Einleitung

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Ralf Blank

Einleitung

Die Publikationen von Winfried G. Sebald [Luftkrieg und Literatur, München-Wien 1999] und Jörg Friedrich haben den alliierten Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich 1939-1945 (erneut) in den Fokus der historischern Forschung und medialen Öffentlichkeit gerückt. [1] Besonders in Friedrichs Buch "Der Brand" (2002) sowie auch in seinem ein Jahr später erschienen Bildband "Brandstätten" wird der Luftkrieg aus einer überwiegend deutschen Opfer-Perspektive thematisiert. Damit reihen sich Friedrichs Bücher in eine Vielzahl von Publikationen ein, die eine "neue" Historiographie und Sichtweise von Krieg und Nachkriegszeit begründen wollen. [2] Diese Form der Rezeption bezieht jedoch nicht nur den Bombenkrieg gegen Deutschland mit ein, sondern auch 'Flucht und Vertreibung' als Leidensgeschichte während der Kriegsendphase und in der frühen Nachkriegszeit. Die Geschichtswissenschaft erhielt durch die  Debatte um den Bombenkrieg wichtige Impulse für weiterführende lokale und überregionale Publikationen sowie für Forschungsprojekte und Einzelstudien. Der Bombenkrieg mit seinen Rückwirkungen auf die "Heimatfront" erweist sich als ein vielschichtiges Ereignis, das noch nicht in allen Details und Aspekten erforscht und dokumentiert ist.


Abb. 1

Bei einer Betrachtung des bisherigen Forschungsstands zum Bombenkrieg fällt noch etwas auf: Während es über die alliierten Bombardierungen eine Vielzahl von Publikationen gibt, fehlt immer noch eine zusammenfassende (deutschsprachige) Darstellung über die deutschen Luftangriffe und ihren Auswirkungen in z.B. Polen, England, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland. [3] Bis Juni 1941 wurden allein in Großbritannien über 40.000 Menschen durch deutsche Bombenabwürfe getötet. Als die Wehrmacht im Spätsommer 1942 zum Angriff auf Stalingrad ansetzte, forderten die Bombardierungen der Luftwaffe über 10.000 Tote unter der Bevölkerung dieser Stadt. Noch in den letzten Kriegsmonaten starben Tausende Menschen in Großbritannien und Belgien im "Dauerfeuer" deutscher "Vergeltungswaffen": die Flugbombe "V 1" und die Fernrakete "V 2". [4] Der Vernichtungswillen und der Wunsch deutscher Militärs und Politiker nach einer möglichst hohen Anzahl von Todesopfern ihrer Bomben und Raketen wurde vor allem auch durch die Auswirkungen der alliierten Luftangriffe auf die Rüstungsindustrie und das Verkehrswesen gebremst.


Abb. 2

Bei einer Analyse der Diskussion zur Jahreswende 2002/2003 um die alliierten Luftangriffe auf Deutschlands Städte, so fällt die besonders von den Medien betonte vorgebliche Tabuisierung des Themas in der Nachkriegsgesellschaft und historischen Forschung auf. Bei näherer Betrachtung hingegen erweist sich diese Annahme als haltlose Behauptung - eine moderne Legende. Tatsächlich war der Bombenkrieg als persönliche und kollektive Kriegswahrnehmung seit 1945 fester Bestandteil einer dichten mündlichen und schriftlichen Überlieferung. Seit den 1970er Jahren wird der Luftkrieg auch von der Geschichtswissenschaft untersucht, [5] wenngleich nicht in der Intensität, wie es anderen Themen der Zeitgeschichtsforschung erfuhren. Zugleich existiert seit 1945 eine große Anzahl von Erinnerungsliteratur und ortshistorische Veröffentlichungen, in der der Bombenkrieg und das Kriegsende aus Sicht der betroffenen Bevölkerung und oft emotionalisierend aus einer Trauerperspektive beschrieben wird. Die wissenschaftliche Analyse des Bombenkriegs mit einem erfahrungsgeschichtlichen Ansatz wurde wohl erstmalig in den 1980er Jahren von der 'Oral History'-Forschung thematisiert. [6] In den Jahren seit 1990 hat die Forschung neue Aspekte zur Alltagsgeschichte "unter Bomben" sowie zur administrativen und innenpolitischen Bewältigung der alliierten Bombardierungen erschlossen. [7]


