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Albizzi, Francesco

Rainer Decker

15.03.02

*1593 in Cesena (südlich von Ravenna), + 03.10.1684 in Rom;

Diplomat, Inquisitor und Kanonist in Rom.

1. Albizzis Laufbahn und sein Bezug zu den Hexenverfolgungen

Francesco Albizzi war zunächst als Assessor, dann (seit 1654) als Kardinal die prägende Persönlichkeit der römischen Inquisition seiner Zeit. Er schlug nach dem Studium zunächst die Juristenlaufbahn ein, wurde aber nach dem frühen Tod seiner Frau, mit der er mehrere Kinder hatte, Geistlicher und trat in den diplomatischen Dienst der römischen Kurie ein, mit Aufenthalten an den Höfen in Neapel und Madrid (1628). 1635 wurde er als Assessor mit der Leitung der laufenden Geschäfte des Heiligen Offiziums betraut, musste aber 1636/37 dieses Amt für 15 Monate ruhen lassen, da er in diplomatischer Mission nach Köln entsandt wurde. Auf der Reise durch Deutschland bot sich den Italienern ein ungewohntes, "ein fürchterliches Schauspiel: außerhalb der Mauern mehrerer Dörfer und Städte waren unzählige Pfähle errichtet, an die gefesselt arme und überaus bedauernswerte Frauen als Hexen von den Flammen verzehrt worden waren", wie Albizzi sich noch Jahrzehnte später erinnerte.

2. Albizzis theologische und dämonologische Position

Bald nach seiner Rückkehr in die Ewige Stadt profilierte sich der Assessor jahrzehntelang als einer der Hardliner der römischen Kurie im Jansenismus-Streit, der Auseinandersetzung mit der Lehre des Bischofs von Ypern, Cornelius Jansen (1585-1638), in der sich manche Berührungspunkte mit der Prädestinationslehre des Calvinismus fanden. Albizzi beeinflusste wesentlich die scharfe Ablehnung des Jansensimus unter den Päpsten Innozenz X. (1644-1655) und Alexander VII. (1655-1667). Er war ein dezidierter Verfechter des Suprematieanspruches des Papsttums. In gelehrten Abhandlungen wies er Einmischungsversuche der Republik Venedig in die kirchliche Jurisdiktion ebenso zurück wie den Anspruch des spanischen Königs auf ein Vetorecht bei der Papstwahl. 1654 wurde sein Engagement mit der Ernennung zum Kardinal belohnt. Zugleich trat Albizzi, jetzt also nicht mehr Assessor, als vollberechtigtes Mitglied in das Heilige Offizium ein. Als solcher wirkte er kurz darauf an der Entscheidung Innozenz X. und seines Nachfolgers mit, 15 Kinder, denen bei einer Hexenverfolgung durch die weltliche Justiz in Graubünden die Hinrichtung drohte, nach Mailand in Sicherheit zu bringen. Diese und andere Erfahrungen führten zu dem Beschluss des Heiligen Offiziums, seine bisher nur handschriftlich und in dickleibigen Handbüchern abgedruckte Hexenprozessinstruktion 1657 als Broschüre drucken zu lassen und an radikale Hexenverfolger, insbesondere außerhalb Italiens (katholische Schweiz, Frankreich, Deutschland), zu verschicken. Albizzi stellte seine Auffassung zur Hexenfrage innerhalb des ersten Bandes (De Inconstantia in iure admittenda vel non) eines umfangreichen kirchenrechtlichen Werkes dar, den er kurz vor seinem Tode veröffentlichte (Amsterdam 1683 bei Jean Antoine Huguetan, Druckort und Verleger sind fingiert). In dogmatischer Hinsicht war Albizzi konservativ: Die Behauptung, Schadenzauber sei irreal, nennt er häretisch. Auch Hexenflug und -sabbat sind für ihn grundsätzlich möglich, allerdings äußerst selten. Albizzi glaubte sogar an die Wirklichkeit des Hexenstigmas, gab aber zu, dass dazu innerhalb der Inquisition ernst zu nehmende gegenteilige Auffassungen existierten. Seine allgemeine Magiegläubigkeit wird dadurch entscheidend entschärft, dass Albizzi bei dem tatsächlichen Nachweis des Hexendeliktes sehr vorsichtig war und damit voll auf dem Boden der Instruktion stand. Vor der Annahme eines Schadenzaubers mussten Ärzte erst natürliche Ursachen des Todes eines Menschen ausschließen. Dazu schreibt der Kardinal, als Assessor seien ihm zwar zahlreiche Fälle angeblichen Schadenzaubers unterbreitet worden, diese seien aber von den herangezogenen Medizinern fast immer auf Krankheiten zurückgeführt worden. Die lokalen geistlichen Instanzen waren laut Albizzi in dieser Hinsicht erheblich hexengläubiger als die Zentrale in Rom: "Da bei Hexenprozessen von den Inquisitoren und den zuständigen Bischöfen bei dem Nachweis des Corpus Delicti gesündigt wurde, das völlig nachgewiesen werden muss, besonders wenn es um Kindestötung und Schadenzauber mit angeblich tödlichem Ausgang geht, hat die Suprema [das Heilige Offizium in Rom] zur Unterrichtung der Glaubensrichter die [...] Instruktion drucken lassen und ihnen in Rundschreiben zugeleitet." Scharf kritisierte Albizzi auch die Praxis, auf Grund von Besagungen angeblicher Teilnehmer am Hexensabbat Kettenprozesse durchzuführen: "Dass den Hexen, die beteuern, sie hätten am Hexensabbat bestimmte Personen gesehen, nicht zu deren Nachteil geglaubt werden soll, da es für Illusion angesehen wird, hat die Suprema mehrmals festgelegt, besonders 1594 und 1595 [...]. Daher ist immer die Praxis der weltlichen und der geistlichen Gerichte in Deutschland abgelehnt worden, wonach man eine Hexenverfolgung in Gang setzte, nur weil eine einzige Hexe bezeugte, sie habe andere beim Sabbat gesehen, und dass man sie für überführt hielt, wenn dies zwei Hexen behaupteten; gegen diese Praxis wendet sich Pater Tanner in einem dieser Sache gewidmeten Kommentar und ein unbekannter Verfasser, ein römischer Theologe, in dem Buch Cautio Criminalis [...], gedruckt in Rinteln im Jahr 1631". Dem Kardinal-Inquisitor war also Friedrich Spees Cautio Criminalis in der Rintelner Erstausgabe ein Begriff, und er schätzte sie in der besagten Frage für so bedeutsam ein wie Adam Tanners Theologia moralis, obwohl ihm der Verfasser unbekannt blieb. Über die Hexenverfolgungen in Deutschland unterhielt Albizzi sich mit Ex-Königin Christine von Schweden, die sich seit 1655 im römischen Exil aufhielt. Sie verwies dabei auf ihr Edikt von 1649, mit dem in den norddeutschen Stiftern Bremen und Verden die Hexenprozesse weitgehend unterbunden worden waren. Sie und der Kardinal waren sich einig, "dass das, was die Hexen [über den Hexensabbat] gestehen, aus weiblichen Affekten (ex affectibus uterinis) oder teuflischen Vorspiegelungen geschieht."

