III. Tanz

III. Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour - von Giles Bennett

3. Gesellschaftstanz 

3.1 Ein Hofball am französischen Hof [3]

Der Hofball stellt die strengste Form dar, in der im absolutistischen Frankreich Gesellschaftstänze getanzt wurden. Daneben gab es aber auch freiere Formen wie den Maskenball, der den Charakter eines durch Tanzeinlagen - auch theatralischer Art - aufgeheiterten Festes hatte. Auf einem solchen Maskenball sollen sich ja auch die spätere Madame de Pompadour und Ludwig XV. kennengelernt haben. Der Hofball stellte dagegen das strengstmögliche Modell dar, von dem die Etikette und der Ablauf jeder, auch freier gestalteten, Tanzveranstaltung abgeleitet war. 

Noch am Hofe Ludwig XIV. hatte man den Ball mit der "Branle", einem erstmals im 16. Jahrhundert erwähnten Kreistanz, begonnen. Der König selbst führte den offenen Kreis an, am Ende der Tanzstrophe begab er sich dann mit seiner Partnerin (der Königin oder der ranghöchsten Prinzessin) an das Ende der Reihe. So führte jedes Paar den Tanz eine Tanzstrophe lang an, bis am Schluss wieder der König in der Führungsposition war. In der Zeit von Ludwig XV. wurde die "Branle" aber kaum mehr getanzt, man ging stattdessen gleich zum Menuett über. 


Abb. 1

Auf die Branle folgte die Courante, die noch unter Ludwig XIV. vom Menuett [link zu Menuett] abgelöst wurde. Der König tanzte mit der Königin, diese danach mit dem rangnächsten Herrn, dieser darauf mit der nächstranghohen Dame und so fort. Eine Abbildung in P. Rameaus "Maître a danser" zeigt ein Paar vor dem König und den Zuschauern bei der Reverenz, und das gleiche Paar kurze Zeit später weiter hinten an der Stelle, von der aus sie zu tanzen beginnen. Wurde dem König, der stets die Hauptrichtung des Tanzes vorgab (die "presence"), das Menuett zu gleichförmig, verlangte er einen anderen Tanz, etwa eine "danse à deux". Abschließend folgten zum allgemeinen Amusement die Contredanses , erneut in streng hierarchischer Aufstellung.

Als nächstes beschreibt Rameau das Verhalten auf Bällen, die nicht am Hof stattfanden. Hier wurde normalerweise ein Ballkönig und eine Ballkönigin gewählt, so dass man ansonsten in fast gleicher Weise verfahren konnte wie auf einem Hofball. Die Nachahmung des Hofes ging also bis in diese Details. Allerdings bestand meistens die Möglichkeit, den Tanzpartner zu wählen, sobald man mit dem Auffordern an die Reihe kam. Komplexe Höflichkeitsformen wurden durch die Tanzmeister an ihre Schüler vermittelt: Wie man die Bitte um einen Tanz höflich ablehnen konnte, wie man aufzufordern hatte, wie man auf eine Aufforderung zu antworten hatte…. Diese Regeln zu kennen und zu befolgen war die Grundvoraussetzung, um sich in gehobenen Kreisen bewegen zu können. 

3.2 Die "danses à deux"

Bei den "danses à deux" handelte es sich um choreographierte, charakteristische Tänze: Jeder hatte einen speziellen Namen, eine einzigartige Schrittfolge, einen einzigartigen Raumweg. Titel wie "Bouree d'Achille", "Pompadour", "Gavotte du Roy", "Gigue de Roland", "L' Aimable Vainqueur", "Rigaudon d'Angleterre", "La Bourgogne" und dergleichen mehr bestimmten dasBild.

Solche "danses à deux" forderten von den Tänzern das übliche Schrittrepertoire des Barocktanzes (lediglich einige besonders schwere Tanzschritte, vor allem bestimmte Sprünge, blieben dem Theater vorbehalten); darüber hinaus begleiteten nach einem komplexen System geregelte Bewegungen beider Arme jeden der an sich schon anspruchsvollen Tanzschritte. Das Erinnerungsvermögen der Tänzer wurde ebenso auf die Probe gestellt wie ihr tänzerisches Können und ihre Ausdauer. Und nicht zu vergessen, dass die Tänzer dabei auch noch gut auszusehen hatten…! 


