A-G

Benward, Blaisatte (Prozeßopfer)

Lothringen, Herzogtum (Dieuze)

Elisabeth Biesel

13.12.99

Ausgelöst wurde die Prozeßwelle des Jahres 1593 in der Stadt Dieuze in erster Linie durch die Behauptung Dietrichs du Fourneau, Sergent des Bailli von Dieuze, und seiner Frau, daß Blaisatte, die Witwe von Jean Banward aus Dieuze, einen ihrer Söhne lahm gemacht, danach durch Massage wieder geheilt und den Tod seines Säuglings verursacht habe. Dieser habe vor seinem Tod gelbe und grüne "Scheußlichkeiten" erbrochen, wobei das Erbrechen von undefinierbarem schwarzem oder grünem Schleim bzw. von Ungeziefer als Indiz für Hexerei oder Besessenheit angesehen wurde. Da Blaisatte bereits 1590/91 von der in Vergaville hingerichteten Blawel aus Guénestroff indirekt besagt worden war, klagte man sie an. Dietrich du Fourneau trat jedoch nicht als privater Kläger in Erscheinung.

Blaisatte war zum Zeitpunkt der Anklage etwa 60 Jahre alt. Sie war die Tochter eines Töpfers, kam nach dessen Tod aber bereits in jungen Jahren als Magd nach Dieuze. Sie diente sechs Jahre lang bei dem Handwerker Jean Banward, bevor sie diesen heiratete. Ihr Mann behandelte sie schlecht und schlug sie häufig. Sie sei lahm geboren worden, sagte sie aus, und ihr Mann habe ihr ein Auge ausgeschlagen. Nach dem Tode ihres Mannes mußte sie - alt, lahm und halbblind - ihren Lebensunterhalt mit Betteln verdienen; sie hatte allerdings ein Zimmer in der Stadt angemietet, so daß sie nicht obdachlos war.

Die Voruntersuchung gegen Blaisatte, in der das Gericht insgesamt 14 Zeugen vorlud und vereidigte, fand am 1. und 3. Juni 1593 statt, wobei Dietrich du Fourneau und seine Frau Mergueritte erst während des zweiten Termins aussagten. Als Blaisatte am 9. Juni zu den von den Zeugen vorgebrachten Anschuldigungen angehört wurde, gestand sie freiwillig die Verführung durch den Teufel, aber keinerlei Schadenzauberdelikte. Vor etwa einem halben Jahr sei ein Mann in Gestalt ihres verstorbenen Gatten vor ihrem Bett erschienen und habe mit ihr geschlafen. Danach habe er ihr eine Börse gegeben, die aber nach seinem Weggang nur Tonscherben enthalten habe. Zuvor habe sie Gott verleugnet. Nach dem Namen dieses Mannes gefragt antwortete sie, er heiße "Federwisch" . Damit gab sich das Gericht nicht zufrieden, sie müsse sich irren. Im weiteren Verlauf des Prozesses änderte sie diese Angabe und blieb dann dabei, daß ihr Teufel "Persinet" heiße. Am darauffolgenden Tag, als Blaisatte im Gefängnis auf ihr Bekenntnis befragt wurde, widerrief sie dieses vollständig. Bei der am 12. Juni stattfindenden Konfrontation stellte man sie nur fünf der 14 Zeugen gegenüber. Sie leugnete weiterhin alle ihr zur Last gelegten Punkte, ebenso wie in der am 14. Juni stattfindenden erneuten Anhörung. Die beiden Avisen vom 19. Juni, die von Barrois, dem Substitut des Procureur général de Lorraine im Amt Dieuze, und den Schöffen von Nancy stammten, ordneten die außerordentliche Folter gegen die 60jährige Frau an. Am Montag, dem 27. Juni 1593, wurde Blaisatte erneut angehört. Ohne daß sie mit der Tortur bedroht worden war, wiederholte sie ihr zuvor gemachtes freiwilliges Geständnis. Auf die Frage des Gerichtes, warum sie in "solches Elend" - gemeint ist ihre Anfälligkeit für die Verführung durch den Teufel - gekommen sei, antwortete sie, ihr Mann habe sie oft geschlagen und Hexe genannt. Obwohl ihr das Gericht darlegte, daß sie sich widerspreche, da sie einmal den Zeitpunkt ihrer Verführung in die Zeit lege, da ihr Mann noch lebte, und ein anderes Mal behaupte, es sei erst ein halbes Jahr her, daß sie mit dem Teufel buhlte, beharrte Blaisatte auf ihrem ersten Bekenntnis. Nachdem der Henker sie einer außerordentlichen Folterung unterworfen hatte, legte Blaisatte ein umfangreiches Geständnis ab.