Abb. 3

Erst genaue und sorgfältige Untersuchungen zum Bombenkrieg auf lokaler und regionaler Ebene sowie von Einzelaspekten werden eine zusammenfassende Darstellung des Luftkriegsgeschehens ermöglichen. Denn an der "Heimatfront" bestimmten vielfältige Einflüsse, die sich unter anderem auf militärisches, politisches und wirtschaftliches Gebiet bezogen, den Alltag der Bevölkerung und die Rückwirkungen des Bombenkriegs. Teilweise existierten innerhalb des Deutschen Reichs sogar regionale und örtliche Unterschiede bei der Bewältigung der Angriffsfolgen und ihrer Prävention. [8] Gleichzeitig bedeutete der Zusammenbruch des administrativen Apparats in den Städten seit 1943 infolge der massiven Bombardierungen einen Machtzuwachs für die NSDAP und ihren Gliederungen.


Abb. 4

Improvisation und Behelfswirtschaft bestimmten nahezu alle im "Heimatkriegsgebiet" von Partei und Staat ergriffenen Maßnahmen. Manche Ereignisse, wie die so genannten Fliegermorde und die Verteilung von "Judenmöbeln" an Bombengeschädigte, stellen die in der Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft gleichermaßen tradierte "Opferrolle" der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" zwischen 1940 bis 1945 in Frage. Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung konfrontiert seit 1995 mit den Dimensionen des Vernichtungskriegs in Ost- und Südosteuropa. Eine ganze Generation von Deutschen (und mit ihnen ihre Nachkommen) sowie besonders die Apologeten einer "sauberen" Wehrmacht fühlten sich als Angehörige eines 'Tätervolks' angegriffen. [9] Als zum Ende des 20. Jahrhunderts der Einsatz von ausländischen Arbeitskräften und Kriegsgefangenen durch die "Entschädigungsdebatte" in den medialen Fokus rückte, drängte sich der Eindruck auf, dass das zumindest seit Anfang der 1980er Jahre vergleichsweise intensiv erforschtes Thema in Teilen der Bevölkerung und in bestimmten Berufsgruppen als anscheinend bisher weitgehend unbekannt empfunden wurde.

Die Teilhabe der Wehrmacht an Kriegsverbrechen, öffentlich dokumentiert in der "Wehrmachtsausstellung", und der Zwangsarbeiter-Einsatz, dessen Spuren und Quellen um 2000 verstärkt lokal und regional untersucht wurden, stehen für die "Täterrolle" der Deutschen. Der Bombenkrieg hingegen als persönliche Kriegserfahrung und kollektive Leidensgeschichte in Kriegs- und Nachkriegszeit erfährt offenbar generationsübergreifend eine andere Rezeption.