Abb. 2

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden diese Tänze, die zu den anspruchsvollsten in der Geschichte des europäischen Gesellschaftstanzes zählen, allerdings immer seltener. Nach 1720 werden kaum neue Choreographien publiziert. Auch auf den Bällen wurden sie immer seltener getanzt. [4]

Die Ballette, welche die Hochadeligen am Hofe zur Zeit von Madame Pompadour auffühetanzt, deuten darauf hin, dass man aber durchaus fähig war, solche Choreographien zu tanzen. Ob man sie dagegen häufig getanzt hat, ist nicht belegt. 

Im Laufe des 18. Jahrhunderts verlor man dann das Interesse an diesen als zunehmend steif und altväterlich empfundenen Tanzformen. Wie so oft in der Tanzgeschichte alterten die "Lieblinge" der letzten Generation. Man hatte nun neue Favoriten. 

3.3 Das Menuett [5]

Kein anderer Tanz hat das 18. Jahrhundert mehr geprägt als das Menuett. Seine Anfänge liegen im Frankreich Ludwigs XIV., an dessen Hof es zu dem Repräsentationstanz schlechthin wurde. Es blieb bis nach 1800 Mittelpunkt des Tanzunterrichtes. 

Wie kann man sich nun aus der heutigen Perspektive das Menuett vorstellen? Wenn man das Menuett als einen Paartanz charakterisiert, so ruft dies wohl für den heutigen Leser unwillkürlich die Vorstellung eines Walzerpaares hervor. Hingegen ist das Menuett ein offener Paartanz, wie sie vom 15. Jahrhundert bis etwa 1800 die Regel waren. So berühren sich die Partner über lange Strecken gar nicht, manchmal (nur) mit einer Hand; der Höhepunkt an Intimität und Berührung war die Fassung mit beiden Händen - eine Hand auf der Schulter der Dame oder an ihrer Taille wären zu dieser Zeit undenkbar gewesen. 

Tänzerisch wird das Menuett im 6/4 Takt gezählt, musikalisch meist in zwei zusammengehörenden 3/4 Takten notiert. Durch den kleinen Unterschied in der Betonungshierarchie in Musik und Bewegung ergibt sich die manchmal hypnotische Faszination dieses Tanzes, wenn musikalischer und tänzerischer Akzent auf der "4" , das ist der vierte Schlag des Taktes, voneinander abweichen. 

Der Grundschritt des Menuetts verteilt 4 Schritte auf 6 Zeiten; je nach Geschmack des Tänzers oder der gegenwärtigen Mode wurden verschiedene Fassungen eingesetzt. Die meisten Menuettschritte hatten zwei "mouvements", d. h. zwei der vier Schritte wurden durch ein Beugen der Beine mit anschließenden Strecken auf der (halben) [6] Spitze des Fusses durchgeführt.

Ein häufiger Menuettschritt wurde so ausgeführt: Das erste "mouvement" (beugen-strecken) fand auf den Zählzeiten 6 und 1 statt. Das zweite "mouvement" auf den Zählzeiten 2 und 3. Zwei weitere Schritte mit gestreckten Beinen auf der (halben) Spitze auf den Zählzeiten 4 und 5 vervollständigten die Schritteinheit. Auf der Zählzeit 6 begann schon der nächste Menuettschritt mit einem Beugen beider Beine. 

Die kleinen Schritte, das ständige, gleitende auf und ab der Tänzer im Takt macht den Charakter des Menuettschritts aus. 

Neben verschiedenen Grundschritten gab es viele Verzierungen, auch konnten Modeschritte an verschiedenen Stellen der (ansonsten im Raum strikt festgelegten) Choreographie eingefügt werden. Hauptfigur war im 18. Jahrhundert ein "Z", von dessen Ecken sich die Tänzer seitwärts bewegten, sich auf der Diagonale trafen, um schließlich auf der gegenüberliegenden Ecke einzutreffen. Diese Hauptfigur wurde im Laufe des Tanzes mehrfach wiederholt. Der Ablauf des "Menuet ordinaire" verlief eigentlich nach einem festen Schema; wann man von einer Figur in die nächste überging war aber nie ganz festgelegt, so dass etwa jeder Herr entscheiden konnte, noch ein "Z" zu tanzen, bevor die nächste Figur begann. 

