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III. Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour - von Giles Bennett
4. Der Tanz im Theater - das vorklassische Ballett [21]
4.1 Voraussetzungen
Unter Ludwig XIV. hatten im "ballet de cour" noch Hochadlige - bis zum König selbst - zusammen mit professionellen Tänzern auf der Bühne gestanden. Ballett war ein integraler, oft sogar der zentrale Faktor des Musiktheaters. Diese fundamentale Rolle sollte der Theatertanz im wesentlichen während des gesamten 18. Jahrhunderts behalten.
4.2 Entwicklung
Im Laufe des 18. Jahrhunderts professionalisierte sich der Bühnentanz zunehmend: Die Teilnahme von aristokratischen Amateuren nahm dementsprechend ab. Die Oper von Paris, aber auch andere (staatlich getragene) Häuser wie die Comédie Italienne, etablierten und institutionalisierten sich mehr und mehr. Auch in den französischen Provinzen und an den Fürstenhöfen in ganz Europa fanden professionelle Tänzer Engagements.
Frauen wurden als Tänzerinnen auf der Bühne zugelassen (im 17. Jahrhundert hatten noch Männer, darunter ganz selbstverständlich bei manchem Ballett auch der König Ludwig XIV. selbst, die Frauenrollen getanzt), erste "Primaballerinen" emanzipierten zunehmend ihren Tanzstil- sie führten Sprünge aus (und eroberten damit eine "Männerdomäne"); die Tänzerin Camargo kürzte ihr Kleid, damit man ihre F ußarbeit sehen konnte und löste damit einen Skandal aus.Die professionellen Tänzer gliederten sich in Genres (Fächer wie zum Beispiel auch im Gesang) auf, die nach der Körpergröße, aber auch nach den Rollentypen geordnet waren:
Sérieux: große Tänzer, sie stellten die Helden und Adligen dar.
Demi-caractère: mittelgroß gewachsene Tänzer, die etwa pastorale Rollen, also idealisierte, leicht komische Schäferszenen ("halbseriös") tanzten.
Grotesque: auch kleine Tänzer, die komische Rollen wie Pulcinella und Harlekin aus der "commedia dell' arte" tanzten. Zu ihrem Stil gehörten besonders charakteristische Sprünge, Drehungen und Grimassen.
Bezüge zum neueren Gesellschaftstanz gab es durch einen Kontratanz zum Abschluß einer Oper.
4.3 Ballettentwicklung im Zeichen des "ballet d'action"
Als Noverre 1760 seine "Lettres sur la danse, et sur les ballets" veröffentlichte, trat er für Handlungsballette ein. Er kritisierte den Stil der Pariser Oper als einfach "schöne", abstrakte Bewegungen auf der Bühne ohne dramatische Funktion. Entwickelt hatte er seine Thesen nicht zuletzt durch die vielen Anregungen, die er auf den für Tänzer in dieser Zeit typischen extensiven Engagements in ganz Europa gesammelt hatte. Sein Credo: Dramatische Motivation sollte Vorrang vor von ihm als abstrakt empfundener technischer Brillanz haben.
Noverre hatte bei diesen, durch ihn in ganz Europa verbreiteten Thesen Vorläufer und zeitgenössische Kollegen, die ähnliche Ansätze entwickelten: Um 1700 hatte der englische Tanzmeister John Weaver in Theorie und Praxis ganz ähnliche Ansätze umgesetzt. Aber auch Zeitgenossen vertraten ähnliche Positionen, wie etwa Cahusac [22], um einen Vertreter der Theorie, oder der Österreicher Franz Hilverding, dessen Schüler Gasparo Angiolini die Urheberschaft des ballet d'action für seinen Lehrer reklamierte, um zwei Vertreter der Praxis zu nennen.
Noverre schuf mit seinen "Lettres" ein Werk, das bis heute die Entwicklung des Balletts beeinflusst.
4.4 Madame de Pompadour und die Bühne
"Voyez que de jolis teniers naissent chaque jour sous la main légere de Dehesse."[23]
"Seht, welch angenehme Unterhaltungen jeden Tag durch die leichte Hand von Dehesse entstehen."
Als rege Besucherin der Comédie Italienne[24] holte Madame de Pompadour, als sie einen Choreographen suchte, Jean- Baptiste de Hesse[25] von dort, um die von ihr ausgerichteten Aufführungen im "Théâtre des Petits Appartements" in Versailles zu choreographieren. Auszüge aus altbekannten Werken, aber auch Neuschöpfungen aus verschiedenen Gattungen des französischen Musiktheaters des 18. Jahrhunderts kamen dabei zur Aufführung. Der Schwerpunkt lag klar auf leichter Unterhaltung, also dem komischen Genre.
