A-G

Basler Konzil 1431-1449

Stefan Sudmann

19. September 2007

I. Allgemeines

Das Basler Konzil (1431-1449) stellt den Höhe- und Endpunkt der konziliaren Bewegung dar, welche die Lehre von der Superiorität des Konzils über den Papst vertrat. Es zeichnet sich durch seine umfassende Tätigkeit auf zahlreichen Gebieten von Theologie und Politik aus und gilt in der Hexen- und Religionsforschung als wichtige Kommunikationsschnittstelle für die Verbreitung der Hexenlehre.

II. Stand der Forschung, Quellenlage

Das Standardwerk von Hansen aus dem Jahre 1900 behandelte das Basler Konzil in diesem Zusammenhang noch nicht. Berücksichtigt wurden dort nur päpstliche Verlautbarungen dieser Zeit.

Zunehmend erkannt wurde die Bedeutung des Basler Konzils für die Verbreitung der Hexenlehre seit den 1980er Jahren, vor allem durch die Studien von Blauert. Zuletzt haben Bailey/Peters 2003 ausführlich das Netzwerk der hierfür relevanten Personen auf dem Konzil analysiert.

Das größte Problem für die Forschung stellt das Fehlen einschlägiger Quellen dar. Das Thema ‘Hexen’ stand zu keiner Zeit als offizieller Diskussionspunkt in den verschiedenen Gremien des Basler Konzils (Zwölfmännerkolleg, Deputationen, Generalkongregation) auf der Tagesordnung. Entsprechend finden sich keine Beschlüsse oder Dekrete zu dieser Frage. Die Protokolle des Konzils, die Konzilschronik des Johannes de Segovia, die ‘Commentarii’ des Enea Silvio Piccolomini (des späteren Papstes Pius II.) über das Basler Konzil und die Tagebücher von Konzilsteilnehmern berichten darüber nichts. Dieser Umstand wird auch durchgehend in der Forschungsliteratur angesprochen, so zum Beispiel von Tschacher (Tschacher 2000, S. 329f.): „die Quellen enthalten keinerlei Anhaltspunkte für eine offizielle Behandlung des Hexenthemas in den Deputationen oder sonstigen Gremien der Konzilsversammlung“. Es finden sich somit für die Bedeutung des Basler Konzils für die Verbreitung der Hexenlehre „nur Indizien – Beweise stehen aus“ (Schatzmann 2003, S. 60, der jedoch auf die Möglichkeit noch unbekannter bzw. unerschlossener Quellen verweist). Blauert war zu Beginn seiner Untersuchungen vorsichtiger in der Formulierung (Blauert 1989, S. 30: „Eine entscheidende Rolle scheint [!] das Basler Konzil gespielt zu haben“); später gibt er sich überzeugter (Blauert 1994, S. 32f.; Blauert 2004, S. 121f.). Sicher wirken auch Peters (Peters 2002, S. 227) („At the council a number of new ideas concerning the diabolical character of sorcery, superstition and witchcraft circulated and spread outside the orbit of Basel itself“) und Waite (Waite 2003, S. 8) („in the 1430’s the Council of Basel was a major center for the dissemination of learned demonological notions“). Von Bailey/Peters (Bailey/Peters 2003, S. 1377) wird festgehalten: „the discussion does not appear in these sources [the official records of the council] at all, but clearly must have taken place”. Dagegen bleibt Ostorero (Ostorero 2002, S. 114) über die nicht durch Quellen belegbare Verbindung zwischen den wichtigen Protagonisten Georg von Saluzzo und Ponce Feugeyron während des Konzils vorsichtig: “Des contacts entre les deux deux homes à Bâle sont fort probables.“, (ähnlich Modestin 2005, S. 54).

Der Komplex ‘Hexen’ war jedoch nicht das einzige zeitgenössische Phänomen, das keine formelle Behandlung auf dem Basler Konzil erfuhr: Auch die nur wenige Tage vor Beginn des Basiliense hingerichtete Jeanne d’Arc wurde auf dem Konzil – zumindest offiziell – nicht erwähnt, obwohl der Hundertjährige Krieg und die Beziehungen zwischen Burgund und Frankreich einen der wichtigsten Verhandlungsgegenstände des Konzils darstellten und Vertreter beider Parteien anwesend waren.