Das Menuett verkörperte perfekt das Spiel höfischer Liebe mit dem ständigen, sanft erotisierenden Wechsel von Nähe und Ferne. 

3.4 Der Ablauf des Menuetts nach Rameau 

Hier folgt eine (etwas gekürzte) Übertragung des Kapitels in P. Rameaus Buch "Maître a danser" über das Menuett [7]:


Abb. 3

"Das Menuett ist der modischste Tanz geworden, nicht nur wegen der Leichtigkeit, es zu tanzen, sondern wegen der leichten Figur, die gegenwärtig verwendet wird, und für die wir Monsieur Pecour Dank schulden, der sie so sehr verbessert hat, indem er die Form S, welches die Hauptfigur war, in ein Z verändert hat, worin die begrenzte Zahl der Schritte die Tänzer in einer Regelmäßigkeit halten,….


Abb. 4

Nach der zweiten Reverenz macht man einen Menuettschritt auf den Platz, auf dem man zuerst (vor den Reverenzen) war, … wie man in (1) sieht; dies bringt einen erneut zur Dame, der man die Hand anbietet, wie man in (2) sieht; beide machen zwei Menuettschritte vorwärts; die Hand des Herren ist zuunterst, um die Hand der Dame zu stützen, wie in der Figur (1).


Abb. 5

Danach machen beide zwei Menuettschritte vorwärts, wie in der Figur. In der dritten Figur sieht man, dass der Herr einen Menuettschritt rückwärts macht, um die Dame an ihm vorbeigehen zu lassen; dann macht er einen Menuettschritt seitwärts, an dessen Ende er ihre Hand loslässt und einen Menuettschritt vorwärts macht; die Dame macht auch einen nach unten, wie in der Figur zu sehen ist (sie zeigt die Richtung und die Schritte an). Danach machen beide einen Seitschritt nach rechts hinten, ... während dieses Schrittes ... wenden sich die Partner leicht zueinander, und so soll es während des ganzen Menuetts ohne Affektiertheit bleiben.


Abb. 6

Um die Figur, wie sie auf der Illustration zu sehen ist, zu tanzen, müssen beide zwei Schritte nach links machen ...zwei Schritte vorwärts...(und einen Schritt nach rechts, Anmerkung des Übersetzers) und das ist die Hauptfigur des Menuetts. Wenn man diese Hauptfigur fünf- oder sechsmal getanzt hat, präsentiert man von der einen oder der anderen Ecke des Raumes, während man sich gegenseitig ansieht, die rechte Hand in Schrittrichtung.


Abb. 7

Aber um sich früher darauf einstellen zu können, erhebe man bereits am Ende des letzten Schrittes nach links die rechte Hand...(und reiche sie dann dem Partner, Anmerkung des Übersetzers); sich gegenseitig ansehend mache man eine ganze Drehung, wie auf der Figur gezeigt.

Nachdem man die rechte Hand losgelassen hat gehe man vorwärts, eine halbe Drehung tanzend, um die linke Hand zu präsentieren, wie oben mit der rechten Hand und wie in der Figur . 


Abb. 8

Und wenn man die linke Hand losgelassen hat, macht man einen Menuettschritt zur Seite und etwas zurück, wie hier beschrieben, welches einen wieder zur Hauptfigur zurückführt; diese tanzt man drei- oder viermal. Danach präsentiert man beide Hände...(auch hier reichen die Partner sich die Hände, Anmerkung des Übersetzers).
...nachdem man ein oder zwei Drehungen an beiden Händen getanzt hat, macht der Herr einen Menuettschritt rückwärts, um die Dame neben sich zu haben; er lässt die linke Hand aus um seinen Hut abzunehmen. ... Danach machen sie die Reverenzen wie vor dem Tanz.... "

3.5 Der Kontratanz

3.5.1 Ursprung 

Der Kontratanz stammt aus England [8], wo er seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert bezeugt ist. 1651 veröffentlichte der Verleger John Playford eine Sammlung von 104 "country dances" in seinem Buch "The English Dancing Master", das unter Playford und seinen Nachfolgern bis 1728 stolze 18 Neuauflagen erfuhr. Jede Neuauflage enthielt alte Tänze als "Klassiker" und fügte neue Tänze hinzu (zuletzt über 900 in zwei Bänden). Anfangs gab es noch drei Grundformen: Kreis, Quadrat und Gasse; es gab Tänze für 2, 4, 6, 8 oder beliebig viele Paare. Zunehmend dominierten aber Tänze in der Gasse für beliebig viele Paare; der Kontratanz war nach Frankreich gekommen.


