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Katrin Kilian

"Mir hat es jedenfalls wieder gereicht, aber wir hatten alle Glück"

Die Bombardierung der Heimat, dargestellt in deutschen Feldpostbriefen.

 


Abb. 1: Schreibender Soldat am Feldgeschütz, Feldpostarchiv Berlin

Während des Zweiten Weltkrieges sind etwa 30 bis 40 Milliarden Feldpostbriefe im deutschen Postbereich übermittelt worden. Wird die enorme Ausdehnung des Krieges und die Menge der versendeten Poststücke bedacht, so lässt sich die unwahrscheinliche Logistik erahnen, durch die die Übermittlung der Post ermöglicht wurde. Selbst gegen Ende des Krieges funktionierte sie noch, dies belegen Briefe aus jener Zeit. Dabei trafen die Ereignisse der Jahre 1944/45 auf den Kriegsschauplätzen im Osten, Süden und Westen mit voller Wucht auch die Organisation der Feldpost mit ihrem Personal, das oft seit Beginn des Krieges eingesetzt war.

Von der großen Menge an versandten Poststücken stammten circa 76 Prozent von der Heimat. Überliefert sind aber in der Regel die Briefe der Soldaten, weil sie zuhause aufbewahrt wurden, während die Landser ihrerseits die Briefe aus der Heimat nicht immer sammeln konnten. Daher sind private Mitteilungen von zuhause heute eher selten erhalten. Diese Belege vermitteln uns unter anderem ein Bild über die Wahrnehmung der Bombardierung deutscher Städte. Die Briefe, die aus der Heimat kamen, stammen in der Regel aus der Feder der Frauen, die an ihre Männer, Brüder oder Väter schrieben.

"Die Tage in Berlin waren für mich trotz des einen schweren Angriffs doch wieder sehr schön. Am Sylvestertag gingen wir nach dem Essen in die Kirche, wo Pfarrer Nebel wieder einen sehr schönen Gottesdienst abhielt. (...) Es war ein kalter, sehr stürmischer Tag und von der Kirche aus ging jeder zu sich nach Hause. Schützes kamen abends zu uns und wir hatten gerade Abendbrot gegessen, als die Sirene ging, gleich Vollalarm. Das ging von ½ 7 - ¾ 8 Uhr; es waren ja ‚nur’ schnelle Kampfflugzeuge. Der Angriff war nicht von Pappe. Die S-Bahn war von Westend bis Beusselstr., dann die Strecke nach Siemensstadt und nach Spandau gesperrt. Mir hat es jedenfalls wieder gereicht, aber wir hatten alle Glück. Nach dem Angriff hatte ich doch keine Ruhe u. wollte mal sehen, ob bei uns oben u. Deinen Eltern alles in Ordnung ist. In meiner Wohnung war nur etwas Kalk heruntergefallen, den ich gleich auffegte. (...) Die Scheiben waren in unserem Hause alle ganz. (...) so ging ich wieder zurück, denn dauernd erfolgten noch Detonationen, da wieder viel Zeitzünder geworfen sein müssen. Sogar in der zweiten Nacht darauf fielen wir einmal bald laus dem Bett, so ein Knall erfolgte. Wir blieben dann auch auf, denn gleich nach dem Angriff hätte man doch nicht schlafen können und hörten auch den Führer noch sprechen."[1]

