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Sönke Neitzel

"Wer Wind sät, wird Sturm ernten."

Der Luftkrieg in westdeutschen Fernsehdokumentationen. [1]

 

Der überaus facettenreiche Luftkrieg ist für das Fernsehen in seiner Gesamtheit niemals interessant gewesen - relevant ist bis heute praktisch nur der Bombenkrieg gegen Städte. Vom strategischen Bombenkrieg wurde und wird vom Fernsehen aber wiederum nur ein ganz bestimmter Teil wahrgenommen - keinesfalls seine Gesamtheit. Ganz allgemein gesprochen läßt sich der strategische Bombenkrieg in drei thematische Blöcke unterteilen:

1. die Strategie, d.h. die Überlegungen und Absichten, die die höchsten politischen und militärischen Führungsstellen mit den Luftangriffen auf feindliche Städte verbanden. Hierzu gehört auch die Frage, was mit den Angriffen getroffen werden sollte und was dann wirklich getroffen wurde.

2. Die operativ-technische Umsetzung, d.h. die Flugzeug- und Radartechnik, die Ausbildung der Besatzungen, die Art der Operationsführung usw.

3. Die Ebene der Betroffenen, d.h. die Berichte der Ausgebombten, wie der Flugzeugbesatzungen, ihrer Erlebnisse, Empfindungen und ihrer Versuche, das Erlebte historisch einzuordnen und zu bewerten.

Der Focus praktisch aller Fernsehdokumentationen, in denen der Bombenkrieg thematisiert wurde liegt - mit Ausnahme einer 1985 ausgestrahlten ARD-Serie - im dritten Bereich. Über den operativ-technischen Bereich erfährt der Zuschauer nur ganz am Rande näheres - etwa über die bei den Angriffen auf Hamburg abgeworfenen Staniolstreifen zur Täuschung des deutschen Radars (Düppelstreifen). Wenngleich dies angesichts des Mediums und des begrenzten Raumes zum Transport komplexer technischer und operativer Zusammenhänge nicht verwundern kann, ist das meist völlige Fehlen der in Punkt 1 angedeuteten strategischen Einordnung doch bemerkenswert.

Das Thema Luftkrieg kam in den sechziger und siebziger Jahren im deutschen Fernsehen mit eigenen Prokutionen praktisch nicht vor. Der Zweite Weltkrieg erhielt erst seit 1979, mit dem vierzigsten Jahrestag des Kriegsausbruches, seinen festen Platz im Fernsehprogramm. Die ARD startete nun die Sendung "Vor vierzig Jahren", in der Wochenschauen vor allem deutscher aber auch britischer, amerikanischer, russischer und japanischer Provenienz gezeigt und anschließend kommentiert wurden. Das ZDF strahlte zum 40. Jahrestag des Kriegsausbruches die dreiteilige Dokumentationsserie "Wir Deutsche und das Dritte Reich" aus, in der der Bombenkrieg am Rande Erwähnung fand. Die deutschen Angriffe auf britische Städte wurden hier zwar erwähnt, auch Goebbels Ausdruck vom "Coventrisieren". Der Sprecher schätzte die deutschen Luftangriffe insgesamt als militärisch bedeutungslos ein und nahm weiter keine Wertung vor - genauso blaß wurden die Angriffe auf deutsche Städte dargestellt. 

Die Dokumentation "Die Briten im Zweiten Weltkrieg", ebenfalls ausgestrahlt im September 1979, widmete sich den deutschen Luftangriffen auf britische Städte 1940/41 schon ausführlicher. Der Zuschauer bekam Wochenschaubilder von Luftangriffen und zerstörten Häusern zu sehen, etliche Zeitzeugen berichteten von ihren Erlebnissen. Dabei blieb die Einordnung in einen strategischen Kontext vollends auf der Strecke. Was die deutschen Angriffe auf London, Coventry usw. bezwecken sollten erfuhr man nicht. Als es daran ging, die britischen Angriffe auf Deutschland zu kommentieren, wurde dem Zuschauer vom Sprecher mitgeteilt: "Das Konzept der Terrorstrategie wird nun gegen Deutschland angewandt, die wurde Englands moralische Fehlleistung in diesem Krieg". Damit hat es sich, eine weitere Information fand nicht statt, ob Deutsche und Briten überhaupt dieselbe Strategie verfolgten, welche Überlegungen diesen zugrunde lagen, all dies wurde nicht aufgeklärt.

