A-G

Angst vor der Apokalypse

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

11. Januar 2011

Im Christentum schuf die Erwartung des nahen Endes der Welt einen Komplex von Ängsten und Hoffnungen, der oft Apokalyptik genannt wird. Seine Hauptbestandteile können durch die Schlüsselbegriffe Antichrist, Millenarismus (Chiliasmus), Wiederkunft (Parusie) Christi und Jüngstes Gericht evoziert werden.

Die biblische Grundlage für christliche Eschatologie wurde hauptsächlich durch die Prophezeiungen des Daniel, die Offenbarungen des Johannes und mehrere Aussagen von Jesus in den Evangelien, besonders Markus 13 gelegt. Er selbst erwartete das Ende der Zeit sehr bald nach seinem Tod, wenn das Reich Gottes zur Erde hinabsteigen würde (Markus 9,1). Da sich diese Prophezeiung nie bewahrheitete, wurde eine komplizierte Theologie von „den letzten Dingen“ entwickelt und in den folgenden Jahrhunderten dogmatisiert. Auf der volkstümlichen Ebene wurde eine Tradition der (meistens 15) Zeichen der herannahenden finalen Katastrophe entwickelt. Da die Bibel häufig die Unmöglichkeit unterstreicht, den exakten Termin des Jüngsten Gerichts zu kennen, lebte die traditionelle Christenheit immer in einer Atmosphäre der Angst, die sich während bestimmter Perioden allerdings zu einem merklich verbreiteten Gefühl auswuchs (die vieldiskutierten „Schrecken“ der Jahre 1000 und 1033; die Jahre der Pest um 1350; die Erscheinung des Halleyschen Kometen 1531; etc.). Die religiöse Krise des 16. Jahrhunderts war vermutlich die Epoche der intensivsten apokalyptischen Ängste, beispielsweise deutlich sichtbar in der Wiedertäuferbewegung in Münster (1534/35), aber auch offenkundig in gelehrten theologischen Schriften wie besonders denen Martin Luthers. Apokalyptische Strömungen waren weder abwesend während der Religionskriege des 17. Jahrhundert, noch vom Zeitalter der Aufklärung bis zur heutigen Zeit. Es versteht sich von selbst, dass einige die beiden Weltkriege als den Anfang der Apokalypse interpretierten. Allerdings wurde die Apokalyptik aus den Lehren der Hauptkirchen entfernt aufgrund des üblicherweise unbedeutenden Ranges, den eschatologische Erwartungen den Hierarchien ließen, so dass diese Idee auf „Sekten“ wie Shaker, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (oder Mormonen), Siebenten Tags Adventisten, Wachtturmgesellschaft und andere beschränkt blieb.

Verbindungen zwischen der Angst vor der Apokalypse und Hexerei sind eher marginal. Es ist möglich, wenn auch unbewiesen, dass Apokalyptik eine Rolle beim Aufkommen der Hexenverfolgungen spielte. Da eines der vor dem Ende der Welt erscheinenden Zeichen die Apostasie vieler Christen sei (Matthäuss 24, 4ff), war es sicher logisch, das Aufkommen der Hexen„Sekte“ als ein Merkmal der bevorstehenden Apokalypse zu interpretieren. In der dem Malleus maleficarum vorangestellten Apologia verortete Jakob Sprenger deshalb die Verfolgung der „Häresie der Hexen“ im eschatologischen Kontext des „späten Abends der Welt“, charakterisiert von einem Anstieg der Sündhaftigkeit des Menschen. Der Teufel, so der dominikanische Prediger, nur wenig Zeit besitzend, Böses zu tun, veranlasse in dieser Zeit hauptsächlich das weibliche Geschlecht dazu, einen Pakt mit der Hölle zu schließen, um die Werke der Zauberei zu begehen. Allerdings scheint dies hauptsächlich eine theologische Spekulation geblieben zu sein, von manchen wiederholt (z. B. Abt Johannes Trithemius in seinem Liber octo quaestionum für Kaiser Maximilian I.) nicht ein konkreter Impuls in den Praktiken der Verfolger.

Literatur

Richard K. Emmerson / Ronald B. Herzmann (Hg.), Apocalyptic Imagination in Medieval Literature, Philadelphia 1992.

Apokalyptik, in: Lexikon für Theologie und Kirche I. Freiburg 1993, S. 814-821.

Claude Carozzi, Apocalypse et salut dans le christianisme ancien et médiéval. Paris 1999.

Norman Cohn, The Pursuit of the Millennium. Revolutionary Millenarians and Mystical Anarchists of the Middle Ages, Oxford 1970.

Peter Dinzelbacher, Die letzten Dinge. Himmel, Hölle, Fegefeuer im Mittelalter, Freiburg 1999.

Pieter Eligh, Leven in de eindtijd. Ondergangsstemmingen in de middeleeuwen. Hilversum 1996.

John J. Collins u. a. (Hg.), The encyclopedia of apocalypticism, New York 1999.

Barbara Haupt (Hg.), Endzeitvorstellungen, Düsseldorf 2001.

Johannes Fried, Aufstieg aus dem Untergang. Apokalyptisches Denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter, München 2001.

Caroline W. Bynum / Paul Freedman (Hg.), Last Things. Death and the Apocalypse in the Middle Ages, Philadelphia 2000.

Hans J. Hillerbrand (Hg.), The Oxford Encyclopedia of the Reformation, Oxford 1996, Bd. I, S. 45 f.; 63-68; Bd. III, S. 61-63.

Damian Thompson, The End of Time, London 1996.

Valerie Pursel Zimbaro, Encyclopedia of Apocalyptic Literature, Santa Barbara CA. 1996.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Angst vor der Apokalypse. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzn4/

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Erstellt: 12.01.2011

Zuletzt geändert: 12.01.2011

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