Abb. 9

Am Freitag, 27. Oktober 1684 (der Hof weilte in Fontainbleau) schrieb der Marquis de Dangeau in sein Tagebuch:

"Am Abend… tanzt man zum ersten Mal die contredanses, welche ein englischer Tanzmeister, genannt Isaac, allen Damen beigebracht hat."[9]

Aus dem englischen "country dance" wurde verballhornt die französische "contredanse" (daher auch deutsch "Kontratanz"). Aus einem Amüsement für die Hocharistokratie [10] wurde später ein Vergnügen aller gehobenen Schichten, als Feuillet 1706 ein Contredanselehrbuch mit einer vereinfachten Tanznotation veröffentlichte. Gegen den Widerspruch vieler Tanzmeister erfreute sich die contredanse steigender Beliebtheit. [11] Zur wachsenden Popularität dürfte auch beigetragen haben, dass einige vergleichsweise einfache, hauptsächlich hüpfende Tanzschritte zur Anwendung kamen.


Abb. 10

Im 18. Jahrhundert gab es zwei Arten von Kontratänzen: Die Contredanse anglaise mit Gassenaufstellung und die Contredanse française im Quadrat.

3.5.2 Contredanse anglaise [12]

Kurz auch Anglaise genannt, war die Contredanse anglaise die Kontratanzform, die direkt aus England nach Frankreich importiert wurde. 

Ihre Kennzeichen sind erstens die Gassenaufstellung, bei der die Herren auf der von vorn aus gesehen linken, die Damen auf der rechten Seite stehen. Zweitens konnten beliebig viele Paare am Tanz teilnehmen. Drittens der sogenannte "Fortschritt": 

Die Contredanse anglaise spielt sich in jeder Tanzstrophe in einer jeweils neu gebildeten Untergruppe von 2 (seltener auch 3) Paaren ab. Gezählt vom Kopfende aus tanzt also Paar 1 mit Paar 2. Nach einer für den einzelnen Tanz charakteristischen Abfolge von Figuren (wie zum Beispiel "Paarkreis, Kette, Hecke…") befindet sich Paar 1 am Ende der Tanzstrophe auf dem ursprünglichen Platz von Paar 2, also einen Platz weiter zum Ende der Gasse hin. Die nächste Tanzstrophe tanzt es dann mit Paar 3. Am Ende dieser Strophe befindet es sich also auf dem Ausgangsplatz von Paar 3. In der dritten Tanzstrophe tanzt Paar 1 mit Paar 4, gleichzeitig beginnen Paar 2 mit Paar 3 ebenfalls zu tanzen und so weiter. Auf diese Weise werden immer mehr Paare ins Tanzgeschehen eingefädelt. Ein an den Enden angekommenes Paar setzt eine Tanzstrophe aus, um anschließend in Richtung des anderen Endes zurückzutanzen. 


Abb. 11

Der "Fortschritt" hat also mehrere besondere Eigenschaften: Die Paare bewegen sich innerhalb der Gasse hinauf und hinunter, die Gasse als Ganzes bewegt sich aber im Raum nicht (daher wird die Contredanse anglaise heute gern mit einem Fließband verglichen). Die Tänzer haben ferner in jeder Tanzstrophe ein neues Gegenüber, ein"Kontra-paar", so dass in einer Tanzgesellschaft am Ende einer Anglaise alle Tanzpaare mit allen anderen Tanzpaaren getanzt haben. Somit macht der Fortschritt den besonderen Reiz dieser Gattung aus.

