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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011] 

Martin Munke 

Troppau, Kongress 

In der Quadrupelallianz vom 20. November 1815 erneuerten Österreich, Russland, Preußen und England vertraglich ihr Defensivbündnis gegen Frankreich. Gemeinsame Probleme von europäischer Tragweite sollten auf unregelmäßig stattfindenden Konferenzen behandelt werden. Die erste dieser Konferenzen 1818 in Aachen schrieb das Prinzip der Intervention gegen revolutionäre Erhebungen protokollarisch fest und nahm Frankreich wieder in das „europäische Konzert“ der Großmächte auf. Der zweite Kongress tagte ab 20. Oktober 1820 im schlesischen Troppau (Opava). 

Hierbei stellte sich die Frage nach konkreten Interventionen angesichts zahlreicher nationaler und liberaler Revolutionen in Südeuropa und Lateinamerika. In Spanien hatte König Ferdinand VII. (1784-1833) nach einer allgemeinen Erhebung in den Monaten Januar bis März die Stände einberufen und die liberale Verfassung von 1812 wieder in Kraft setzen müssen. In Lateinamerika brach die spanische Herrschaft bereits 1819 unter dem Druck der nationalen Befreiungsarmeen unter Simon Bolivar (1783-1830) zusammen, im Dezember wurde die Republik Groß-Kolumbien proklamiert. Im von England abhängigen Portugal wurde nach einem Aufstand im August 1820 eine liberale Regierung eingesetzt. In Griechenland unterstützte Russland eine nationale und religiöse Befreiungsbewegung gegen die osmanische Herrschaft, im März 1821 wurde die Revolution ausgerufen. Von besonderer Brisanz war zudem die Lage in Italien. Im mit Österreich durch einen geheimen Vertrag verbundenen Neapel sammelten sich nationale und liberale Kräfte, die die nationale Einigung Italiens propagierten. Am 2. Juli brach die Revolution aus, König Ferdinand I. (1751-1825) musste eine Verfassung nach spanischem Vorbild akzeptieren. Die Erhebung weitete sich auf Piemont aus – damit waren die Existenz des Königreichs beider Sizilien und die österreichische Vormachtstellung in Ober- und Mittelitalien direkt gefährdet. Ein Erfolg der italienischen Nationalbewegung hätte zudem einen Präzedenzfall bedeutet, der den habsburgischen Vielvölkerstaat in seinen Grundfesten hätte erschüttern können. 

In Troppau sollte daher nach wechselhaften Vorverhandlungen offiziell die Frage entschieden werden, wie die Allianz auf diese zahlreichen Herausforderungen für die Ordnung des Wiener Kongresses zu reagieren habe. Müsse man überall gleichermaßen intervenieren oder seien die einzelnen Staaten unterschiedlich zu behandeln? Die divergierenden Auffassungen diesbezüglich wurden bereits am Rang der Gesandten der Allianzmächte deutlich. Die Ostmonarchien Österreich, Russland und Preußen waren durch ihre Herrscher Kaiser Franz I. (1768-1835) und Zar Alexander I. (1777-1825) sowie den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (1795-1861) vertreten, König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) reiste am 9. November an. Die Außenminister Klemens von Metternich (1773-1859), Ioannis Kapodistrias (1776-1831) und Karl August von Hardenberg (1750-1822) waren ebenfalls anwesend. England schickte mit Lord Stewart (1778-1854), Botschafter in Wien und Halbbruder des Außenministers Viscount Castlereagh (1769-1822), einen weniger hochrangigen Gesandten. Für die zweite Westmacht Frankreich waren mit dem Grafen La Ferronnays (1777-1842), Botschafter in Petersburg, und dem Marquis Caraman (1762-1839), Botschafter in Wien, ebenfalls nur Beobachter ohne umfassende Vollmachten anwesend.

