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II. Die Encyclopédie - von Ulrike Spindler
2. Die Enzyklopädisten - Die Gruppe um Diderot und d'Alembert
Unter der redaktionellen Leitung Denis Diderots arbeiteten seit 1750 Philosophen und Schriftsteller, die als Enzyklopädisten bezeichnet wurden, zusammen. Diesen Namen erhielt die Gruppe, da sie zum Gelingen des größten Projekts des französischen Buchmarktes, der Encyclopédie, beitrug.
2.1 Der Schriftsteller in Frankreich im 18. Jahrhundert
Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war das soziale Gefälle stark ausgeprägt. Arbeiter verdienten in den 1760er Jahren im Schnitt jährlich unter 300 Livres. Ein Drucker musste seine Familie mit zwei Livres pro Tag ernähren, während Vorarbeiter oder Kopisten drei Livres am Tag erhielten. Ein Redakteur konnte täglich bis zu vier Livres verdienen. Im Vergleich zu den Materialkosten, die bei einer gebrauchten Druckerpresse bei 250, im Falle einer Neuanschaffung bei 300 Livres, lagen, beliefen sich die Personalkosten auf weit weniger.Die Diskrepanz der Einkommensverhältnisse spiegelte sich auch in der Bezahlung der Autoren und Mitarbeiter der Encyclopédie wider. Das Honorar wurde nach unterschiedlichen Gesichtspunkten bestimmt: Zum einen wurde die Mitarbeit besser vergütet, wenn der Verfasser populär war, zum anderen fiel das Honorar für diejenigen höher aus, die mehrere Artikel verfassten.
Den meisten Akteuren musste das Bewusstsein genügen, an einer einmaligen Unternehmung beteiligt zu sein. Die Buchproduzenten gingen dazu über, Verfasser, die nur gelegentlich einen Artikel beisteuerten, nicht zu bezahlen. Das Ziel, "to spread learning, to support beleaguered causes, to help out their friends Diderot and d'Alembert and to gain personal recognition" [4], bedeutete Autoren wie d'Holbach, Quesnay, Voltaire mehr, als für ihre Texte bezahlt zu werden.
Die Schreiber wurden unterschiedlich bezahlt: Sie konnten ein festes oder in Raten aufgeteiltes Honorar erhalten. Oft wurden sie auch mit Encyclopédie-Bänden abgefunden. Im Vergleich zu den herkömmlichen Verdiensten im 18. Jahrhundert lohnte sich die Mitarbeit an der Encyclopédie jedoch durchaus. Da die meisten Schriftsteller nicht von den Einnahmen ihrer Werken leben konnten, waren viele auf Renten oder Nebenberufe angewiesen. Dennoch erhob Diderot den Vorwurf, dass die Enzyklopädisten für die geleistete Arbeit unterbezahlt worden seien. Dies erscheint nachvollziehbar, wenn man den Reingewinn von 2,5 Millionen Livres, den die Verleger am Ende einstreichen konnten, berücksichtigt.
2.2 Zusammensetzung der Enzyklopädisten
Die Gruppe der Enzyklopädisten erscheint auf den ersten Blick sehr homogen, da sich ausschließlich Schriftsteller und Gelehrte an der Encyclopédie beteiligten, die ihr Wissen und die Ideen der Aufklärung vermitteln wollten. In der französischen Buchgeschichte vereinigten sich auf diese Weise erstmals Gelehrte und Fachleute, die ihre gesammelten Erfahrungen zusammentrugen.
Dabei konnte vor allem der Akademiker d'Alembert, der seit Beginn der 1750er Jahre in der Académie des Sciences angesehen war, einige seiner Kollegen als Mitarbeiter gewinnen. Unter ihnen waren Theologen, Mechaniker und Handwerker, Geschichtswissenschaftler, Philosophen, Kenner aus militärischen Fächern, Wissenschaftler, Kaufleute und Schriftsteller, um nur einige Spezialisten aufzuzählen. Sie alle wirkten an der Entstehung des größten Wissenskompendiums des 18. Jahrhunderts mit.Die großen Namen, die im Zusammenhang mit der Encyclopédie fallen, sind neben den hauptverantwortlichen Herausgebern und Redakteuren Diderot und d'Alembert vor allem Jean-Jacques Rousseau , Voltaire, Condillac, Montesquieu, Marmontel, d'Holbach, Quesnay, Naigeon, Melchior Grimm und Turgot.