Eine pikanter Nebeneffekt ergab sich durch die hierarchische Aufstellung der Paare: Im 17. und 18. Jahrhundert standen in der Gasse die Ranghöchsten ganz vorne, dann folgten die anderen Paare (absteigend bis zum rangniedrigsten) bis zum Ende der Gasse. Während des Tanzes kam aber das ranghöchste Paar (mitunter auch König und Königin) auf den letzten Platz, das rangniedrigste Paar auf den vordersten Platz. Man beendete den Tanz jedoch erst, wenn die Paare ihre Anfangspositionen wieder erreicht hatten, womit die Welt "wieder in Ordnung war". Der Reiz der "Verkehrten Welt" wird aber seinen Beitrag zur ungebrochenen Popularität dieser Tanzform bis ins 19. Jahrhundert beigetragen haben. 

Beispiel aus Feuillet 1706: Das erste Paar gibt sich gegenseitig die rechte, dann die linke Hand, und tauscht dann die Plätze. Anschliessend lassen sie beide Hände los. 

3.5.3 Contredanse française 

Die Herkunft dieser Tanzform ist weniger klar als bei der Contredanse anglaise. Andere Namen für die Contredanse française waren in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts Française, Quadrille oder Cottil(l)ion. Im England des 17. Jahrhunderts hatte es Tänze im "square", also im Quadrat, gegeben. Die französischen Tanzmeister Lorin (1680) und Feuillet (1706) schilderten aber unter dem Namen "Contredanse" nur Tänze in Gassenaufstellung. 

Der erste notierte Tanz, welcher der späteren Definition der Française im Großen und Ganzen entspricht, war der "Cottilion", den Feuillet im Jahresrecueil für das Jahr 1706 veröffentlichte. Feuillet bezeichnet den Tanz als "eine Art Branle" (ein aus dem 16. Jahrhundert stammender Tanz, dessen Fortentwicklung um 1700 zur Balleröffnung [link zu Ein Ball am Hof] getanzt wurde). Für 2 Paare choreographiert, hatte er bereits das Schema, das für die Contredanse française bestimmend werden sollte: 

Es wechseln sich verschiedene Tanzstrophen: 

1. Zweimal vor und zurück; 

2. Schulter an Schulter mit dem Partner, gleiche Figur mit der anderen Schulter 

3. Eine Hand reichen, mit dem Partner im Kreis hin und mit der anderen Hand zurück [13] dann;

4. Beide Hände dem Partner reichen und Kreis hin und zurück; 

5. Mühle aller vier Tänzer (alle strecken eine Hand zur Mitte, um ein "Mühlrad" zu bilden und tanzen im Kreis) hin und zurück; 

6. Großer Kreis hin und zurück 

sowie ein feststehender Refrain ("Begrüßung" aller Tänzer durch Herrn 1 und Dame 2, anschließend fassen sie sich an beiden Händen und tanzen einen Kreis; Herr 2 und Dame eins wiederholen dieses) ab. Dieser Wechsel von sich ändernder Tanzstrophe und feststehendem Refrain ist das Kennzeichen des späteren contredanse française. 

Nachdem Feuillets Nachfolger Dezais in den jährlichen Recueils (Heften mit Tänzen der Saison) 1715/16 und 1725 einige "Cottilions" für vier Paare veröffentlicht hatte, gab es bis etwa 1760 keine weiteren Tanzbeschreibungen von solchen Tänzen. 

Überhaupt entstanden zwischen 1725 und 1760 wenig neue Tanzbücher, lediglich bereits existierende Beschreibungen wurden neu aufgelegt (siehe Quellenproblem). 

Um 1760 erschienen Quellen [14], die eine neue, bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein bestimmende Art des Gesellschaftstanzes beschrieben: Stilprägend für spätere Nachahmer war De la Cuisse mit seinem "Répertoire des bals". In einer Einleitung wurden die Schritte erklärt (es handelte sich um die gleichen, verhältnismässig einfachen Barocktanzschritte, die schon für die Contredanse anglaise von Feuillet 1706 gelehrt wurden; sie hatten hauptsächlich hüpfenden Charakter) und die häufig in Contredanses françaises vorkommenden Figuren beschrieben. Anschließend wurden die neun Touren (auch Strophen, Entréefiguren, Entrées…) beschrieben, die in einer Contredanse française mit der Hauptfigur abwechselnd getanzt wurden:

 