Die Verhandlungen wurden in Troppau hauptsächlich durch informelle Gespräche in privater Atmosphäre und den Austausch von Briefen vorangetrieben. Alexander I. forderte die Durchsetzung eines umfassenden Interventionsrechts auf der Grundlage der Verträge von 1815. Die bestehende Herrschafts- und Gesellschaftsordnung sollte im Namen der Allianz militärisch gegen alle nationalen Erhebungen verteidigt werden. Metternich strebte danach, eine umfassende moralische Grundlage und freie Hand für einen Eingriff in Neapel zu erhalten. Er scheiterte jedoch damit, England von seiner Position zu überzeugen. Castlereagh lehnte Allianzbeschlüsse zu antirevolutionären Interventionen auch aus konstitutionellen Gründen heraus entschieden ab. Entsprechende Maßnahmen müssten vom jeweils bedrohten Staat selbst erlassen und durchgeführt werden. Die Allianz sei als Defensivbündnis, nicht zum offensiven Eingriff in die inneren Verhältnisse anderer Staaten konzipiert gewesen. Frankreich schloss sich dieser Meinung an, die Westmächte verweigerten eine Unterzeichnung des am 19. November verabschiedeten Kongressprotokolls. Darin einigten sich Österreich, Russland und Preußen auf ein von Metternich geformtes Interventionsprogramm. Nach entsprechender Ermächtigung dürfe ein Allianzmitglied mit militärischen Mitteln gegen einen revolutionären Umsturz vorgehen und den betroffenen Staat „in den Schoß der Großen Allianz“ zurückholen, um die Souveränität des entsprechenden Monarchen wiederherzustellen. Kapodistrias Versuch, daneben auch das Prinzip der nationalen Souveränität zu verankern, scheiterte – mit ihm fand die „liberale“ Phase russischer Außenpolitik ein Ende. Nach massiven englischen Protesten wurde die gemeinsame Linie der Ostmächte in einem Brief an die europäischen Höfe veröffentlicht. 

Mit dem Troppauer Kongress begann die Spaltung der Großmächte in zwei Lager: die antirevolutionär gesinnten, konservativen östlichen Monarchien Österreich, Russland und Preußen auf der einen und die liberaleren, konstitutionellen Westmächte England und Frankreich auf der anderen Seite. Dennoch ließ sich Frankreich 1822 zu einem Eingreifen in Spanien legitimieren, um dort die eigenen Machtinteressen verfolgen zu können. England kooperierte in der Folge mit Österreich, um ein direktes Eingreifen Russlands in den griechischen Unabhängigkeitskampf zu verhindern. Die Auslegung des Interventionsprinzips erwies sich als dehnbar. Es wurde – zusammen mit den genauen Regelungen für das österreichische Eingreifen in Neapel – auf dem Kongress von Laibach (Ljubljana) Anfang 1821 weiter diskutiert. 

Literatur: 

Delfiner, Henry A.: Alexander I, the Holy Alliance and Clemens Metternich. A Reappraisal. In: East European Quarterly 37 (2003), S. 127-151.

Kissinger, Henry A.: Das Gleichgewicht der Großmächte. Metternich, Castlereagh und die Neuordnung Europas 1812-1822, mit einem Nachw. von Fred Luchsinger, aus dem Amerikan. von Horst Jordan, 2. Aufl., Zürich 1990.

Pyta, Wolfram (Hrsg.): Das europäische Mächtekonzert. Friedens- und Sicherheitspolitik vom Wiener Kongreß 1815 bis zum Krimkrieg 1853, Köln / Wien / Weimar 2009.

Reinerman, Alan J.: Metternich, Alexander I, and the Russian Challenge in Italy 1815-1820. In: Journal of Modern History 46 (1974), S. 262-276.

Schroeder, Paul W.: Metternich’s Diplomacy at Its Zenith 1820-1823, Austin 1962.

Schroeder, Paul W.: Austrian Policy at the Congresses of Troppau and Laibach. In: Journal of Central European Affairs 22 (1962), S. 139-152.

Empfohlene Zitierweise

Munke, Martin: Troppauer Kongress. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8449/

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Erstellt: 14.02.2011

Zuletzt geändert: 17.02.2011