3. Albizzi und die römische Position in der Hexenfrage

Nur im Herrschaftsbereich der römischen Inquisition konnte das Heilige Offizium seine gemäßigte Position in der Hexenfrage durchsetzen. Als auf einem ihrer wenigen Auslandsposten, in der Freigrafschaft Burgund, gegen Ende der 50er-Jahre der Inquisitor Pierre Symard eine große Prozessserie in Gang gesetzt hatte, stieß er dabei auf den Widerstand Roms, wie Albizzi schrieb: "Der Inquisitor von Besançon hatte gemäß der Praxis jener Gegenden mehrere Männer und Frauen dem weltlichen Arm übergeben, deren Prozesse später von der Suprema für nichtig und ungerecht befunden wurden; deshalb wurden sie als unschuldig freigelassen und der Inquisitor wurde abgesetzt und dem neuen Inquisitor vorgeschrieben, Hexenprozesse nach der obigen Instruktion durchzuführen."

Albizzis Ausführungen zur Hexenfrage in seinem Buch spiegeln die Haltung des Vatikan im 17. Jahrhundert wider und illustrieren sie durch die Beispiele, die der Kardinal aus eigener Anschauung beisteuerte. Seine Angaben werden durch die seit der Öffnung des Archivs der Glaubenskongregation 1998 zugänglichen Quellen bestätigt und präzisiert. Rom zeigte in der dogmatischen und politischen Auseinandersetzung mit den konfessionellen Gegnern kompromisslose Härte, bewies aber in der Hexenfrage einen für damalige Verhältnisse beachtlichen Wirklichkeitssinn.

 

Literatur

A. Monticane: Artikel "Albizzi, Francesco", in: Dizionario Biografico degli Italiani, Band 2 (Rom 1960) S. 23-26.

Lucien Ceyssens: Albizzi. Son autobiographie et son testament, in: Bulletin de l'Institut historique belge de Rome 45 (1975), S. 343-376.

Ders.: Le Cardinal Francois Albizzi (1593-1684): Un cas important dans l'histoire du jansénisme, Rom 1977.

Marcel Albert: Nuntius Fabio Chigi und die Anfänge des Jansenismus 1639-1651. Freiburg i. B. 1988, S. 41-45.

Rainer Decker, Spee und Tanner aus der Sicht eines römischen Kardinal-Inquisitors, in: Spee-Jahrbuch 6 (1999) S. 45-52 (siehe auch die Homepage https://web.archive.org/web/20080704155051/http://members.aol.com/Deckerpaderborn/TannerohneAnm.html).

 

Siehe auch folgende Artikel

Paderborn, Hochstift - Hexenverfolgung von Rainer Decker

 

Empfohlene Zitierweise

Decker, Rainer: Albizzi, Francesco. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzmu/

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Erstellt: 23.03.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2008

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