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Hexenverfolgungen Baden, Markgrafschaften

Corinna Schneider

09.03.00

1. Das Territorium im Verfolgungszeitraum

Seit dem 12. Jahrhundert regierten die Markgrafen von Baden Gebiete zwischen Rhein und Schwarzwald. 1515 kam es zu einer Aufteilung des badischen Territoriums zwischen den Söhnen Christophs I. von Baden. Nach dem kinderlosen Tod des dritten Sohnes wurde das Land 1535 in zwei Herrschaften geteilt. Die endgültige Vereinigung gelang erst 1771 unter Markgraf Karl Friedrich.

Markgraf Bernhard III., der Stammvater der Markgrafen von Baden-Baden, dem bisher die luxemburgischen Herrschaften Rodemachern, Useldingen und Hespringen sowie der markgräfliche Anteil an der Vorderen und der Hinteren Grafschaft Sponheim (-> Hintere Grafschaft Sponheim ) gehört hatte, erhielt das mittelbadische Gebiet südlich des Albflusses mit den Ämtern Ettlingen, Rastatt, Kuppenheim, Baden, Steinbach, Bühl und Stollhofen, die badischen Anteile an der Herrschaft Lahr-Mahlberg und der Grafschaft Eberstein, sowie die Vogteien über die Klöster Lichtental, Frauenalb, Herrenalb, Klosterreichenbach und Schwarzach.

Markgraf Ernst, der die Linie der Markgrafen von Baden-Durlach begründete, erhielt zu den von ihm bisher regierten Gebieten der Herrschaften Hachberg, Sausenberg, Rötteln, Badenweiler und Üsenberg sowie seiner Vogtei über das Kloster Sulzburg das Gebiet nördlich des Albflusses mit den Ämtern Staffurt, Durlach, Mühlburg, Stein und Pforzheim, zusammen mit den Vogteien über die Klöster Gottesau und Pforzheim, sowie die Herrschaften Altensteig und Liebenzell, den badischen Restbesitz im Neckargebiet um Besigheim und Mundelsheim und den badischen Anteil an der Herrschaft Prechtal. Beide Markgrafschaften wiesen seit der Teilung 1535 ein zerrissenes territoriales Bild auf.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte die Reformation in der Markgrafschaft Baden Anhänger gefunden. Die Aufteilung der markgräflichen Gebiete und die Trennung der Linien 1535 ermöglichte eine getrennte politische und konfessionelle Entwicklung beider Markgrafschaften.

Markgraf Karl II. von Baden-Durlach setzte nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 in seinem Herrschaftsbereich ein einheitliches Bekenntnis durch. Er führte 1556 den evangelischen Glauben ein.

Die Markgrafschaft Baden-Baden bekannte sich nach der Reformation zum katholischen Glauben. Im Jahr 1594 okkupierte Markgraf Ernst Friedrich von Baden-Durlach baden-badische Gebiete südlich des Albflußes, um einem drohenden Verlust vorzubeugen. Dadurch gerieten diese Gebiete unter protestantischen Einfluß.

Erst nach seiner Restitution 1622 konnte Markgraf Wilhelm von Baden-Baden sein Land zum Katholizismus zurückführen.

2. Überblick über die Hexenverfolgung

Markgrafschaft Baden-Durlach

Die Markgrafschaft Baden-Durlach war ein verfolgungsarmes Gebiet. Es fanden lediglich einzelne Hexenprozesse statt, die nicht zu Verfolgungswellen führten, so 1552 im Amt Pforzheim, 1562 im baden-durlachischen Kondominat Prechtal, 1570 in der Herrschaft Badenweiler, 1579 in der Herrschaft Hachberg. Bei diesen Prozessen wurden neun Frauen der Hexerei angeklagt. Sechs von ihnen wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, eine Frau wurde lediglich unter Beobachtung gestellt, das Schicksal der übrigen zwei Frauen ist unbekannt. Der letzte und wohl einzige Prozeß im 17. Jahrhundert fand 1669 in der Herrschaft Hachberg statt. Dort wurde eine als Hexe verurteilte Frau hingerichtet.

