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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011] 

Felix v. Studnitz 

Wartburgfest  

Vom 18. bis zum 19. Oktober 1817 fand auf der Wartburg bei Eisenach im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach eine von der Jenaer Burschenschaft organisierte Feier zum 300jährigen Jubiläum der Reformation und zum Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig statt. Den oppositionell-politischen Höhepunkt der Veranstaltung bildete die symbolische Verbrennung von 28 Schriften konservativer und den Burschenschaftern als unpatriotisch geltenden Autoren am Abend des 18. Oktober auf dem Wartenberg. Welche Rolle spielte das Wartburgfest als eine religiös-patriotische Veranstaltung von Studenten im Bezug auf die deutsche Nationsbildung im Vormärz? 

Die Feier auf der Wartburg sollte das Jubiläum der von Martin Luther initiierten Reformation mit der Erinnerung an die Befreiungskriege gegen Frankreich von 1813/15 verknüpfen. Die Befreiungskriege wurden gewissermaßen als die politisch-militärische Komponente im Streben der Deutschen nach nationaler Einheit und Unabhängigkeit verklärt. Die Festredner sahen in Luther den Verkündiger der Geistesfreiheit und der nationalen Befreiung von auswärtiger Bevormundung durch die römische Kurie im religiös-intellektuellem Bereich. Durch den Bezug auf die Reformation wurden gläubige Katholiken praktisch im Vorfeld von der Veranstaltung ausgegrenzt, was sich mit dem überkonfessionellem Anspruch einer deutschen Nationalfeier schlecht vereinigen ließ. Der religiöse Aspekt des Wartburgfestes geriet aber im Laufe der Veranstaltung immer mehr in den Hintergrund zugunsten politischer Aussagen.  

Die Feier fand unter der Beteiligung von Eisenacher Bürgern, Professoren der Jenaer Universität und Studenten aus fast allen Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes statt. Somit waren unter den Teilnehmern der Veranstaltung nicht ausschließlich Personen aus dem akademischen Milieu anwesend. Auffällig ist, dass mit den angereisten Studenten fast alle deutschen Territorien, mit Ausnahme Österreichs, vertreten waren. Zwar wurden im Vorfeld ausschließlich Einladungen an die Studentenschaften protestantisch geltender Universitäten verschickt. Dennoch lässt sich anhand der erhaltenen Präsenzliste ermitteln, dass immerhin etwa 14 der 352 eingetragenen Studenten Katholiken waren. So waren selbst Studenten der Universität Würzburg anwesend, obwohl an diese katholische Hochschule keine offizielle Einladung erging.  

Die Veranstalter beabsichtigten zudem, sich für die Reformierung des studentischen Selbstverständnisses hinsichtlich der Abschaffung von Pennalismus und Kommentregeln sowie des Partikularismus in Form der Landsmannschaften einzusetzen. Die Studenten der Universitäten des Deutschen Bundes sollten sich daher nach Vorstellung der Organisatoren auf nationaler Ebene in einer umfassenden Burschenschaft zusammenfinden. Unter anderem wurde eine einheitliche und demokratisch verfasste Studentenorganisation gefordert, welche die überkommene universitäre Standesehre überwinden sollte. Diese Burschenschaft sollte durch eine liberale Grundlage die politisch-soziale Transformation in den deutschen Staaten vorwegnehmen.  

