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Brief


Abb. 1

Der Brief ist eine schriftliche Form der Kommunikation, bei der die Äußerung und Gegenäußerung der Kommunikationspartner einer räumlichen und zeitlichen Distanz unterliegen. Im privaten Bereich dient der Brief vor allem der Selbstbestätigung, der geistigen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen sowie der Ausweitung der Erlebenssphäre. Während der Brief an Gleichgesinnte vorrangig dem Meinungsaustausch diente, wurde der Brief an Andersgesinnte zu einem wirkungsvollen Kampfmittel. Anders verhielt es sich mit der Funktion von öffentlichen Briefe. Diese behandelten unpersönliche Themen und verfolgten meist pragmatische Ziele. Bei der Interpretation von Briefwechseln beider Gattungen muss stets die Möglichkeit der subjektiven Färbung des Inhalts beachtet werden.

Im Mittelalter war die schriftliche Kommunikation fast ausschließlich auf die elitären Kreise der Höfe (Regierungs- und Verwaltungszentren) sowie Klöster und andere kirchliche Institutionen (Bildungszentren) beschränkt. Erst im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert erlebte die briefliche Kommunikation zahlenmäßig einen gewaltigen Anstieg. Der Brief kam, mit der Etablierung des Frühneuhochdeutschen als Schriftsprache, allgemein in Mode. Die deutsche Sprache löste nach und nach die lateinische ab, die bis zu dieser Zeit den Schriftverkehr beherrscht hatte. Durch diese Beseitigung der Sprachbarriere hatten erstmals alle schreibkundigen Teile der Bevölkerung die Möglichkeit der freien schriftlichen (Meinungs-)Äußerung.


Abb. 2-4

 

Im 16. Jahrhundert dominierten mit den Humanistenbriefen und der Verwaltungskorrespondenz aber weiterhin die lateinisch geschriebenen Briefe. Deutsche Briefe konnten sich trotz der Aufwertung durch die in deutscher Sprache verfasste Korrespondenz der Reformatoren noch nicht behaupten. Die ersten muttersprachlich geschriebenen Briefwechsel sind für das späte 16. Jahrhundert nachzuweisen.

Im Deutschland des 17. Jahrhunderts war Deutsch die dominierende, aber nicht die einzige Briefsprache.

Die deutsche Oberschicht orientierte ihr politisches und gesellschaftliches Verhalten am absolutistischen Frankreich Ludwigs XIV. Dementsprechend verfassten die Adligen ihre Briefe in französischer Sprache, deren Stil durch übertriebene Höflichkeitsfloskeln, emotionale Zurückhaltung und die Vermeidung aller als vulgär geltenden Ausdrücke gekennzeichnet war. Die gehobene Gesellschaft des 17. Jahrhunderts versuchte den hohen Stil des französischen Hofzeremoniells nachzuahmen. Im 18. Jahrhundert setzte sich schließlich auch hier die deutsche Sprache durch. Im Mittelpunkt standen nun nicht mehr die formelhaften französischen, sondern individuelle deutsche Briefe in natürlichem und angemessenem Stil. Diese neue Natürlichkeit der brieflichen Kommunikation orientierte sich am bürgerlich-aufklärerischen Ideal von Bildung und Pflichtethik.


Abb. 5


Abb. 6

Die Art des Schreibens - Stil sowie formale Kriterien - hingen demnach in starkem Maße von den gesellschaftlichen Kommunikationsstrukturen und -normen der Zeit ab. Diese spiegeln sich in den sogenannten Briefstellern (= Briefsammlungen, Brieflehren) wider. Hierbei handelt es sich um schriftliche Anleitungen zum Schreiben formgerechter Briefe (Briefschreiblehre), die neben allgemeinen Ratschlägen und Regeln auch Musterbriefe für alle üblichen Schreibanlässe enthielten. Briefsteller bedienten sich dabei bereits geschriebener und bewährter Exempel, um Zweck, Aufbau, Form und Stil der verschiedenen Briefarten zu vermitteln und zu tradieren. So entstanden seit dem Mittelalter die unterschiedlichsten Arten von Briefbüchern: Zum Beispiel Sammlungen von Brief- und Urkundenmustern (formulae), Kanzlei- und Notariatsbücher, neulateinische Brieflehrbücher, Sekretariatsbücher, Briefsteller für Privatbriefe, Handels- oder Geschäftsbriefe sowie für bestimmte Städte und Regionen, Universal-Briefsteller und Briefratgeber.