Markgrafschaft Baden-Baden

Die erste Verfolgungswelle in der Markgrafschaft Baden-Baden fiel in die Vormundschaftsregierung Bayerns für Markgraf Philipp II. Bis zum Jahre 1577 wurden ungefähr 26 Frauen in den Ämtern Baden-Baden, Rastatt, Bühl, Steinbach und Frauenalb der Hexerei angeklagt und verbrannt. Auch unter Markgraf Philipp II. selbst hat es im Jahre 1580 noch eine Hexenverfolgung gegeben, bei der 18 Frauen aus den Ämtern Rastatt, Baden-Baden und Kuppenheim den Tod gefunden haben.

Die folgenden vier Jahrzehnte blieben in der Markgrafschaft Baden-Baden verfolgungsarm. Unter Markgraf Eduard Fortunatus gab es 1590-94 drei Fälle von Hexereianklagen, die mit Freispruch endeten. Eine Frau starb an den Folgen der Folter. Während der Okkupation durch Baden-Durlach kam es in diesen Gebieten zu keiner Hexenverfolgung.

Die Situation änderte sich, als 1622 Markgraf Wilhelm von Baden-Baden die Herrschaft über die Markgrafschaft Baden-Baden zurückgewinnen konnte. Nur vier Jahre später kam es zur größten Hexenverfolgung in baden-badischen Gebieten. Von 1626 bis 1631 wurden mindestens 244 Personen aus den Ämtern Rastatt, Baden-Baden, Steinbach und Bühl der Hexerei angeklagt, von denen 231 verurteilt und hingerichtet wurden. Die letzten überlieferten Hexenprozesse fanden in den Jahren 1642 bis 44 im Amt Gernsbach statt, das Baden zusammen mit den protestantischen Grafen von Eberstein regierte. Die Prozesse gegen fünf Frauen führten jedoch zu keiner Hinrichtung, wobei in einem Fall der Einspruch des Grafen von Eberstein die von Markgraf Wilhelm angeordnete Hinrichtung verhinderte.

3. Die einzelnen Verfolgungswellen

Markgrafschaft Baden-Durlach

Die Überlieferung der einzelnen Hexenprozesse in der Markgrafschaft Baden-Durlach ist dürftig. Lediglich für den Prozeß 1552 im Amt Pforzheim, bei dem drei Frauen angeklagt worden waren, liegen uns ausführlichere Quellen vor. Hier läßt sich eine bedächtige Haltung der Herrschaft gegenüber Hexereianklagen feststellen. Nach der Voruntersuchung gegen eine ehrbare Bürgerswitwe, die durch eine bereits hingerichtete Frau besagt worden war, holten die markgräflichen Räte bei der Tübinger Juristenfakultät Rat ein. Insbesondere ging es um die Frage, ob das Indiz der Besagung ausreiche, die Angeklagte zu foltern, um so ein Geständnis über Teilnahme am Hexensabbat zu erlangen. Die Tübinger Juristen verneinten die Frage und lehnten auch die Vorwürfe des Schadenzaubers ab, da offensichtlich der Ankläger und die Beklagte in Feindschaft lebten. Es ist anzunehmen, daß die baden-durlachischen Räte aufgrund des Gutachtens den Pforzheimer Prozeß beendeten. Die Quellen geben über das Schicksal der Bürgerswitwe leider keine Auskunft.

Nur ein Jahr später versicherte sich Markgraf Karl II. von Baden-Durlach der Zurückhaltung in Hexereiverfahren durch die Tübinger Juristenfakultät. Diese betonte vor allem, daß die Anwendung der Folter nach den Vorschriften der Carolina zu erfolgen habe und Besagungen allein zur Folter nicht ausreichten.

Auch die Untersuchung einer Hexereibeschuldigung 1598 im Dorf Ersingen, das zum von Baden-Durlach besetzten baden-badischen Amt Frauenalb gehörte, unterstreicht die mangelnde Verfolgungsbereitschaft der baden-durlachischen Markgrafen. Es kam zu keinem Hexenprozeß.