Ein gutes Beispiel ist das comédie-ballet "Les Amours de Ragonde". Ragonde, die ein klassischer Archetypus für die hässliche Alte war, versucht den Verlobten ihrer Tochter unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu zu bringen, einen Hochzeitvertrag mit ihr selbst zu unterschreiben. Hochzeitsverträge waren nämlich im Frankreich des 18. Jahrhunderts auch dann bindend, wenn sie unter betrügerischen Umständen unterschrieben wurden.
Von den zehn "balletts- pantomime", die dem neuen Genre des "ballet d'action" schon recht nahe kamen, wurden in den "Petits Appartements" ünf Neuschöpfungen aufgeführt, die später in der Comedie Italienne wiederaufgenommen wurden; drei blieben dem privaten Kreis um den König vorbehalten; zwei waren Wiederaufnahmen von Stücken der Comédie Italienne.
Ein Werk verdient aber besondere Erwähnung: "Mignonette" wurde speziell für die "Petits Appartements" geschaffen. Dieses war ein dreiteiliges "ballet-pantomime", das am 10.2.1750 aufgeführt wurde. Die Musik war aus verschiedenen bekannten Werken zusammengestellt worden.
Die Handlung: Die Prinzessin Mignonette muss für immer von ihrem Prinzen Hochet getrennt bleiben, falls sie ihn eine Viertelstunde lang nicht sieht. Der böse Geist Nigrifer (gespielt vom Choreographen Dehesse selbst) entführt sie und versucht sie mit einem Tanzmeister (des genre noble, also des Gesellschaftstanzes: getanzt vom Marquis de Langeron) und einer Tanzmeisterin (des hohen, also theatralischen Tanzes: getanzt vom Marquis de Courtenvaux, in einer Travestierolle, was damals durchaus üblich war) abzulenken. Die beiden Liebenden finden sich aber (natürlich) dennoch und schaffen es, dem Geist seinen magischen Ring zu entwenden. Der Geist verschwindet und das Paar findet sich in einem verzauberten Garten wieder: Blumennymphen (darunter die Marquise de Pompadour selbst) umtanzen das Paar.
Die (einzige) Aufführung kostete 5000 Ecus [26].
Von 1747 bis 1753 tanzten verschiedene Hochadelige mit den führenden Tänzern ihrer Zeit vor einem ausgesuchten Publikum ersten Ranges. Dass Adelige auf der Bühne standen, war im 17. Jahrhundert noch die Regel gewesen. Nach dem "Théâtre des Petits Appartements" gehörte diese Praxis endgültig der Vergangenheit an.
Zu den in den "Petite Appartements" Auftretenden zählte auch ein Kinderballett, das aus den Kindern der führenden Tanzmeister von Paris zusammengestellt worden war. Viele dieser Schüler von Dehesse hatten später große Karrieren an der Oper, der Comédie Italienne oder auch am Hof in Stuttgart, wo Noverre das "ballet d'action" fortentwickelte. In diesem Punkt hat Dehesse und über ihn Madame de Pompadour einen bleibenden Einfluss auf die Ballettgeschichte Europas hinterlassen. Lange geriet der Name Dehesse allerdings in Vergessenheit, da er kein schriftliches Werk veröffentlichte hatte wie etwa Noverre.
[21] Für das ganze Kapitel relevant ist Winter, Marian Hanna: The Preromantic Ballet. London u.a. 1974.
[22] Cahusac, Louis de: La danse ancienne et moderne, ou Traité historique de la danse. A La Haye (i.e. Paris) 1754.
[23] Cahusac, 143
[24] Zu diesem Thema siehe Christout, Marie-François: Jean- Baptiste De Hesse, In: International encyclopedia of dance, Band 2, 365f.; ausführlicher Lecomte, Nathalie: Jean-Baptiste Francois Dehesse. Chorégraphe à la Comédie Italienne et au Theatre des Petits Appartements de Madame de Pompadour. In: “Recherches” sur la Musique française classique. XXIV 1986 (La vie musicale en France sous les rois Bourbons. Dufourq, Norbert und Benoit, Marcelle, Hg.), 143-191.
[25] Zu den verschiedenen Schreibweisen seines Namens siehe Lecomte, 150-2; insbesondere sollte er nicht mit dem Choreographen der Comédie Française, Deshayes, verwechselt werden.
[26] Lecomte, 184f.
Empfohlene Zitierweise
Bennett, Giles: 4. Der Tanz im Theater - das vorklassische Ballett. Aus: Madame de Pompadour - Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2757/
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Erstellt: 15.03.2006
Zuletzt geändert: 15.03.2006



