Ursachen und Hintergründe

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Carl-Josef Virnich

Der "Achtzigjährige Krieg" – Ursachen und Hintergründe

 

Beim Achtzigjährigen Krieg handelte es sich nicht um einen dauerhaften Krieg, sondern um eine Vielzahl sich über einen langen Zeitraum erstreckender, unterschiedlich motivierter Aufstandsbewegungen. Während die Dynamik der Ereignisgeschichte zum Teil neue Ursachen hervorbrachte, die Verlauf und Folgen des Achtzigjährigen Kriegs wesentlich mitbestimmten, werden hier

1. die Vorgeschichte

2. die politisch-rechtlichen

3. die religiösen Faktoren angesprochen

 

vor deren Hintergrund der Achtzigjährige Krieg seinen Ausgang nahm.

1. Vorgeschichte

Eine Integration der Burgundischen Niederlande – einem um 1500 etwa die heutigen Benelux-Staaten und Teile Nordfrankreichs umfassenden Komplex verschiedener Provinzen und Städte – in das entstehende habsburgische territoriale Gefüge hatte sich zunächst nur zögernd abgezeichnet. Durch die Ehe Marias von Burgund mit Maximilian von Österreich und nach dem Tod ihres Vaters Karls des Kühnen (beides im Jahr 1477), trat das Haus Habsburg die "Burgundische Erbschaft" an. Die Herzogin hatte der Ständeversammlung der niederländischen Provinzen ("Generalstaaten") aus diesem Anlass weitgehende politische Zugeständnisse machen müssen ("Großes Privileg"). Nach ihrem Tod (1482) opponierten viele Städte und besonders die nördlichen Gebiete noch lange gegen eine Einverleibung in die "Habsburgischen" Niederlande.

Erst dem 1500 in Gent geborenen Karl – zugleich Landesherr der Niederlande, (als Karl I.) König von Spanien sowie Deutscher König und Römischer Kaiser (Karl V.) – gelang es, alle Provinzen in einem engeren politischen Zusammenhang zu vereinigen: Nach den Bestimmungen des "Burgundischen Vertrags" von 1548 waren die schon 1512 im "Burgundischen Kreis" zusammengefassten Gebiete nur noch lose mit dem Reich verbundenen. Karl hatte seine Machtansprüche in weiten Bereichen nur mit Gewalt durchsetzen können. Gegen die sich ausbreitende Reformation ging er mit rigider Energie vor ("Blutedikt" 1550). Die enormen Summen, die seine zahlreichen Kriege gegen Frankreich und das Osmanische Reich verschlangen, hatten in entscheidendem Maße von den Niederlanden aufgebracht werden müssen. – Im Ganzen respektierte Karl jedoch die alten ständischen Rechte und Privilegien. Zwar gab es Widerstand, jedoch wurde die spanisch-habsburgische Herrschaft nicht fundamental in Frage gestellt.

2. Politisch-rechtliche Faktoren

Eine neue Situation ergab sich nach Übertragung der Niederlande an Philipp II. (Ende 1555), dessen Versuche einer frühabsolutistischen Herrschaftsintensivierung auf den wachsenden Widerspruch der politischen Elite trafen. Zwar hatten die Angehörigen des hohen Adels Sitze im Staatsrat, der wichtigsten Regierungsinstitution am Brüsseler Hof, fühlten sich aber von der realen Machtausübung zunehmend ausgeschlossen. Margarete von Parma, seit Abreise des Königs nach Spanien (1559) "Generalstatthalterin" der Niederlande, zog bei wichtigen Entscheidungen ausschließlich ihren engsten Beraterkreis zur Seite, womit sie den Adel düpierte. Vor allem nahm man Anstoß an der Person Antoine Perrenot de Granvelles (auch: Granvella). Der frühere Staatssekretär Karls V. und Philipps II. war inoffizieller Vorsitzender des Staatsrats – offiziell führte die Generalstatthalterin dieses Amt – und galt als derjenige, der Politik und Verwaltung in den Niederlanden eigentlich beherrschte.