Markgrafschaft Baden-Baden

Die erste Verfolgungswelle unter Markgraf Phillip II. 1560-1577

Als erstes Opfer einer Hexereianschuldigung wurde Ende der 1560er Jahre eine arme alte Frau aus Baden-Baden angeklagt, verurteilt und verbrannt. Mit ihren Besagungen begann die Hexenverfolgung im Amt Baden-Baden sowie in der Umgebung. Sie beschuldigte andere Frauen, mit ihr zusammen "Hexenwerk" getrieben zu haben und in ihrer und des Teufels Gesellschaft auf dem Hexensabbat gewesen zu sein. Zunächst scheinen die Besagungen nur zu Inquisitionsverfahren gegen arme Frauen geführt zu haben. Doch auch die "erbare, katholische" Stadtschreiberin und ihre Tochter wurden schließlich von Amts wegen angeklagt und schließlich hingerichtet, weil die Verdachtsmomente zu groß geworden waren. Bei den Hexenprozessen im Amt Frauenalb in den Jahren 1573-77 kamen zu den Besagungen noch zusätzlich Anklagen aus der Bevölkerung hinzu.

Die erste Hexenverfolgung in der Markgrafschaft Baden-Baden zeichnet sich durch eine starke Kontrolle des Verfahrens von seiten der Zentralbehörden aus. Willkürakte einzelner Vögte wurden möglichst unterbunden. Aber ohne die Verfolgungswünsche der Bevölkerung, die die durch Mißernten und Krankheiten ausgelöste Not mit Hexerei in Verbindung brachten, hätte es viele Beschuldigungen nicht gegeben. Daß es dennoch keine große Verfolgungswelle gegeben hat, könnte mit der Praxis des kontrolliert angewandten Inquisitionsverfahrens zusammengehangen haben.

Die zweite Verfolgungswelle unter Markgraf Wilhelm 1625-1631

Der Beginn der zweiten Verfolgungswelle folgte dem Muster der ersten. Allerdings dauerte es fast ein Jahr, bis die Besagungen des ersten Hexenprozesses 1625 in Ettlingen zu weiteren Verfahren führten.

Ab Mai 1626 wurden im Amt Rastatt innerhalb eines halben Jahres zahlreiche Hexenprozesse geführt, die 46 Menschenleben forderten. Bei dieser ersten größeren Welle der Hexenverfolgung spielten, wie in den folgenden, die Besagungen als Indiz für Verhaftung und Tortur eine entscheidende Rolle. Die unter der Folter erpreßten Geständnisse hatten den elaborierten Hexereibegriff zum Inhalt. Hinzu kamen Wetterzauber, Opferfeste und die Verführung anderer zur Hexerei. Lokale Besonderheiten zeigten sich in den Ämtern nur bei den besonderen Formen des Schadenzaubers wie Milchzauber, Herstellung der Hexensalbe, Kinder ausgraben und Potenz nehmen. Selbst die Anrufung des höchsten Gerichts im Deutschen Reich konnte Markgraf Wilhelm und seine Räte nicht für eine geordnete Verfahrensweise zurückgewinnen. Die in der ersten Prozeßwelle angeklagte Catharina Huck erwirkte durch ihren Ehemann beim Reichskammergericht ein Mandat, das dem Markgrafen von Baden-Baden und seinen Beamten voreiliges und widerrechtliches Handeln vorwarf, da sie Catharina ohne Voruntersuchungen und ohne auf ihren unbescholtenen Leumund zu achten, gleich verhaften ließen. In einem anderen Mandat wurde die überaus harte Folter in den Hexenprozessen gerügt. Catharina Huck hatte allerdings unter dieser Folter inzwischen gestanden, eine Hexe zu sein, und entging dem Scheiterhaufen nur durch Flucht.

Entgegen der rechtlichen Gepflogenheiten wurden die Hexenprozesse nicht vom Untervogt, sondern von einem Hofrat geleitet, der extra dafür von Markgraf Wilhelm abgeordnet worden war. Damit war die vor Folterungen zu befragende Stelle der markgräflichen Regierung gleich vor Ort. Eine Beschleunigung der Verfahren war die Folge, da dem Markgrafen nur noch die von den Angeklagten bestätigten Geständnisse, die Urgichten, vorgelegt werden mußten.