2.3 Ideen und Ziele
Die Umsetzung der Encyclopédie verfolgte das Ziel, ein verständliches Wissenskompendium für eine breite Öffentlichkeit zu erstellen. Dieses sollte das gesamte Wissen der zeitgenössischen Wissenschaft und Forschung beinhalten.
Seit Beginn im Jahr 1748 bis zur Aberkennung des königlichen Druckprivilegs 1759 wurde den Enzyklopädisten vorgeworfen, sie wollten Kirche und Staat durch subversive Texte untergraben. Dazu mussten die Leser jedoch zwischen den Zeilen lesen, denn offene Kritik an den zeitgenössischen Verhältnissen und Institutionen war selten zu finden.
Immerhin zählten 38 Mitglieder zu mindestens einer der renommierten Akademien in Paris. Damit ist die Frage berechtigt: "Why should these thirty-eight Encyclopedists consciously undermine the government which honoured them and provided them with salary derived from membership in these royal societies?" [5] Zahlreiche Akteure der Encyclopédie verrichteten seit vielen Jahren Staatsdienst und waren dabei auf die Unterstützung und Bezahlung des Königs angewiesen. Dennoch brachten die Enzyklopädisten ihre Kritik am Staat durch die Encyclopédie in Umlauf. Zwar traten die Staatskritiker unter den Autoren für die Gewaltenteilung oder eine bürgerlich-konstitutionelle Monarchie ein. Sie erkannten aber auch, dass " monarchy is a wise form of government for a large state, although not every kind of monarchy" [6].
Um so deutlicher diente die Encyclopédie als Propagandamittel für Kirchenkritik. Radikalster Gegner des Klerus war Voltaire, der vor allem der Institution Kirche den Anspruch absprach, mehr als eine moralische Autorität sein. Diderot vermied es hingegen explizit im Artikel Kirche Kritik zu äußern, sondern beschäftigte sich beispielsweise mit dem Thema Aberglauben im Artikel über das Wurzelgewächs Agnus scythicus.
Dem gebildeten und interessierten Leser war klar, "welch ideologischen Sprengstoff er mit seinem Kauf erstand: Ob er in seinem Kopf zündete, war dann seine Sache - Diderot, d'Alembert und Co. hatten das Ihre getan." [7] Und das Publikum war offenbar für diesen Lesestoff bereit. Wie sind sonst der rege Zuspruch und die riesige Nachfrage zu erklären? Die Verfasser und Redakteure, allen voran Diderot, wollten neben der Vermittlung von Wissen und Information vorrangig kritisieren und die Öffentlichkeit aufrütteln. Betrachtet man die nachfolgenden Geschehnisse der französischen und europäischen Geschichte, so wird deutlich, dass die Herausgeber der Encyclopédie ihr Ziel erreichten. Sie leisteten einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung im 18. Jahrhundert in Frankreich und ganz Europa.
2.4 Die Encyclopédie als Gemeinschaftsprojekt
Bei der Frage "Wer verwirklichte die Encyclopédie?" fallen in erster Linie die Namen Diderot und d'Alembert. Dabei wird jedoch vergessen, dass es sich bei der Drucklegung um eines der ersten Gemeinschaftsprojekte dieser Art in der Geschichte des französischen, wenn nicht sogar des europäischen Buchhandels handelte.
