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Aberglaube - Superstitio

Peter Dinzelbacher

(Übersetzung von Johannes Peisker)

11. Januar 2011

Der lateinische Begriff ‚superstitio‘ (ursprünglich lat. Bezeichnung für „etwas zu starkes“) wurde von den romanischen Sprachen und aus dem Englischen übernommen; ins Deutsche übersetzt als Afterglaube (d. h. rückständiger Glaube; jetzt veraltet) oder Aberglauben (d. h. konträr zum richtigen Glauben), ins Niederländische als ‚bijgeloof‘ (d. h. unter dem richtigen Glauben), in skandinavische Sprachen als ‚overtro‘ (zu fester Glaube).

Von der Antike bis zum heutigen Tag ist eine abwechslungsreiche Zusammenstellung meist religiöser Glaubensvorstellungen und Verhaltensweisen als abergläubisch charakterisiert worden. Der konkrete Inhalt dieses stets pejorativen Ausdrucks hängt von der Religion, dem sozialen Status, der Bildung und den jeweiligen kulturellen Praxen der Inhaber der Deutungshoheit ab. So bezeichnete das griechische ‚desidaimonia‘, Latein ‚superstitio‘, eine überhöhte Furcht vor numinosen Mächten oder die Mentalität einer fremden Religion, weshalb Heiden das Christentum als abergläubisch qualifizierten (Tacitus, Annales 15, 44), während Christen genau dieselbe Meinung bezüglich der jüdischen Religion äußerten (Apostelgeschichte 25, 19). Die Reformtheologen denunzierten viele Bestandteile katholischen Glaubens und katholischer Frömmigkeit als abergläubisch. Seit der Zeit der Kirchenväter wurden auch innerhalb des Christentums oder einer seiner Konfessionen Typen religiöser Überzeugungen und Dienste als abergläubisch verdammt, die von der jeweiligen theologischen Hierarchie nicht anerkannt waren. Oft, aber keinesfalls immer, finden sich unter den ‚autorisierten‘ Objekten des Aberglaubens der Glaube an Amulette, Träume und Visionen, Zaubermittel, Wahrsagerei, Magie, Nekromantie, Wunder, Omen, Zaubersprüche und die Praxis solcher Dinge. Von diesen waren viele Überreste heidnischer Glaubensvorstellungen und Riten und wurden als solche vom Klerus verurteilt. Daher ist Aberglauben jene Zusammenstellung von Glauben und Praktiken, welche die Funktionäre der offiziellen Religion (‚religion préscrite‘) aus dem Ganzen des religiösen Kosmos tatsächlich praktizierter Religion (‚religion vécue‘) als inakzeptabel aussonderten Regelmäßig wurde ungebildeten Laien, besonders Landbewohnern, ein abergläubischer Geist zugeschrieben, es kann aber gezeigt werden, dass unter der gebildeten Oberklasse der gleiche ‚Aberglaube‘ ebenfalls existiert hat. Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben Volkskundler und Historiker diesen Begriff ohne Zögern benutzt, um den gleichen Kanon volkstümlicher Vorstellungen und Bräuche zu bezeichnen, den Theologen seit Ewigkeiten so benannt hatten. Allerdings hindert heute eine wachsende Sensibilität hinsichtlich der mit diesem Begriff verbundenen, eindeutig negativen Konnotationen, implizierten Machtstrukturen und Arroganz viele Wissenschaftler, von Aberglauben zu sprechen. Angesichts der Tatsache, dass verwandte Begriffe wie Volksreligion oder Vulgärchristentum nicht unproblematisch sind, ist die beste Alternative vielleicht Parallelreligion (ein mit der offiziellen Religion koexistierendes Set von Glaubensvorstellungen und Riten).

Die Lehren einer früheren Phase einer bestimmten Religion, die im Verlauf der dogmatischen Entwicklung obsolet geworden sind, werden oft als abergläubisch angesehen. So bestätigten im Frühmittelalter mehrere katholische Kirchenkonzile die Praxis von Gottesurteilen; nach ihrer Abschaffung durch dieselbe Kirche im Jahr 1215 wurden sie von spätmittelalterlichen Theologen wie Thomas von Aquin als abergläubisch klassifiziert. Hinsichtlich der Hexerei wurde nicht der Glaube daran, aber mehrere Teile davon von karolingischen Theologen wie Erzbischof Agobard von Lyon († 840) als abergläubisch erachtet. Er hielt es für leichtgläubig, anzunehmen, dass bestimmte Leute durch Kollaboration mit Wolkenseglern der Herstellung von Hagel und Donner schuldig sein könnten. Der Glaube an nächtliche Ritte von Frauen zu bestimmten Arten von Sabbaten wurde vom sogenannten Canon Episcopi heftig kritisiert. Um 1100 dekretierte König Koloman von Ungarn, dass Hexen nicht existierten, weshalb sie auch niemand jagen müsse. Solche Vorstellungen stellten hingegen einen Teil der üblichen Vorwürfe gegen Hexen während des Spätmittelalters und der Frühneuzeit dar. Ihre Realität zu verleugnen konnte zu einer Anklage wegen Häresie führen: 1453 wurde Prior William Adeline (Edeline) von Saint-Germain-en-Laye gefoltert, weil er nicht an die Faktizität des Hexenritts glauben wollte. Auch die Autoren des Malleus interpretierten solchen Skeptizismus als ein Zeichen der Häresie. Nach der Aufklärung wendeten sich die Dinge erneut komplett: Nun war eine abergläubische Person derjenige, der an die Existenz von Hexen glaubte. Dies ist die geläufige Meinung der heutigen westlichen Welt, allerdings besteht eine kleine Minderheit von Menschen fort, die noch von der Existenz von Hexen überzeugt sind, ebenso wie eine halb ernste Bemühung einiger radikalfeministischer Gruppen, diesen Glauben zu reinstallieren, Hexerei nicht als Aberglauben, sondern als antikes und funktionierendes Wissen deklarierend.

Literatur

Karin Baumann, Aberglaube für Laien, Zur Programmatik und Überlieferung mittelalterlicher Superstitionenkritik, Würzburg 1989.

Peter Dinzelbacher, 'Volksreligion', 'gelebte Religion', 'verordnete Religion', Zu begrifflichem Instrumentarium und historischer Perspektive, in: Id. Mentalität und Religiosität des Mittelalters I, Klagenfurt 2003.

Dieter Harmening, Superstitio, Berlin 1979.

Diez-Rüdiger Moser, Glaube im Abseits, Darmstadt 1992.

P. Séjourné, Superstition, in: Dictionnaire de Théologie catholique 14/2, Paris 1941, S. 2763-2824.

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Aberglaube, superstitio. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzmg/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 09.09.2013

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