Die Angehörigen berichteten in ihren Briefen über Fliegeralarm, endlose Zeiten in Kellern oder Luftschutzbunkern, Ausbombung und zerstörte Transportwege. Ruinen, obdachlos gewordene Menschen und Tote prägten das Straßenbild. Ein Leben in den Trümmern gehörte seit dem Angriff der alliierten Luftwaffe auf deutsche Städte dort zum Kriegsalltag. Zwischen Angst und Zuversicht, Hoffnung und Resignation bewegen sich die in den Briefen ausgedrückten Emotionen. "Zwischendurch sah ich mir den Schaden an der Ecke Soor- u. Haeselerstrasse an. Das kleine Chauffeurhäuschen ist nur noch ein Staubhaufen u. beide großen Eckhäuser u. auch noch daneben sind vollkommen durchwehrt, obgleich sie ja noch stehen. Auch der Holzzaun auf der rechten Seite der Gottfried-Keller Str. ist vollkommen in seine Bestandteile aufgelöst u. auch die kleine nette Villa dahinter steht nur noch mit den Wänden da."[2] Die Schilderungen aus der Heimat erschütterten die Soldaten. Angst und Sorge um die Angehörigen begünstigten eine Kriegsmüdigkeit.

Eine Ergriffenheit in der Beschreibung von Gewalterfahrungen in den Briefen der Soldaten findet sich vor allem zu Beginn des Krieges. Das Leid der Zivilbevölkerung blieb den Soldaten nicht verborgen. "Hier sah ich aber auch zum ersten Mal die Auswirkungen einer modernen Kriegsführung, es sind Stätte des Grauens, der Verwüstung. Ist es auch ein fremdes Land und die Menschen, die darin wohnen, uns vielleicht noch nicht besonders freundlich gesinnt, so tut es einem doch fast wehe, wenn man ganze Stadtteile sieht, die einen einzigen Trümmer- und Schutthaufen bilden."[3] Durch diese Erfahrungen konnte der Soldat erahnen, wie die Luftangriffe auf die eigene Heimatstadt aussehen könnten. "Ich war heute in Danzig, da war gerade Ari-Beschuss. Hotel Continental hat einen Treffer bekommen. Flüchtlinge waren da gerade zum Essen, die Leichen grauenvoll, ich hätte bald geheult, als ich die Kinderleichen sah."[4]

Aber die emotionale Beteiligung am Leid anderer nahm während des Krieges in den Darstellungen der Briefe ab. In der Feldpostforschung wurde übereinstimmend eine Abstumpfung von Gewalterlebnissen festgestellt. Die Entwicklung vor allem der Soldaten von einer Betroffenheit hin zu einer Teilnahmslosigkeit menschlichem Leid gegenüber wird dabei als ein Prozess der Gewöhnung interpretiert. "Diese Umstellung verläuft beide Male als eine Kette von Krisen und stellt sich bei näherer Betrachtung als Prozess körperlicher, psychischer und emotionaler Reduzierung und Abstumpfung des Menschen heraus."[5] Gewöhnung bedeutet Erstarrung und Abtötung der eigenen Lebensfülle und des Lebenssinns im und durch den Krieg. Gewöhnung und Abstumpfung hinsichtlich Extremsituationen und des Alltags stellt auch Humburg in seiner Untersuchung von Feldbriefen fest. Anfänglich dramatische Schilderungen blieben mit zunehmendem Einsatz der Soldaten aus. Gewöhnung und Abstumpfung gingen mit einer Konturenlosigkeit des Alltags und dem Verlust der eigenen Konturen einher. "Das bloße Funktionieren und der Lebenserhalt werden zum Selbstzweck."[6] Eine solche emotionale Passivität kann bedeuten, dass Gewalterlebnisse keine oder nur noch schwache Emotionen auslösen.

Gleichwohl führte die Bedrohung der Angehörigen durch die feindliche Luftwaffe zu heftigen Emotionen der Soldaten, so dass festzuhalten gilt, dass sich die Abstumpfung ausschließlich auf fremdes Leid bezieht, nicht auf den Sachverhalt der Gewalteinwirkung gegen Menschen an sich. Die Reaktionen auf die Bedrohung der Angehörigen bestanden in der Regel aus tiefer Sorge, Betroffenheit und dem Gefühl der Ohnmacht ob einer Hilflosigkeit, den Lieben nicht beistehen zu können.