Konkret waren es zwei Bereiche der "spanischen" Politik – "spanisch" wurde synonym für "landfremd" benutzt, die "spanische" Herrschaft als Fremdherrschaft begriffen – die allgemein, im Volk wie bei den Generalständen Missfallen erregten, nämlich die permanente Anwesenheit spanischer Truppen sowie die unnachgiebige "Ketzerverfolgung". – Im ersten Fall hatten die Generalstände Erfolge errungen. Die spanischen Truppen, die dem Land große Unkosten und durch die Einquartierungen schwere Belastungen verursachten, wurden (vorläufig) abgezogen und durch niederländischen ersetzt. 1558 lehnte man die Bewilligung einer regelmäßigen Umsatzsteuer, die einer Selbstentmachtung gleichgekommen wäre, erfolgreich ab. Man war es leid, die ständigen Kriege mit Frankreich zu finanzieren, die keinen niederländischen Interessen dienten und Land und Wirtschaft stark belasteten.

Besonderen Widerspruch rief die von langer Hand vorbereitete Einsetzung neuer Bistümer vor. Granvelle, 1561 zum Kardinal ernannt und fortan "Primas" der Niederlande, galt als Drahtzieher im Hintergrund. Die Niederlande sollten eine selbständige Kirchenprovinz werden, drei neue Erzbistümer (Mecheln, Cambrai und Utrecht), unterteilt in 14 Bistümer, die bisherige Unterordnung unter Köln und Reims beenden. Den Adel störte nicht nur, dass er bei diesen einschneidenden Veränderungen nicht gefragt wurde. Künftig sollten nur Theologen ordiniert werden, als Karrieremöglichkeit für den Adel fiel das Bischofsamt somit fort. Die neuen Bischöfe erhielten Sitze in den Provinzialständen, was als Versuch des Königs ausgelegt wurde, das Land stärker zu kontrollieren. Vor allem aber lehnte man die Intensivierung der Ketzerverfolgung ab, das Hauptziel dieser Kirchenpolitik. Im Zuge der Gegenreformation plante der König, die "Inquisition" institutionell zu festigen. Da dies Aufgabe der Bischöfe und ihrer Beamten war, befürchteten die konfessionell gespaltenen Niederländer (siehe unten) eine Einführung der berüchtigten "spanischen" Inquisition. Nicht zuletzt aufgrund des Widerstandes verzögerte sich die Etablierung der neuen Kirchenprovinz bis 1570.

Der Hochadel, der die wichtigsten politischen Ämter besetzte (Provinzstatthalter, Staatsräte u.a.) war sowohl um seine Stellung im Staat besorgt als auch aus politischen wie sozio-ökonomischen Gründen gegen die strenge Ketzerverfolgung eingestellt. Die Opposition um die Wortführer Wilhelm von Oranien-Nassau (Fokus) und die Grafen von Egmond und von Hoorn verließ demonstrativ den Staatsrat und erreichte, da auch Margarete von Parma nicht mehr mit Granvelle zusammenarbeiten wollte, dass der König seinen Vertauensmann in Brüssel im März 1564 abberief. Trotzdem änderte sich nichts an der Politik Philipps II. Die Entsendung Egmonts nach Spanien im Folgejahr, der den König zu einem Kurswechsel zu bewegen versuchte, blieb erfolglos.

Im Frühjahr 1566 schlossen sich Angehörige vor allem des niederen Adels zu einem "Adelsverbund" zusammen und verlangten von der Generalstatthalterin das Ende der Glaubensverfolgungen. Die damals im Umfeld des Hofes abfällig geäußerte Bezeichnung "gueux" (flämisch "geuzen" für "Bettler") für die eine Supplik vorbringenden Adligen wurde schnell zum Ehrennamen der Oppositionellen. Margarete von Parma konnte keine Zusagen geben, versprach aber eine Zurückhaltung ("Compromis") bei der Durchführung der sogenannten Ketzer-"Plakate". Nach diesem vorgeblichen Erfolg ging eine Gruppe Adliger weiter und forderte im Sommer 1566 völlige Religionsfreiheit und die Übertragung der Regierung an einheimische Edelleute.

