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II. Pompadour in den Künsten - von Inga Reinert
10. Die morgendliche Toilette
Das Porträt Madame de Pompadours bei ihrer Toilette von François Boucher aus dem Jahr 1758 ist in seiner Deutung äußerst vielschichtig. Deswegen soll im Rahmen dieses Angebots der Schwerpunkt auf einer Interpretation ausgehend von der biographischen Situation der Marquise liegen. Weitere Ansätze, welche die Tradition dieses Bildtypus' untersuchen oder eine mehr bildimmanente Analyse verfolgen, wären zu komplex.
Boucher malte Madame de Pompadour beim damals am Hof üblichen Ritual des Schminkens. Sie sitzt an ihrem Toilettentisch, auf dem sich ein Spiegel befindet. Schminkutensilien sind die geöffnete goldene Puderdose mit Puderquaste auf dem Tisch und das Rougedöschen, aus dem sie gerade mit einem Pinsel Rouge auf ihre Wangen aufträgt.Die Marquise wird in einem mit Spitze und roten Schleifen versehenen, silbrig schimmernden Morgenrock und einem Frisierumhang gezeigt. An ihrem Handgelenk trägt sie ein Armband mit einer Gemme, auf der Ludwig XV. abgebildet ist. Auf diese Weise wird ihre Verbundenheit zum König demonstriert.
Der zeremonielle Empfang am Toilettentisch
Die dargestellte Szene am Toilettentisch hatte in der damaligen Zeit eine viel größere Bedeutung, als der heutige Betrachter ihr beimisst. Fast jeder hat schon von dem öffentlichen Aufstehen (Lever) Ludwigs XIV. gehört, währenddessen sein halber Hofstaat anwesend war und er seine Geschäfte vom Bett aus tätigte. Was liegt da im Falle einer einflussreichen Dame am Hof näher, als es ihm auf ihre Weise gleich zu tun? So empfing die Marquise ihre Gäste am Toilettentisch und regelte ihre täglichen Angelegenheiten von hier aus.[32]
Mit dieser Praxis ging vermutlich ein Spiel der Marquise mit ihrer Schönheit einher. In dem Porträt ist sie als ideale Mätresse auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit dargestellt. Es steht so in der Tradition von Bildnissen, in denen königliche Mätressen beim Schminken gezeigt werden.[33] Das Gemälde entstand jedoch erst 1758, also zu einem Zeitpunkt, als Madame de Pompadour bereits von ihrer Krankheit gezeichnet gewesen sein muss. Noch einmal lebt das Idealbild ihrer jugendlichen Schönheit auf. Das späte Datum des Bildes lässt jedoch weitere Unklarheiten in Bezug auf die aktuellen Ereignisse am Versailler Hof entstehen.
Der formelle Verzicht auf Rouge
Aus Schilderungen von Zeitgenossen haben wir Informationen über außergewöhnliche Veränderungen im Verhalten der Marquise kurz nach ihrer Ernennung zur Hofdame der Königin 1756. Es wird berichtet, dass sie sich in die Obhut eines Beichtvaters begeben habe und ihre Gäste nun nicht mehr am Toilettentisch, sondern am Stickrahmen empfange. Außerdem verwende die Marquise kein Rouge mehr.[34]
Madame de Pompadour lebte in einer Umgebung, in der die Position einer Person nur am Verhalten im Zeremoniell erkannt werden konnte.[35] Aufgrund dessen ist es verständlich, dass jede - uns heute noch so banal vorkommende - Veränderung von den anderen Höflingen sofort als möglicher Wandel im Machtverhältnis bemerkt wurde.
Die genannten Verhaltensänderungen sind nun - im Gegensatz zu manchen Inszenierungen in ihren Bildnissen - auch reale strategische Maßnahmen der Marquise, um ihre angefochtene Stellung zu verteidigen. In diesem Fall reagierte sie insbesondere auf Kritik seitens frommer Kreise und versuchte, ihrer Person durch ein frommes Verhalten alles Anstößige und Unsittliche zu nehmen.
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte kann Bouchers Porträt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie das Schminken offiziell ja schon aufgegeben. Im Privaten, so erfährt man von Augenzeugen, verwendete sie Schminke jedoch weiter, deshalb war das Bildnis sicher für private Räumlichkeiten bestimmt. Man weiß nicht, wer den Auftrag für diese Bildnis erteilt hat, und wo es hing. Öffentlich ausgestellt wurde es jedenfalls nicht. Demzufolge mag man der Deutung von Sabine Caroline Seufert folgen, die meint, dass es sich bei diesem Porträt um einen bildlichen Protest der Madame de Pompadour gegen die moralischen Zwänge am Hof gehandelt habe.[36]
[32] Vgl.: Elise Goodman-Soellner: Boucher´s Madame de Pompadour at her toilette, in: Simiolus, vol. 17 (1987), 41-58, 49.
[33] Vgl.: Elise Goodman-Soellner: Boucher´s Madame de Pompadour at her toilette, in: Simiolus, vol. 17 (1987), 41-58, 42.
[34] Vgl.: Sabine Caroline Seufert: Porträts der Madame de Pompadour, München 1998, 45-47.
[35] Vgl.: Norbert Elias: Die höfische Gesellschaft, Frankfurt am Main 9 1999, 130.
[36] Vgl.: Sabine Caroline Seufert: Porträts der Madame de Pompadour, München 1998, 52.
Empfohlene Zitierweise
Reinert, Inga: 10. Die morgendliche Toilette. Aus: Madame de Pompadour - Madame de Pompadour in den Künsten, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2726/
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Erstellt: 15.03.2006
Zuletzt geändert: 15.03.2006
Unterkapitel
- 01. Madame de Pompadour und die Bildenden Künste
- 02. Madame de Pompadour als Mäzenin der Bildenden Künste
- 03. Die künstlerischen Tätigkeiten der Madame de Pompadour
- 04. Porträts der Madame de Pompadour
- 05. Die Porträtmalerei in der Bildenden Kunst zur Zeit der Madame de Pompadour
- 06. Das Thema Freundschaft
- 07. Madame de Pompadour als gebildete Frau
- 08. Die Salonausstellungen
- 09. Bouchers Repräsentationsbildnis
- 10. Die morgendliche Toilette
- 11. Das Bild der frommen Dame