Nicolas Rémy ordnete in seinem Avis vom 2. Juli an, sie solle, "weil sie mit Hilfe von schändlichen Pulvern und Tränken nicht nur Tiere, sondern auch zwei Kinder getötet habe", lebendig verbrannt werden. Vor ihrer Exekution solle das Gericht sie noch mit ihren Komplizen konfrontieren. Die Schöffen von Nancy, deren Avis ebenfalls vom 2. Juli stammte, waren anderer Meinung. Sie verlangten eine erneute Anwendung der Folter, und nur wenn sie bei ihrem Geständnis bleibe, dann solle man sie tatsächlich den Flammen übergeben. Allerdings wurde Blaisatte - nach insgesamt 33 Tagen Haft - bereits am folgenden Tag hingerichtet, so daß eine erneute Folterung nicht stattfand.

Blaisatte hatte Khyne und Dediatte, die gemeinsam mit ihr in Dieuze gebettelt hatten, Thomas le Hardier und dessen Frau Synnelle, die bereits hingerichtete Frau von Pfeffel und Mergueritte, die Frau von Colas des Milasses, aus Dieuze als ihre Komplizen besagt. Zwar wurden drei der von ihr bezichtigten sechs Personen am 3. Juli 1593, Blaisattes Hinrichtungstag, in Dieuze in Haft genommen, aber sie wurden nicht mehr mit dieser konfrontiert, obwohl Rémy dies in seinem Avis gefordert hatte. Auslöser für die drei darauffolgenden Prozesse in Dieuze waren eindeutig die Besagungen von Blaisatte; in allen Fällen trat der Procureur général als Formalkläger auf.

 

Literatur

Jean Nicolas BEAUPRÉ: Essai historique sur la rédaction officielle des Principales coustumes et sur les assemblées d'États de la Lorraine ducale et du Barrois, accompagné de documents inédits et d'une bibliographie de ces coustumes. Nancy 1845.

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997.

Jean BOËS (Bearb.): La démonolatrie. Texte établi et traduit à partir de l'édition de 1595. Nancy 1998.

Robin BRIGGS: Witches & Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. London 1996.

Édouard BONVALOT: Histoire du droit et des institutions de la Lorraine et des Trois Évêchés (843-1789). Paris 1895, S. 285-287.

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Étienne DELCAMBRE: Le concept de la sorcellerie dans le duché de Lorraine aux 16e et 17e siècles. 3 Bde., Nancy 1948-1951.

Étienne DELCAMBRE: Les ducs et la noblesse lorraine. In: Annales de l'Est 3, 1952, S. 39-60, 103-119, 191-209.

Jean-Claude DIEDLER: Démons et sorcières en Lorraine. Le bien et le mal dans les communautés rurales de 1550 à 1660. Paris 1996.

Lucien DINTZER: Nicolas Rémy et son œuvre démonologique. Lyon 1936.

Charles et Henri HIEGEL: Le Bailliage d'Allemagne de 1600 à 1632. Bd. 1: L'administration, la justice, les finances et l'organisation militaire. Sarreguemines 1961.

Eva LABOUVIE: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1991.

Laurent LECLERC: Notice sur Nicolas Rémy, Procureur général de Lorraine. In: Mémoire de l'Académie de Stanislas 1868, S. IXL-CXLIII.

Christian PFISTER: Nicolas Rémy et la sorcellerie en Lorraine à la fin du XVIe siècle. In: Revue historique 93, 1907, S. 225-239.

Nicolas RÉMY: [Nicolai Remigii] Dæmonolatria, Oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit wunderlichen Erzehlungen / vieler natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen vermischet. Hamburg 1703.

Charles SADOUL: Essai historique sur les institutions judiciaires des duchés de Lorraine et de Bar. Paris/Nancy 1898.

 

Siehe auch folgende Artikel:

Change, der, bzw. Schöffen, die, von Nancy von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Procureur général de Lorraine von Elisabeth Biesel

Rémy, Nicolas (Dämonologe u. Procureur général de Lorraine) von Elisabeth Biesel

 

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Benward, Blaisatte. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfznk/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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