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Deuttung der zwo grwelichen // Figuren Bapstesels zu Rom vnd Munchkalbs 

 


Abb. 1-17

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I. Formale Analyse 

 

Titel 

Deuttung der zwo grwelichen // Figuren Bapstesels zu Rom vnd Munchkalbs // zu freyberg in Meyssen funden// Phillipus Melanchthon// Doct. Martinus luther// Wittemberg

M.D.XXIII 

 

Autor 

Melanchthon, Philipp 

Luther, Martin 

 

Druckjahr 

1523 

 

Druckort 

Wittenberg 

 

Drucker 

[Rhau-Grunenberg, Johann]  

 

Umfang 

Foliierung: Aiii-Biii 

Eigene Paginierung: [S. 1-17] 

Zählung lt. VD 16: [8] Bl.

 

Provenienz 

Bayrische Staatsbibliothek München (Sigel: 12), Polem. 3128 p

 

Nachweis in VD 16 

a.) verwendete Ausgabe: M 2987 [Wittenberg 1523:  Rhau-Grunenberg, Johann]

b.) weitere Ausgaben: 

L 4424 [Erfurt 1523: Stürmer, Wolfgang] 

L 4426 [Oppenheim 1523: Köbel, Jakob] 

L 4429 [Erfurt 1523: Wolfgang Stürmer]

M 2978 [s.l. 1523]

M 2979 [Augsburg 1523: Nadler, Jörg]

M 2980 [Augsburg 1523: Steiner, Heinrich von Augsburg]

M 2981 [Augsburg 1523: Steiner, Heinrich von Augsburg]

M 2982 [Basel 1523: Curio, Valentin]

M 2983 [Breslau 1523: Dyon, Adam]  

M 2984 [Erfurt 1523: Stürmer, Wolfgang] 

M 2985 [Nürnberg 1523: Stuchs, Johann] 

M 2988 [Wittenberg 1523:  Rhau-Grunenberg, Johann]

M 2989 [Wittenberg 1523:  Rhau-Grunenberg, Johann]

M 2990 [Wittenberg 1535: Schirlentz, Nickel]

M 2995 [Erfurt 1523 : Loersfeld, Johann

M 2986 [Oppenheim 1523: Köbel, Jakob] 

 

Titelillustration 

nein 

 

Illustration im Text 

ja/ 2 

 

 

II. Inhaltliche Analyse 

 

Sprachliche Form 

Prosa 

 

Entstehungskontext

Martin Luther, der ursprünglich lediglich eine reformierte katholische Kirche intendierte, bricht 1520 endgültig mit dem Papsttum. In der Folge nimmt Luthers polemische Kritik am Papsttum und der römischen Kirche insgesamt zu.Vom Papst exkommuniziert, wird schließlich 1521 durch das Wormser Edikt auch die Reichsacht über Luther verhängt.

Im Jahr 1523 verfasste Martin Luther gemeinsam mit seinem Freund und Wegbegleiter Philipp Melanchthon eine der bekanntesten antipäpstlichen, polemischen Flugschriften, welche mit ihren Aufrufen folgenreich für die weitere Entwicklung der Reformationsbewegung wurde. Der Begriff des Papstesels wurde einer der von Luther am häufigsten verwandten Metaphern in seinen weiteren Schriften. 

 

Inhaltsangabe und Struktur 

Die Flugschrift „Deuttung der zwo grewlichen Figuren Bapstesels zu Rom vnd Munchkalbs zu freyberg in Meyssen funden“ stellt eines der bekanntesten Beispiele antipäpstlicher Polemik dar. In der 1523 in Wittenberg gedruckten Flugschrift machen sich Luther und Melanchthon zwei bekannte Volksmythen zu nutzen, um zu verdeutlichen, wie verkommen die Praktiken der päpstlichen Kirche und ihrer Vertreter seien. Melanchthon deutet das Auftauchen des so genannten Papstesels zu Rom, ein Tiermonster welches angeblich 1496 tot aus dem Tiber gefischt wurde. Luther das Auftauchen eines Mönchskalbs, das kurz vor Veröffentlichung der Flugschrift in Freiberg (Sachsen) geborenb wurde. Die satirische Flugschrift ist mit zwei Holzschnitten Lucas Cranachs d. Ä. versehen. Die Darstellungen des Papstesels und des Mönchskalbs gehen ursprünglich aber nicht auf Cranach selbst zurück, sondern waren schon davor bekannt.

Im ersten Teil der Schrift, deutet Melanchthon das Auftauchen des Papstesels, eine große, schuppige Gestalt mit einem Frauenrumpf und einem Eselskopf. So sei die gräuliche Gestalt des Papstesels als ein Zeichen Gottes gesandt, um den Menschen die moralische Verkommenheit und Dekadenz der päpstlichen Institution vor Augen zu führen, da das Zeichen in Rom und nicht an einem beliebigen anderen Ort aufgetaucht war. Das Tiermonster zeige, dass nun die in der Bibel prophezeite Zeit des Antichristen, des Todfeindes Gottes, gekommen sei. Melanchthon deutet all die körperlichen Missbildungen des Tiermonsters, wobei er jedes einzelne Detail auf einen bestimmten von ihm kritisierten Missstand der päpstlichen Institution bezieht. Der Eselskopf beispielsweise stelle den Papst selbst dar, der, genauso wenig wie ein Eselskopf auf einen menschlichen Körper passe, als geistliches Oberhaupt der Kirche passe. 

