch verzaubert zu werden.

Die mit diesen Abbildern vollzogene Magie war und ist faktisch die effektivste von allen (die Verabreichung giftiger Substanzen ausgenommen). Das 'Geheimnis' ihres Erfolgs liegt in dem Umstand begründet, dass die Person, die gequält, getötet oder liebestoll gemacht werden soll, um die mit seinem 'Alter Ego' vollzogenen Zeremonien wissen muss. Aufgrund dieser Autosuggestion beginnt sie wirklich, die entsprechenden psychosomatischen Erscheinungen zu zeigen; sie beginnt beispielsweise Schmerz genau in dem Körperteil zu spüren, dessen Entsprechung an der Puppe mit einer Nadel traktiert wird. Aus diesem Grund wird die nadelgespickte Puppe für gewöhnlich an einem Ort platziert, an dem das Opfer auf sie stoßen muss, oder der Zauberer lässt es auf die ein oder andere Art wissen, was er seinem künstlichen Doppelgänger angetan hat.

Funktionen von Bildmagie

Es gibt verschiedene fundierte Theorien, die Bildmagie aus der Warte desjenigen erklären wollen, der ein solches Abbild hergestellt hat. Einerseits wird sie als homöopathische Magie aufgefasst – diese setzt die Repräsentation mit dem Repräsentierten gleich und ist damit das Resultat einer falschen Denkweise (Frazer); andererseits wurde der Prozess der Abbild-Herstellung selbst als der springende Punkt angesehen, die 'Genauigkeit' der Wiedergabe fungiert hierbei als Garantie für dessen Lebendigkeit, obwohl hierbei nicht angenommen werden darf, dass die Genauigkeit im lebensnahen Aussehen der Puppen liegt (in Wirklichkeit fallen diese meistens höchst plump aus), sondern in ihrer Namensgebung und ihrem Getauftsein.

Dieser magische Brauch wird auf französisch envoûtement (vom lateinischen invultuatio, 'im Gesicht'), die Puppe auf Deutsch Atzmann ('Mann, der gegessen werden soll') oder Rachepuppe genannt. Im mittelalterlichen und modernen Christentum war es nicht ungewöhnlich, die Puppe auf den Namen des Opfers taufen zu lassen – vorher war sie wirkungslos. Auch konnten Haar oder Nägel des Opfers dem Wachs oder Lehm, die häufig als Material dienten, hinzugefügt werden. In seltenen Fällen kam es vor, dass ein totes Tier oder andere Dinge (Kerzen) den betreffenden Menschen verkörperten. Neben dem Verwunden der Puppe mittels Nadeln oder Nägeln war und ist das Verbrennen eine beliebte Zerstörungsmethode: sei es, um zu morden, sei es, um das kalte Herz einer Geliebten in Liebe entflammen zu lassen. Jedoch kannten Paracelsus und andere Autoren der Frühmoderne ähnliche Vorgehensweisen, die mit der Absicht praktiziert wurden, Menschen von Krankheiten zu heilen.

Bildmagie hat eine lange Geschichte und ist weltweit verbreitet. Das alte Ägypten hinterließ viele einschlägige Quellen, die bis ins Jahr 3830 v. Chr. rückdatiert werden können. In der klassischen Antike lassen sich unter anderem Erwähnungen von bekannten Schriftstellern wie Vergil, Ovid, Horaz und Apuleus finden; Hekate war hierbei die für diese Art von Maleficium zuständige Göttin. Einige durchbohrte antike Statuetten und diverse bleierne Schrifttafeln mit dem Namen und Bild des Opfers sind ausgegraben worden. Während es aus dem Frühmittelalter nur ein paar historisch relativ ungesicherte Fälle gibt, existiert ein dichtes Netz von Belegen für die Zeit ab dem 13. Jahrhundert, als dieser Brauch, wie alle anderen im Bereich der Magie, zusehends als Teil einer Zusammenarbeit mit dem Teufel betrachtet wurde. Es waren jedoch die avignonesischen Päpste, die diesen Brauch in der gesamten westlichen Christenheit bekannt werden ließen. Clemens V. lieferte sich mit Bischof Guichard von Troyes einen Rechtsstreit wegen dessen angeblicher Nutzung von Bildmagie zur Ermordung von Königin Johanna von Navarra; dieser dauerte von 1304 bis zu Troyes' Entlastung 1314 an. Mitglieder des hohen Klerus' wie Bischof Géraud von Cahors und der weltliche Adel, selbst König Ludwig IV. und zwei Visconti, wurden angeklagt, Statuetten verwendet zu haben, um Papst Johannes XXII. umzubringen; der Bischof wurde 1318 verbrannt.

Es war also das 14. Jahrhundert – als sich auch andere Nutzungsweisen von Abbildern verbreiteten (die Hinrichtung von Nachbildungen, Schandbilder, Totenmasken, öffentliche Statuen) und 'crimen magiae' das volle Interesse der Kirchenrechtler auf sich zogen – während dessen Bildmagie in Westeuropa tatsächlich weite Verbreitung erfuhr, wobei Frankreich das Zentrum darstellte, speziell der päpstliche und königliche Hof. Die allgemein stärkere Hexenverfolgung während des Spätmittelalters vervielfachte auch die schriftlichen und gegenständlichen Quellen bezüglich Bildmagie. Ein aus dem 15. oder 16. Jahrhundert stammender 'Atzmann' mit einem Nagel in der Hüfte wird im Bayrischen Nationalmuseum in München aufbewahrt.

