2a-Ks-Kirchenverfassung

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Die Kursächsische Kirchenverfassung 

 

Aufbau 

Vereinfachend kann man von vier Ebenen der Kirchenverfassung sprechen: 

1. Unterste Ebene ist die Gemeindekirche. Bestehend aus Gemeindevolk, Pfarrer mit Hilfsorganen, Lehrer. 

2. Über ihr sind die mittleren Ebenen der Kirchenorganisation aufgebaut, die man grob in zwei Einheiten einteilen kann. 

a) Das Konsistorium, welches aufgeteilt in ein Oberkonsistorium, und zwei weitere, diesem unterstellte, Konsistorien. Aufgabe des Konsistoriums ist die Verwaltung, die Exekutive der laufenden kirchlichen Angelegenheiten, die Umsetzung der Kirchenverordnungen, und die kirchliche Justiz. Man kann also vom Konsistorium als einer Art Oberkirchenverwaltungsbehörde sprechen. Die Spezialsuperintendenten visitieren direkt die Gemeinden und die Gemeindepfarrern. Sie wiederum werden von den Generalsuperintendenten visitiert. Diese übermitteln dann die Ergebnisse der Visitationen dem Synodus. 

3. Der Synodus setzt sich zusammen aus Mitgliedern der anderen Verwaltungsebenen. Aus den Generalsuperintendenten, dem Oberkonsistorium und kürfürstlichen Räten, wobei der kürfürstliche Kanzler den Vorsitz führt. Die kürfürstlichen Räte repräsentieren die oberste Ebene der Kirchenverfassung: den Kürfürsten. Der Synodus prüft die Visitationsberichte, beschließt Kirchengesetze und hat die alleinige Befugnis schwere Sünder zu Exkommunizieren. Er wird zweimal jährlich vom Landesherrn einberufen. 

4. An der Spitze der Kirchenorganisation steht der Landesherr. Er hat die allgemeine Oberaufsicht und Verantwortung für die Kirche seines Territoriums und ernennt alle Mitglieder der Konsistorien, die General- und Spezialsuperintendenten und natürlich die kurfürstlichen Räte. 

Entwicklung 

Bereits 1525 bat Luther den sächsischen Kurfürsten, der damals noch der ernestinischen Linie des wettinischen Hauses entstammte (1547/48 Übertragung der Kurwürde auf Hzg Moritz von Sachsen aus der albertinischen Linie) eine Visitation in seinem Territorium durchzuführen, um die Kirche wiederaufzubauen und im evangelischen Sinne umzugestalten. 1526/27 wurde die Kirche in Kursachsen offiziell reformiert. Luther selbst wies dem Fürsten 1528 die Rolle eines „Notbischofs“ zu, und der Landesherr übernahm die Oberaufsicht und Verantwortung für die Kirchenleitung. 

Vorerst blieb die Kirchenordnung aber ohne feste Struktur. Bis zur Mitte des Jahrhunderts kam man praktisch ohne Mittelinstanzen und ohne eine institutionelle Spitze neben dem Landesherrn aus. Aufsichtsbehörden wurden ad hoc tätig, und auch die Visitationen blieben ohne feste Struktur und Institutionalisierung.

Eine Kirchenleitung entwickelte sich zunächst aus dem Ehegericht: Seit dem Ende der 20er Jahre versahen in Kursachsen Superattendenten ehegerichtliche Aufgaben und übten die „Dienstaufsicht“ über die Geistlichen aus. 1539 wurde die dezentrale Struktur dieser „Attendenz“ zugunsten weniger Ehe- und Zuchtgerichte aufgehoben, die den Titel „Konsistorium“ führten. Mit dieser Institution übernahm der Landesherr, nun auch die bischöfliche Jurisdiktion. 

In Sachsen entstanden die Konsistorien also aus Ehe- und Zuchtgerichten. Vorbild für die meisten Kirchenordnungen, die nach 1555 erlassen wurden, sollte die württembergische Kirchenverfassung werden. Württemberg entwickelte sein Konsistorium aus der Visitationskommission. 

1580 verband Sachsen beide Modelle zu einer Kirchenleitung, die Gericht blieb, aber auch eine landesherrliche Verwaltungsbehörde wurde. Sachsen vereinigte also die beiden Traditionslinien der lutherischen Kirchenorganisation und hatte daraufhin selbst Vorbildcharakter für zahlreiche weitere lutherische Territorien.  

Einzelne Bereiche 

Gemeinde und Pfarrer:  

Die Kirchenorganisation lässt den Gemeinden und den Pfarrern, die das „geistliche Amt“ der Gemeinde verwalten, wenige Befugnisse. Der Pfarrer und seine Hilfsorgane (Diakone: In der evangelischen Kirche ist der Diakon vor allem ein Gehilfe des Pfarrers. Im frühen Luthertum hatte er vielfach das Amt des Gemeindearmenpflegers., Subdiakone: Vorbereitungsstufe für das Diakonat. Funktion: liturgische Assistenz) werden von den Konsistorien bestellt, die Gemeinde hat nur ein Einspruchrecht. Die Investitur des Pfarrers ist Aufgabe des Spezialsuperintendenten. Dieser überträgt dem Pfarrer das Kirchenamt und weist ihn in den Besitz der Pfarre ein. Letztlich im Amt bestätigt wird der Pfarrer aber vom Synodus.

