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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [07.03.2012] 

Markus Beek 

Zollverein 


Der zum 1. Januar 1834 ins Leben gerufene Deutsche Zollverein bestand als Zollunion, welcher bis zu ihrem vorläufigen Ende 1866 die meisten deutschen Staaten mit Ausnahme Österreichs beitraten. Seine endgültige Auflösung erfuhr der Zollverein erst 1918 mit dem Ende des Deutschen Kaiserreichs, welches vom Norddeutschen Bund die Zuständigkeiten des Zollvereins übernommen hatte. Vorrangiges Ziel dieser wirtschaftlichen Vereinigung waren die Beseitigung wirtschaftlicher Behinderungen durch die Aufhebung zahlreicher Binnenzölle sowie die gleichzeitige Erhebung gemeinsamer Grenzzölle. Hierdurch erhoffte man sich für Händler und Gewerbetreibende Schutz sowie eine Verbesserung ihrer Lage gegenüber der ausländischen Konkurrenz. Vor allem vor Produkten aus dem wirtschaftlich führenden England sollte der Deutsche Zollverein als eine Art Schutzzone fungieren.

Die Deutsche Bundesakte hatte zwar bereits in Artikel 19 vorgesehen, dass die Bundesversammlung über die Fragen der Handels- und Verkehrsfreiheit beraten solle. Aber erst nach einem langwierigen Prozess und zudem nicht im institutionellen Rahmen des Deutschen Bundes entstand der Deutsche Zollverein unter der Führung Preußens. Dessen bereits 1818 im Rahmen der Preußischen Reformen erlassenes Zollgesetz sollte zum „wichtigsten Kristallisationskern“ (H.-W. Hahn) der Zollvereinsgründung werden. So hatte vor allem der preußische Staatsmann Friedrich von Motz mit den anderen deutschen Staaten über die Errichtung einer einheitlichen Zollunion verhandelt. Mit einer vielschichtigen Politik aus Druckmitteln und Lockung war es ihm gelungen, den preußischen Zollverband zu vergrößern, indem 1828 Hessen-Darmstadt und einige weitere Fürstentümer beitraten. Die Vereinigung zum Deutschen Zollverein am 1. Januar 1834 zwischen den preußischen, mittel- und süddeutschen Zollunionen erlebte Motz allerdings nicht mehr, weil er schon 1830 verstarb. Hauptvertretungsorgan des neuen Zollvereins, der zunächst nur für zwölf Jahre gegründet worden war, war die „Versammlung der Conferenz-Bevollmächtigten“, welche an verschiedenen Orten tagte. Die Institutionen des Zollvereins berührten jedoch nicht die Souveränitätsrechte der einzelnen Mitgliedsländer. Mit der Etablierung des Zollvereins ging allerdings eine sukzessive Vereinheitlichung von Maß, Gewicht und Währung einher. Außerdem vollzogen die beteiligten Länder in einem Dreijahresrhythmus erstmals nach einheitlichen Kriterien Bevölkerungszählungen und nutzten die Statistik als wichtiges Instrument für wirtschaftliche Entscheidungen. Aufgrund des wirtschaftlichen Erfolgs, der sich schon in den 1820er Jahren abgezeichnet hatte, entschlossen sich auch nach 1834 weitere Länder zum Beitritt. Wegen des Anstiegs der Einnahmen seiner Mitgliedsländer sowie des anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs erlebte der Deutsche Zollverein eine uneingeschränkte Akzeptanz unter den Mitgliedsstaaten und wurde in der Folge nicht mehr in Frage gestellt. 

Nipperdey stuft die Gründung des Deutschen Zollvereins als „das einzig bewegende und große Ereignis in der gesamtdeutschen Politik“ im Zeitraum von 1800 und 1866 ein. Tatsächlich hatte die Errichtung des Zollvereins sowohl für die wirtschaftliche als auch für die politische Entwicklung Deutschlands eine hohe Bedeutung. Dabei war der Zollverein vor 1834 kein wirtschaftlich geplantes Vorhaben und „demnach [kein] Ausdruck einer klaren staatlichen Industrialisierungsstrategie“ (H.-W. Hahn), sondern das Ergebnis wirtschaftspolitischer, fiskalischer und machtpolitischer Motive und Probleme. H.-U. Wehler bestreitet ferner die These, dass der Zollverein die deutsche industrielle Revolution entfacht hätte und widerspricht den Argumentationslinien, dass der Zollverein Preußen der „Vorbereitung eines kleindeutschen Staates“ gedient hätte oder ein von der führenden herrschenden Klasse abgerungenes Eingeständnis durch das Bürgertum gewesen wäre. Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs mit dem gleichzeitigen Ausscheiden Österreichs war somit nicht die zielgerichtete und alleinige Konsequenz, die sich aus der Etablierung des Deutschen Zollvereins ergab. Mit der Entscheidung des Wiener Hofs, sich an der deutschen Zollunion nicht zu beteiligen, manövrierte sich Österreich jedoch ins wirtschaftliche Abseits.

Ein ursprüngliches Ziel des Zollvereins, nämlich eine Schutzzone vor der Wirtschaftsmacht England zu sein, konnte vernachlässigt werden. Zwar stiegen die Importe aus England auch nach 1834 weiter an und sorgten dafür, dass einige Branchen infolge der englischen Konkurrenz unter Druck gerieten; aber im selben Zeitraum konnte die deutsche Wirtschaft immer mehr Güter nach England und in andere Länder exportieren. Die deutschen Länder gerieten nicht in eine Abhängigkeit Englands, sondern konnten sich durch ihre Produkte am Markt erfolgreich behaupten.  

Literatur: 

Hans-Werner Hahn: Geschichte des Deutschen Zollvereins.  Göttingen 1984.

Hans-Werner Hahn: Die Industrielle Revolution in Deutschland. 2., durchges. Aufl., München 2005.

Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat.  Sonderausg. München 1998.

Heinrich v. Treitschke: Die Gründung des Deutschen Zollvereins. Leipzig 1913, leicht veränd.  ND Bremen 2009 u.d.T.: Der Deutsche Zollverein und seine Geschichte.

Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815-1845/49. Brosch. Studienausg. München 2008.

Empfohlene Zitierweise

Beek, Markus: Zollverein. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte von 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/9279/

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Erstellt: 05.03.2012

Zuletzt geändert: 07.03.2012