Von 1626 bis 1631 wurden 244 Personen der Hexerei angeklagt. 77% davon waren Frauen, was dem Reichsdurchschnitt entsprach. 231 der 244 angeklagten Frauen und Männern wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, 13 wurden freigelassen, wobei zwei Frauen mit Landesverweisung belegt wurden.

Von den angeklagten Personen waren 23% der Frauen Witwen, dagegen nur 2% der Männer Witwer. Zwei Drittel der Frauen und Männer waren verheiratet. Sehr oft waren im Amt Bühl Ehepaare von Hexereianschuldigungen betroffen. 6% der Frauen und 12% der Männer waren ledig. Von 2% der Frauen wissen wir nichts über ihren Familienstand, dagegen ließen sich bei den Männern für 26% keine Angaben ermitteln.

Wodurch die Hexenverfolgung im Herbst des Jahres 1631 ihr Ende fand, läßt sich aus den überlieferten Quellen nur schwer ermitteln. Die markgräfliche Bereitschaft, Hexen den Prozeß zu machen, scheint jedoch im Laufe des Jahres 1631 nachgelassen zu haben, denn die Anklagen wegen Hexerei nahmen ab. Markgraf Wilhelm zog seine Räte ab und überließ die Führung der letzten Prozesse wieder den zuständigen Amtmännern. Im Januar 1632 trafen schwedischen Truppen in der Markgrafschaft ein und machten bis auf weiteres Hexenprozesse unmöglich.

 

Quellen

Newe Zeitung Von den Hexen oder Unhulden, so mann verbrend hat von dem 7. Februari an biss auff den 25. Junii dises 1580. Jar. o.O., 1580.

Das Recht des Marggrävlichen Hauses Baden auf das in der Gravschaft Eberstein belegene, dem Zustande des Entscheid-Jahres entgegen, im Jahre 1631 wieder eingeführte Gotteshaus Frauenalb und dessen Zubehörungen. Mit Urkunden I bis CCCXC, Carlsruhe 1772.

Literatur

Deutsche Rechtsgeschichte 1500-1800 im Spiegel der Bestände der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt mit einem Anhang: Aus Archivalien zum Hexenprozeß gegen die Rastatter Kronenwirtin Katharina Huck aus dem Jahre 1926, Rastatt 1991.

Lorenz, Sönke: Die Rechtsauskunftstätigkeit der Tübinger Juristenfakultät in Hexenprozessen (ca. 1552-1602), In: Hexenverfolgung - Neuere Forschungen unter besonderer Berücksichtigung des südwestdeutschen Raumes, hrsg. von Sönke Lorenz und Dieter R. Bauer, Würzburg 1994.

Murr, Walter: Die Hexenverfolgung in der Markgrafschaft Baden-Baden von 1622-1632, Tübingen 1987 (unveröffentliche Magisterarbeit).

Press, Volker: Baden und badische Kondominate, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500-1650. Band 5, Der Südwesten, Münster 1993, S. 124-165; mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Reiß, Wolfgang: Die Hexenprozesse in der Stadt Baden-Baden. In: Freiburger Diözesan-Archiv, 91. Bd. =3F, 23 Bd., 1971, S. 202-266. Freiburg, 1971.

Schneider, Corinna: Die Hexenverfolgung in den badischen Markgrafschaften, Tübingen 1994 (unveröffentliche Magisterarbeit).

Schneider, Corinna: Die Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach. In: Hexen und Hexenverfolgung im deutschen Südwesten. Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Tübingen. Aufsatzband, hrsg. von Sönke Lorenz, Ostfildern 1994, S. 187-197.

Schneider, Corinna: Hexenverfolgung in Bühl. In: Stadtchronik Bühl, Band 1, Bühl, im Erscheinen.

Vierordt, Karl Friedrich: Geschichte der evangelischen Kirche in dem Grossherzogthum Baden. Nach grossentheils handschriftlichen Qellen bearbeitet, Karlsruhe 1847-56.

 

Empfohlene Zitierweise

Schneider, Corinna: Baden - Hexenverfolgungen. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzqf/

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Erstellt: 23.03.2006

Zuletzt geändert: 23.03.2006

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