Die einzelnen Artikel wurden zwar selbstständig von den jeweiligen Autoren geschrieben, diese holten sich jedoch in Diskussionsrunden Rat bei ihren Kollegen ein. Da verschiedene Forschungsmeinungen und Ideologien der Fachleute aus den unterschiedlichsten Gebieten in den Texten verarbeitet wurden, mussten Unstimmigkeiten auftauchen. Allen voran bestand Diderots Aufgabe darin, am Ende ein harmonisches Gesamtpaket zu schnüren. Doch bei den riesigen Ausmaßen, welche die Encyclopédie, die erst nach 25 Jahren komplett fertiggestellt wurde, schließlich annahm, war es Diderot unmöglich, sämtliche Brüche und Ungereimtheiten in 17 Textbänden auszumerzen.2.5 Persönlichkeiten der Encyclopédie
Die Anteile der einzelnen Autoren im Rahmen der Encyclopédie sind sehr unterschiedlich. Zwar werden meist die berühmten Denker und Gelehrten der französischen Aufklärung, die im Titel als Société de Gens de Lettres zusammengefasst werden, an erster Stelle für ihre Beiträge gelobt. Deren persönlicher Beitrag zum Gesamtwerk ist jedoch oft vergleichsweise gering.
So wird beispielsweise Montesquieu der Artikel Goût zugeschrieben. Eine explizite Zusammenarbeit mit den Enzyklopädisten ist jedoch nicht nachgewiesen, zumal der Artikel erst nach seinem Tod 1755 erschien. Der siebte Band, der Texte von Foang- Gythium beinhaltet, erschien erst im November 1757. Voltaire behandelte vor allem literarische Themen und steuerte 43 Texte bei. Jean-Jacques Rousseau verfasste den Text Economie politique und befasste sich mit Musikthemen. Baron d'Holbach wurde mit den Schwerpunkten Politik und Religion betraut. Bis zu seiner Aufgabe 1758 setzte sich d'Alembert vorrangig mit mathematischen und physikalischen Fragen auseinander.Weniger Beachtung fanden diejenigen, die, wie Chevalier de Jaucourt, ebenfalls wichtige Beiträge zu den insgesamt 17 Textbänden lieferten. Jaucourt soll letztlich sogar mehr Artikel als Diderot und d'Alembert geschrieben haben. Nachdem große Teile der Redaktion vom Projekt zurückgetreten waren, arbeitete Jaucourt gemeinsam mit Diderot die letzten Bände fast allein aus. "(…) [W]ithout him the work would not have been completed". [8] Diderots Hauptanliegen seit 1760 lag in der Umsetzung der Bände mit Kupferstichen, in denen er sich besonderes mit den handwerklichen Künsten auseinandersetzen konnte.
Neben Jean-Jacques Rousseau, Voltaire, Montesquieu, Marmontel, d'Holbach, Quesnay, Melchior Grimm und Turgot, um nur einige zu nennen, sind insgesamt 139 Autoren namentlich bekannt. Darunter soll sich auch eine Frau befunden haben, die jedoch bisher noch nicht identifiziert werden konnte. Dabei versahen ungefähr 40 Verfasser ihre Texte innerhalb der Encyclopédie mit ihrem Kürzel: Zum Beispiel verwendete Diderot ein Sternchen als Kennzeichnung seiner Artikel. D'Holbachs Texte erkennt man an einem Bindestrich und d'Alemberts durch ein O. Jaucourt unterschrieb seine Artikel mit D.J. , während einigen Mitarbeitern andere Buchstaben aus dem Alphabet zugeordnet wurden. Die meisten Autoren setzten jedoch ihren vollständigen Namen unter ihre Texte.
2.6 Ausgewählte Kurzbiografien
[4] Kafker, F. A.: The Encyclopedists as a group. A collective biography of the authors of the Encyclopédie, Oxford 1996, 50.
[7] Berger, G. [Hrsg.]: Jean Le Rond d'Alembert, Denis Diderot u.a. Enzyklopädie. Eine Auswahl, Frankfurt am Main 1989, 24.
[8] Kafker, Frank A.: The Encyclopedists as individuals: a biographical dictionary of the authors of the Encyclopédie, Oxford 1988,177.
Empfohlene Zitierweise
Spindler, Ulrike: 2. Die Enzyklopädisten - Die Gruppe um Diderot und d'Alembert. Aus: Madame de Pompadour - Die Encyclopédie, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2924/
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Erstellt: 16.03.2006
Zuletzt geändert: 16.03.2006






