3a-druckmedien

3a. Kommunikation als schriftlich vermittelte Interaktion: Druckmedien 

 

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg stieg die Verbreitung schriftlicher Medien sprunghaft an. Neben dem Buch gewannen Flugschriften eine essentielle Rolle in der Informationsvermittlung. Dabei bildete die Reformation den ersten Höhepunkt in der Verwendung von Flugschriften, indem sie als Mittel zur sozialen, politischen und religiösen Meinungsbildung in der Bevölkerung genutzt wurden. Typische Merkmale der Flugschriften der Reformationszeit waren die Kombination von Bild und Text, wobei die Illustration häufig zur Erläuterung der Flugschrift verwendet wurde, weiters die Anonymität der Produzenten und der Warencharakter der Flugschriften.

Der bedeutendste Absatzmarkt war die Stadt. Hier wurden die Flugschriften u.a. durch Kolporteure, Buchführer, auf Messen und Marktplätzen verbreitet und fanden in Pfarrern, Lehrern, Juristen, Ärzten und Handwerkern klassische Rezipienten, über die die Flugschriften in ländliche Gebiete weiter getragen wurden. Die wichtigsten deutschen Verlagsorte für Flugschriften waren Augsburg, Nürnberg, Frankfurt am Main, Leipzig, Straßburg und Basel, später Wien und Berlin. 

In den Reformationsflugschriften wurden sowohl von geistlicher wie von weltlicher Seite vorwiegend die sozialen, politischen und religiösen Zustände beklagt. Das Ziel der Verfasser war nicht nur die Aufdeckung von Missständen, sondern insbesondere die Beeinflussung und Mobilisierung der Bevölkerung. Die Flugschriften sollten belehren und verändern, daher fanden sie bei den Reformatoren respektive deren Gegnern besonderen Anklang zur Verbreitung ihres jeweiligen Gedankenguts, wobei die Schärfe des Tonfalls auf beiden Seiten mit der Verschärfung der Gegensätze zwischen den Parteien zunahm und die literarische Form zusehends in den Hintergrund trat. In der Auseinandersetzung zwischen den Reformatoren und ihren Gegnern waren beide Parteien darauf bedacht, den Gegner zu diffamieren und sich selbst in positivem Licht darzustellen. Ein besonders beliebtes Mittel dafür waren Karikaturen, hierbei insbesondere die Kombination von Mensch und Tier. Diese Motive waren der Bevölkerung meist bekannt und konnten von beiden Parteien jeweils zu ihren eigenen Gunsten verwendet bzw. umgedeutet werden. Der Versuch einer Zensur, u.a. von Johannes Cochläus, konnte am Reichstag von Augsburg nicht durchgesetzt werden, da diese Aufgabe meistens den Städten zukam. 

 

Das Lutherbild in Flugschriften 

 

In den Flugschriften der Reformationszeit stehen sich zwei konträre Lutherbilder gegenüber: Einerseits das Bild des von Gott gesandten Erneuerers und Beschützers des „wahren“ Glaubens, welches von seinen Anhängern geprägt wurde und sich auch in den Illustrationen manifestiert. Andererseits das Bild des Ketzers und des Aufrührers, geprägt von seinen Opponenten - vornehmlich der katholischen Geistlichen und Ständen. Von diesen wurde Luther unter anderem als „Zerstörer des Glaubens Christi“ und „Verführer der einfältigen Christen“ [1] bezeichnet.

Neben diesen Autoren fanden sich jedoch verschiedenste soziale Schichten, die sich des Mediums Flugschrift bedienten, um ihrem Missmut über die sozialen Zustände Ausdruck zu verleihen. Insbesondere die Bauern und der Ritteradel unter Franz von Sickingen meinten, in Martin Luther Unterstützung gegen die Obrigkeit und die Kirche gefunden zu haben und legten dessen Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) zu ihren Gunsten aus. Die Flugschriften aus den Reihen der Bauern und Ritter bezogen sich jedoch vordergründig auf Beschwerden und Forderungen, aus denen keine klare Darstellung Luthers hervorgeht. Erst als sich Luther zusehends von den Aufständischen distanzierte, entstanden die ersten Flugschriften, die sich dezidiert gegen Luther und seine Schriften wandten, insbesondere nach der Erscheinung von Luthers Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“.