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Abb. 8-10

Im Folgenden werden zwei Gattungen der brieflichen Kommunikation, der Privatbrief und der offizielle oder amtliche Brief, näher untersucht werden.

Der Privatbrief

Der Privatbrief (epistula familiaris) nimmt eine besondere Stellung unter den Briefen ein. Er zeichnet sich durch einen höheren Grad an stilistischer Freiheit aus und spricht sich somit los von den Regeln des Gesellschaftlich-Normalen. Bereits im 16. Jahrhundert waren vertrauliche eigenhändige Briefe - auch von Frauen gehobenen Standes - sehr verbreitet. Hierzu zählen zum Beispiel die sogenannten Familienbriefe, das heißt Briefe, die an Eltern, Geschwister, Großeltern, Verwandte, Freunde und zwischen Ehepaaren geschrieben wurden. Diese gewähren Einblick in persönliche, zwischenmenschliche Beziehungen sowie in die Gefühls- und Gedankenwelt der Briefpartner. Im Mittelpunkt standen Freud und Leid, Ängste und Nöte, aber auch Motive des Denkens und Handelns. Diese Themen, die uns Einblick in den Alltag der damaligen Menschen gewähren, machen derartige Briefe auch heute noch zu einer historischen Quelle von besonderer Bedeutung. Derartige Beispiele sind die Briefe der Adligen Helena von Schallenberg an ihren Bruder Christoph von Schallenberg, der sich auf seiner Kavalierstour befand.

Im 18. Jahrhundert, dem "Jahrhundert des Briefes", bildet sich mit dem bürgerlichen Brief schließlich ein sehr individualistischer Briefstil heraus. Der Absender nimmt im Brief die Möglichkeit wahr, sein wesentliches Ich, das in den Tagesgeschäften untergegangen war, zu Wort kommen zu lassen. In dieser stillen Stunde des Schreibens setzt er sich mit allgemein menschlichen, weltanschaulichen, philosophischen, ästhetischen und politischen Problemen auseinander. Häufig nimmt der Verfasser Bezug auf den Vorgang des Schreibens an sich und versucht, den Adressaten in die konkrete Schreibsituation einzubeziehen. Auf diese Weise wird eine fiktive Gesprächssituation geschaffen, die eine Überbrückung der räumlichen und zeitlichen Distanz ermöglichen soll.

Der offizielle Brief

Im Gegensatz zum Privatbrief zeichnet sich der offizielle oder amtliche Brief durch seine soziale Distanz aus. Das Schreiben unterliegt dem sehr rhetorisch-zeremoniellen, formel- und floskelhaften Kanzleistil, behandelt unpersönliche Themen und dient vorrangig pragmatischen Zielen. Zu dieser Gattung zählen alle Schreiben, die von einer Obrigkeit bzw. Behörde verfasst oder an diese gerichtet wurden. Neben obrigkeitlichen Erlassen (Dekrete) und Rundschreiben, welche die Bevölkerung über Entscheidungen und Verordnungen der jeweiligen Regierung informieren sollten, gehören hierzu auch die unzähligen Schreiben von Privatpersonen, die an staatliche Institutionen gerichtet waren.


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Transkription

Zu den offiziellen Briefen zählt auch ein Schreiben Georg Forsters an die Mainzer Munizipalität, das dieser in seiner Funktion als Vizepräsident der "Allgemeinen Administration" zu Mainz am 17. Dezember 1792 verfasste. Diese Beispiele verdeutlichen wie sehr sich diese Gattung von der der Privatbriefe unterscheidet. Geprägt von unpersönlichen und formelhaften Redewendungen, lässt sie wenig Raum zur individuellen Gestaltung zu.

