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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [17.06.2011] 

Harald Lönnecker 

Sängerverein und Sängerfest 


Die „nationale Bedeutung“ des Männerchorgesangs bestand darin, daß er „ein hervorragendes Einigungsmittel für die Deutschen aller Stämme, für die Deutschen im Inland und Ausland war, und so das große Werk der politischen Einigung wirksam vorbereiten half“ (Richard Kötzschke). Das engmaschige Netz bürgerlicher Liedertafeln und Liederkränze, das sich nach 1815 über Deutschland ausbreitete, war Anstoß und Ausdrucksform für eine neuartige Nationalbewegung, deren oberstes Ziel – die Einigung Deutschlands – mit dem Gesang als nationales Ausdrucksmedium erreicht werden sollte. Aus dem Bekenntnis zu Vaterlandsliebe, Mannhaftigkeit und Volkstum wuchsen dem Männergesang moralische Werte zu, die ihm den Charakter einer volksmusikalischen Breitenbewegung mit politischem Hintergrund verliehen. Mangels politischer Ausdrucksmittel avancierten Sprache und Lied „zum Markenzeichen echten Deutschtums und deutscher Nationalkultur“ (Dietmar Klenke). Nach der Reichsgründung von 1871 wandten die Gesangvereine sich dem zu, worauf bis zum Zweiten Weltkrieg ihr Hauptaugenmerk gerichtet blieb: die Verwirklichung der „inneren Einigung“ aller Deutschen.

Im Dezember 1808 gründete Carl Friedrich Zelter (1758-1832) in Berlin die „Liedertafel“, der Dichter, Komponisten und Berufssänger angehörten. Bereits 1805 entstand als Chorvereinigung das bis 1824 bestehende „Zürcherische Singinstitut“ Hans Georg Nägelis (1773-1836), dem der Gründer wenig später einen Männerchor angliederte. Während der Deutschschweizer Nägeli nationalerzieherisch, „volkstümlich“ und sozial offen wirkte, war Zelters Liedertafel keine Vereinigung mit politisch-nationaler Tendenz, sondern gab sich elitär und zeichnete sich durch soziale Exklusivität aus. Sowohl Liedertafel wie Singinstitut wirkten als Vorbild und Keimzelle eines Amateur-Chorwesens, das sich im 19. Jahrhundert zu einer ausgedehnten Bewegung entwickelte. Chorsingen profilierte sich zur vorherrschenden Musikübung im Zeichen eines liberalen Nationalismus. Um 1850 gab es etwa 100.000 Sänger, die in unzähligen Gesangvereinen organisiert waren. Die Vereine schlossen sich wiederum zu regionalen Bünden zusammen, die 1862 den Deutschen Sängerbund (DSB) gründeten, der bis in die Gegenwart die größte Chororganisation der Welt ist. 

Die weltliche Vokalmusik großen Stils – für Chor und Orchester mit und ohne Solisten – ist im 19. Jahrhundert im wesentlichen von Laienchören getragen worden. Bürgerliche Gesangvereine waren es, die bis etwa 1850 und zum Teil weit darüber hinaus die deutsche Musikkultur trugen. Zugleich waren sie aber institutioneller Ausdruck herrschender Tendenzen, zunächst vor allem des patriotisch-nationalen Republikanismus, der sich in der Form des kulturellen Vereins organisierte, weil ihm die der politischen Partei verschlossen war. Den Charakter dieser Vereine machte ein Ineinandergreifen von geselliger Kultur, Bildungsfunktion und bürgerlicher Repräsentanz aus: Sie erfüllten kommunikative Scharnierfunktionen an der Nahtstelle zwischen Geselligkeit und Politik, Gesang diente als Medium der Politisierung. 

Die von den Vereinen veranstalteten regionalen und überregionalen Sängerfeste dienten der Herstellung politischer Öffentlichkeit und wurden die wichtigste Kommunikationsmöglichkeit der Mitglieder. Hier konnten vor dem Hintergrund vermeintlich unpolitischer, aber politisch verstandener kulturgeschichtlicher Jubiläen nationale Reden gehalten und Lieder gesungen werden, hier war die Verbreitung liberaler Ideen möglich, hier konnte die nationale Einheit propagiert und damit verbundene politische Aufbruchshoffnungen geweckt und geschürt werden. Soziale und regionale Grenzen wurden im Zeichen der Nation aufgebrochen, im Fest wurde die Nationsbildung zu einem Massenerlebnis. 

Das erste gesamtdeutsche Gesangsfest fand 1845 in Würzburg statt, 1.626 Sänger und wesentlich mehr Zuhörer nahmen teil. Das Fest drückte „dem deutschen Sängerwesen den Stempel einer kräftigen nationalen Wirksamkeit“ auf (Otto Elben). Es wurde vom bayerischen König Ludwig I. unterstützt und hatte die Aufgabe „der Stärkung des deutschen Nationalgefühls“. Den „Sängergruß zum Würzburger Liederfeste“ dichtete im Mai 1845 der evangelische Pfarrer Johann Christian Karl Trebitz (1818-1884), ein ehemaliger Burschenschafter. In seiner Person wird die enge Verzahnung zwischen Burschenschafts- und Sänger- im Rahmen der Nationalbewegung deutlich: die Sängereliten, das akademisch gebildete, intellektuelle Führungspersonal, rekrutierte sich zu einem großen Teil aus den Burschenschaften.

