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Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848 [03.03.2011]

Harald Lönnecker 

Demagogenverfolgung 

 

Meist bereits von Zeitgenossen abschätzig gebrauchter Begriff für die Verfolgung der Mitglieder der liberalen bis hin zur sozialistischen deutschen Nationalbewegung auf Grund der vom Bundestag am 20. September 1819 einstimmig angenommenen Karlsbader Beschlüsse insbesondere durch die in Mainz eingerichtete Zentraluntersuchungskommission des Deutschen Bundes. Sie sollte die „revolutionären Umtriebe und demagogischen Verbindungen“ untersuchen und der Bundesversammlung darüber berichten, die weitere Beschlüsse zur Einleitung gerichtlicher Verfahren fassen sollte. 

Die schärfsten Verfolgungen gab es in Preußen unter der Leitung des Polizeichefs Karl Albert Christoph Heinrich von Kamptz (1769-1849), Direktor des preußischen Polizeiministeriums und Mitglied des Staatsrats. Das preußische Zensuredikt vom 18. Oktober 1819 hob die Zensurfreiheit der Universitätsprofessoren auf, 1820 folgte eine Kabinettsorder, „Behörden, Konsistorien, Schulen und Universitäten von gefährlichen Irrtümern, Verführern und Verführten“ zu reinigen. Die Universitäten erhielten Regierungsbevollmächtigte als Kuratoren, die Universitätsrichter wurden staatliche Beamte und vom Unterrichtsministerium ernannt, sie gehörten nicht mehr dem Lehrkörper an und unterstanden dem Bevollmächtigten. 1822 legte eine Kabinettsorder die Entlassung von Geistlichen bei politischem Fehlverhalten fest. Es folgten zahlreiche, sich über Jahre hinziehende Dienststrafverfahren etwa gegen Friedrich Schleiermacher (1768-1834) und Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Der Berliner Theologe Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849), der der Mutter des Kotzebue-Attentäters Karl Ludwig Sand zu dessen Hinrichtung einen Trostbrief geschrieben hatte, wurde bereits zuvor ohne Verfahren auf Befehl des Königs abgesetzt. Der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) mußte sich Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen und wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. 

Von besonderer Schärfe war das Vorgehen gegen Studenten, die in der Regel Mitglieder von Burschenschaften waren. 1821 legte eine Kabinettsorder fest, allein der Verdacht der Zugehörigkeit rechtfertige die Verweisung von der Universität ohne gerichtliche Untersuchung. Eine weitere, 1824 erlassene Kabinettsorder stellte alle Studentenverbindungen geheimen politischen Verbindungen gleich, womit die Untersuchungsgewalt von der Hochschule auf die politische Polizei überging, die Strafgewalt von den meist nachsichtigeren Universitäts- auf die ordentlichen Strafgerichte. 

Bis etwa 1827/28 ebbte eine erste Welle der Demagogenverfolgung ab, eine zweite folgte nach dem Frankfurter Wachensturm vom 3./4. April 1833. Besonders die im Großherzogtum Hessen stand der preußischen kaum nach. Bis 1836 verurteilte das letztinstanzliche preußische Gericht, das Berliner Kammergericht, über 200 Studenten wegen Hochverrats, darunter 39 zum Tode. Die Todesurteile wurden regelmäßig in 30 Jahre Festungshaft umgewandelt. Unter den Verurteilten war etwa der niederdeutsche Dichter und Jenaer Burschenschafter Fritz Reuter (1810-1874). Besonders schmerzhaft war die oft ausgesprochene Aberkennung der Anstellungsfähigkeit, was die berufliche Zukunft vieler Studenten – vor allem der der Theologie und der Lehramtskandidaten – ruinierte. Die meisten Urteile wurden 1840 auf Grund einer Amnestie beim Regierungsantritt Friedrich Wilhelm IV. aufgehoben. 

Literarischen Niederschlag fand die Demagogenverfolgung im Werk E. T. A. Hoffmanns (1776-1822), der als Kammergerichtsrat am 1. Oktober 1819 zum Mitglied der „Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ ernannt worden war. Er begegnete den Delinquenten mit Nachsicht und legte vor allem Wert auf dem Gesetz entsprechende Untersuchungsverfahren. Deshalb stieß er mehrfach mit Kamptz zusammen, den er im „Meister Floh“ dem Spott preisgab. Das hatte ein Dienststrafverfahren gegen Hoffmann zur Folge, vor dessen Abschluß er verstarb.