Zweial jährlich werden der Pfarrer und die Gemeinde von dem Spezialsuperintendenten visitiert. Dieser leitet die Visitationsberichte weiter und kann, bei Fehlverhalten, die Visitierten zur Besserung ermahnen.  

Aufgaben des Pfarrers sind die Visitation der Lehrer und des Gemeindevolkes sowie als Hauptaufgabe die Seelsorge für die Gemeinde (Predigt, Sakramente spenden). Der Pfarrer ist jedoch auf Belehren, Ermahnen und väterliches Zurechtweisen der Gemeindemitglieder beschränkt. Mit der Verfolgung und Bestrafung von Sündern sind die Amtleute (Richter) betraut. Exkommunizieren, d. h. Sünder aus der Gemeinde ausschließen, kann aber nur der Synodus. 

Konsistorium: 

In Sachsen ist das Konsistorium wegen der Größe des Landes zweistufig aufgebaut. Aufgabe des Oberkonsistoriums ist die Oberaufsicht über die Kirchenverwaltung, Kirchenjustiz und die Umsetzung der vom Synodus beschlossenen Gesetze. Das Oberkonsistorium leitet also die Landeskirche. 

Die beiden (Unter-) Konsistorien beaufsichtigen die einzelnen Pfarrer und Gemeinden, bestellen die Pfarrer, Hilfsorgane und Lehrer und sorgen für die Durchführung der kirchlichen Jurisdiktion.  

Die Konsistorien beaufsichtigen nicht nur die Pfarrfinanzen sondern sind auch für die Kirchenzucht und Sittlichkeit in den Gemeinden zuständig.

Zusammengesetzt werden die Konsistorien paritätisch aus Theologen und Juristen („Politici“) wobei ein Jurist den Vorsitz behält. Im Oberkonsistorium muss der Vorsitzende zusätzlich adelig sein. Die Mitglieder des Oberkonsistoriums sitzen auch im Synodus. Bestellt werden die Mitglieder des Konsistoriums vom Landesherrn. 

General- und Spezialsuperintendenten: 

Deren Hauptaufgabe ist die Überwachung der Gemeinden und Pfarrer hinsichtlich ihrer Glaubenspraxis. Mittel dazu ist die Visitation. Sie sind Mittelinstanz zwischen Pfarrgemeinden und der Kirchenleitung.

Ein Spezialsuperintendent leitet selbst das Pfarramt in der Amtsstadt eines Dekanates, und visitiert als Leiter dieses Dekanates, zweimal pro Jahr, die dazugehörigen Gemeindepfarrer und Gemeinden. Neben der Visitation sollen sie die Pfarrer amtsbrüderlich beraten und sie ins Pfarramt einführen (Investitur). Bei Fehlverhalten dürfen sie die Gemeindemitglieder aber nur zur Besserung ermahnen.  

Die Spezialsuperintendenten wiederum werden von den zwei Generalsuperintendenten visitiert. Diese leiten Auszüge der Visitationsberichte an den Synodus, indem sie selbst Mitglieder sind, weiter. 

Bestellt werden die General- und Spezialsuperintendenten vom Landesherrn. 

Synodus: 

Der Synodus tritt zur Prüfung der, von den Generalsuperintendenten vorgelegten, Visitationsberichte zusammen. Als zentrale Visitationsbehörde kann nur er Sünder exkommunizieren, d. h. aus der Gemeinde ausschließen. Auch die kirchliche Gesetzgebung beschließt der Synodus. 

Er tagt zweimal jährlich in Dresden, unter dem Vorsitz des kurfürstlichen Kanzlers. Zusammengesetzt ist er aus den vier Oberkonsistorialräten (Mitglieder des Oberkonsistoriums), den zwei Generalsuperintendenten und den kürfürstlichen Räten. Die Parität zwischen weltlichen und geistlichen Mitgliedern muss jedoch gewahrt sein.  

Alle Mitglieder des Synodus werden also vom Landesherrn, der den Synodus auch einberuft, bestimmt. 

Landesherr: 

Der Kurfürst hat die allgemeine Oberaufsicht über die Kirchenorganisation. Er bestellt die Mitglieder des Konsistoriums, die General- und Spezialsuperintendenten, sowie natürlich auch die kurfürstlichen Räte. Mehr oder weniger direkt hat er also Einfluss auf sämtliche Bereiche des Kirchenwesens. Luther selbst wies dem sächsischen Kurfürsten 1528 die Rolle eines Notbischofs zu. Dieser „Sonderauftrag“ konnte sich im Verlauf der nachfolgenden Generationen institutionalisiert, so dass der sächsische Kurfürst durch sein Amt an der Spitze der Kirchenverfassung stand.

 



Erstellt: 17.05.2006

Zuletzt geändert: 13.06.2006