II. Encyclopédie

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II. Die Encyclopédie - von Ulrike Spindler

1. Die Encyclopédie von Diderot und d'Alembert 

1.1 Am Anfang steht die Idee 

Was als kleines Unternehmen begonnen hatte, sollte sich innerhalb von wenigen Jahren zu einem überragenden und im Arbeitsaufwand noch nie da gewesenen, dennoch wirtschaftlich lukrativen, Geschäft entwickeln. 


Abb. 1

Im Herbst 1745 beschloss der französische Verleger Andre-Francois Le Breton, gemeinsam mit dem Engländer John Mills als Geldgeber und dem Deutschen Sellius als Übersetzer, Ephraim Chambers zweibändige Cyclopaedia or an Universal Dictionary of Arts and Sciences in die französische Sprache zu übertragen. Geplant war neben der Übersetzung, gleichzeitig eine überarbeitete und erweiterte Version in vier Textbänden und einem Bildband. Ein königliches Druckprivileg , ohne das die Drucklegung verboten war, lag bereits vor. Das Projekt gewann jedoch erst mit den drei neuen Geschäftspartnern Briasson, David und Durand an Form. Nachdem die Zusammenarbeit mit Abbé de Gua de Malves als Herausgeber gescheitert war, wurde die Verantwortung schließlich 1748 Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert übertragen.

Bis zur Veröffentlichung des ersten Bandes im Jahr 1751 mussten die Redakteure jedoch einige Hürden nehmen: Nachdem 1749 Diderots subversive Lettre sur les aveugles erschienen war, wurde jener für mehrere Monate im Gefängnis von Vincennes gefangen gehalten. Seine Verleger scheuten jedoch keine Mühen, und dank ihrer Bittschreiben kam Diderot schließlich im November des gleichen Jahres wieder auf freien Fuß.

1.2 Das Projekt und seine Eigendynamik 

Die Akteure der Encyclopédie hatten durch die Inhaftierung des hauptverantwortlichen Redakteurs Diderot wertvolle Zeit verloren. Doch das große Engagement Diderots machte es möglich, dass bereits wenige Monate nach seiner Freilassung im November 1749 die Encyclopédie angekündigt werden konnte. Laut Prospectus, der in achttausendfacher Ausführung erschienen war, sollten ab Juni 1751 zehn Bände der Encyclopédie im Folioformat inklusive zweier Tafelbände herausgegeben werden. Der Subskriptionspreis, der ein Vorkaufsrecht umfasste, wurde auf 372 Livres festgelegt. Damit sollte die Drucklegung der Encyclopédie finanziert werden.


Abb. 2

Die Eigendynamik, die dieses Werk entwickelte, wurde bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich. Der Ausgangplan, Chambers Werk ausschließlich zu übersetzen, wurde 1746 verworfen und ausgeweitet. Das Ausmaß einer erweiterten selbstständigen Encyclopédie hatte sich bereits verfünffacht, bis am Ende insgesamt 35 Bände entstanden.

Aufgrund des großen Zuspruchs auf den Prospectus trieben die Verleger hohe Investitionsgelder auf. Die ersten Bände konnten so mit einer Auflage von 1625 Exemplaren veranschlagt werden. Band eins mit dem Titel Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, par une société des gens de lettres, zu deutsch: "Enzyklopädie oder systematisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe", verließ am 28. Juni 1751 die Druckerei.

Die Einleitung des ersten Bands, den Discours préliminaire, schrieb d'Alembert. Ausgehend von dem Prinzip, dass alles Wissen auf der Aufnahme von Sinneseindrücken beruhe, lieferte er darin eine Übersicht der philosophischen Geschichte menschlicher Erkenntnis. Als Ordnungsprinzip wählt er, leicht abgeändert, Bacons Baum des Wissens.

1.3 Komplikationen 


Abb. 3

Nachdem der erste Band der Encyclopédie die Erwartungen der Verleger weit übertraf, erhöhte man die Auflage auf 2050. Diese Zahl war für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, da die Abdrucke meist zwischen 500 bis 1000 Exemplaren lagen. So wird auch deutlich, wie wichtig die Encyclopédie für das 18. Jahrhundert in Frankreich war und welche Bedeutung ihr beigemessen werden musste.