Die Vorstellung der Soldaten, nach jahrelangem Kampf und Entbehrungen in eine zerstörte Heimatstadt zurückzukehren, führte mitunter zu einer Zerrissenheit. "Ich habe an Berlin sowieso kein Interesse mehr. In dem Schutthaufen würde ich wohl nie das Grauen los werden. (...) Mir wäre es verdammt lieber, ich könnte jetzt in Berlin sein und Dir helfen, wenn etwas passiert. Aber verlassen wir uns schon auf unser Glück. Einige werden ja doch übrig bleiben und vielleicht sind wir das. Nur zweifle ich manchmal, ob das wirklich ein Glück wäre."[7] Eine wie auch immer gespeiste innere Kapitulation eines Soldaten mit all ihren Auswirkungen auf sein Engagement hing eng mit den ganz persönlichen Zukunftsperspektiven zusammen. Zerstreuten sich diese, konnte dies zu einer Orientierungslosigkeit hinsichtlich des Sinn und Zwecks seines soldatischen Auftrages führen.

Aus der Quelle Feldpost lassen sich keine neuen Erkenntnisse über den Bombenkrieg an sich gewinnen. Sinnvoll wäre aber eine detaillierte Beschäftigung mit der Quelle hinsichtlich der durch den Luftkrieg ausgelösten Emotionen,[8] etwa inwiefern eine bereits etablierte Kriegsmüdigkeit dadurch verstärkt wurde und welche Konsequenzen dies auf die Kriegsführung hatte. Oder etwa ob die Luftangriffe zu Emotionen wie Wut führten, die Gefühle nach Vergeltung auslösten, die die Kampfmoral verstärkten. Ob der Luftkrieg zu einem kurzzeitigen Affekt oder langanhaltenden Grundstimmungen in der Bevölkerung führte, wäre ebenfalls zu klären.

Anmerkungen

1) Herta B. an ihren Mann, eingesetzt als Sanitäter an der Ostfront, am 4. Januar 1945 aus Saalfeld. am 4. Januar 1945 über einen Luftangriff auf Berlin; Feldpost-Archiv Berlin.

2) Herta B. an ihren Mann, eingesetzt als Sanitäter an der Ostfront, am 4. Januar 1945 aus Saalfeld. am 4. Januar 1945 über einen Luftangriff auf Berlin; Feldpost-Archiv Berlin.

3) Alois Sch. aus Rotterdam am 19.8.1940 an seine Frau; Feldpost-Archiv Berlin.

4) Paul L.W. aus Danzig am 14.3.1945 an seine Frau und Tochter; Feldpost-Archiv Berlin.

5) Knoch, Peter: Kriegserlebnis als biografische Krise, in: Gestrich, Andreas/Knoch, Peter/Merkel, Helga (Hgg.): Biographie - sozialgeschichtlich, Göttingen 1988, S. 106.

6) Humburg, Martin: Das Gesicht des Krieges. Feldpostbriefe von Wehrmachtssoldaten aus der Sowjetunion 1941-1944, Wiesbaden 1998, S. 253.

7) Heinz S. aus dem Mittelabschnitt in Russland am 11.3.1944 an seine Schwester; Feldpost-Archiv Berlin.

8) Eine Klassifizierung von Emotionen findet sich in meinem Beitrag „Kriegsbegeisterung und Kriegsmüdigkeit im Spiegel von Feldpostbriefen der deutschen Kriegsgesellschaft“, in Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Band 9, hg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 2004 (i. V., engl. Ausg. London 2004).

Weitere Literatur zum Thema "Feldpost" >Feldpost-Archiv

Kontakt: kkilian(at)gmx.net

 

Empfohlene Zitierweise

Kilian, Katrin: "Mir hat es jedenfalls wieder gereicht, aber wir hatten alle Glück". Die Bombardierung der Heimat, dargestellt in deutschen Feldpostbriefen, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz12b/

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Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 06.04.2006


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