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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [14.02.2011] 

Michael Hecht 

Hungerunruhen 

 

Hungerunruhen stellen kollektive Protestaktionen dar, die in Zeiten von Nahrungsmangel und -teuerung auf die Sicherstellung von Nahrungsansprüchen zielten und meist von unteren Bevölkerungsschichten getragen wurden. Die wissenschaftliche Literatur verwendet – zum Teil in Anlehnung an zeitgenössische Begriffe – zahlreiche weitere Benennungen des Phänomens wie Brotaufstände, Subsistenzunruhen, Nahrungsproteste, Hungerrevolten, Marktkrawalle, Lebensmittelunruhen und Teuerungstumulte. Ausdrucksweisen von Hungerunruhen waren Plünderungen, Blockaden von Nahrungstransporten, von der Menge organisierte Speicherrevisionen und Zwangsverkäufe sowie Strafaktionen gegen Händler, Bäcker und Beamte. Dabei zeigten sich viele Ähnlichkeiten mit anderen kollektiven Formen von Devianz und Widerspruch wie Aufständen, Streiks, Katzenmusiken und Maschinenstürmen. Dass Historiker Hungerunruhen als eigenständige Protestform wahrnahmen und beschrieben, ist zum einen Ergebnis einer spezifischen Forschungsgeschichte, verweist zum anderen aber auch auf die zentrale Rolle, welche die Themen Ernährung und Marktordnung als gesellschaftliche Konfliktfelder gerade im Zeitalter von Pauperismus und wirtschaftlicher Transformation spielten. 

Im Vergleich zu England und Frankreich waren Hungerunruhen in deutschen Territorien während der Ernährungskrisen des 17. und 18. Jahrhunderts seltene Phänomene. Erst in den Zeiten sprunghafter Teuerungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wie in den Jahren 1816/17 und 1830/31 finden sie sich häufiger. Den quantitativen Höhepunkt bildeten die Krisenjahre 1846/47, für welche mehr als 200 Hungerunruhen gezählt wurden. Dabei fällt eine ungleiche regionale Verteilung mit ausgesprochenen Verdichtungszonen (u.a. Württemberg, die preußischen Provinzen Posen, Sachsen und Schlesien) und weitgehend protestfreien Räumen (u.a. Rheinland, Westfalen und Sachsen) ins Auge. Besonders aufsehenerregende Aktionen mit gewaltsamen Plünderungen und Zerstörungen fanden beispielsweise in Berlin und Ulm im Frühjahr 1847 statt. 

In der historischen Forschung zu Hungerunruhen lassen sich verschiedene Zugangsweisen und Interpretationsansätze unterscheiden. Die klassische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit Vertretern wie Richard Tilly und Hans-Heinrich Bass untersuchte v.a. die messbaren Krisenindikatoren (Getreidepreisentwicklung, Mortalitätsraten) und deren Verbindung zum Auftreten von Hungerunruhen. Die in den 1970er Jahren etablierte quantifizierende „Protestforschung“ analysierte größere Serien von Unruhen im Hinblick auf Form, Dauer und Beteiligung. Dabei hat sich gezeigt, dass ein einfacher kausaler Zusammenhang zwischen Deprivation und Protestneigung fehlt. 

Ein zweiter Zugang verweist auf die Abhängigkeit der Hungerunruhen von den obrigkeitlichen Bewältigungsstrategien der Teuerungskrisen. So verbinden etwa Clemens Zimmermann und Andreas Petter die Protesthäufung im Vormärz mit der wirtschaftspolitischen Liberalisierung. Da die Regierungen immer seltener Maßnahmen einer interventionistischen Teuerungspolitik (Ausfuhrverbote für Getreide, Festsetzung von Höchstpreisen, Revisionen privater Vorräte) anwandten und statt dessen auf die Selbstregulation der Nahrungsmittelmärkte setzten, hätten die von Mangelsituation und Preisanstieg betroffenen Konsumenten zu als Selbsthilfe verstandenen Aktionen gegen Besitzende und Obrigkeiten gegriffen. Für einige Fälle konnte gezeigt werden, dass Krisenpolitik auch als Reaktion auf bzw. die Angst vor Hungerunruhen zu verstehen ist. So stellt etwa Gerald Müller für Bayern fest, dass es dort nach dem Sturz Montgelasʼ 1817 zu einer „paternalistischen“ Neuausrichtung der Politik gekommen sei. In Preußen erklärte König Friedrich Wilhelm IV. im Mai 1847 den Notstand, um staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Eigentümer größerer Getreidebestände zu ermöglichen.