Das Bild, das sich aus den Flugschriften ihrer Reihen ergibt, ist ein eindeutig Negatives, wie es zum Beispiel in Johann Fundlings Flugschrift "Anzaigung zwayer falschen zungen des Luthers  zum Ausdruck kommt, weiters in den Schriften Thomas Münzers, der Luther unter anderem als „doctor lügner“ [2] bezeichnete. So bezeichnet ihn Hieronymus Emser als einen „auffrurischen und verleugneten [= verlogener] monch“ [3] und Johannes Cochläus benennt ihn in dessen Antwort auf die „räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ als die Ursache des Aufruhrs und bezichtigt ihn ebenfalls der Doppelzüngigkeit.

Martin Luther wurde von seinen Zeitgenossen entweder verehrt oder gehasst, diese beiden Positionen manifestieren sich auch in den Flugschriften. Es entstand ein Janusbild Luthers, das auch in den folgenden Jahrzehnten Bestand haben sollte, insbesondere bis zum Tod Martin Luthers. 

„Auff das ich mir nit allein diene / sonder auch ein nutz hab der diß list…“, [4] nannte Martin Luther als Grund, seine Predigten zu publizieren und brachte damit die Intention von Flugschriften der Reformationszeit zum Ausdruck: Informationsverbreitung und Meinungsbildung der Bevölkerung. Oft anhand von Bibelzitaten versuchten beide Parteien, den eigenen Standpunkt zu bekräftigen und den Gegnerischen zu widerlegen. Dafür wurden in den Flugschriften der Reformationszeit häufig die Standpunkte der gegnerischen Partei aufgegriffen und den Eigenen gegenübergestellt, wobei der jeweils eigene Glaube als der ‚wahre’ dargestellt wurde und der jeweilige Gegner als Antichrist. Die Autoren der Flugschriften verfielen dabei häufig der Anklage und der Polemik, so wurden Luthers und seiner Anhänger Thesen von ihren Gegnern als „falsche und verdampte lere“ [5] und Ketzerei bezeichnet, während die Protestanten ihrerseits mit Anschuldigungen und Beleidigungen der Katholiken ebenfalls nicht sparten, wobei Luthers und Melanchthons Flugschrift „Deuttung der zwo gräulichen Figuren des Bapstesels zu Rom und Munechkalbs zu freiberg […] ein anschauliches Beispiel liefert, in der sie dem Papst unter anderem „falsche messen“ und „falsche buß“ vorwarfen.

 

Literaturhinweise 

Balzer, Bernd: Bürgerliche Reformationspropaganda - Die Flugschriften des Hans Sachs in den Jahren 1523-1525, Stuttgart 1973.

Brügel, Eberhard: Flugschriften, Flugblätter, Drucke in der Reformationszeit, in: Wunderlich, Reinhard (Hrsg.): Zugänge zu Martin Luther, Frankfurt/Main u.a. 1997, S. 61-99. 

Faulstich, Werner: Die bürgerliche Mediengesellschaft (1700-1830), Göttingen 2002. 

Moeller, Bernd/Stackmann Karl: Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation - Eine Untersuchung deutscher Flugschriften der Jahre 1522 bis 1529, Göttingen 1996. 

Laube, Adolf/Seiffert, Hans Werner: Flugschriften der Bauernkriegszeit, Berlin 1975. 

Lucke, Peter: Gewalt und Gegengewalt in den Flugschriften der Reformation, Göppingen 1974. 

 

Pechtigam, Margot 

 

Anmerkungen

  • [1]

     Murner: „An den großmächtigsten und durchlauchtigsten Adel deutscher Nation“, in: Lucke: Gewalt und Gegengewalt, 1974, S. 74.

  • [2]

     Münzer, in: Lucke: Gewalt und Gegengewalt, 1974, S. 126.

  • [3]

     Emser, in: Laube/Seiffert: Die Flugschriften der Bauernkriegszeit, 1975, S. 356.

  • [4]

     Quelle: Flugschrift: Martin Luther: Ein Sermon geprediget tzu Leiptzigk, 1519.

  • [5]

     Emser, in: Laube/Seiffert: Die Flugschriften der Bauernkriegszeit, 1975, S. 356.

Empfohlene Zitierweise

Pechtigam, Margot: Kommunikation als schriftlich vermittelte Interaktion: Druckmedien. Aus: Reformation, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/5389/

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Erstellt: 15.08.2007

Zuletzt geändert: 15.08.2007