Auch in der Frühmoderne scheint Bildmagie oft genutzt zu worden sein, und häufig wurde die Anschuldigung der Verwendung dieser in politischen Prozessen genutzt. Mehrere französische und englische Könige, wie auch ein Kurfürst von Sachsen, scheinen die Ziele solcher Maßnahmen gewesen zu sein oder haben sie selbst gegen Feinde eingesetzt. Auch gewöhnliche Leute, insbesondere Hexen, griffen auf sie zurück, sodass im ein oder anderen Rechtskodex Verbote gefunden werden können, solche Abbilder herzustellen oder zu beschädigen (z.B. Bayern, 1611). In protestantischen Kreisen wurde sogar mit dem Gerücht geliebäugelt, die römischen Jesuiten besäßen ein Wachsbild eines jeden reformierten Prinzen, das sie regelmäßig verfluchen und traktieren würden, um diese Adligen zu töten. Aber katholische Mönche verwendeten dieses Maleficium sogar gegen den Papst selbst; Urban VIII. (1623-1644) wurde zum Ziel einer solchen Intrige; die Verschwörer wurden exekutiert oder endeten als Galeerensklaven.

Wenn man Seabrook und anderen Experten für gegenwärtige Magie glauben darf, trat der Gebrauch von Hexenpuppen noch im 20. Jahrhundert nicht nur unter Drittweltvölkern häufig auf, sondern auch in Städten wie London und Paris.

Formen von Bildmagie

Es gibt jedoch unzählige andere Ausprägungen von Bildmagie, auch wenn diese nur selten erwähnt werden oder erdichtet sind; einige wenige Beispiele sollten genügen: In manchen der mittelalterlichen Versromane über Alexander den Großen setzt der ägyptische König Nektanebos, als er durch eine feindliche Flotte bedroht wird, wächserne Schiffsmodelle und Krieger in ein Wasserbecken, verzaubert diese, und lässt sie entweder den Angreifer bekämpfen oder lässt sie versenken, was dann auch die Zerstörung der feindlichen Kriegsflotte nach sich zieht.

In einem deutschen Totenbeschwörer-Handbuch aus dem 15. Jahrhundert wird eine ausgefeilte Methode des Zähmens wilder Tiere beschrieben, die als gelehrte Tätigkeit auch eine astronomische Komponente beinhaltet: Man muss ein Bild des Tieres gießen, dessen Namen in den Kopf, und auf die Brust den Namen der Stunde und den zugehörigen Planeten ritzen, etc. Nach dem Beräuchern muss das Bild vergraben werden, was einem den Willen des Tieres unterwirft (Kieckhefer S. 178). Diese Fibel führt auch einen besonders anschaulichen Zauber an, mit dem sich Gunst gewinnen lässt: Dazu werden zwei Felsen abgeschliffen; die Gestalten der zwei betreffenden Personen in diese geritzt, ihre jeweiligen Namen eingemeißelt und geschmolzenes Zinn in die Formen gegossen. Dann wird eine kleine Eisenkette an den Hals des Bildes dessen, dessen Gunst man gewinnen möchte, gebunden, deren anderes Ende an der Hand des Zinnzauberers befestigt wird; das Bild des Opfers muss seinen Kopf beugen – und schlussendlich werden beide vergraben. Selbstredend werden sämtliche Zeremonien von vielerlei magischen Formeln und Anrufungen Gottes und des Teufels begleitet (ibid. S. 76-78).

Literatur

Wolfgang Brückner, Der Zauber mit Bildern. In: Magie und Religion (Wege der Forschung 337). Darmstadt: WBG, 1978, S. 404-421.

Peter Eschweiler, Bildzauber im alten Ägypten. Fribourg, 1994.

David Freedberg, The Power of Images. Chicago: Chicago UP, 1989.

Christa Habiger Tuczay, Magie und Magier im Mittelalter. München: Diedrichs, 1992.

Christa Habiger Tuczay, Die Darstellung des populären Zauberwissens in mittelalterlichen literarischen Texten und Gebrauchstexten am Beispiel des Wachspuppenzaubers bzw. Bildzaubers und der Dämonenbeschwörung. In: Harmening, Dieter/Rudolph, A. (Hgg.), Hexenverfolgung in Mecklenburg, Dettelbach: Röll, 1997, S. 247 268.

Richard Kieckhefer, Forbidden Rites. University Park: Pennsylvania State UP, 1997.

Müller-Bergström, Rachepuppe. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens VII. Berlin: de Gruyter, 1936, S. 459-463.

Friedrich Pfister, Bild und Bildzauber. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens I. Berlin: de Gruyter, 1927, S. 1282-1298,

Abel Rigault, Le Procès de Guichard évêque de Troyes. Paris. 1896.

William Seabrook, Witchcraft. Its Power in the World Today. New York: Lancer [orig. 1940], 1968.

Joseph Strayer, The Case of Bishop Guichard of Troyes. In: Angeliki Laiou-Thomadakis, Hg., Charanis Studies. New Brunswik, N.J., 1980, S. 248-260.

Roland Villeneuve, L’Envoûtement. Geneva, 1963.

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Bildmagie. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfznt/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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