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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011] 

Thomas Birkner 

Zensur  


Den Antagonismus der Epoche der Jahre 1815 bis 1848 zwischen Restauration und Revolution(en) verdeutlicht besonders das Begriffspaar von Pressefreiheit und Zensur. Der Kampf für die Pressefreiheit und gegen die Zensur ist gewissermaßen ein Kristallisationspunkt dieser Jahre. Dabei war die Pressefreiheit bereits eine der zentralen Forderungen der beiden großen Revolutionen des Westens in Amerika (1776) und Frankreich (1789). Aber auch in Deutschland wurde der Ruf nach Pressefreiheit schon in der napoleonischen Zeit immer lauter. Das erprobte Mittel der Obrigkeit, dem entgegenzutreten, war die Zensur.

Der Begriff der Zensur geht in seiner ursprünglich neutralen Bedeutung auf die römischen Censoren zurück und bezeichnete eine Beurteilung. Erst mit dem Buchdruck wurde die Zensur auch begrifflich zur institutionalisierten Kontrolle von Druckwerken. Ob unter kirchlicher – der 1564 endgültig veröffentlichte Index librorum prohibitorum blieb bis zum zweiten Vatikanischen Konzil 1966 in Kraft – oder später vornehmlich staatlicher Aufsicht, blieb sie eine stetige, ungeliebte Begleiterin der Publizistik. Sie war der Logik der absolutistischen Neuzeit und deren Herrschaftsprinzip „L’etat c’est moi“ inhärent. Deshalb bedeutete Zensur zunächst keineswegs die Abwesenheit von Pressfreiheit, oder sogar ihre aktive Unterdrückung, sondern den natürlichen Zustand an Kontrolle. Hierbei sind zwei Varianten zu unterscheiden: 1. Vorzensur (Polizeisystem) bedeutet, das ein Werk vor der Drucklegung überprüft und möglichweise verboten wird, womit Publikationen faktisch genehmigungspflichtig werden; 2. Nachzensur (Justizsystem) beinhaltet die grundsätzliche Freiheit zu publizieren, wobei Gesetzesverstöße nachträglich geahndet werden können.

Die Pressefreiheit wurde in der amerikanischen Bill of Rights und der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte als eine Idee der Aufklärung formuliert. Zumindest jenseits des Atlantiks meinte sie aber bereits mehr, als die bloße Abwesenheit von Zensur, sondern erklärte eine freie Presse zum Wesensmerkmal der Demokratie. Auf dem europäischen Kontinent jedoch nutzte selbst Napoleon als Kind der Französischen Revolution das gut funktionierende Zensursystem in Deutschland und führte die Zensur sogar 1810 auch in Frankreich wieder ein.  

Mit der französischen Besatzung kam es zu einer einzigartigen Konstellation in Deutschland, da auch restaurative Kräfte das Potential der Presse für ihre Propaganda erkannten. Nach den Befreiungskriegen sah der Artikel 18 d der Deutschen Bundesakte eigentlich noch die „Abfassung gleichförmiger Verfügungen über die Preßfreiheit“ vor. Da der Inhalt der Verfügungen offengelassen wurde, mussten diese noch beraten und beschlossen werden.

Die Karlsbader Beschlüsse, aus denen das Bundespreß­gesetz vom September 1819 hervorging, brachten – ohne den Begriff zu gebrauchen – die Einführung der Zensur für alle Werke unter zwanzig Bogen (320 Seiten) und für sämtliche Periodika (§ 1). In der Folge geriet vor allem die periodische Tagespresse in den Fokus der Zensoren. Weil aber die Umsetzung von Bundesgesetzen Ländersache war und somit die Zensur unterschiedlich gehandhabt wurde, pendelten viele Zeitungen in den Jahren des Vormärz zwischen verschiedenen Staaten, um der Zensur zu entgehen. Nicht zuletzt deshalb wurde der einzige Lichtblick des als provisorisch bezeichneten Bundespreßgesetzes, es nach fünf Jahren durch ein „definitives Preßgesetz“ zu ersetzen, nicht erfüllt. Darüber hinaus erlaubte es § 6 der Bundesexekutive, unliebsame Schriften zu verbieten, welche "der Würde des Bundes" zuwider liefen.  Die Pressefreiheit wurde ferner insofern erschwert, als viele Zeitungen selbst für die Kosten der Zensur aufkommen mussten, wie dies zum Beispiel in Preußen seit dem 1. Januar 1825 der Fall war.

Doch offenbarten gerade die Verlängerung des Preßgesetzes am 16. August 1824 sowie weitere Verschärfungen, dass die Zensur immer mehr versagte. Verleger und Redakteure tarnten ihre kritischen politischen Äußerungen immer besser; besonders im Feuilleton wurde vieles vor den Zensoren versteckt. Ein Mechanismus, den später auch die Psychologie erkannte. So schrieb Sigmund Freud zur Jahrhundertwende in seiner Traumdeutung über die Traumzensur: „Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten.“ [1]

Im Gefolge der Französischen Julirevolution 1830 kam es mit dem Hambacher Fest 1832 zu einem regelrechten Pressefest in Deutschland, welches abermals die Mächtigen zu einer Zensurverschärfung veranlasste. Insbesondere Autoren des Jungen Deutschlands wie Heinrich Heine gerieten immer wieder mit der Zensur in Konflikt. Schließlich bereitete erst die im März 1848 abermals aus Frankreich sich verbreitende Revolution der Zensur ein Ende. Artikel IV, § 143 der Paulskirchenverfassung versprach, dass die Pressefreiheit „unter keinen Umständen und in keiner Weise durch vorbeugende Maßregeln, namentlich Zensur, Concessionen, Sicherheitsbestellungen, Staatsauflagen, Beschränkungen der Druckereien oder des Buchhandels, Postverbote oder andere Hemmungen des freien Verkehrs beschränkt, suspendiert oder aufgehoben werden“ dürfe. Obschon es nach der besiegten Revolution tatsächlich mit der Vorzensur vorbei war, herrschte dennoch auch nach 1849 keine Pressefreiheit.  

Literatur: 

Arnold, Martin M. (2003): Pressefreiheit und Zensur im Baden des Vormärz – Im Spannungsfeld zwischen Bundestreue und Liberalismus, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag

Marx, Karl / Friedrich Engels (1969): Pressefreiheit und Zensur, Frankfurt am Main [u.a.]: Europäische Verlags-Anstalt (herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher), S. 44-99

Sahrmann, Adam (1978/1930) Beiträge zur Geschichte des Hambacher Festes 1832, unveränderter Nachdruck der Ausgabe Landau 1930, Vaduz: Topos

Schneider, Franz (1966): Pressefreiheit und politische Öffentlichkeit – Studien zur politischen Geschichte Deutschlands bis 1848, Neuwied: Luchterhand

Schneider, Franz (1978): „Presse, Pressefreiheit, Zensur“, in: Otto Brunner / Werner Conze / Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 4: Mi-Pre, Stuttgart: Klett-Cotta, 899-927

Koszyk, Kurt (1966): Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, Berlin: Colloquium

Anmerkungen

  • [1]

     Freud, Sigmund (1999): Gesammelte Werke, 2. u. 3. Bd.: Die Traumdeutung – Über den Traum, Frankfurt am Main: Fischer, S. 148

Empfohlene Zitierweise

Birkner, Thomas: Zensur. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8454/

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Erstellt: 14.02.2011

Zuletzt geändert: 30.03.2011