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II. Die Encyclopédie - von Ulrike Spindler
4. Von der Schreibstube in die Bibliothek - Ausblick auf Buchhandel und -produktion
4.1 Die Arbeitskräfte im Hintergrund
Die Fertigstellung der Encyclopédie dauerte 25 Jahre - harte und akribische Arbeit der Autoren war nötig, um diese Leistung zu vollbringen. Dabei darf man jedoch die Männer im Hintergrund nicht vergessen, welche die Produktion in den Druckereien übernahmen.
Drucker waren im 18. Jahrhundert nicht fest angestellt. Das Drucken galt als Wandergewerbe und ein Arbeiter war selten ein ganzes Jahr in der selben Arbeitsstätte tätig. Eine Beschäftigungsgarantie bestand ohnehin nicht.Die verantwortlichen Herausgeber und Verleger schickten Werber an Sammelpunkte auf den üblichen Reiserouten, um zum Beispiel in Wirtshäusern neue Arbeitskräfte anzuheuern. Diese wurden pro Auftrag eingestellt und konnten in der Druckerei tätig sein, bis die Manuskripte der Autoren ausgingen. Die Arbeit orientierte sich also nicht an Lohnstandards, wie beispielsweise Stundenzahlen, sondern an Aufträgen. Damit war keinerlei Schutz gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter gewährleistet.
Auch die Arbeitszeiten waren nicht geregelt, eine Sechstage-Woche war jedoch üblich. Die Drucker und Setzer bestimmten in der Regel ihr Arbeitstempo selbst, wobei die Geschwindigkeit der Drucker von der Arbeitsweise der Setzer abhing, die ihren Kollegen die Druckvorlagen lieferten. Um ein Beispiel zu nennen, benötigten fünf Schriftsetzer und 20 Drucker ungefähr fünf Monate, um eine Million Druckbogen für einen Band der späteren Quartausgabe der Encyclopédie fertig zustellen.
Die Setzer bereiteten die Vorlagen für den anschließenden Druck vor. Eine Zeile entstand, indem man die Typen aus dem Setzkasten in einen sogenannten Winkelhaken setzte. Um nun eine Seite zu produzieren, wurden die einzelnen Zeilen aus den Winkelhaken in Satzschiffe geschoben. Dann wurden diese Schiffe in einem Rahmen montiert und so eine fertige Seite gesetzt.Im 18. Jahrhundert entwickelte man hier das sogenannte Paquet-System. Die Setzer wurden nach Arbeitsschritten aufgeteilt, um so gebündelt Zeilen und Seiten anzufertigen. Mit dieser Arbeitsteilung erreichte man eine höhere Effizienz.
Die Atmosphäre in den Druckereien war von strengem Geruch geprägt. Die Drucker arbeiteten körperlich hart in lauter und schmutziger Umgebung. Da die Setzer eine vergleichsweise feingliedrigere Tätigkeit hatten, bei der sie mit geschickten Handgriffen die Typen zu Seiten zusammensetzten, bezeichnete man sie mit einem Spitznamen als Affen. Die Drucker hingegen mussten kräftig sein, um die großen Druckerpressen zu bedienen und mit einem kräftigen Zug die Druckerschwärze auf das blanke Papier zu pressen. Sie wurden aufgrund der kraftaufwendigen Arbeit scherzhaft Bären genannt.Nach dem allgemeinen Zählmaß im 18. Jahrhundert bezeichnete man 24 Bogen Schreibpapier oder 25 Bogen Druckpapier als ein Buch. Heute wird die Buchgröße meist in Breite und Höhe angegeben. Die herkömmlichen Formatbezeichnungen beziehen sich auf jedoch auf die Rückenhöhe des Buches oder die Höhe des Buchdeckels.Das Folio-Format zeichnete sich durch sogenannten Einbruchbogen, d.h. einen einmal gefalzten Bogen aus, der vier Druckseiten oder zwei Blatt ergab. Der Rücken oder Buchdeckel war zwischen 35 bis 45 cm hoch. Die nächst kleinere Buchform hieß Quartformat mit einer Buchrückenhöhe nur 25 bis 35 cm. Sie war in den Herstellungskosten preiswerter und erlaubt damit eine höhere Auflage. Kleinere Bücher gibt es im Großoktavformat zwischen 22,5 bis 25 cm Höhe, im Oktavformat von 18,5 bis 22,5 cm Deckelhöhe oder im Kleinoktavformat, wenn das Buch zwischen 10 und 18,5 cm hoch war.
