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Anhorn, Bartholomäus (1616-1700)

Manfred Tschaikner

11. Januar 2002

* 16. 01. 1616 in Fläsch (Graubünden), † 06. 07. 1700 in Elsau (Zürich); reformierter Pfarrer und Verteidiger des Hexenglaubens

1. Herkunft, Leben und Wirken

Bartholomäus Anhorn (von Hartwiss; der Jüngere) wurde am 16. Januar 1616 im graubündnerischen Fläsch nahe der Grenze zur Herrschaft Vaduz als Sohn des dortigen reformierten Pfarrers Daniel Anhorn geboren. Dessen 1566 ebenfalls in Fläsch geborener Vater war der Pfarrer, Reformator und Historiker Bartholomäus Anhorn (der Ältere). Daniel Anhorn musste 1621 aus seinem Heimatort fliehen, begab sich nach Zürich, erhielt 1634 das St. Galler Bürgerrecht und starb im folgenden Jahr als Pfarrer von Sulgen im Thurgau. Er schrieb sich als Erster "Anhorn von Hartwiss".

Sein Sohn Bartholomäus beendete seine 1628 in Zürich begonnenen Studien 1632 in Basel. 1634 wurde er - im Alter von achtzehn Jahren - Pfarrer von Grüsch und Seewis im Prättigau. Von 1637 bis 1649 wirkte er als Prediger in St. Gallen, dessen Bürgerrecht er am Beginn seiner Tätigkeit erhielt. 1638 rückte er zum Stadtpfarrer auf.

Nachdem er manche Ungelegenheiten in St. Gallen erlebt hatte, begab er sich 1649 im Zuge der Neuordnung der reformierten Kirche der Kurpfalz - wie etliche andere Schweizer Geistliche - in kurpfälzische Dienste. Er wurde Pfarrer und Kircheninspektor in Mosbach bei Heilbronn und stand in hohem Ansehen beim Kurfürsten. 1660 musste Anhorn jedoch auf Grund einer satirischen Schrift gegen den Heidelberger Rechtsprofessor Friedrich Böckelmann das Land verlassen.

Zurück in der Schweiz versuchte er vergeblich, wieder in St. Gallen Fuß zu fassen. Schließlich erhielt er 1661 eine Pfarrstelle in Bischofszell (Thurgau). Dort verfasste er - nachdem schon zahlreiche Werke aus seiner Feder veröffentlicht worden waren - sein bedeutendstes Buch mit dem Titel "Magiologia. Christliche Warnung für dem Aberglauben und der Zauberey". Später publizierte Anhorn zahlreiche weitere Schriften, vor allem Leichenreden und Predigten, aber auch kirchenhistorische Darlegungen. Sie zeugen von der großen Belesenheit und Gelehrsamkeit des Autors, der manchmal jedoch Verfälschungen und Gehässigkeiten nicht scheute.

Obwohl Anhorn 1676 zum Dekan des thurgauischen Kapitels gewählt worden war, musste er zwei Jahre später auf Druck des Konstanzer Domkapitels das gemischtkonfessionelle Bischofszell verlassen, weil er sich zu kämpferisch und polemisch gegenüber den Katholiken verhalten hatte. Er bekam daraufhin eine Stelle im zürcherischen Elsau bei Winterthur, wo er am 6. Juli 1700 stark verschuldet nach einem Sturz von einem Kirschbaum verstarb.

Noch im achtzigsten Lebensjahr hatte er eine Reise nach Holland und England unternommen, wo er König Wilhelm III. von Oranien besuchte, mit dem er in seiner Jugend studiert hatte. Anhorn soll stets bemüht gewesen sein, seinen Söhnen eine vorzügliche Ausbildung angedeihen zu lassen. Seine drei Gemahlinnen Katharina Höhiner aus Gais (1620-1655), Justina Hiller (1619-1662) und Sabina Studer (1629-1702), beide aus St. Gallen, hatten ihm dreizehn Kinder geboren.

2. Anhorns "Magiologia"

Die "Magiologia" wurde 1674 in Basel bei Johann Heinrich Meyer gedruckt und umfasst (einschließlich Register) etwa 1200 Seiten im Format von 17,5 auf 10,5 Zentimeter. Der Autor versteht sein Buch als Reaktion auf "die Beschaffenheit dieses gegenwertigen Weltwesens", die er folgendermassen charakterisiert: "Der Atheismus und offenbare Ruchlosigheit, der Pseudo-Politicismus und die falsche Machiavellische Regierungs Weise führen heutigs Tags neben dem Aberglauben und der Zaubergemeinschafft die meiste Regierung." Auf Grund seiner Ablehnung des "Atheismus" ("Ist dan die Höll nur Scherz und Spott, dass sie kein Sünder will erkennen"?) unternimmt Anhorn den Versuch, den Glauben an die Wirksamkeit von Zauberei und Hexerei gegen kritische Zweifel zu verteidigen ("dann Zauberey und Hexenkunst ist nicht allzeit ein blawer Dunst").