Auch scheint es keinen direkten Bezug des Konzils zu den Hexenverfolgungen in der Stadt Basel zu geben, die in den 1440er Jahren als führend in dieser Frage angesehen wurde: Als man im kurpfälzischen Heidelberg 1446/47 mit der gerichtlichen Hexenverfolgung begann, griff man auf erfahrenes Personal aus Basel zurück: Der Kurfürst bestellte beim Rat der Stadt Basel den obersten Ratsknecht Peter zum Blech, der sich als Hexenjäger einen Namen gemacht hatte und somit als Spezialist auf diesem Gebiet galt. Die Kontakte sind möglicherweise über das personelle Netzwerk des Konzils zustande gekommen, aber ausschlaggebend für die Heranziehung eines Basler Bediensteten war die enge diplomatische Verbindung der Stadt zur Kurpfalz in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Schmidt 2000, S. 26ff.). Guggenbühl (Guggenbühl 2002, S. 112f.) zieht keine Linie von den ersten städtischen Basler Hexenverfolgungen (1426, 1433, 1441, 1444, 1447, 1450) zum Konzil, auch nicht Rippmann (Rippmann 2002, S. 151-156).

Die These von der Bedeutung des Konzils für die Verbreitung der Hexenlehre beruht somit nicht auf den schriftlichen Quellen des Konzils, sondern auf einer Analyse der Netzwerke der für Konzil und Hexenlehre relevanten Personen.

III. Verbindungen zu anderen Debatten auf dem Konzil?

Vermutet wurde früher ein Zusammenhang von Forcierung der Hexenverfolgung durch das Konzil mit den zu Basel verhandelten Themen Zölibat und Bauernunruhen von Rothkrug (Rothkrug 1980, S. 110) („the Council […] believed that satanic forces sought generally to undermine the principles of a celibate priesthood“) und Levack (Levack 1995, S. 72) (“Teilnehmer des Konzils von Basel im frühen 15. Jahrhundert glaubten, dass die Bauernrebellion Teil einer satanischen Verschwörung mit dem Ziel sei, den Zölibat des Klerus zu zerstören, weshalb sie die Hexenverfolgung mit ihren Beschlüssen erleichterten“). Dies ist heute nicht mehr haltbar. Schon der falsche Verweis auf angebliche Konzilsbeschlüsse zur Hexenverfolgung stimmt nicht mit dem Quellenbefund überein. Auch thematisierte die konziliare Zölibatsdiskussion, die in Basel sehr viel offener geführt wurde als zuvor in Konstanz (jedoch in ein recht strenges Dekret mündete), viele Aspekte dieses Problems (auch die Sexualität), nicht aber die von Rothkrug und Levack postulierten Gedanken.

Rothkrug zieht in diesem Zusammenhang darüber hinaus auch eine Verbindung zur ausgeprägten Marienfrömmigkeit der Basler Konzilsväter (Verleihung des singulären Titels „mater pacis“ durch das Konzil, Dekret über die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis). Für die Frühe Neuzeit ist öfter konstatiert worden, dass Hexenwahn und gesteigerte Marienverehrung oft parallele Erscheinungen waren. Allerdings lassen sich auch hier keine Hinweise in den Quellen dafür finden, dass die Verhandlungen des Basler Konzils über mariologische Themen von entsprechenden Gedanken über die Hexen beeinflusst gewesen sein könnten. Die mariologische Diskussion beruht zudem auf einer viel längeren Tradition. Jedoch findet sich eine bemerkenswerte Parallele zwischen Mariologie und Hexenlehre als Verhandlungsgegenstände auf dem Basler Konzil. Beide Diskurse waren auf dem Konzil offensichtlich keine Auseinandersetzung mit ‘Volksfrömmigkeit’, sondern eine Angelegenheit elitärer Universitätsgelehrter und Kleriker (Wilde 2003, S. 104; Decker 2004, S. 35; zu dem elitären und geradezu laienfeindlichen Denken der Konzilsväter besonders in der Mariologie vgl. auch Sudmann 2005, S. 213-219 und 395-402). In erster Linie ist hier die Universität Paris zu nennen, mit der u.a. der Synodale Nicolaus Amici, ein Gewährsmann Niders, verbunden ist. Zeitgleich mit dem verstärkten Einsatz für die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens und dem Kampf gegen die so genannten ‘Makulisten’ setzte sich die Pariser Universität mit dem Thema ‘Hexen’ auseinander: Die 28 Artikel der theologischen Fakultät von 1398 beklagen nicht nur die Wiederkehr der Magie und den Teufelspakt, sondern fordern auch ausdrücklich die Verurteilung der Skeptiker (Paravy 1990, S. 133; Bailey/Peters 2003, S. 1383f.). Auch wenn beide Komplexe auf dem Basler Konzil unabhängig voneinander und in unterschiedlicher Weise verhandelt wurden (Unbefleckte Empfängnis Mariens im Gegensatz zu den Hexen als offizielles Thema in den einzelnen Gremien mit einem Dekret als Abschluss), wird daran ersichtlich, dass beide Themen in den gleichen elitären Kreisen diskutiert wurden.