1. le grand rond (sic!) (großer Kreis aller 8 Tänzer hin und zurück)
2. la main (Ein Kreis der Partner hin mit rechten Händen gefasst, linke Hände zurück)
3. les deux mains (Ein Kreis der Partner beide Hände gefasst, hin und zurück)
4. le moulinet des dames (Damenmühle, die vier Damen strecken einen Arm zur Mitte, Kreis hin und zurück)
5. le moulinet des cavaliers (desgleichen die Herren)
6. le rond des dames (die Damen fassen zu einem Kreis durch und tanzen hin und zurück)
7. le rond des cavaliers (desgleichen die Herren)
8. l'allemande (die Partner gehen in die sogenannte "Allemandenfassung", die Rückenkreuzfassung, und tanzen einen Kreis hin, Wechsel der Fassung zu den jeweils anderen Armen und Kreis zurück); die Allemandenfassung ist unten links auf einer Seite aus P. Rameaus Notationswerk "Abrégé de la nouvelle méthode", Paris 1725, zu sehen.
9. le grand rond (wie am Anfang, danach endet der ganze Tanz).
Nach jeder Strophe folgte die Hauptfigur (auch Refrain oder auch anders bezeichnet [15]). Sie blieb während des Tanzes gleich und machte in ihrer unverwechselbaren Zusammenstellung die Einzigartigkeit einer Choreographie aus. Sie besteht zum Beispiel aus häufigen Formen wie "Carré de Mahonny, Chaîne des dames, Chaine anglaise". Am Ende der Hauptfigur standen alle Paare auf ihrem Ursprungsplatz und tanzten die nächste Strophe.
Soweit die Struktur des einzelnen Tanzes. Nach der Einführung folgt bei de la Cuisse ein Tanz nach dem anderen, je auf einem Blatt (vier Buchseiten). Die Tänze sind durchnummeriert, und zwar nach Blatt, Heft und Buch. Die Tänze waren also entweder als ganzes Buch, oder auch als Heft mit einigen Tänzen, oder auch einzeln für 4 sous das Blatt zu erstehen.

Ein Blatt hatte folgenden, immer gleichen Aufbau:
1. Titelseite (mit Nummern, Choreographen, Herausgeber, eventuell Widmung, Preis)
2. Textbeschreibung der Hauptfigur [16]
3. Ablauf der Hauptfigur in vereinfachter Tanznotation mit Angabe der Dauer in Takten
4. Musik (meist Melodie und Bass) [17]
Ein solcher Tanz konnte gut zehn Minuten dauern. Neue Choreographien kamen ständig auf den Markt. Die Contredanse erreichte nun alle Schichten in ganz Westeuropa. [18] Die "Hits der Saison" waren oft inspiriert durch Bühnenwerke, die gern mit einer theatralischen Contredanse endeten. Diese Tänze wurden dann für die Amateure im Ballsaal vereinfacht.

Eine Modewelle waren die Contredanses allemandes, die von süddeutschen (im siebenjährigen Krieg von den französischen Soldaten gesehenen und nach Paris gebrachten) Wicklerfiguren inspirierte Armschlingungen enthielten. [19]


Abb. 12

Der Reiz des contredanse française war die Verbindung von gleichbleibendem Ablauf (Strophe- Hauptfigur - Strophe-Hauptfigur-…) mit originellen charakteristischen Hauptfiguren. Das Konzept von de la Cuisse, sowohl verkaufstechnisch, vom Aufbau her und auch graphisch, machte schnell Schule, so dass 2000- 3000 solcher Choreographien von verschiedenen Herausgebern von 1762 bis in die Napoleonische Zeit überliefert sind [20]. Die Tänze änderten zum Beispiel in der Französischen Revolution lediglich die Nomenklatur (von "cavallier" zu "citoyen" ("Bürger") und "dames" zu "citoyenne" ("Bürgerin"). Titel wie "La Gilloutine" und so weiter). Erst um 1800 kam es zu Entwicklungen, die zur Quadrille des 19. Jahrhunderts mit wenigen festen Figuren ohne Strophen führten; sie wurde in der Linie und nicht mehr im Carré getanzt. Ein Beispiel für ein Relikt der Quadrille ist die sogenannte "Münchner Française", die sich auch heute in Süddeutschland großer Beliebtheit erfreut.