[Christina Seidl] 

 

Literatur:

Arto-Haumacher, Rafael: Gellerts Briefpraxis und Brieflehre. Der Anfang einer neuen Briefkultur, Wiesbaden 1995

Beyrer, Klaus / Täubrich, Hans-Christian (Hg.): Der Brief. Eine Kulturgeschichte der schriftlichen Kommunikation, Frankfurt am Main 1996

Gnüg, Hiltrud / Möhrmann, Renate (Hg.): Frauen - Literatur - Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart 1985

Mattenklott, Gert / Schlaffer, Hannelore / Schlaffer, Heinz (Hg.): Deutsche Briefe 1750-1950, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1989

Nickisch, Reinhard M. G.: Die Stilprinzipien in den deutschen Briefstellern des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit einer Bibliographie zur Briefschreiblehre (1474-1800) (= Palaestra. Untersuchungen aus der deutschen und englischen Philologie und Literaturgeschichte, Bd. 254), Göttingen 1969

 

Transkriptionen

Familienbrief - Helena von Schallenberg an ihren Bruder Christoph (1582)

Freuntlicher mein gar im herz aller liebster brueder Cristoff, dier sein mein schwösterliche lieb und treu die zeidt meines löbens von mier beraydt, unnd winsch dier von gott den almechtigen vil glickseliger wolgeenter gesunder zeit unnd alles was dier zuseel und leib nuz unnd guet ist, hertz lieber brueder, ich hab den 29 jannuary gar auch ein hertz liebes schreiben von dier epfangen und draus deinen gsunndt mit hertzlichen grosen freyden vernomben, hab demnach nit underlassen khinen dier wieder zu schreiben, und las dich wissen das es mier gott dem herrn sey lob und dankh gesagt gar wol get, der wölle mich und unns alle lenger zu seine in seinen götlichen gnad erhalten amen, hertz liebster brueder ich hab aus deinen schreiben verstanden das es der frauen Madtalena gar ibl gehtt, wölches mier im herzen treulich laidt ist, gott der almechtige wölle ir gedult verleihen und gnad göben damit sie und ir herr wider in ainigkhait bracht werden, ich khan wol gedenkhen das die frumb frau elend genueg ist nachdem sie so gar alein in der frembt ist, und khain ainigen menschn der irigen hat der sich irer annäm, ich hab ways gott lang treulich an ire herrn brüeder angehaltn das sie ir schreiben sollen, hab aber nichts erlangen khinen, es thuet mier selbs gar hertznot auf, sie wais nit wie sie es main, ich glaub das sie ir feind sein, ich kann miers anderst nit gedenkhen, ich wais wol das ir denoch ein grose freidt wär, wan sie immer ein schreiben hät von irn briedern, du hast gar recht than das du sie hast haimgesuecht, ich glaub gern das sie im herzn fro ist gewöst daraus weil du so unversehens bist khumen und ir die brief überantwort, und da du dich ein weil nit zu erkhenen hast geben, ist ir die freydt noch gröser wortn, bit dich mein herzliebster brueder du wöllest sie gar oft, weil du zu Sennis bist, haimsuechen, den ich wais wol das du ir ein gar lieber gast bist und ein grosse recht ergötzlichkhaidt hat wan sie mit dir rött und dier ir lait khlagt, den ir fraindt sein zu seltsam drinen, wolt gott das ich sie vor meinen tot auch sehen khint, aber ich hab kaine hoffnung das sein khine, herz libster brueder schreibt mir wie du willens seist auf ostern, wofern es gottes will ist, ein weide reis zu thuen, wölich er in der wahrhait nit gar gern siecht, es ist vielleicht wol dein will aber ich fircht halt nuer du werst dich etwa gar zu gern dahin wagen, den man sagt es sey immer gar unsicher auf dem mör zu farn von wögen der mörrauber und das sunst zu das mör gar ungestiem ist, bitich demnach mein gar herzenliebster brueder du wollest denocht achtung auf dich haben und nit etwa in gefar göben voraus, wan du