Im zweiten Teil der Flugschrift schreibt Luther über ein verformtes, stehendes Kalb, welches mit einer zerfetzten Mönchskutte bekleidet und in Freiberg kürzlich aufgetaucht sei. Obwohl er sich selbst nicht als Prophet verstehe, so seien diese beiden „greulichen Figuren“ als klare Zeichen Gottes zu verstehen, von welchen er hoffe, dass sie das Weltende einleiten. Auch in Luthers Deutung des Mönchskalbs symbolisieren die einzelnen Details der Darstellung die zahlreichen Missstände, und er unterstreicht durch Verweise auf konkrete Bibelstellen ihre Bedeutung für das Christentum. Das in eine zerrissene Kutte gehüllte Mönchskalb zeige beispielsweise, dass die „Muncherey“ und „ Nonnerey“ lediglich ein lügenhafter Schein sei. Er verweist auf eine Bibelstelle im Buch Daniel, in der dem großen König Alexander das wahre Wesen der Griechen durch einen Ziegenbock verdeutlicht wird, also würde den Christen auch hier durch ein Mönchskalb die Wahrheit über das Wesen des Mönchstums verdeutlicht.  

Insgesamt wird in beiden Texten durch häufige Verweise auf Bibelstellen die eigene Deutung untermauert. Gerade in den Bibelstellen manifestiert sich apokalyptisches Denken, das in Luthers Schriften um so mehr zunimmt, je konfliktreicher seine Auseinandersetzung mit dem Papsttum und der römischen Kirche wird. 

 

Text Melanchthon (Aii v bis ohne Foliierung, S. 4-8) 

 

  • Der Papstesel wurde als göttliches Zeichen gesandt, um wahre Christen davor zu bewahren, vom rechten Weg abzukommen. 

  • Der Kopf – Der Papst als leibliches Oberhaupt der Kirche verhält sich zur geistlichen Kirche genauso wie ein Eselskopf auf einem menschlichen Körper. 

  • Die rechte Hand (Huf) – die päpstliche marternde Herrschaft zermalmt die Gewissen  und Seelen der Christen wie ein Elefantenhuf.

  • Die Linke Hand – Die Menschenhand bedeutet das menschliche Geschick der weltlichen Herrschaft des Papstes, welchem es mit Hilfe des Teufels gelingt die übrigen weltlichen Herrscher an ihn zu binden. 

  • Der Ochsenfuß – Der Ochsenfuß symbolisiert die Dienerschaft des Papstes und stellen die tragenden Säulen des päpstlichen Regiments dar. 

  • Der linke Fuß – Der linke Fuß, gezeichnet als Kralle eines Greifen, symbolisiert die Diener der weltlichen Herrschaft, die Kanoniker, durch deren Geiz getrieben und mit deren Hilfe das Papsttum ganz Europa umgreift.  

  • Der Frauenkörper – Der Frauenkörper symbolisiert die Dekadenz des Körpers der päpstlichen Institution. 

  • Die Fischschuppen – Die Fischschuppen stehen für weltliche Fürsten und Herren die an dem Papst kleben uns so die päpstliche Institution festigen. Der Rumpf ist ausgespart, da sie sich nicht an der päpstlichen Gier und Wollust beteiligen, wenngleich sie auch nicht dagegen angehen. 

  • Der alte Mannskopf – Der Kopf eines alten Mannes am Hinterteil des Papstesels verdeutlicht, dass das Papsttum an sein Ende gekommen ist. 

  • Der Drache – Im Angesicht des nahenden Endes, speit der Papst wie ein Drache Bullen und Lästerbücher, aber es ist dennoch zwecklos - die Wahrheit ist ans Licht gebracht 

  • Bedeutung Roms – Der Fundort Rom bestätigt schließlich, dass es die römisch/päpstliche Herrschaft bedeutet, da Gott seine Zeichen an den Orten schafft, wo ihre Bedeutung liegt. 

 

Text Luther „Deuttung des Munchkalbs zu freyberg Martin Luthers“ (B r bis ohne Follierung, [S. 9-15]) 

 

  • Viele Zeichen von Gott gesandt, kündigen künftiges Unglück und Veränderung an. Das Mönchskalb zu Freiberg ist so ein Zeichen.  

  • Warum gibt Gott durch ein Kalb in Mönchskleidung ein Zeichen, und nicht durch ein Wunder an Mönchen selbst?  

  • So wie Gott einst Alexander durch einen Ziegenbock das Wesen der Griechen offenbarte, so wird auch hier das Wesen der Mönche durch das Mönchskalb offenbart. 