Ein dritter Zugang zielt darauf, in der mikrohistorischen Analyse einzelner Hungerunruhen die Handlungslogiken der beteiligten Akteure zu entschlüsseln. Als einflussreich erwies sich in diesem Zusammenhang das von E. P. Thompson anhand englischer „food riots“ entwickelte Konzept der „moral economy“. Hungerunruhen erscheinen demnach als Ausdrucksform eines populären Verständnisses über legitimes und illegitimes Handeln in der Sphäre des lokalen Marktes. In ritualisierten Protestaktionen und unter wohldosiertem Einsatz von Gewalt seien „unsittliche“ Praktiken von mutmaßlichen Wucherern gerügt und ausbleibende staatliche Schutzmaßnahmen von der Menge imitiert worden. Hunger erweist sich somit nicht als Antrieb, sondern in Verbindung mit Vorstellungen von Gemeinwohl und Gerechtigkeit als Argument des Protests. Gegenstand kontroverser Forschungsdiskussionen ist die Beteiligung von Frauen an Hungerunruhen. Während einige Arbeiten, u.a. von Carola Lipp, deren hohe Affinität zu Hungerunruhen sowie spezifisch weiblichen Partizipationsformen ausmachen, widersprechen beispielsweise Manfred Gailus und Christina Benninghaus dem Bild einer vorwiegend von Frauen getragenen Protestform bzw. interpretieren vermeintliche Unterschiede im Handlungsrepertoire (auch) als Ergebnis geschlechtsspezifischer Zuschreibungen durch zeitgenössische Berichterstatter und Untersuchungsrichter. 

Unterschiedlich sind auch die Bewertungen eines Zusammenhangs zwischen den massenhaften Hungerunruhen des Jahres 1847 und der Märzrevolution 1848. Während einige sozialgeschichtliche Arbeiten sowie marxistische Darstellungen das in Hungerunruhen repräsentierte soziale Elend als entscheidende Antriebskräfte der revolutionären Aktionen sahen, verwiesen andere Autoren wie Hans-Ulrich Wehler auf den (wirtschafts-)politischen Legitimationsverlust des vormärzlichen Staates, der im Kontext von Teuerungskrisen und Nahrungsprotesten deutlich gestiegen sei. Angemerkt wurde zudem, dass in Kreisen des besitzenden Bürgertums die Erfahrung der fehlenden Sicherheit von Eigentum und liberaler Wirtschaftsordnung eine Unzufriedenheit mit dem politischen System hervorgerufen habe; Bürgerwehren seien vielerorts schon 1847 zum Schutz bürgerlicher Freiheiten gegründet worden. Die unterschiedlichen Zusammenhänge, die zwischen 1847 und 1848 gesehen werden, deuten damit auch auf differente Betrachtungsweisen des Charakters der revolutionären Ereignisse hin. 

Ungeachtet der verschiedenen Interpretationsansätze erweisen sich die vormärzlichen Hungerunruhen als Indikatoren für bedeutsame gesellschaftliche Konfliktbereiche, die im Spannungsfeld von Pauperisierung, Marktintegration, Lebensmittelhandel, Ordnungspolitik, Wirtschaftsliberalismus, Gemeinwohlideen, Protestkultur und Geschlechterordnung zu verorten sind. Wenig erforscht sind bislang die diskursiven Verständigungen der Akteure und die Konstruktionsformen von Feindbildern, deren Kenntnis eine genauere Einbettung des Phänomens in eine Kultur- und Kommunikationsgeschichte des Marktes erlauben würde. 

Literatur: 

Bass, Hans-Heinrich, Hungerkrisen in Preußen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, St. Katharinen 1991.

Benninghaus, Christina (Hg.), Region in Aufruhr. Hungerkrise und Teuerungsproteste in der preußischen Provinz Sachsen und in Anhalt 1846/47, Halle 2000.

Gailus, Manfred, Straße und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens 1847-1849, Göttingen 1990.

Gailus, Manfred, Hungerkrisen und -revolten, in: Friedrich Jaeger (Hg.), Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 5, Stuttgart/Weimar 2007, Sp. 711-723.

Hecht, Michael, Nahrungsmangel und Protest. Teuerungsunruhen in Frankreich und Preußen in den Jahren 1846/47, Halle 2004.

Müller, Gerald, Hunger in Bayern 1816-1818. Politik und Gesellschaft in einer Staatskrise des frühen 19. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1998.

Empfohlene Zitierweise

Hecht, Michael: Hungerunruhen. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8442/

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Erstellt: 11.02.2011

Zuletzt geändert: 14.02.2011