Literatur: 

Brümmer, Manfred: Staat kontra Universität. Die Universität Halle-Wittenberg und die Karlsbader Beschlüsse 1819-1848, Weimar 1991;

Brümmer, Manfred: Die staatsrechtliche und hochschulpolitische Funktion der außerordentlichen Regierungsbevollmächtigten 1819-1848, besonders an der Universität Halle-Wittenberg, in: Asmus, Helmut (Hrsg.), Studentische Burschenschaften und bürgerliche Umwälzung. Zum 175. Jahrestag des Wartburgfestes, Berlin 1992, S. 107-118;

Büssem, Eberhard: Die Karlsbader Beschlüsse von 1819. Die endgültige Stabilisierung der restaurativen Politik im Deutschen Bund nach dem Wiener Kongreß von 1814/15, Hildesheim 1974;

Dvorak, Helge: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft, Bd. I: Politiker, Teilbd. 1-6, Heidelberg 1996-2005 [ein Nachtragsband erscheint voraussichtlich 2011, anschließend Bd II: Wissenschaftler und Künstler];

Heer, Georg: Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Bd. 2: Die Demagogenzeit 1820-1833 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 10), Heidelberg 1927, 2. Aufl. 1965, Bd. 3: Die Zeit des Progresses 1833-1859 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 11), Heidelberg 1929;

Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 1, Stuttgart 1957, S. 732 ff.;

Ilse, L[eopold]. F[riedrich].: Geschichte der politischen Untersuchungen, welche durch die neben der Bundesversammlung errichteten Commissionen, der Central-Untersuchungs-Kommission zu Mainz und der Bundes-Central-Behörde zu Frankfurt in den Jahren 1819 bis 1827 und 1833 bis 1842 geführt sind, Frankfurt a. M. 1860;

Kowalski, Werner (Bearb.): Vom kleinbürgerlichen Demokratismus zum Kommunismus. Die Hauptberichte der Bundeszentralbehörde in Frankfurt a. M. von 1838 bis 1842 über die deutsche revolutionäre Bewegung (Archivalische Forschungen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 5/2), Vaduz 1978;

Lönnecker, Harald: „Unzufriedenheit mit den bestehenden Regierungen unter dem Volke zu verbreiten“. Politische Lieder der Burschenschaften aus der Zeit zwischen 1820 und 1850, in: Matter, Max/Grosch, Nils (Hrsg.): Lied und populäre Kultur. Song and Popular Culture (Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg i. Br., 48/2003), Münster/New York/München/Berlin 2004, S. 85-131;

Lönnecker, Harald: Sand, Carl Ludwig, in: Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Neue Deutsche Biographie, Bd. 22 (Rohmer-Schinkel), Berlin 2005, S. 413-414;

Lönnecker, Harald: Studenten und Gesellschaft, Studenten in der Gesellschaft – Versuch eines Überblicks seit Beginn des 19. Jahrhunderts, in: Schwinges, Rainer Christoph (Hrsg.): Universität im öffentlichen Raum (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 10), Basel 2008, S. 387-438;

Lönnecker, Harald: Zwischen Völkerschlacht und Erstem Weltkrieg – Verbindungen und Vereine an der Universität Leipzig im 19. Jahrhundert, Koblenz 2008;

Lönnecker, Harald: Profil und Bedeutung der Burschenschaften in Baden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Aurnhammer, Achim/Kühlmann, Wilhelm/Schmidt-Bergmann, Hansgeorg (Hrsg.): Von der Spätaufklärung zur Badischen Revolution – Literarisches Leben in Baden zwischen 1800 und 1850 (Literarisches Leben im deutschen Südwesten von der Aufklärung bis zur Moderne. Ein Grundriss, II), Freiburg i. Br./Berlin/Wien 2010, S. 127-157;

Lönnecker, Harald: „... nur den Eingeweihten bekannt und für Außenseiter oft nicht recht verständlich“. Studentische Verbindungen und Vereine in Göttingen, Braunschweig und Hannover im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 82 (2010), S. 133-162;

Löw, Adolf: Die Frankfurter Bundeszentralbehörde 1833-1842, Diss. phil. Frankfurt a. M. 1932;

Oelschlägel, Thomas: Hochschulpolitik in Württemberg 1819-1825. Die Auswirkungen der Karlsbader Beschlüsse auf die Universität Tübingen (Contubernium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, 43), Sigmaringen 1995;

Petzold, A[lbert].: Die Zentral-Untersuchungs-Kommission in Mainz, in: Haupt, Herman (Hrsg.): Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, Bd. 5, Heidelberg 1920, S. 171-258;

Siemann, Wolfram: Die Mainzer Zentraluntersuchungskommission 1819-1828, in: Ders.: „Deutschlands Ruhe, Sicherheit und Ordnung“. Die Anfänge der politischen Polizei 1806- 1866 (Texte und Studien zur Sozialgeschichte der Literatur, 14), Tübingen 1985, 76-86;

Weber, Eberhard: Die Mainzer Zentraluntersuchungskommission (Studien und Quellen zur Geschichte des deutschen Verfassungsrechts, Reihe A, Studien, 8), Karlsruhe 1970;

Wentzcke, Paul: Geschichte der Deutschen Burschenschaft, Bd. 1: Vor- und Frühzeit bis zu den Karlsbader Beschlüssen (Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, 6), Heidelberg 1919, 2. Aufl. 1965.

Empfohlene Zitierweise

Lönnecker, Harald: Demagogenverfolgung. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/8507/

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Erstellt: 03.03.2011

Zuletzt geändert: 10.03.2011