IV. Die Rolle Savoyens

Während in den mariologischen Debatten auf dem Konzil neben den Universitäten die Kronen von Frankreich und Aragón eine gewisse Rolle spielten, ist für die Verbreitung der Hexenlehre auf dem Konzil dem Herzogtum Savoyen eine zentrale Bedeutung zuzumessen. Unter der Herrschaft von Herzog Amadeus VIII., dem späteren konziliaren Gegenpapst Felix V., entwickelte sich Savoyen zu einer Hochburg der Hexenverfolgung. Die Lehre von einer neuen ‘Hexensekte’ nahm hier ihren Ausgang.

Zahlreiche Vertreter Savoyens waren auf dem Basler Konzil als einflussreiche Gruppe zugegen. Zu den wichtigsten Personen, die sich – sei es durch konkrete Verfolgungspolitik oder durch theoretische Ausführungen – in dieser Frage hervortaten, gehören hier Georg von Saluzzo, Bischof von Aosta, dann Bischof von Lausanne, der Inquisitor Ponce de Feugeyron sowie der Sekretär des Konzilspapstes, Martin Le Franc, Verfasser des ‘Champion de dames’. Neben dem Einfluss savoyischer Gelehrter auf das Basler Konzil wird auch eine Bedeutung der dynastischen Verbindungen Savoyens mit der Kurpfalz für die Verbreitung der Hexenlehre vermutet (Schmidt 2000, S. 55f. und 475).

Die exponierte Stellung Savoyens unter der Ägide prominenter Konzilsväter in der Hexenverfolgung führte jedoch auch dazu, dass Savoyen nicht nur als Hort der Hexenverfolger, sondern auch der Hexen galt: Im propagandistischen Kampf Eugens IV., des vom Basler Konzil abgesetzten und durch den Herzog von Savoyen ersetzten Papstes, gegen das ‘conciliabulum’ und dessen Papst warf die römische Seite Amadeus/Felix vor, dass es in dessen Heimat Savoyen von Hexen wimmle. Der Konzilspapst sei ein Geschöpf des Teufels, verführt von den zahlreichen Hexen seiner Heimat (Hansen 1901, S. 18f.; vgl. auch Peters 2002, S. 236).

V. Traktate

Während des Basler Konzils, vor allem in den Jahren 1435-1440, wurden mehrere Traktate über die neue Hexensekte verfasst, die in einer engen Verbindung zum Konzil stehen.

An erster Stelle ist der ‘Formicarius’ des Johannes Nider zu nennen. Nider soll auf dem Konzil auch aus seinem Werk vorgetragen haben. Er hat offensichtlich auf Gespräche in Basel rekurriert, da er keine Berichte aus seiner Heimat, sondern besonders aus dem Wallis, aus Bern und aus der Diözese Autun liefert (vgl. auch Behringer 1997, S. 76f.). Eine wichtige Quelle war für ihn Nicolaus Amici, mit dem Nider auch mehrere Missionen im Auftrag des Konzils übernahm. Nider berichtet selbst in seinem Formicarius (V,8), der Pariser Theologe habe ihm von Prozess und Hinrichtung der Jeanne d’Arc berichtet (vgl. auch Tschacher 2000, S. 177, 430 und 461; Peters 2002, S. 235; Burns 2003, S. 214f.; Bailey/Peters 2003, S. 1383) – ein seltener Beleg für Unterhaltungen zwischen Konzilsväter über Themen, die nicht auf der offiziellen Tagesordnung des Konzils standen. Niders Werk ist somit ein Rezeptionszeugnis der Vorgänge in Frankreich, Savoyen und anderen Regionen, die unter den Konzilsvätern ausgetauscht wurden, nicht aber des Basler Konzils selbst.

