b) Forschungskontroverse

Forschungskontroverse: Auswirkungen der Reformation auf die Geschlechterbeziehungen 

 

Ausgehend von Eleanor McLaughlins provokanter Frage „Was there a Reformation in the Sixteenth Century?“ soll der Beteiligung der Frauen an der Reformation und den Auswirkungen derselben für die Frauen nachgegangen werden. 

In der Periode der Frühen Neuzeit ist die Rolle von Ehemann und Ehefrau überwiegend im Kontext der Familienstruktur des Ganzen Hauses (óikos), das Erwerbs- und Reproduktionsstätte unter einem Dach vereinte, zu verstehen. Im Rahmen dieses hierarchischen Sozialverbandes waren jedem Haushaltsmitglied seine Position und seine Aufgaben zugewiesen - dem Mann sowie der Frau, aber auch Mägden und Knechten. Die hier gelebten Geschlechterbeziehungen finden ihren Niederschlag auch im sozialen Machtgefüge der Gesamtgesellschaft.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts begann das bestehende Gefüge des Ganzen Hauses, aufgrund ökonomischer und weltanschaulicher Veränderungen, die wesentlich von reformatorischem Gedankengut mitgeprägt waren, aufzubrechen. Im Zuge der Aufwertung der Ehe wurde die Rolle der Frau neu definiert. In scharfer Kritik der Doppelmoral des Zölibats und in Ablehnung des klösterlichem Lebens, das den Frauen aber eine Art von Unabhängigkeit und Möglichkeiten der Selbstentfaltung bot, wurde die Ehe als erste Ordnung Gottes und die ideale Lebensform dargestellt. Der lutherischen Theologie zufolge solle die Ehe der einzige Beruf der Frau sein. Ihre Bestimmung sei es, als Hausfrau, Mutter und Herrin des Hauses sein. Sie war für die Erziehung der Kinder und die Weitergabe des rechten Glaubens an diese und das Gesinde zuständig. Mann und Frau waren von Natur aus unterschiedliche Rollen zugedacht. Konfessionsübergreifend herrschte Einigkeit über die als von Gott gegeben betrachtete Hierarchie der Geschlechterbeziehungen. Das schlug sich auch in den gesetzlichen Regelungen und in der Tatsache nieder, dass Frauen unter rechtlicher Kontrolle ihrer Ehemänner, Väter oder gegebenenfalls Brüder, standen und sie alleine meist weder geschäfts- oder rechtsfähig waren.  

Um die Frage, ob die „neue Wertschätzung der Ehe und ein entsprechend positives Bild der Ehefrau und Mutter“ [1] auch tatsächlich eine Verbesserung für den Status und das Bild der Frauen bedeutete und ihnen ein Mehr an Gleichberechtigung brachte, ist in der Forschung eine heftige Kontroverse entstanden. Eine Gruppe von Forschern und Forscherinnen hat darauf hingewiesen, dass die Bejahung der Ehe als die angemessene Berufung der Frau auch ihren Status als Haushaltsvorstand, gemeinsam mit ihrem Mann für die Beaufsichtigung der Kinder und des Gesindes verantwortlich, verbessert habe. Die konträre Interpretation verneint hingegen den Zusammenhang zwischen einer positiveren Sicht der Ehe und einer verbesserten Situation für die Frauen. Die Reformation erscheint als ein Geschehen, dass die Macht des patriarchalen Haushaltsvorstandes über seine Familienangehörigen durch eine stärkere religiöse Rechtfertigung noch verfestigt hat. Unterstützt wurde diese Entwicklung teilweise durch die traditionellen Moralvorstellungen und Ehrencodices der Zünfte. Die Ehe stellte als Arbeits- und Sexualgemeinschaft, in der idealer Weise Übereinstimmung der Interessen von Mann und Frau herrschen sollte, den höchsten integrierenden Faktor in der zünftischen Gesellschaft dar. Sie bedeutete für die Frau einerseits das Erlangen des erstrebenswerten, ehrenhaften Status der Hausfrau, der strengen moralischen Regeln unterworfen war, und andererseits ihre soziale Absicherung in der Gesellschaft.

Literaturhinweise: 

Conrad, Anne, In Christo ist weder Man noch Weyb. Frauen in der Zeit der Reformation und der katholischen Reform, Münster 1999. (Speziell die Beiträge von Henze und Westphal)

Cahn, Susan, Industry of Devotion: the Transformation of Women’s Work in England, 1500 – 1660, London 1984.

Coudert, Allison, The Myth of the Improved Status of Protestant Women: The Case of Witchcraft. In: Jean R. Brink et al. (Hg.). The Politics of Gender in Early Modern Europe, Kirksville 1989.

Leites, Edmund, The Duty to Desire: Love, Friendship and Sexuality in Some Puritan Theories of Marriage. In: JSH 15 (1983), S. 383 – 408.

Roper, Lyndal, Das fromme Haus. Frauen und Moral in der Reformation. In: Gisela Bock et al. (Hg.), Geschichte und Geschlechter. Sonderband Frankfurt a. M. 1995.

Schorn-Schütte, Luise, Gefährtin und Mitregentin: Zur Sozialgeschichte der evangelischen Pfarrfrau in der Frühen Neuzeit. In: Heide Wunder/ Christina Vanja (Hg.), Wandel der Geschlechterbeziehungen zu Beginn der Frühen Neuzeit, Franfurt 1991, S. 109 – 153.

Wiesner, Merry E., Family, Household and Community. in: Thomas A. Brady et al. (Hg.), Handbook of European History 1400 - 1600. Late Middle Ages, Renaissance and Reformation, Bd. 1, Leiden - New York - Köln 1995, S. 51 – 78.

Yost, John, The Value of Married Life for the Social Order in the Early English Renaissance. In: Societas 6 (1976), S. 25 – 38.

Verfasser: Michael Culk / Birgit Knauf 

 

Anmerkungen

  • [1]

     Anne Conrad, Geschlechtergeschichte der Reformation und katholischen Reform. In: Dies. (Hg.), In Christo ist weder Man noch Weyb. Frauen in der Zeit der Reformation und der katholischen Reform. Münster 1999, S. 7 - 22, hier S. 18.

Empfohlene Zitierweise

Culk, Michael/Knauf, Birgit: Forschungskontroverse: Auswirkungen der Reformation auf die Geschlechterbeziehungen. Aus: Reformation sozialgeschichtlich, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/6309/

Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.



Erstellt: 30.10.2008

Zuletzt geändert: 14.01.2009