dich etwa zu unversitet Leiden begöbst, das du, darvor dich gott behietn wölle, in ein unglickh khämbst, bitt dich du wöllest derwegen sorg haben damit du mit einer gueden gesölschaft hinein khumst und zu einer zeit da es sicher und auf dem mör guet ist, gott der himlische vatter wöle dir glickh und hail verleihen und tein treuer gleitsman sein damit du auf dieser rais guet an khomst, und wölle dier wiederumb mit gesund und freud heraus helfen amen, schau vergis nuer seiner nit, und hab, wie ich dich vor auch gebötten hab, gott treulich vor augen, und begeb dich nit leichtlich in gefar, den das selbig haist gott versuchen wen einer gar zu verwögen ist, schau hab nur fleis das du alzeit bereit zu leiden bist und pet fleisig, ich will gott auch treulich fierpitten, bit dich du wölest wofer du glögenhait hast vor deinen wöckhziehen einmal schreiben den darnach wer ich gar lang khain schreiben von dier haben und wier dier nit schreiben khinen, von dem Hieronimus habe ich gar lang khain schreiben gehabt, glaub aber es gehe im wol, sein her ist jetzt schon hie pey uns, und hat in dieweil pei seinen sachen gelasen, den er hats alls under handen, hat gar vill zu thuen, aber wais nit wies sein nutz ist, wär leicht böser er wär an ain andern ort, der Sallinger ist neulich drinen in Padua gewöst in deinem und des Aspen losamnet, wer gar gern bei dier gewöst das er dir auch gesagt het wies mit dem Hieronymus stet, aber ich glaub ich wöl so vil zustand pringen das im der herr vatter wöckh nehmen wiert, ich hab dier vil von im zu schreiben, aber es khan nit recht sein ... in sein herr und jederman gar verächtlich hält und gleich fier ein narn, und hat vor nimant khainen schutz, wan das wenigst unrecht geschieht so mues er darumben die geisl khostn, das geschicht im tag ein 7 mal, er hat soln lernen auf der lauten zu schlagen und hats auch schon ziemlich khindt, aber sein herr last im nit vil darzue, er hat nuer einmal ein etlich zeiln gschrieben und hat sich gar oft khlagt, habs im aber nit glauben wöllen bis miers der Salinger selbs gesagt hat, sonst geht es gott lob alenhalben bey uns wol, alein her Siegmunt hat noch imerdar groses wehklagen seinen fues, es ist jetzt ein arzt bey uns gewöst, der meint er wölle im mit gottes hilf helffen, gott wölle das geschehe, weider weis ich dir mein gar herz liebster brueder dieser zeit nichts zu schreiben, sey von mir gar zu viel hunder tausent mal treulich gegriest, die frau muem last dich auch zu tausentmal griesn desgleichen auch unser ganzes frauenzimer und der Görg, bit dich du wöllest der frau auch einmal schreiben den es gefiel ir gar wol, hiemit bevilch ich dich sambt aller welt gott dem in sein seinen göttlichen sögen,
tatum Sprinznstein den 31 january im 82 jar
d.t.w.sch alzeit bis in tot
Helena Schallenbergerin

 

Brief Forsters an die Mainzer Munizipalität (1792)

Im Nahmen der Franken Republik
Der Munizipalität wird ein Verzeichniß verschiedener Bürger mitgetheilt, um dieselben einzuladen, sich morgen früh um 10 Uhr bei der allgemeinen Administration einzufinden, wo dieselbe sich mit ihnen über einen wichtigen Gegenstand besprechen wird.
Mainz d. 17ten Dezbr. 1792. im ersten Jahre der Franken Republik.
Forster, Vicepräsident der allgemeinen Administration zu Mainz
besorgt
Blessmann, Sekretair General

 

 

Empfohlene Zitierweise

Seidl, Christina: Brief. Aus: Medien und Kommunikation in der Frühen Neuzeit, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/6p/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 15.05.2006

Zuletzt geändert: 18.05.2006


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