Der Autor wendet sich unter anderem auch gegen den "Canon episcopi" und Erfahrungsberichte, welche den Hexenflug als Illusion darstellen. "Hingegen können der Exemplen eine grosse Mänge beygebracht werden, welche bezeugen, dass die Zauberer und Hexen, nicht zwar alle zeit, aber doch mehrmahlen, durch den Lufft zu ihren Zusammenkunfften würklich und leiblich von dem läidigen Teufel geführet werden; massen solches durch die Erfahrung gelehrt, alte und newe Theologi, Rechtsgelehrte und Arzet gestehen, die Hexen selber bekennen und die unverneinlichen unläugbaren Exempel erweisen." Ähnlich argumentiert Anhorn bezüglich der Hexensabbate.

Bei den Hexenprozessen lehnt der Autor die Wasser- und die Tränenprobe oder das Abschneiden der Haare ab. Auch die Denunziation als Teilnehmer von Hexensabbaten erscheint ihm als "kein gewüsser Beweissethumb der Hexerey und Zauberey". Der Teufel könne sich sehr wohl auch in die Gestalt von unschuldigen Menschen verwandeln. Zusammenfassend empfiehlt er den Richtern aber: "Die besten mitlel [!], die Beklagten und wegen getriebener Zauberey oder zugefügten Schaden auss ihren Werken überwiesenen Zauberer und Unholden zur Bekandnuss zubringen, ist neben freündlichem zusprechen, berührung ihres Gewüssens und fürmahlung der Gefahr ihrer Seligheit, darmit sie in die Erkandnuss ihrer Sünden eingeführt und zur Buss gebracht werden mögen, [...] auch die peynliche Frag." Dieser sei "zwar nicht allezeit zutrawen", denn manche schuldigen Personen vermöchten sie auf Grund ihrer körperlichen Beschaffenheit zu überstehen, unschuldige hingegen nicht. "Gleichwol aber wird auch manchmahlen die Warheit durch die Folter heraussgepresst, welche sonst verschwiegen geblieben were. Weil es nun mit der Folter und Peinigung ein gefährlich und misslich Ding ist; sollen die Obrigheiten klüglich und fürsichtig mit derselbigen umbgehen und die Warheit zuerforschen nicht leichtlich darzu schreiten, es seyen dann gnugsame und unverneinliche Anzeigungen der verübten Ubelthaten vorhanden [...]." Was darunter zu verstehen sei, legt Anhorn nicht dar.

In Fragen der Prozessführung verweist er den Leser vor allem auf den Juristen Benedikt Carpzow, einen Vertreter von rigiden Verfolgungen auf der Grundlage des "Hexenhammers". Dem entsprechend gilt für Anhorn der Teufelsbund auch ohne Schadenszauber als todeswürdiges Verbrechen. Nichts abgewinnen kann er dem Argument, die Hexen seien "arme schwache weiblin", die sich gegen die Verführung des Teufels nicht zu wehren vermochten oder nur unter melancholischen Einbildungen litten und somit gar nicht schuldfähig seien.

Digitalisierte Ausgaben

Magiologia. Christliche Warnung für dem Aberglauben un[d] Zauberey: Darinnen gehandelt wird von dem Weissagen/ Tagwellen und Zeichendeuten/ von dem Bund der Zauberer mit dem Teufel: von den geheimen Geisteren/ Waarsagen/Loosen und Spielen: von den Duellen/ ... Von dem Grewel ... der Zauberer Straff/ und mügligheit der Bekehrung zu Gott Der fürwizigen Welt zum Ekel/ Schewsal und Underweisung fürgestelt Durch Bartholomaeum Anhorn/ ... Basel 1674.
BSB Phys.m. 12
[Schlüsselseiten im Historicum.net]

Magiologia Das ist: Christlicher Bericht Von dem Aberglauben und Zauberey, Der Welt/ ohne einige passion der Religionen fürgestellt, Durch Philonem, Isni (Enderlin) 1675)
[Schlüsselseiten in VD 17]

Literatur

J. Jürgen Seidel, Anhorn, Bartholomäus (der Jüngere), in: Historisches Lexikon der Schweiz, http://hls-dhs-dss.ch/textes/d/D10505.php (Januar 2008).

Hans Martin Stückelberger, Kirchen- und Schulgeschichte St. Gallens, Bd. 12: 1630-1750. St. Gallen 1962, S. 51-59.

Erich Wenneker, Anhorn, Bartholomäus d. J., in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, (BBK) http://www.bbkl.de/lexikon/bbkl-artikel.php?art=./A/Am-An/anhorn_b_d_jue.art (Januar 2008).

Empfohlene Zitierweise

Tschaikner, Manfred: Anhorn, Bartholomäus. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzn3/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 23.03.2006

Zuletzt geändert: 16.01.2008

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