Literatur: 

Brusniak, Friedhelm: Das große Buch des Fränkischen Sängerbundes, 2 Teile, München 1991;

Brusniak, Friedhelm/Klenke, Dietmar (Hrsg.): „Heil deutschem Wort und Sang!“ Nationalidentität und Gesangskultur in der deutschen Geschichte. Tagungsbericht Feuchtwangen 1994 (Feuchtwanger Beiträge zur Musikforschung, Bd. 1), Augsburg 1995;

Brusniak, Friedhelm: Chor und Chormusik II. Chorwesen seit dem 18. Jahrhundert, in: Finscher, Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik, begründet von Friedrich Blume, 2., neubearb. Ausgabe, Sachteil, Bd. 2 (Böh-Enc), Kassel/Basel/London/New York/Prag/Weimar 1995, Sp. 774-824;

Brusniak, Friedhelm: Nationalbewegung und Sängerstolz. Das erste deutsche Sängerfest in Würzburg 1845, in: Konrad, Ulrich (Hrsg.): Musikpflege und Musikwissenschaft in Würzburg um 1800. Symposiumsbericht Würzburg 1997, Tutzing 1998, S. 37-48;

Brusniak, Friedhelm: Der Deutsche Sängerbund und das „deutsche Lied“, in: Loos, Helmut/Keym, Stefan (Hrsg.): Nationale Musik im 20. Jahrhundert. Kompositorische und soziokulturelle Aspekte der Musikgeschichte zwischen Ost- und Westeuropa. Konferenzbericht Leipzig 2002, Leipzig 2004, S. 409-421;

Brusniak, Friedhelm: Chor, Chormusik, in: Jaeger, Friedrich (Hrsg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 2: Beobachtung-Dürre, Stuttgart/Weimar 2005, Sp. 720-729;

Brusniak, Friedhelm/Klenke, Dietmar (Hrsg.): Deutsches Chorvereinswesen – Aspekte transnationaler Einflussnahmen [Tagungsband der gleichnamigen Tagung, veranstaltet im Rahmen des 1. Internationalen Chorfestivals in Solingen am 16. Oktober 2009] [im Druck];

Elben, Otto: Der volksthümliche deutsche Männergesang, seine Geschichte, seine gesellschaftliche und nationale Bedeutung, 1. Aufl. Tübingen 1855, 2. Aufl. unter dem Titel: Der volksthümliche deutsche Männergesang. Geschichte und Stellung im Leben der Nation, Tübingen 1887 (Nachdruck Wolfenbüttel 1991, hrsg. v. Friedhelm Brusniak u. Franz Krautwurst);

Fischer, Erik (Hrsg.): Chorgesang als Medium von Interkulturalität: Formen, Kanäle, Diskurse (Berichte des interkulturellen Forschungsprojektes „Deutsche Musikkultur im östlichen Europa“, Bd. 3), Stuttgart 2007;

Klenke, Dietmar: Bürgerlicher Männergesang und Politik in Deutschland, Teil 1, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 40/8 (1989), S. 458-485, Teil 2, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 40/9 (1989), S. 534-561;

Klenke, Dietmar: Der singende „deutsche Mann“. Gesangvereine und deutsches Nationalbewußtsein von Napoleon bis Hitler, Münster/New York/München/Berlin 1998;

Klenke, Dietmar: Der Gesangverein, in: François, Etienne/Schulze, Hagen (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 3, München 2001, S. 392-407;

Klenke, Dietmar: Die nationalreligiöse Sakralisierung des deutschen Männerchorgesangs im 19. Jahrhundert, in: Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft 22 (2009), S. 24-49;

Kötzschke, Richard: Geschichte des deutschen Männergesanges, hauptsächlich des Vereinswesens, Dresden o. J. (1926);

Lönnecker, Harald: Lehrer und akademische Sängerschaft. Zur Entwicklung und Bildungsfunktion akademischer Gesangvereine im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Brusniak, Friedhelm/Klenke, Dietmar (Hrsg.): Volksschullehrer und außerschulische Musikkultur. Tagungsbericht Feuchtwangen 1997 (Feuchtwanger Beiträge zur Musikforschung, Bd. 2), Augsburg 1998, S. 177-240;

Lönnecker, Harald: „Unzufriedenheit mit den bestehenden Regierungen unter dem Volke zu verbreiten“. Politische Lieder der Burschenschaften aus der Zeit zwischen 1820 und 1850, in: Matter, Max/Grosch, Nils (Hrsg.): Lied und populäre Kultur. Song and Popular Culture (Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg i. Br., Bd. 48/2003), Münster/New York/München/Berlin 2004, S. 85-131;

Lönnecker, Harald: „O Aula, herzlich sinnen mein!“ – Die Akademische Gesellschafts-Aula zu München 1829-1831, in: Musik in Bayern. Jahrbuch der Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte e. V. 71 (2006/2008), S. 129-172;

Lönnecker, Harald: „Goldenes Leben im Gesang!“ – Gründung und Entwicklung deutscher akademischer Gesangvereine an den Universitäten des Ostseeraums im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Ochs, Ekkehard/Tenhaef, Peter/Werbeck, Walter/Winkler, Lutz (Hrsg.): Universität und Musik im Ostseeraum (Greifswalder Beiträge zur Musikwissenschaft, Bd. 17), Berlin 2009, S. 139-186;

Lönnecker, Harald: Netzwerke der Nationalbewegung. Das Studenten-Silhouetten-Album des Burschenschafters und Sängers Karl Trebitz, Jena 1836-1840 [in Vorbereitung].

Archivalien: 

Stiftung Dokumentations- und Forschungszentrum des deutschen Chorwesens – Sängermuseum Feuchtwangen. 

Empfohlene Zitierweise

Lönnecker, Harald: Sängerverein und Sängerfest. aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte von 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8957/

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Erstellt: 17.06.2011

Zuletzt geändert: 17.06.2011