Die hohe Nachfrage rief schnell Kritiker auf den Plan. Kritische Stimmen wurden in Form von Polemiken gegenüber den Mitarbeitern der Encyclopédie laut. Nicht zuletzt die Jesuiten versuchten das Projekt zu stoppen. Als dann die Dissertation des Enzyklopädisten und Freundes Diderots Abbé de Prades für das Lizenziat in Theologie an der Sorbonne wegen antichristlicher Thesen verurteilt wurde, stand die Encyclopédie das erste Mal kurz vor dem Aus. Nachdem die Arbeit de Prades auf Anordnung des Pariser Bischofs Christophe de Beaumont öffentlich verbrannt worden war, folgte für die ersten beiden Bände der Encyclopédie ebenfalls ein Verbot. Per Beschluss des Conseil du Roi wurde das Werk mit der Begründung verboten: "Sa Majesté a reconnu, que dans ces deux volumes on a affecté d'insérer plusieurs maximes tendantes à détruire l'autorité royale, à établir l'esprit d'indépendance et de révolte, et, sous des termes obscurs et équivoques, à élever les fondements de l'erreur, de la corruption des mœurs, de l'irréligion et de l'incrédulité." [1]


Abb. 4

Zu diesem Zeitpunkt leitete der liberale Malesherbes als Directeur de la librairie die Zensurbehörde in Frankreich. Er pflegte zudem engen Kontakt zu den Enzyklopädisten. Malesherbes konnte bei der Regierung durchsetzen, dass die ersten beiden Bände offiziell nicht verdammt wurden, damit den Herausgebern das Druckprivileg erhalten blieb. Von 1753 bis 1757 konnte so jährlich ein Band veröffentlicht werden, ohne dass der Kreis der Enzyklopädisten feindlichen Attacken ausgesetzt war. Die steigende Nachfrage erlaubte es sogar, die folgenden Bände in einer wiederum erhöhten Auflage von 4200 Exemplaren zu drucken. Die Encyclopédie fand sogar am Hof begeisterte Anhänger. So ließ sich 1755 die königliche Mätresse Madame de Pompadour von La Tour porträtieren. Dass die Kunst- und Literaturmäzenin las, ist daraus abzuleiten, dass ein Band des Nachschlagewerks im Bildhintergrund deutlich erkennbar ist. Die Verbindung zwischen Madame de Pompadour und den Enzyklopädisten kam auch durch ihren Leibarzt Francois de Quesnay zustande, der selbst Artikel für das Wissenskompendium schrieb.

Doch die Ruhe währte nicht ewig. Nach dem Attentat auf König Ludwig XV. durch Robert-Francois Damiens im Januar 1756 stieg die Angst der staatlichen und kirchlichen Autoritäten vor Königsmord und Atheismus. Daraufhin wurde auch die Zensur verschärft. Als im Herbst 1757 der siebte Band erschien, entdeckten Kritiker darin d'Alemberts Artikel Genève. Die Proteste kamen vor allem aus dem kalvinistischen Klerus in Genf. Nachdem die Anschuldigungen nicht enden wollten, untersagte das Pariser Parlament den weiteren Verkauf per Beschluss des königlichen Hofrats. Der Vorwurf, dass die " (…) Encyclopédie étant devenue un dictionnaire complet et un traité général de toutes les sciences, serait bien plus recherchée du public et bien plus souvent consultée, et que sorte les pernicieuses maximes dont les volumes déjà distribués sont remplis" [2], führte soweit, dass den Verlegern das königliche Druckprivileg von 1746 aberkannt wurde. Als das Werk schließlich auch auf den Index der katholischen Kirche gesetzt wurde, sahen sich diejenigen Mitarbeiter bestätigt, die sich kurz zuvor aus der Redaktion der Encyclopédie verabschiedet hatten. Zu ihnen zählten unter anderem d'Alembert und Rousseau. 

In dieser aussichtslosen Situation setzte sich Malesherbes ein weiteres Mal für die Enzyklopädisten ein. Er ließ Diderot vorab wissen, dass die Manuskripte und Drucke der Encyclopédie beschlagnahmt werden sollten. Er bot ihm sogar an, die Unterlagen heimlich in seinem Haus zu verstecken. Außerdem erwirkte Malesherbes, dass die ausstehenden Subskriptionseinnahmen, die per Beschluss hätten zurückgezahlt werden müssen, für den Druck Tafelbände verwendet werden durften. 