Das Wartburgfest gilt als „die erste öffentliche Manifestation nationaldemokratischer Prinzipien in Deutschland“ (E. R. Huber), in der die Unzufriedenheit mit der politischen und sozialen Entwicklung im Deutschen Bund ihren Ausdruck fand. Es wurde Kritik an der autoritär-absolutistischen Politik der meisten deutschen Staaten geäußert und die von den Fürsten zugesagten Verfassungseinführungen sowie das Recht des Volkes auf Mitwirkung an der Regierung eingefordert. Es wurden ebenfalls Rechtsgleichheit, Rechtseinheit und die föderative Einheit Deutschlands propagiert, in der die nationale Repräsentation ohne Standesunterschiede realisiert werden sollte. Allerdings wollte der gemäßigte Teil der anwesenden Studenten politische Reformen zusammen mit den jeweiligen Regierungen erarbeiten. Die Vorgänge um das Wartburgfest lösten in Deutschland eine öffentliche Diskussion aus und ließen Befürchtungen vor einer revolutionären Situation entstehen. Konzepte von Volkssouveränität, das Repräsentativsystem und das Verlangen nach politischer und sozialer Gleichheit galten in konservativen Kreisen als Teil einer revolutionären Verschwörung und als eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung. Die nachfolgenden staatlichen Repressalien rückten die Ereignisse des Wartburgfestes noch weiter ins öffentliche Bewusstsein.

Die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg führte zu einer Diskrepanz von liberalem Anspruch der Studenten und eigenem illiberalen Verhalten gegenüber Andersdenkenden. Die Berufung der Teilnehmer am Wartburgfest auf nationale Einheit, entstanden aus den Erfahrungen der Befreiungskriege, war die Reaktion auf eine mangelnde Basis der nationalliberalen Positionen der Studenten in der deutschen Gesellschaft. Einen Gegensatz zwischen dem Anspruch auf nationale Einheit und der bewussten konfessionellen Ausgrenzung kann man an der Nichtberücksichtigung der Studentenschaften als katholisch geltender Universitäten bei der offiziellen Einladung zum Wartburgfest konstatieren. Die Unterrepräsentierung von Studenten der katholischen Universitäten Süddeutschlands während des Wartburgfestes deutet somit auf latente Ressentiments gegenüber einer vermeintlich bloß protestantisch-norddeutschen Interessen dienenden Einheitsbewegung. 

Literatur: 

Asmus, Helmut (Hrsg.): Das Wartburgfest. Studentische Reformbewegungen 1770-1819. Magdeburg 1995.

Brandt, Peter: Das studentische Wartburgfest vom 18./19. Oktober 1817. In: Dieter Düding/Peter Friedemann/ Paul Münch (Hrsg.): Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum ersten Weltkrieg. Reinbek bei Hamburg 1988, S. 89-112.

Haaser, Rudolf: „... der Herd des studentischen Fanatismus und Radikalismus“. Die Universität Gießen und das Wartburgfest. In: Burghard Dedner (Hrsg.): Das Wartburgfest und die oppositionelle Bewegung in Hessen (=Marburger Studien zur Literatur 7). Marburg 1994, S. 31-77.

Hehl, Ulrich v.: Zwei Kulturen – eine Nation? Die frühe burschenschaftliche Einheitsbewegung und das Wartburgfest. In: Historisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 111 (1991) 1, S. 28-52.

Malettke, Klaus: Zur Politischen Bedeutung des Wartburgfestes im Frühliberalismus. In: Ders. (Hrsg.): 175 Jahre Wartburgfest 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 1992. Studien zur politischen Bedeutung und zum Zeithintergrund der Wartburgfeier (=Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert 14). Heidelberg 1992, S. 9-30.

Steiger, Günter: Urburschenschaft und Wartburgfest. Aufbruch nach Deutschland. 2., bearb. u. erw. Aufl., hrsg. v. Marga Steiger. Berlin, Jena und Leipzig 1991.

Tümmler, Hans: Die Folgen des Wartburgfestes für den Herrn der Burg, Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, seinen Staat und die Universität Jena. In: Klaus Malettke (Hrsg.): 175 Jahre Wartburgfest 18. Oktober 1817 – 18. Oktober 1992. Studien zur politischen Bedeutung und zum Zeithintergrund der Wartburgfeier (=Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert 14). Heidelberg 1992, S. 169-194.

Empfohlene Zitierweise

Studnitz, Felix von: Wartburgfest. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8452/

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Erstellt: 14.02.2011

Zuletzt geändert: 17.02.2011