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Sönke Neitzel

Die deutschen Luftangriffe auf feindliche Städteim Ersten und Zweiten Weltkrieg

 

Während des Ersten Weltkrieges baute jede Großmacht aus qualitativ und quantitativ überschaubaren Anfängen Luftstreitkräfte von mehreren tausend Flugzeugen auf. Der Luftkrieg gewann somit erstmals in der Geschichte ein eigenes Gewicht, wobei er in erster Linie auf die Westfront konzentriert gewesen ist, wo das Flugzeug vor allem zur taktischen Unterstützung des Heeres eingesetzt wurde. Die Oberste Heeresleitung und die Admiralität begannen 1915 freilich auch mit der Bombardierung britischer Städte. 

Die hierfür eingesetzten Zeppeline waren der britischen Luftabwehr bald nicht mehr gewachsen, so daß man 1917 zu Angriffen mit Großbombern überging. Diese Angriffe galten militärischen Einrichtungen, zielten aber auch dezidiert auf die ungeschützte Zivilbevölkerung, deren Moral man zu schwächen hoffte. Die deutschen Bombenangriffe auf britische Städte töteten während des Ersten Weltkrieges rund 1.600 Zivilisten, vermochten damit freilich die Moral nicht nennenswert zu beinträchtigen. 

Das Deutsche Reich hat im strategischen Luftkrieg damit zweifellos eine Vorreiterrolle eingenommen. Indes darf nicht vergessen werden, daß auch die Alliierten seit 1915 Ziele in Deutschland angegriffen haben und sie ebenfalls wenig Skrupel entwickelten, die deutsche Zivilbevölkerung zu treffen. Als moralische Rechtfertigung diente dabei stets der Hinweis auf das deutsche Vorgehen. Die alliierte Bomberoffensive scheiterte freilich ebenso wie die deutsche. 729 Zivilisten fielen alliierten Bomben während des Ersten Weltkrieges zum Opfer, zu einer nennenswerten Beeinträchtigung von Moral und Industrieproduktion kam es nicht.

In der Zwischenkriegszeit entwickelten sich aufgrund der zurückliegenden Erfahrungen unterschiedliche Luftkriegsdoktrinen. Während in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien der Weg zum Aufbau einer strategischen Bomberflotte beschritten wurde, die im Kriegsfall die Kraftquellen im gegnerischen Hinterland vernichten sollte, ging man in Deutschland einen anderen Weg. 

Bedingt durch die technischen Probleme im Flugzeugmotorenbau wurde 1936/37 der Schwerpunkt auf die Unterstützung von Heeresoperationen gelegt. Die ersten großen Luftangriffe auf feindliche Städte sind dann in diesem Zusammenhang geflogen worden. Im April 1937 wurde die baskische Kleinstadt Guernica von Bombern der „Legion Condor“ schwer getroffen. Der Angriff ist damals wie heute vielfach als „Meisterstück“ eines Terrorangriffes bezeichnet worden, eines Angriffes also, der nicht einem militärischen Ziel, sondern der wehrlosen Zivilbevölkerung gegolten habe. 

Die Diskussion um Guernica offenbart bereits, daß bei der Betrachtung des Bombenkrieges gegen Städte vier verschiedene Ebenen sorgfältig unterschieden werden müssen.

1. Was war das Ziel des Angriffes? Was und wer sollte getroffen werden?

2. Welches gegebenenfalls hiervon abweichendes Resultat wurde mit dem Luftangriff erzielt?

3. Wie wurde der Angriff von der Propaganda der Kriegsparteien instrumentalisiert?

4. Wie erlebten und interpretierten die Betroffenen am Boden und in den Flugzeugen die Angriffe?

Der Oberbefehlshaber der Legion Condor, Wolfram Freiherr von Richthofen, befahl den Angriff auf Guernica, um ein wichtiges Verkehrszentrum zu treffen, das sich nur 20 Kilometer hinter der Frontlinie befand. Es ging ihm in erster Linie darum, die Brücke über den Rio Oca zu treffen, wobei er zweifellos den Nebeneffekt begrüßte, daß auch Teile der Stadt getroffen werden würden, was den Rückzug der republikanischen Truppen weiter beeinträchtigen werde. Aufgrund der ungenügenden Zielvorrichtungen der angreifenden Flugzeuge blieb die Brücke unversehrt, während die Stadt in weiten Teilen zerstört wurde. Die ursprüngliche Intension war somit gewiß eine andere als das Endresultat vermuten läßt und natürlich ließ dieser Angriff propagandistisch hervorragend instrumentalisieren. Dies sollte bei der heutigen Betrachtung allerdings nicht dazu führen, die einzelnen Ebenen durcheinanderzuwerfen.

Die Bombardierung von Warschau Ende September 1939 und Rotterdam am 14. Mai 1940 ist ein ähnlich gelagerter Fall. Beide Städte waren verteidigte Festungen, Luftangriffe sollten dazu beitragen, die sich heftig wehrenden Verteidiger zur Aufgabe zu zwingen. In beiden Fällen war die Zivilbevölkerung gewiß nicht das Hauptziel, doch die Luftwaffe betrachtete es zweifellos als willkommenen Nebeneffekt, wenn die Zivilbevölkerung ebenfalls getroffen wurde und sich so der Druck auf die Militärs verstärkte, den Kampf einzustellen.

Im Fall von Rotterdam liegt eine besondere Tragik darin, daß zum Zeitpunkt des Angriffs, die holländische Besatzung bereits kapituliert hatte, aber nur noch ein Drittel der anfliegenden Bomber zurückgerufen werden konnte. Der Rest warf seine tödliche Fracht auf die Innenstadt ab und tötete über 900 Zivilisten.