Im Rückblick auf die Zerstörung deutscher Städte und den Tod von etwa 400.000 Menschen - gegenwärtig kursieren auch (unbelegte) Angaben über bis zu 600.000 Bombenopfer - empfinden sich viele Deutsche anscheinend vor allem als Opfer, obgleich die deutschen Luftangriffe und Kriegsverbrechen dadurch in der Regel nicht bestritten oder gar geleugnet werden. Es handelt sich um eine mentale Rezeptionsebene, die offenbar wesentlich erträglicher zu sein scheint als die Auseinandersetzung und Konfrontation mit deutschen Verbrechen im "Dritten Reich". Im Dezember 2002, auf dem Höhepunkt der "Bombenkriegs-Diskussion", stellte der Abgeordnete Dr. Peter Gauweiler (CSU) im Deutschen Bundestag die Anfrage, ob "die Bundesregierung die derzeitige, historische Debatte um den Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg - aktuell geschildert in dem Buch "Der Brand" des renommierten und international ausgezeichneten Historikers Jörg Friedrich über die Systeme der Alliierten, mehr als tausend Städte und Ortschaften bis zum Kriegsende in Flammen zu setzen - und die in diesem Zusammenhang geführte Diskussion" zur Kenntnis genommen habe. Für die Bundesregierung antwortete am 13. Dezember 2002 Staatsministerin Dr. Christina Weiss. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien stellte auf Gauweilers Anfrage fest: "Die Bundesregierung begrüßt die publizistische und wissenschaftliche Diskussion über den Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Sie wird sie allerdings nicht bewerten. Die richtigen Orte für die Erforschung und die Darstellung dieses sehr ernsten Themas sind auf Bundesebene insbesondere das Deutsche Historische Museum in Berlin und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn." [10] Beide Aussagen zeugen von einer nur geringe Sachkenntnis und werden dem Thema Bombenkrieg und Erinnerung noch nicht einmal im Ansatz gerecht.
Vor allem bleiben die Opfer deutscher Bomben und Raketen in vielen europäischen Ländern sowie Zehntausende von Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene, die vor allem aufgrund der ihnen verweigerten Schutzmöglichkeiten bei alliierten Luftangriffen getötet wurden, in dieser 'deutschen' Gedenk- und Erinnerungskultur zumeist unberücksichtigt.

Anmerkungen

[1] Zu W. G. Sebald vgl. Stephan Braese: Bombenkrieg und literarische Gegenwart. Zu W. G. Sebald und Dieter Forte, in Mittelweg 36 (2002) H. 1, S. 4-24 u. zuletzt Volker Hage: Zeugen der Zerstörung. Die Literaten und der Luftkrieg, Frankfurt/Main 2003. Zu "Der Brand" siehe Lothar Kettenacker (Hg.): Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-1945, Berlin 2003; Bernd Greiner: “Overbombed" Warum die Diskussion über die alliierten Luftangriffe nicht mit dem Hinweis auf die deutsche Schuld beendet werden darf, in: Literaturen 03/2003, S. 42-44; Klaus Naumann: Bombenkrieg - Totaler Krieg - Massaker. Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" in der Diskussion, in: Mittelweg 36, 12 (2003) H. 4, S. 40-60 u. Stephan Burgdorff/Christian Habbe (Hg.): Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen Deutschland, Hamburg 2003. Zur Rezeption des Bombenkriegs in der Erinnerungskultur und Historiographie vgl. bereits (1993!) Olaf Groehler: Der strategische Luftkrieg und seine Auswirkungen auf die deutsche Zivilbevölkerung, in: Boog, Horst (Hg.): Luftkriegsführung im Zweiten Weltkrieg. Ein internationaler Vergleich, Herford-Bonn 1993 [= Vorträge zur Militärgeschichte 12], S. 329-349.

[2] Exemplarisch - Günter Grass: Im Krebsgang. Eine Novelle, Göttingen 2002; Jörg Friedrich: Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs, München 2003; Hilke Lorenz: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation, München 2003.

[3] Neben Horst Boog (1990, 2001) sind vor allem zu nennen Udo Volkmann: Die britische Luftverteidigung und die Abwehr der deutschen Luftangriffe während der "Luftschlacht um England" bis zum Juni 1941, Osnabrück 1982 [= Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung 30] u. Ulf Balke: Der Luftkrieg in Europa. Die operativen Einsätze des Kampfgeschwaders 2 im Zweiten Weltkrieg, T. 1 u. 2, Koblenz 1989 [= Beiträge zur Luftkriegsgeschichte 2]. Im Kontext empfehlenswert ist Peter Dines, Peter/Peter Knoch: Deutsche und britische Erfahrungen im Bombenkrieg 1940 1945, in: Dieter Brötel/Hans H. Pöschko (Hg.): Krisen und Geschichtsbewußtsein. Mentalitätsgeschichtliche und didaktische Beiträge. Peter Knoch zum Gedenken, Weinheim 1996.