Eine zweite Verdichtung des Themas Bombenkrieg läßt sich dann wieder 1985 zum 40. Jahrestag der Kapitulation der Wehrmacht feststellen. Das ZDF war im Herbst 1984 mit der Sendung "Damals - vor 40 Jahren" auf den Zug der wöchentlichen Erinnerungssendung aufgesprungen und befaßte sich daher auch mit Themen wie dem Angriff auf Dresden. Die ARD hat ebenfalls 1985 die bis heute umfangreichste Dokumentationsstaffel über den Luftkrieg gesendet. In fünf 45-55minütigen Folgen wurde der "Krieg der Bomber", so der Titel, ausführlich dargestellt. Die Dokumentationsstaffel versuchte in einer vergleichsweise sachlichen Art und Weise den Bombenkrieg von dem deutschen Angriff auf Warschau Ende September 1939 bis zur Bombardierung Dresdens im Februar 1945 darzustellen. Die detailreichen Filme folgten einer wissenschaftlich überaus problematischen Kernaussage: "Adolf Hitler hatte Wind gesät, und Sturm geerntet". Somit wurde eine direkte Kausallinie von der deutschen Luftoffensive 1940/41 zur alliierten Offensive 1941-45 gezogen, eine Verbindung die es dieser Form nicht gegeben hat. Für die englische Bevölkerung und die britischen Bomberbesatzungen gab es diese Verbindung natürlich, im Bereich der Strategie gab es sie aber nicht - die alliierten Angriffe auf Deutschland waren eben keine "Vergeltungsangriffe", sie folgten einer ganz eigenen Logik, einer eigenen Strategie. Die Staffel "Krieg der Bomber" verurteilt dann die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte zumindest im Jahr 1945 scharf. Der Angriff auf Dresden wird als "Massaker" bezeichnet - in der Wortwahl erinnert man sich an Jörg Friedrich - und in der Schlußbilanz läßt der Autor einen britischen Zeitzeugen zu Wort kommen, der sich kritisch über die Rolle des Bomber Command äußert: Der Bombenkrieg mit all seinen Zerstörungen sei bis Ende 1944 ein notwendiges Mittel zur Bekämpfung Deutschlands gewesen, danach hätte man den Krieg auch mit weniger Verheerungen beenden können.

Wenngleich hier zum ersten Mal im deutschen Fernsehen der Bombenkrieg umfassend dargestellt wurde, hinterläßt eine kritische Analyse der Filme doch ein zweiseitiges Urteil: ausgewogene und sachliche Kommentare/Darstellungen (etwa auch zur Vorgeschichte des Angriffs auf Dresden) stehen wissenschaftlich auch schon 1985 nicht vertretbaren Äußerungen gegenüber und dies bezieht sich nicht nur auf die unsägliche These, "Wer Wind säht, wird Sturm ernten", sondern auch auf die zu diesem Zeitpunkt längst widerlegte Behauptung, daß in Dresden Tiefflieger mit ihren Bordkanonen Jagd auf die Menschen auf den Elbwiesen gemacht hätten. Zudem fällt hier ein bis heute immer wiederkehrendes Phänomen historischer Fernsehdokumentationen auf: die gezeigten Bilder passen nicht zum Sprechertext und zu den historischen Ereignissen, die sie illustrieren sollen. Der Autor vermochte weder deutsche von englischen Flugzeugen zu unterscheiden, noch einzuordnen, wann die von ihm gezeigten Aufnahmen entstanden sind.

In der ARD waren 1985 weitere regionalgeschichtliche oder allgemein historische Dokumentationen zu sehen, in denen der Bombenkrieg eine Rolle spielte ("Apokalypse am Main", 16.3.45; oder "Die Deutschen und der Zweite Weltkrieg", Folge 5: "Das Drama des Luft- und Seekrieges"). Diese setzen in Stil und Aufmachung keine neuen Zeichen, inhaltlich fallen sie weiter zurück, weil sie nur überaus schwache Einordnungen und Erklärungen bieten. Die vom ZDF 1995 in der Dokumentation "Der verdammte Krieg" gezeigten Bilder über die Zerstörung Hamburg im Juli 1943 fallen in dieselbe Kategorie. Der Zuschauer bekam ein buntes Sammelsurium von Zeitzeugenerlebnissen und alten Filmaufnahmen von alliierten Bombern und zerstörten Städten zu sehen. Eine selbst auch nur ansatzweise historische Einordnung fand nicht statt.

Die dritte Verdichtung von historischen Dokumentationen zum Luftkrieg erfolgte von Anfang 1999 bis Anfang 2003. In diesen vier Jahren sendete allein das ZDF sechs Hauptbeiträge von mindestens 45 Minuten Länge zum Teil zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Anhand dieser Beiträge läßt sich ein bemerkenswerter inhaltlicher Wandel nachzeichnen: 1999 wurde in einer Dokumentation über den Angriff auf Dresden noch klassisch mit der deutschen Bombardierung von Warschau begonnen. "Der Terror aus der Luft beginnt mit Hitlers Angriff auf Polen", hieß es hier (ein Satz der - diplomatisch formuliert - erklärungsbedürftig ist) und ebenso wird wieder einmal die bekannte Rede Hitlers vom 4. September 1940 gezeigt, in dieser ankündigte, Englands Städte auszuradieren. Warum und wie Warschau angegriffen wurde, wird ebensowenig aufgeklärt wie der Umstand, daß Hitlers Aussagen am 4. September 1940 reine Propagandaphrasen gewesen sind und er sich ausdrücklich gegen die Durchführung von Terrorangriffen verwahrt hat. Eine inhaltlich schwammige Linie zieht sich durch den ganzen Film. Der Sprecher nennt den Angriff auf Dresden einen Akt sinnloser Verwüstung, die eigentlichen Hintergründe des Angriffs werden aber nicht klar benannt - für den Zuschauer bleibt unklar, warum die Alliierten Dresden wohl angegriffen haben könnten. Es werden etliche überaus unterschiedliche Beurteilungen von Zeitzeugen über die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte gebracht. Das Meinungsspektrum wird deutlich - am Ende fragt man sich freilich "wie es eigentlich gewesen". Hier wurde eine Dokumentation vorlegt, in der jeder seine Interpretation des Luftkrieges wiederfinden konnte, wenn er nur wollte. Die Pressereaktionen haben dann deutlich gezeigt, daß die Linie von Warschau über Rotterdam und Coventry nach Dresden noch immer nicht durchschnitten war.