Von September 1940 bis Mai 1941 flog die deutsche Luftwaffe dann die erste große Luftoffensive der Geschichte gegen feindliche Städte. Symbol dieser Angriffe ist Coventry, das in der Nacht zum 15. November 1940 von deutschen Bomben verwüstet wurde, wobei 554 Zivilisten starben. Hitlers Sportpalastrede vom 4. September 1940, in der er selbstbewußt verkündete, daß man die britischen Städte ausradieren werde und das Goebbelsche Wort vom „Coventrisieren“ einer Stadt wurden bis zuletzt als hinreichende Belege eines ungezügelten deutschen Vernichtungswillens gegenüber der britischen Zivilbevölkerung interpretiert. In der Tat haben die Einwohner der bombardierten Städte, insbesondere von London, die deutschen Luftangriffe als Terrorangriffe wahrgenommen, die unterschiedslos militärische und zivile Ziele trafen. Wie anfangs eingefordert darf man aber auch in diesem Fall die verschiedenen Ebenen der Betrachtung nicht durcheinanderwerfen. 

Die Aussagen von Hitler und Goebbels waren geflügelte Worte im Propagandakrieg, die ebenso wenig Rückschlüsse auf die deutschen Intentionen zulassen, wie die Empfindungen der Betroffenen. Das Studium der Quellen ergibt, daß sich Hitler Terrorangriffe als letztes Mittel im Kampf gegen Großbritannien ausdrücklich vorbehalten hatte und diese bis ins Frühjahr 1942 hinein nicht gestattete. Die deutsche Luftoffensive zielte vielmehr auf militärische Ziele, in London vor allem auf das Regierungsviertel und die Docklands, in Coventry auf die Flugzeugmotorenwerke. 

Bei der Unzulänglichkeit damaliger Bombenabwürfe - zumal bei Nacht - waren die Angriffe nicht sehr präzise, vernichteten daher weite Areale, die nicht zum Zielgebiet gehört hatten. Freilich kann auch hier nicht von der Hand gewiesen werden, daß die Luftwaffenführung die Zerstörung von Wohnvierteln und die Tötung von Zivilisten billigend in Kauf genommen hat und sich davon quasi als Nebeneffekt erhoffte, daß die Moral der Zivilbevölkerung schwer beeinträchtigt werden würde.

Den letzten großen Luftangriff flog die Luftwaffe am 10. Mai 1941 gegen London. Danach wurde die Masse der Bomberverbände in den Osten verlegt. Bis Anfang 1944 richteten sich schwache Angriffe, die kaum als Nadelstiche bezeichnet werden können, vor allem gegen Hafenstädte. Im April 1942 griff die Luftflotte 3 zur Vergeltung britischer Angriffe auf Lübeck und Rostock zum ersten Mal dezidiert rein zivile Ziele an. Die Bombardierung von historischen Städten wie Bath und Canterbury blieb angesichts der Schwäche der deutschen Luftstreitkräfte jedoch weitgehend folgenlos.

Zur Befriedigung von Hitlers unbeugsamem Drang nach Vergeltung flog die Luftwaffe von Januar bis Mai 1944 mit stärkeren Kräfte eine Luftoffensive vor allem wieder gegen London. Von den Engländern als „Baby-Blitz“ verspottet, blieb dieser Versuch, englischen Städten schweren Schaden zuzufügen angesichts der starken britischen Luftabwehr weitgehend erfolglos. Die am 13. Juni 1944 begonnene Beschießung Londons mit V-1 Raketen, zu der ab September 1944 noch der Einsatz der V-2 hinzukam, markiert den Endpunkt deutscher Angriffe gegen britische Städte, die sich in ihrer Intention nicht mehr von den britischen Angriffen unterschieden. 

Die Kriegsparteien waren damit auf derselben Stufe einer unterschiedslosen Kriegführung angekommen, bei der sich freilich die verfügbaren Mittel signifikant unterschieden haben. Insgesamt sind rund 42.000 britische Zivilisten während des Zweiten Weltkrieges deutschen Bomben zum Opfer gefallen. Wie im Ersten Weltkrieg haben die deutschen Luftangriffe den verantwortlichen Politikern und Militärs als moralische Rechtfertigung gedient, ihrerseits die deutsche Zivilbevölkerung zum Ziel von Luftangriffen zu machen. Dies darf jedoch nicht von dem Umstand ablenken, daß die alliierte Luftoffensive gegen Deutschland nicht einem Vergeltungsgedanken entsprang, sondern einer eigenständig entwickelten Luftkriegsdoktrin, die auch ohne die deutschen Angriffen zur Entfaltung gekommen wäre.

Literatur

Horst Boog, Luftwaffe und unterschiedsloser Bombenkrieg bis 1942, in: Horst Boog (Hrsg.), Luftkriegführung im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich. Herford (u.a.) 1993, S. 435-468.

Sönke Neitzel, Zum Mißerfolg verdammt? Die deutschen Luftstreitkräfte in beiden Weltkriegen, in: Bruno Thoß, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Erster Weltkrieg - Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich, Paderborn (u.a.) 2002, S. 167-192.

 

Kontakt: sneitzel(at)mail.uni-mainz.de

 

Empfohlene Zitierweise

Neitzel, Sönke: Die deutschen Luftangriffe auf feindliche Städte im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/ioz12i/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 28.03.2006

Zuletzt geändert: 28.03.2006


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