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III. Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour - von Giles Bennett
2. Überblick
Da Frankreich während des Ancien Régime im Bereich Tanz (wie in vielen anderen Bereichen) der "Trendsetter" war, lohnt es sich, die Situation des Tanzes im Frankreich zur Zeit von Madame de Pompadour etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
2.1 Voraussetzungen
Am Hof von Ludwig XIV. hatte sich im ausgehenden 17. Jahrhundert ein Tanzstil herausgebildet, den man heute als Barocktanz bezeichnet. Gefördert durch das besondere Interesse des Königs am Bühnentanz, an dem er und sein Hofstaat aktiv teilnahmen, bildete sich eine Tanzkultur heraus, in der Gesellschafts- und Theatertanz auf ähnlich hohem Niveau mit den gleichen Schritten getanzt wurden. Der König erhielt täglich eine Stunde Tanzunterricht, ähnlich hoch war das tänzerische Niveau der anderen Mitglieder des Hofes. Die gleichen Personen also standen und tanzten auf der Bühne wie im Ballsaal.
2.2 Entwicklung im 18. Jahrhundert
Der Tanzmeister Raoul Anger Feuillet publizierte im Jahr 1700 sein Buch "Chorégraphie ou L'art de décrire la dance", in dem er eine Tanznotation beschrieb. Laut Aussage der Zeitgenossen war aber nicht er der Erfinder, sondern der Tanzmeister des Königs, Pierre Beauchamps. Dieser hatte es aber versäumt, sich seine Erfindung durch ein königliches Privileg schützen zu lassen. Feuillet hatte ein solches Privileg erhalten und konnte so den kommerziellen Erfolg ernten - Beauchamps hatte sogar in einem von ihm gegen Feuillet geführten Prozess das Nachsehen. [1]
Ein Beispiel für die "Beauchamps-Feuillet Notation": Das Symbol für den Tänzer steht unten links, neben ihm das Symbol für die Dame. Das Paar bewegt sich streng symmetrisch, die Haupttanzrichtung ist nach oben, in Richtung présence (verortet beim Notensystem); Hauptbezugspunkt im Raum ist also nicht der Partner, sondern die présence (zum Beispiel der König). Die langen Bahnen zeigen den Raumweg, die kleinen horizontalen Striche teilen diesen in Takte entsprechend der oben notierten Melodie ein;zwischen den kleinen Strichen sind die Schritteinheiten notiert. [2]Feuillets Buch steht am Beginn einer gewaltigen Publikationswelle. Er selbst und sein Nachfolger Dezais gaben bis in die 1720er Jahre jährliche "Recueils" heraus, Hefte, welche die jeweils aktuellen Tänze der Saison enthielten. In allen Ländern Westeuropas erfolgten Übersetzungen von Feuillets "Chorégraphie". So genial diese Tanznotation konzipiert war, so beschrieb sie doch nicht exakt die Ausführung der Bewegungen. In Frankreich füllte diese Lücke Pierre Rameau (der mit dem Komponisten Jean- Philippe weder verwandt noch verschwägert ist), ein Tanzmeister, der 1725 ein Buch mit dem Titel "Le Maître à danser" herausbrachte. Das Werk wurde 1734 und 1748 erneut aufgelegt. Die in diesem Buch beschriebenen Prinzipien sollten bis weit über die Jahrhundertmitte die Grundlage für den Tanzunterricht bilden.
Der Tanzunterricht hatte im 18. Jahrhundert nicht nur dafür zu sorgen, dass die Schüler beispielsweise ein Menuett tanzen konnten. Er sollte auch Etikette, Auftreten und eine geeignete Körpersprache vermitteln. So beschreibt Rameau in seinem Buch vor den eigentlichen Tanzschritten beispielsweise das Stehen und Gehen im Alltag. Im teilweise jahrelangen Tanzunterricht, den die höheren Schichten, Adel und gehobenes Bürgertum (also auch die spätere Madame de Pompadour) genossen, wurde so ein besonderes Lebens- und Körpergefühl vermittelt.
Das Schönheitsideal des Barock wird heute gern als steif und gekünstelt abgetan. Wenn man allerdings versucht, sich ohne einen ahistorischen Natürlichkeitsbegriff der Materie anzunähern, ergibt sich ein differenzierteres Bild:Der Tanzschüler sollte lernen, gerade zu stehen. Die Arme sollten locker, weder steif gestreckt noch angewinkelt, an den Seiten hängen. Natürliche Indispositionen, etwa ein etwas zu langes Bein oder Haltungsprobleme, sollte der Tanzunterricht ausgleichen helfen.
Während des 18. Jahrhunderts entwickelten sich Gesellschafts- und Theatertanz zunehmend auseinander. Um 1700 hatte noch eine gemeinsame Grundlage in der Form von etwa 20 in fast unendlicher Variationsbreite zu modifizierender Grundschritte bestanden. Im Ballsaal und auf der Bühne war das kinästhetische Ideal gleich, auf der Bühne waren lediglich schwerere Schritte üblich. Die Amateure zogen sich aber mit der Zeit immer mehr von der Bühne zurück. Aus der zunehmenden Professionalisierung der Bühnentänzer und dem abfallenden Niveau im Gesellschaftstanz ergaben sich getrennte Entwicklungen.
2.3 Quellenproblem
Aus der Zeit von 1725 bis 1760 sind uns keine neuen Tanzbeschreibungen in Frankreich bekannt. Es wird lediglich altes, bereits publiziertes Material neu aufgelegt. Ein Grund dafür könnten die Kriege gewesen sein, die Europa in diesem Zeitraum überzogen. Wie auch immer, aus diesem Befund ergibt sich ein Problem, wenn man Aussagen über diesen Zeitraum treffen will. Viele Fragen lassen sich aber durch literarische, ikonographische und musikalische Quellen klären. Neuauflagen von bereits bestehenden Tanzbeschreibungen zeigen, dass vieles über diese Jahre hinweg im Großen und Ganzen gleich blieb. Es gibt aber Phänomene (wie der contredanse française), über deren Entstehung wir aufgrund dieser schlechten Quellenlage vergleichsweise wenig Klarheit besitzen. Bei jedem Thema muss man diesen Quellenvorbehalt im Hinterkopf behalten, um nicht zu vorschnellen Ergebnissen zu kommen. Man darf zwar aus den reichen Tanzquellen zwischen 1700 und 1725 beziehungsweise ab 1760 schöpfen, darf es aber nicht ohne Vorsicht tun, da sonst die Gefahr besteht, zu einem verfälschten Bild der Zeit zu gelangen.
[1] Zur Frage der Autorenschaft siehe Saftien, 272-274.
[2] Eine umfassende moderne Einführung in die Beauchamps-Feuillet Notation bietet Hilton, Wendy: Dance of Court and Theater. The French Noble Style 1690-1725. London 19811.
Empfohlene Zitierweise
Bennett, Giles: 2. Überblick. Aus: Madame de Pompadour - Tanz zur Zeit von Madame de Pompadour, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2782/
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Erstellt: 16.03.2006
Zuletzt geändert: 16.03.2006