 

[3] Rameau, maître, 149-159.

[4] In der Provinz hielten sich solche Tänze aber erheblich länger. Guilcher, 88, berichtet von einem Dokument, das einen Ball in Auxerre 1755 schildert. Die Tanzfolge: menuet, passepied, Bretagne, Ancienne Allemande, Matelote, Sabotiere, Aimable Vainqueur.

[5] Erst seit dem 20. Jahrhundert das, vorher die oder auch der Menuett.

[6] Auf der ganzen Spitze, also der Zehenspitze, wurde erst im Bühnentanz des 19. Jahrhunderts getanzt. Daher besteht in den Quellen des 18. Jahrhunderts nicht die Notwendigkeit, zwischen halber und ganzer Spitze zu differenzieren. Aus heutiger Sicht ist es dagegen sinnvoll, die halbe Spitze zu klarifizieren.

[7] Aufgrund der sprachlichen Fähigkeiten des Verfassers erfolgt die Übertragung aus der zeitgenössischen Übersetzung ins Englische durch John Essex. Die Graphiken sind im folgendem aber aus dem französischen Original. Die bei einer Rekonstruktion relevanten Probleme behandelt Saftien, 348-350.

[8] Viele der Figuren gab es aber schon im 15. Jahrhundert in Italien; im späten 16. Jahrhundert gibt es unter den “balletti” der italienischen Tanztraktate Kontratänze, die selbstverständlich nicht diesen Namen tragen.

[9] Zitiert nach: Guilcher, 16. Übersetzung G. Bennett.

[10] Diese sind durch zwei Kontratanzmanuskripte des französischen Tanzmeister Lorin 1685 und 1688 mit einer eigenen Tanznotation überliefert.

[11] Beispielsweise Rameau, Maître à danser, 107-109. Interessanterweise lobt Rameau hier die (Kontra)tänze, die er auf einem Aufenthalt in Deutschland gesehen hat, für ihre Abwechslung und Ordnung. Genau diese Eigenschaften vermisst er im französischen Kontratanz.

[12] Für diesen ganzen Abschnitt siehe auch Saftien, Kapitel VI.

[13] Die drei klassischen Strophen des englische Country dance.

[14] Zu den Vorläufern von de la Cuisse im Detail siehe Guilcher, 97-117.

[15] Verwirrenderweise werden die in einer festgelegten Reihenfolge durchlaufenden Strophen manchmal auch als Refrain bezeichnet, da sie in allen Quadrillen gleich bleiben. Logischer ist die Bezeichnung “Refrain” freilich für die Hauptfigur, die das Charakteristikum eines bestimmten betitelten Tanzes ist und unverändert auf jede Strophe folgt.

[16] Die erste Strophe “le grand rond” steht meist am Anfang, die zweite Strophe “la main” am Ende einer solchen Beschreibung. Sie gehören aber nicht zur charakteristischen Hauptfigur, sondern bilden gewissermassen ihren Rahmen als die ersten zwei Entréefiguren.

[17] Die ersten Blätter hatten noch einen etwas anderen Aufbau. Der hier geschilderte ist aber der zeitweise das Muster prägende, das auch andere Herausgeber übernahmen.

[18] Viele der heutigen Volkstänze in Frankreich und Norddeutschland sind Adaptionen von Modetänzen um 1800. Siehe Busch-Hofer, Roswitha: Vierpaartänze- Niederdeutsches oder gesamteuropäisches Kulturgut? In: Deutscher Bundesverband Tanz (Hg.), Tanzhistorische Studien 1: Kontratänze. Berlin 19872, 13-28.

[19] Siehe Vorwort de la Cuisse in Volume III. Verwandt mit dem dort erwähnten Paartanz “Allemande” ist in Deutschland der Deutsche Tanz, ein Walzervorfahre.

[20] Siehe beispielsweise die im Quellenverzeichnis angegebenen Bände von Landrin und den kompilierten Band (Contredanses), der Blätter verschiedenster Herausgeber enthält

 

Empfohlene Zitierweise

Bennett, Giles: 3. Gesellschaftstanz. Aus: Madame de Pompadour - Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2744/

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Erstellt: 15.03.2006

Zuletzt geändert: 15.03.2006