[4] Zur Entwicklung und zum Einsatz der Fernrakete "V 2" vgl. zuletzt Michael J. Neufeld: Die Rakete und das Reich. Wernher von Braun, Peenemünde und der Beginn des Raketenzeitalters, Berlin 1997 u. Volkhard Bode/Gerhard Kaiser: Raketenspuren. Peenemünde 1936-1994, Berlin 1995.

[5] Vgl. z. B. Friedhelm Golücke: Schweinfurt und der strategische Luftkrieg 1943. Der Angriff der US Air Force vom 14. Oktober 1943 gegen die Schweinfurter Kugellagerindustrie, Paderborn 1980; Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin (Ost) 1990; Horst Boog: Der anglo-amerikanische Luftkrieg über Europa und die deutsche Luftverteidigung, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 6 (Der globale Krieg), Stuttgart 1990, S. 429-560; Horst Boog: Strategischer Luftkrieg in Europa und Reichsverteidigung 1943-1945, in: Das deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 7 (Das Deutsche Reich in der Defensive), Stuttgart 2001, S. 3-415.

[6] Vgl. z.B. Lutz Niethammer (Hg.): "Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll". Faschismus-Erfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin-Bonn 1986. Eine "Oral History" des Bombenkriegs enthalten zahlreiche regional- und lokalhistorische Arbeiten der 1990er Jahre.

[7] Vgl. etwa Gerd R. Ueberschär: Freiburg im Luftkrieg 1939-1945, Freiburg/Würzburg 1990; Ursula Moessner-Heckner: Pforzheim-Code Yellowfin. Eine Analyse der Luftangriffe 1944-1945, Sigmaringen 1991 [= Quellen und Studien zur Geschichte der Stadt Pforzheim 2]; Martin Rüther: Köln, 31. Mai 1942. Der 1000-Bomber-Angriff, Köln 1992 [= Kölner Schriften zu Geschichte und Kultur 18]; Herbert Pogt (Hg.): Vor fünfzig Jahren. Bomben auf Wuppertal, Wuppertal 1993 [= Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertals 36]; Alfred C. Mierzejewski: Bomben auf die Reichsbahn. Der Zusammenbruch der deutschen Kriegswirtschaft 1944-1945, Freiburg 1993; Gerhard E. Sollbach: Dortmund. Bombenkrieg und Nachkriegsalltag 1939-1948, Hagen 1996;  Christian Hanke /Joachim Paschen /Bernhard Jungwirth: Hamburg im Bombenkrieg 1940-1945. Das Schicksal einer Stadt, Hamburg 2001; Volker Hage (Hg.): Hamburg 1943. Literarische Zeugnisse zum Feuersturm, Frankfurt/Main 2003.

[8] Exemplarisch für den NS-Gau Westfalen-Süd vgl. Ralf Blank: Albert Hoffmann als Reichsverteidigungskommissar im Gau Westfalen-Süd, 1943-1945. Eine biografische Skizze, in: Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 17 (2001), S. 189-210.

[9] Einen Überblick zur Diskussion um die "erste" Ausstellung in Heribert Prantl (Hg.): Wehrmachtsverbrechen. Eine deutsche Kontroverse, Hamburg 1997.

[10] Bundestagsdrucksache 15/267 v. 20.12.2002, S. 1. Am 5.6.2003 diskutierte der Ältestenrat des Bundestags über einen Antrag der CDU/CSU-Fraktion über das "Gedenken an die Opfer des Bombenkrieges", siehe "Milde am Abend: Der Bundestag debattiert über die Opfer des Luftkriegs", in: Die Welt v. 10.6.2003.

 

 

Empfohlene Zitierweise

Blank, Ralf: Einleitung - Bombenkrieg, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jh/

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Erstellt: 20.02.2006

Zuletzt geändert: 20.02.2006


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