Ein Film über die Luftschlacht um England, ausgestrahlt im Februar 2002, bemühte sich erst gar nicht um verschiedene Interpretationsmöglichkeiten: Im letzten Satz wurde sogleich wirkungsmächtig betont, daß ein direkter Weg vom Blitz von London zum Feuersturm über Dresden führe. Bei der Betrachtung dieses Films habe ich mich seinerzeit zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob die ganze Fachliteratur zum Thema Bombenkrieg vielleicht nicht doch vollkommen umsonst geschrieben worden ist. Denn offenbar kann die Wissenschaft über dieses Thema schreiben was sie will, eine Kenntnisnahme ihrer allenfalls in Details noch umstrittenen Ergebnisse ließ sich bis dahin nicht feststellen.

Erst mit der Dokumentation "Luftkampf über Deutschland", ausgestrahlt nur wenige Tage später, kündigte sich leise ein Wandel an, ein Wandel hin zu einer kritischeren Einordnung, des "unterschiedslosen Bombenkrieges" der Alliierten. Die Hintergrundmusik wurde dramatischer, die Sprechertexte nachdenklicher, die Grundstimmung des Films wurde mehr in Richtung "deutsche Opfer" gebracht. Wenngleich man auch hier wieder falschen Bildern, problematischen Zeitzeugenaussagen und einer teils nicht hinreichenden Einordnung begegnet, schließt der Film mit der zuvor undenkbaren Frage an einen britischen Bomberpiloten: "War es das wert?", worauf diese nachdenklich mit "No" antwortet.

Der eigentliche Durchbruch erfolgte dann aber erst im Windschatten des Buches von Jörg Friedrich. Die am 4. Februar 2003 ausgestrahlte ZDF-Dokumentation "Der Bombenkrieg" schafft es erstmals seit 1985, die deutschen Luftangriffe auf England wieder in einen korrekten strategischen Kontext zu stellen. Klar gegliedert und strukturiert werden die Unterschiede zwischen den Ereignissen der Jahre 1940/41 und 1942 folgende deutlich. Interviews von Jörg Friedrich und Ralph Giordano bewerten durchaus kontrovers den alliierten Bombenkrieg gegen deutsche Städte. Insgesamt ist dieser Film von allen Dokumentationen derjenige, der die Opfer der deutschen Zivilbevölkerung am deutlichsten und schonungslosesten thematisiert. Und dies wird nicht nur mit Interviewaussagen erreicht, sondern vor allem mit der Hintergrundmusik sowie Art und Inhalt der Sprechertexte. Die Spiegel TV-Reportage vom 4. April 2003 war in ihrer inhaltlichen Aufbereitung praktisch identisch.

Zusammengefaßt läßt sich folgendes festhalten: Die Darstellung des Luft- und Bombenkrieges bewegte sich vor der Veröffentlichung des Buches von Jörg Friedrich im Nebel von Zeitzeugenaussagen, zusammengestückelten Bildern, die wohl Erlebnisse, nicht aber historische Kontexte verdeutlichen konnten. Die Autoren hatten offenbar die historischen Zusammenhänge nicht recht erkannt, erwiesen sich häufig als beratungsresistent bzw. wollten ihre Erkenntnisse nicht umsetzen, weil sie das Publikum noch nicht für reif hielten und unangenehme Kommentare der Feuilletons fürchteten. Die Darstellung des Bombenkrieges gegen deutsche Städte mußte reflexartig an die Bombardierungen von Warschau, Rotterdam, Coventry und London gekoppelt werden, was für die Ebene der Opfer vollkommen legitim war, den strategischen Rahmen jedoch auf den Kopf stellte. Eine gleichsam kritische wie fundierte Hinterfragung des alliierten Bombenkrieges gegen deutsche Städte unterblieb. Offenbar traute man sich erst mit der von Friedrich entfachten Diskussion die in der Forschung seit Jahrzehnten vorhandenen Erkenntnisse in Filmdokumentationen umzusetzen.

Anmerkungen

1) Bei diesem Beitrag handelt es sich um die gekürzte Fassung eines Vortrages, der auf dem Workshop „Der Zweite Weltkrieg in Fernsehdokumentationen“ am 21. Juni 2003 an der Universität Mainz gehalten wurde. 

 

Kontakt: sneitzel(at)mail.uni-mainz.de

 

Empfohlene Zitierweise

Neitzel, Sönke: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten." Der Luftkrieg in westdeutschen Fernsehdokumentationen, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz126/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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