3. Religiöse Faktoren

Parallel zum verfassungspolitischen Konflikt zwischen politischer Elite und "spanischem" Absolutismus entwickelte sich die konfessionelle Spaltung der Niederlande zur wesentlichen Ursache des Aufstands, und dies umso mehr, als sich beide Konfliktfelder überschnitten und miteinander verbanden. Von den deutschen Gebieten des Reichs unterschied sich die Reformation in den Niederlanden in zwei wichtigen Punkten: Die Lutheraner, dort von fürstlicher Seite aktiv unterstützt, hatten hier nur eine schwache Position. Die stärkste Gruppe bildeten zunächst die Täufer ("Anabaptisten"), die unter Karl V. unerbittlich verfolgt wurden. Während der Augsburger Religionsfriede (1555) die Anerkennung des lutherischen Bekenntnisses im Reich bedeutete, erlaubte er, gemäß dem Prinzip "cuius regio, eius religio", zugleich die uneingeschränkte Fortsetzung der Protestantenverfolgung in den Niederlanden.

Mitte des 16. Jahrhunderts entdeckte die Inquisition den Calvinismus als ihren Hauptgegner. Obwohl klein an Zahl, stellten seine Anhänger aufgrund ihrer effektiven Organisation, ihres Bekehrungseifers und ihrer radikalen Staatsauffassung – gegenüber der Obrigkeit galt ein Widerstandsrecht, bis auch diese zum wahren Glauben bekehrt sei – in den Augen Philipps II. eine ernsthafte Gefahr dar. Die Niederländer lehnten die Ketzerverfolgung fast geschlossen ab, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven: Die große Mehrheit war nominell katholisch, doch viele sympathisierten mit den von protestantischer Seite geforderten Reformen oder galten als regelrecht "protestantisierend". Ihre grundsätzliche Ablehnung der Glaubensverfolgung änderte sich auch nicht, nachdem die einsetzende Gegenreformation eine klare Positionierung der Gläubigen verlangte.

In einer wichtigen Rede vor dem Staatsrat forderte Wilhelm von Oranien am Silvestertag 1564 eine Tolerierungspolitik gegenüber den Protestanten. Indirekt warf er dem Landesherrn "religiösen Anachronismus" [1] vor und über das Gewissen seiner Untertanen verfügen zu wollen. Mit der Forderung nach Gewissensfreiheit griff Oranien zwar weit in die Zukunft voraus, insgesamt gab er aber die Mehrheitsmeinung des hohen wie niederen, katholischen wie "protestantisierenden" Adels wieder. Deutlich vermischten sich religiöse mit politischen, gegen die spanische Herrschaftsintensivierung vorgebrachten Argumente. Von Seiten der Städte wurden auch praktische Gründe angeführt: Verfolgung und Hinrichtungen von "Ketzern" störte die öffentliche Ordnung, vor allem aber Handel und Gewerbe entscheidend. – Als Margarete von Parma im Frühjahr 1566 Mäßigung versprach, war dies eine Ermutigung für die Protestanten; viele kehrten aus dem englischen oder deutschen Exil zurück. Im Süden der Niederlande fanden zudem viele französische "Hugenotten" Zuflucht.

Anmerkungen

[1] Horst Lademacher: Die Niederlande. Politische Kultur zwischen Individualität und Anpassung, Berlin 1993, S. 89.

Empfohlene Zitierweise

Virnich, Carl-Josef: Ursachen und Hintergründe. Aus: Der "Achtizigjährige Krieg", in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/b3/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 03.01.2006

Zuletzt geändert: 03.01.2006


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