Eine Seite eines Druckbogens ergab zwei Druckseiten im Folioformat bzw. vier Quartseiten oder acht Seiten im Oktavformat. Die Zahl der bedruckten, fertig gestellten Seiten verdoppelte sich nochmals, da ein beidseitiges Bedrucken der Bögen möglich war. Die gedruckten Bogen wurden geheftet und an den Kunden über Buchhändler und Verleger weitergegeben, die sie dann vor Ort binden ließen. Die Drucker wurden nicht in Buchexemplaren pro Auflage, sondern in gedruckten Bogen pro Auflage bezahlt. Ein Bogen Papier entspricht heute einem DIN A 2-Bogen, der 43 x 60 cm misst. Man schnitt diese in vier normale Bögen zu. Die Druckkosten wurden pro Druckbogen berechnet und umfassten bereits die Kosten für den Satz, den Druck und die Materialkosten.
Neben der redaktionellen Leistung war die Produktion der Encyclopédie in ihrem riesigen Umfang ein Novum im 18. Jahrhundert. Die Druckereien waren in Frankreich allein durch die Anfertigung der Encyclopédie in allen Versionen und Formaten überbelastet. Dabei sind die weiteren Druckarbeiten in Frankreich von Büchern, Journale, Zeitschriften und anderen Veröffentlichungen nicht eingerechnet.
4.3 Legale und illegale Transportwege
Sobald die Bögen fertig bedruckt waren, mussten sie von der Druckerei zu den Buchhändlern und schließlich zum Kunden gelangen. Um die weiten Wege unbeschädigt zu überstehen, wurden die Bögen in mehreren Lagen mit Altpapier umwickelt und zu Paketen geschnürt. So konnte jedoch leicht Feuchtigkeit an die Drucke gelangen, was unnötige Verluste, erneute Kosten für Nachdrucke und vor allem Ärger zur Folge hatte.
Während legale Bücher meist ohne große Umwege nach Paris gelangten, mussten die Schmuggeltransporte illegaler Drucke gut geplant werden. Im Fall der Encyclopédie kamen die Buchsendungen auch aus dem schweizerischen Neuchâtel, dessen geographische Lage ein großes Hindernis darstellte.Die Schmuggelware durchlief viele Stationen. Die Initiatoren mussten Fuhrmänner engagieren, welche die Buchpakete zunächst von der Druckerei zu einem geheimen Zwischenlager brachten, wo die Buchstapel bei Vertrauenspersonen versteckt wurden. Hierfür wurden häufig Kaffee- oder Wirtshäuser gewählt. Um unentdeckt zu bleiben, wurden die Papierpakete auch bei Papierhändlern verwahrt, bis die Buch- und Zeitschriftenhausierer aus der Hauptstadt diese abholten. Danach passierten die riesigen Ballen mit Druckbögen die Zollstationen an den Pariser Stadtgrenzen. Zu den gängigsten Tricks zählten Bestechung von Zollbeamten, Verstecken in genehmigten Lieferungen. Häufig versteckten auch Postkuriere heimlich illegale Ware in ihren Kutschen, Kleidungen, und Koffern. Sobald die Zollschmuggler ihre Aufgaben erfolgreich erfüllt und die Buchpakete bei dem Pariser Buchhändler abgeliefert hatten, konnten die Werke heimlich an den Leser ausgeliefert werden.
Nach 1750 änderte sich das Leseverhalten merklich. Dies ist daran zu erkennen, dass sich jährlich ungefähr 150 verschiedene Periodica im Umlauf waren und sich neue Literaturzentren entwickelten. Die Salons und Leseräume öffentlicher Bibliotheken erfreuten sich wachsender Beliebtheit unter den Lesern des Pariser Publikums. Verleger konnte sich durch die Entstehung der sogenannten Subskriptionpreise ein beständiges Publikum sichern. Durch diese Vorauszahlungen, sowohl bei günstigeren Erzählungen aber auch bei der Encyclopédie, sicherten sie sich ein Vorkaufsrecht.
Unter Subskription versteht man eine Art Vorbestellung eines Werkes vor seiner Veröffentlichung. Auf diese Weise konnten die Verleger die Herstellungskosten absichern und ihre Investitionen minimieren.
Außerdem stieg die Belesenheit im 18. Jahrhundert kontinuierlich an, was an den Vermerken über Bücher in den Nachlässen zu erkennen ist. Leser konnten sich Bücher auch vermehrt leisten. Im Laufe des 18. Jahrhundert war der Trend vom großen und teueren Folioformat hin zu den günstigeren und handlicher Oktavformaten gegangen. Da die Werke zunehmend in französischer Sprache verfasst wurden, und nur noch selten in klassischem Latein, waren die Texte auch einem Lesepublikum ohne Lateinkenntnisse zugänglich.
Empfohlene Zitierweise
Spindler, Ulrike: 4. Von der Schreibstube in die Bibliothek - Ausblick auf Buchhandel und -produktion. Aus: Madame de Pompadour - Die Encyclopédie, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2935/
Bitte setzen Sie beim Zitieren dieses Beitrags hinter der URL-Angabe in runden Klammern das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse.
Erstellt: 16.03.2006
Zuletzt geändert: 16.03.2006