Auch Claude Tholosan, Richter aus der Dauphiné, hat eine entsprechende Abhandlung verfasst.

Die Schrift ‘Errores Gazariorum seu illorum qui scobam seu baculum equitare probantur’ (nach dem heutigen Stand der Forschung nicht zwischen 1431 und 1437, sondern aufgrund einer Erwähnung des Prozesses in Vevey von 1438 erst später abgefasst) wird Ponce de Feugeyron aus Savoyen zugeschrieben, der 1433-1437 auf dem Basler Konzil weilte. Die zwei bekannten Exemplare (UB Basel A II 34 und Vatikanische Bibliothek Vat. Lat. 456) weisen durch ihre Verbindung mit Konzilstexten auf einen direkten Zusammenhang mit dem Basiliense hin.

Literarisch thematisiert Martin Le Franc die neue Hexensekte in seinem ‘Champion des dames’ von 1440.

Mit der Hexenfrage setzen sich auch die katechetische Schrift ‘Tafel der christlichen Weisheit’ von 1439 (Verweis auf Erkennungsmerkmale von Hexen) und der Synodale Thomas Ebendorfer in seinen Ausführungen zum 1. Gebot in dem Werk ‘De decem praeceptis’ über Aberglauben und Zauberei auseinander (Tschacher 2000, S. 331). Auch der erste Artikel der Denkschrift zur Kirchenreform von Guillaume Maurel aus Nîmes aus dem Jahre 1435 lässt eine Klage gegen Magie anklingen (Concilium Basiliense 8, 1936, S. 166).

Die Traktate – allen voran Niders ‘Formicarius’ – erfahren in den folgenden Jahrzehnten eine nicht unbeachtliche Rezeption. Es handelt sich dabei aber um eine Rezeption der Traktate selbst, nicht des Basler Konzils als Institution (während im Vergleich dazu bei der Rezeption des Basler Mariendekrets immer ausdrücklich das Konzil als Autorität angeführt wird). So nennt der berüchtigte ‘Hexenhammer’ mehrmals den ‘Formicarius’ des Johannes Nider, erwähnt aber dabei das Basler Konzil mit keinem Wort – was nicht überrascht angesichts der Tatsache, dass Heinrich Kramer (Institoris) erklärter Gegner konziliarer Ideen war (Petersohn 1988, S. 120-160; Waite 2003, S. 42f.). Christian Thomasius weiß von Niders Teilnahme am Basler Konzil (‘Processus inquisitorii contra sagas’, §44f.), geht jedoch nicht weiter auf das Basler Konzil und mögliche Diskussionen auf dieser Versammlung ein.

Die maßgebliche Autorität für spätere Hexentheoretiker sind demnach einzelne Konzilsväter, nicht das Basler Konzil als Instanz.

VI. Die Bedeutung der Kommunikationsstrukturen auf dem Basler Konzil

Die Forschungsliteratur hat zur Erklärung der Bedeutung des Basiliense für die Verbreitung der Hexenlehre meist auf die Traktate verwiesen. Das Basler Konzil gilt generell als wichtigster Bücher- und Handschriftenmarkt seiner Zeit, als Kontaktbörse für Theologen, Juristen und Bischöfe sowie als „Ideenumschlagplatz“ (Modestin 2005, S. 54). Allerdings ist auch zu beachten: Das Konzil fungierte zwar auch als Büchermarkt - Hexentraktate sind für das Konzilsumfeld nachgewiesen - aber „Handschriften mit dämonologischen Texten sind eher rar überliefert. Man wird zunächst von einer mündlichen Verbreitung von Nachrichten über Zauberei und Hexerei auszugehen haben“ (Tschacher 2000, S. 331). Wichtig war vor allem die „Möglichkeit des Austausches der Teilnehmer untereinander“ (Decker 2003, S. 44).

