A-G

Beichtvater

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

12. Januar 2011

In der katholischen Kirche sind Beichtväter all jene Priester, die zur Abnahme der Beichte, zum Freisprechen von Sünden und zur Festlegung von Bußen Erlaubnis besitzen.

Als das Vierte Laterankonzil (1215) alle Gläubigen verpflichtete, mindestens einmal jährlich zu beichten, wollten sie nicht ipso facto exkommuniziert werden, wurde die soziale Position des Beichtvaters merklich erhöht. Papst Innozenz III. wollte durch dieses Dekret wahrscheinlich nicht nur die pastorale Seelsorge im Allgemeinen intensivieren, sondern in Zeiten gefährlicher religiöser Devianzen (Katharer, Waldenser) auch ein Mittel der erweiterten Kontrolle über die Gemüter installieren. Dies zwang die Menschen, bevor sie zum Pfarrer sprachen, ihr Gewissen eingehend zu prüfen, eine Sitte, welche die allgemeinen mentalen Einstellungen der Europäer tief beeinflussen sollte. Im politischen Bereich wurden die Beichtväter der Fürsten (in Frankreich Confesseur du roi, in Spanien Confesor real) oft geheime Instanzen von großer Macht.

Selbstverständlich gab es unter den Büßern mancher Beichtväter Menschen, die diesen von ihren Magiepraktiken erzählten, und von Dämonen Besessene, die diese über die Angriffe des Teufels gegen sich informierten. Manche schrieben über diese Themen, indem sie anonymisierte Beichten als Quellenmaterial benutzten (z. B. Thomas von Cantimpré, Liber apium 2, 56). Diese Priester, meistens Mitglieder einer Ordensgemeinschaft, besonders Franziskaner und Jesuiten, hatten in den Hexenprozessen die Aufgabe der Anhörung von Geständnissen Angeklagter und Verurteilter. Sie kollaborierten häufig mit dem Gericht, indem sie die Gefangenen anregten, ihre Geheimnisse preiszugeben, sie mit den ewigen Höllenqualen bedrohend, die sie andernfalls erwarten müssten. Spee, der seine eigenen Erfahrungen als Beichtvater ihn seinem bekannten Buch gegen die Hexenprozesse verarbeitete, verschwieg nicht die Schmerzen, die diese Erwartungen bei den Beschuldigten verursachten. Obwohl die Teilnahme des Beichtvaters nicht für alle Prozesse in katholischen Territorien dokumentiert ist, muss ihre Anwesenheit zumindest während der Exekution üblich gewesen sein, wie in anderen Kriminalfällen auch. Manchmal wird erwähnt, wie die Beichtväter die Zechgelage  teilten, welche die Mitglieder des Gerichts auf Kosten des Angeklagten abhielten. Die Gerichtshöfe der Heiligen Inquisition waren durch eine besondere Situation charakterisiert, da ihre Mitglieder gleichzeitig ‚Inquisitoren der häretischen Verderbtheit‘, Richter und Beichtväter waren. Zugegebenermaßen darf das antiklerikale Stereotyp des seine Macht missbrauchenden Beichtvaters nicht verallgemeinert werden, doch es gibt umfangreiche Belege aus der Geistlichkeit selbst, dass sexueller und finanzieller Amtsmissbrauch alles andere als außergewöhnlich war.

Die Meinung des Beichtvaters war für die kleine Zahl der Christen, die paranormale Phänomene erlebten, von äußerster Wichtigkeit, da jene die erste Entscheidungsinstanz waren, ob die Visionen, Erscheinungen, Auditionen, Stigmata etc. ihrer Büßer als authentische mystische Manifestationen oder als teuflischer Schwindel angesehen wurden. Deshalb entwickelten katholische Theologen eine spezielle Methode, diese Personen zu testen, genannt Urteilsvermögen der (guten und bösen) Geister. Relativ häufig waren die Meinungen bezüglich der Frauen (und eher selten Männer) geteilt, eine Seite glaubte an ihre Heiligkeit, eine andere erklärte sie zu Hexen. Manche Beichtväter retteten durch ihre positiven Berichte das Leben ihrer Büßer, wie beispielsweise im Falle von Dorothea von Montau († 1394) oder Eustocia von Padua († 1469), indem sie sogar ihre Verehrung als Heilige vorbereiteten; andere überzeugten Frauen mit mystischen Erfahrungen, dass diese in Wahrheit nichts als dämonische Versuchungen waren (dies widerfuhr der Nonne Gesualda Forni, die 1755 nach Jahren des heiligen Lebens durch ihren Beichtvater vom Gegenteil überzeugt wurde und sich deshalb vor der Inquisition in Udine zur Heuchlerin erklärte). Wie dieses Urteilsvermögen der Geister praktisch funktionierte, wissen wir beispielsweise aus dem Leben von Ursula Benincasa (+1618), welche über acht Monate hinweg täglich beichten und sich erlesenen Demütigungen vonseiten des Heiligen Philipp Neri unterziehen musste. Nach Ende des Mittelalters konnte eine Mystikerin nur dann hoffen, nicht wegen Dämonolatrie verfolgt zu werden, wenn sie solchen Tests mit höchst demonstrativer, frommer Demut antwortete.

Literatur

Jean Delumeau, Sin and Fear. The emergence of a Western Guilt Culture, New York 1990.

Jean Delumeau, L’aveu et le pardon. Les difficultés de la confession, Paris 1990.

Peter Dinzelbacher, Heilige oder Hexen? Schicksale auffälliger Frauen in Mittelalter und Frühneuzeit, Düsseldorf 2001.

Peter Dinzelbacher, Das erzwungene Ich. Sündenbewußtsein und Pflichtbeichte, in: Richard van Dülmen (Hg.), Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung, Köln 2001, S. 41-60.

Henry C. Lea, A History of Auricular Confession and Indulgence in the Latin Church, [Reprint] New York 1968.

Jan van Laarhoven, Een Geschiednis van de biechtvader, in: Tijdschrift voor theologie 7, 1967, S. 375-422.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Beichtvater. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzni/

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Erstellt: 12.01.2011

Zuletzt geändert: 12.01.2011

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