1.4 Die Fertigstellung der Encyclopédie 

Nachdem die Verleger um Le Breton ein neues privilege générale für die Tafelbände unter dem Titel Recueil de planches sur les sciences, les arts libéraux et méchaniques, avec leurs explication erhalten hatten, gestattete Malesherbes, die ausstehenden Textbände heimlich fertig zu stellen. Jedoch mussten die Bände gemeinsam und mit einem, wenn auch falschen, ausländischen Druckort veröffentlicht werden. So wurden die letzten 10 Bände angeblich in Neuchâtel in der Schweiz gedruckt, während sie tatsächlich in Paris und den französischen Provinzen gefertigt wurden. In den Tafelbänden stellte Diderot die handwerklichen Künste, ein Bereich, der ihm aufgrund seiner Herkunft besonders am Herzen lag, dar. 


Abb. 5

Dank der stillschweigenden Genehmigung durch den Zensuraufseher Malesherbes, einer sogenannten Permission tacite, konnte sich die Redaktion, die im wesentlichen nur noch aus Diderot und dem Chevalier Louis de Jaucourt bestand, ab 1760 wieder an die Arbeit machen.

Doch wer braucht Feinde von außen, wenn sie in den eigenen Reihen anzutreffen sind? Nachdem die Encyclopédie in ihrem letzten Kapitel fertiggestellt worden war, stellte Diderot fest, dass der eigene Verleger Texte ohne Absprache modifiziert hatte. Aus Angst vor weiteren Verboten von staatlicher und kirchlicher Seite, hatte Le Breton in den letzten 10 Bänden eigenhändig zahlreiche Artikel zensiert. Damit rief er den unerbitterlichen Zorn Diderots auf sich: "Vous avez massacré ou fait massacrer par une bête brute le travail de vingt honnêtes gens qui vous ont consacré leur temps, leurs talents et leur veilles gratuitement, par amour du bien et de la vérité, et sur le seul espoir de voir paraître leurs idées et d'en recueillir quelque considération qu'ils ont bien méritée, et dont votre injustice et votre ingratitude les aura privés."[3]


Abb. 6

Das größte Unternehmen des französischen Buchhandels im 18. Jahrhundert fand schließlich 1766 nach 25 Jahren akribischer Arbeit doch noch ein erfolgreiches Ende. Seit 1760 waren unter dem Titel Recueil de planches sur les sciences, les art libéraux, et les arts méchaniques, avec leurs explication. Paris, Briasson, David, Le Breton, Durand 1762-72, fast 3000 Kupferstiche, die anatomische, botanische, zoologische, kunstgeschichtliche Wissensbereiche abdeckten, veröffentlich worden. Diderot lag dabei besonders am Herzen, das Handwerk als eigene Kunst darzustellen. Die Textbände acht bis 17 wurden schließlich 1766 der Öffentlichkeit zugänglich. Erst sechs Jahre später erhielten die Subskribenten den letzten Tafelband.

Aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet war die Encyclopédie in ihrer Gesamtheit ein voller Erfolg: Die Einnahmen sicherten nicht nur Diderot ein stattliches Einkommen, dass er jedoch zum Teil in Büchern ausgezahlt bekam. Auch der Hauptverleger Le Breton konnte am Ende einen Reingewinn von 2,5 Millionen Livres verbuchen.

 

[1] http://www.lib.uchicago.edu/efts/ARTFL/projects/encyc/arret.1752.html / Lough, John: The Encyclopédie. New York (1971).  

[2] Darnton, R.: Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopédie. Oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?, Berlin 1993, 24.

[3] Kafker, F. A.: The Encyclopedists as a group. A collective biography of the authors of the Encyclopédie, Oxford 1996, 99.

 

Empfohlene Zitierweise

Spindler, Ulrike: 1. Die Encyclopédie von Diderot und d'Alembert. Aus: Madame de Pompadour - Die Encyclopédie, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2917/

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Erstellt: 16.03.2006

Zuletzt geändert: 16.03.2006