Bislang sind bei der Untersuchung des Basler Konzils als Mittler für die Verbreitung der neuen Hexenlehre die Kommunikationsstrukturen auf dieser korporativ verfassten Kirchenversammlung zu wenig berücksichtigt worden. Gerade die freie Diskussion außerhalb der einzelnen Konzilsgremien, welche die Hexenlehre als Thema außerhalb der Tagesordnung verbreitete, wurde durch die Geschäftsordnung des Basler Konzils ausdrücklich gewährleistet. Die Geschäftsordnung des seit Sommer 1431 tagenden Konzils wurde bereits im Februar 1432 beschlossen und trat im September 1432 in Kraft – nicht nur als bloße Arbeitsgrundlage, sondern mit dem Charakter eines offiziellen Konzilsdekrets (vgl. hierzu Sudmann 2005, S. 23-44). Innerhalb der Deputationen wurde die Kommunikation rigide kanalisiert: Es durfte in den Sitzungen lediglich über die Themen disputiert werden, die der Zwölferausschuss an die Deputationen weitergeleitet hat – und zwar nur mit Erlaubnis des Präsidenten, welcher gleichfalls die Reihenfolge der Diskussionsgegenstände bestimmte. Des Weiteren standen unziemliche Beleidigungen andersdenkender Kollegen unter schwerer Strafe, wie das Konzil grundsätzlich für diverse Vergehen detaillierte Sanktionen und eine im Vergleich mit Konstanz äußerst strenge Predigtzensur kannte. Davon abgesehen herrschte in Basel jedoch ausdrücklich Redefreiheit: die in den zeitgenössischen Quellen und auch in der aktuellen Forschungsliteratur immer wieder – teilweise als modern und ‘demokratisch’ – gelobte libertas dicendi. Jeder inkorporierte Konzilsteilnehmer hatte das Recht auf freie Meinungsäußerung. So gestaltete sich die Kommunikation zwischen den Konzilsvätern als Individuen im Gegensatz zum streng geregelten Verfahren innerhalb der Deputationen umso freier. Alle Synodalen, nicht allein die Amts- und Funktionsträger, durften sich untereinander beraten. Es bestand sogar ganz demonstrativ ein klares Verbot, einen Eid zur Geheimhaltung über einzelne Themen abzulegen. Alles konnte und sollte außerhalb der Gremien besprochen werden. Daran wird deutlich, auf welche Weise ein Thema wie die neue Hexenlehre, das nicht auf der Tagesordnung stand, so ausführlich von den Konzilsvätern diskutiert werden konnte und worauf das ungleiche Verhältnis des von der Forschungsliteratur problematisierten dürftigen Befunds der Quellen und der hohen Bedeutung des Konzils in diesem Komplex beruht.

VII. Fazit

Die Hexendiskussion auf dem Basler Konzil erweist sich als ein von der konziliaren Kommunikationsstruktur geprägter Gedankenaustausch unter Gelehrten und Klerikern. Sie wurde außerhalb der offiziellen Konzilsgremien, Sessionen und Dekreten in Traktaten und informellen Gesprächen geführt, war deshalb aber nicht minder wirksam. Es handelt sich damit jedoch im Gegensatz zu anderen religiösen Verhandlungen des Basiliense nicht um eine Angelegenheit des Konzils als Korporation, sondern um eine Debatte einzelner Konzilsväter. Entsprechend beruft sich die Rezeption anders als bei den offiziellen Tagesordnungspunkten des Konzils nicht auf das Basiliense selbst, sondern nur auf die maßgeblichen Protagonisten, die sich während des Konzils durch die Abfassung von Traktaten zur Hexenfrage einen Namen gemacht haben. Das Basler Konzil war also nicht als Institution treibende Kraft hinter der Hexenverfolgung, sondern bot durch seine Struktur lediglich günstige Bedingungen für die Verbreitung dieser neuen Idee.

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Empfohlene Zitierweise

Sudmann, Stefan: Basler Konzil 1431-1449. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzne/

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Erstellt: 19.09.2007

Zuletzt geändert: 19.09.2007

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