  • Zur Zielgruppe zählen allerdings nicht die ketzerischen Mönche selbst, diese sollen keineswegs bekehrt werden. 

  • Sie haben bis jetzt immer die Augen vor dem wahren Evangelium verschlossen, also sollen sie dafür bestraft werden. 

  • Die Kutte – Das mit einer Kutte bekleidete Kalb soll darauf aufmerksam machen, dass der Schein trügen kann und eine Kutte nicht gleichbedeutend mit Frömmigkeit ist.  

  • Das Kalb – Das Kalb symbolisiert den falschen Abgott im lügenhaften Herzen der Mönche, denn mit all ihrem weltlichen Gottesdienst wollen sie nur für sich selbst den Himmel verdienen. 

  • Gott kann man aber nur geistig dienen. Das Kalb symbolisiert ihr letztlich fleischlich motiviertes Wesen, Gott zu dienen. 

  • So wie das Kalb sich von Gras ernährt und gemästet wird, so auch die Mönche von weltlichen Gütern. Anstelle Christus, tragen sie dies Kalb im Herzen. 

  • Die zerrissene Kutte – Die zerrissene Kutte symbolisiert die Zerrissenheit des Christentums selbst, obwohl sie sich darin alle gleichen, mit weltlichem Werk den Himmel erlangen zu wollen. 

  • Das Hinterteil, die Beine – Das Hinterteil des Mönchskalbs bedeutet das Ende der katholischen Kirche, die Beine dessen Basis. Diese falschen Meinungen, so verschieden sie auch sind, geben der ganzen ebenso falschen Institution einen gewissen Halt, nichtsdestotrotz  ist ihr Ende gekommen.

  • Die Gestik – Die Haltung des Mönchskalbs zeigt den Habitus eines Predigers, was bestätigt, dass es für die falschen Prediger des Papstes steht. Wie der Papstesel das Papsttum abmalt, so malt das Mönchskalb die Apostel und Schüler des Papstes. Zusätzlich fehlen die Augen, weil das gelehrte Schrifttum blind macht für die wahre, geistige Lehre. 

  • Das Ohr, die Zunge, die Warzen– Das Ohr an der Kutte bedeutet die Tyrannei der Beichte, die ausgestreckte Zunge ihr unnützes Geschwätz. Die zwei Warzen am Haupt sind nicht voll entwickelte Hörner, welche für die Predigt des Evangeliums stehen, um dem Volk das Evangelium „zustoßen“ zu können. Sie sind also nicht zweckmäßige Anhängsel des Hauptes, welches für das Papsttum steht. 

  • Die Kutte – Die stark um den Hals gewundene Kutte symbolisiert die Halsstarrigkeit und Verstocktheit des Mönchtums. Da die Kutte nur auf der Rückseite geschlossen ist wird deutlich, dass das Mönchstum dem Geistigen längst den Rücken zugekehrt hat, und die offene Vorderseite ihr weltliches Dasein zur Schau stellt, durch die bloßen Bäuche. 

  • Das Maul – Das Untermaul ist menschlich, das Obermaul jedoch kalbgleich. Die zwei Lippen bedeuten also zweierlei Predigten: die untere das Gesetz, die obere das Evangelium. Der obere Teil predigt daher statt dem Evangelium, das Kalbsmaul. 

  • Die glatte Haut – Das Kalb mit seiner hübschen, zart gleißenden Haut will jedem gefallen und jeden betrügen. In Wirklichkeit ist es aber des Teufels Vorläufer. Das alles ist nun an den Tag getreten durch die Geburt des Kalbes aus der Kuh. Nun weiß man wer sie wirklich sind.   

 

Schluss (ohne Foliierung, [S. 14-17]) 

Die Deutung ist an jedermann gerichtet, und deren Wahrheit ist in der Schrift selbst begründet. Daher soll sich jedermann bewusst sein, was er verachtet, wenn er diese Deutung verachtet. Gott selbst veranschaulicht an diesem Kalb, dass er das Mönchstum zum Feind hat. Dieses Wunder muss also so viele Menschen wie möglich erreichen. 

Warnung – Mönche und Nonnen sollen sich hüten, Gottes Ermahnung nicht ernst zu nehmen. Sie müssen sich ändern oder das Klosterdasein verlassen. Der Adel soll von der klösterlichen Existenz seiner ‚Freunde und Kinder’ Abstand nehmen. 

Auf der Schlussseite (ohne Foliierung, [S. 17]) als scheinbar authentische Mitteilung eingefügt, dass am 13. Dezember 1523 in Freiberg bei der Schlachtung einer Kuh, das zuvor beschriebene Mönchskalb zum Vorschein gekommen sei. 

 

Literaturhinweise 

Rublack, Ulinka, Die Reformation in Europa. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2003. 

Strehle, Jutta/Kunz, Armin, Druckgraphiken Lucas Cranachs d. Ä.: im Dienst von Macht und Glauben. Katalog, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Wittenberg 1998, S. 232-235.

 

Rembart, Ruth 

 



Erstellt: 15.08.2007

Zuletzt geändert: 15.08.2007