III. Höfische Mode

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III. Die höfische Mode im Frankreich des 18. Jahrhunderts - von Beatrice Hermanns

2. Der Wandel der höfischen Mode 

2.1 Die Rolle des Hofes im 18. Jahrhundert

Nach dem Tode Ludwigs XIV., der in Versailles den Höhepunkt eines aufwendigen und streng reglementierten höfischen Lebens exerziert hatte, schien in Frankreich eine Zeit der Erleichterung und der Freiheit den gesellschaftlichen und zeremoniellen Pflichten eingekehrt zu sein. Der Adel kehrte Versailles den Rücken und suchte stattdessen in der Stadt Paris, unter dem Regenten Philippe d'Orléans im Palais-Royale Vergnügen und Unterhaltung. Parallel dazu spielte sich das Leben in den bürgerlich geprägten Salons und Geheimbünden ab. So ist die Zeit der Régence (1715-1723) von einer Leichtlebigkeit und von einer Privatheit gekennzeichnet, die sich auch in einer bequemeren und leichteren Kleidung ausdrückte.

Nach dem Regierungsantritt Ludwigs XV. kehrte der Hof noch einmal nach Versailles zurück und spielte erneut eine bedeutende Rolle, wenn auch nicht mehr in dem Sinne wie 50 Jahre zuvor. Noch einmal übernahm der Hof eine Vorbildfunktion, die unter anderem in der höfischen Mode zum Vorschein kam. Allerdings wurde der Abstand zum Rest der Gesellschaft, besonders zum Bürgertum, immer eindeutiger und die Kritik am Hof immer lauter. Der Adel bildete zwar immer noch die Elite des Landes, auf der anderen Seite kapselte er sich immer stärker ab und lebte in einer eigenen Welt, was besonders an der Person der Marie Antoinette zu sehen ist. 

2.2 Die Rolle von Kleidung

Bis ins 18. Jahrhundert hinein reglementierten Kleiderordnungen das Tragen bestimmter Stoffe, Muster, Schnitte und Accessoires für die einzelnen Stände. Dahinter verbarg sich die Auffassung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft, dass jedem Menschen ein fester Platz in der von Gott geschaffenen Weltordnung zustehe, der in der Kleidung wiedererkennbar sein müsse. Trotz Strafen ignorierte man zunehmend diese Bestimmungen, so dass sich die meisten europäischen Staaten gezwungen sahen, sie abzuschaffen. In Frankreich schaffte man sie in der Revolution ab. Vor allem aber machten veränderte wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedingungen diese Verbote widersinnig. Neue Stoffe, wie zum Beispiel die Baumwolle, traten in Konkurrenz zur Seide und erlaubten es auch den Geringverdienenden sich mit diesen Stoffen zu kleiden. Neue kostengünstigere Techniken in der Modeherstellung und eine schnellere Zirkulation machten die Kleidung leichter zugänglich. 

Daneben war der Adel durch den ständigen Modewandel zu immer neuen Kleidungsstücken gezwungen und verkaufte zunehmend seine abgetragene Mode auf einem sich ausbildenden Gebrauchtwarenmarkt, um sich die neue Mode zu refinanzieren. Und schließlich machte ein allgemein zunehmender Wohlstand es breiteren Schichten möglich, mehr und kostspieligere Kleidung zu kaufen. 

2.3 Kleidung am französischen Hof


Abb. 1

Dennoch blieben Unterscheidungsmerkmale an der Kleidung bestehen, und gerade am Hof bestimmten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts strenge Regelungen das Tragen der Kleidung, insbesondere zu bestimmten Zeremonien und Festen. Am Hof existierten drei Arten von Kleidung: die Galakleidung (Grande Parure), die Parure, die auch dem Bürgertum bei Festen zustand, sowie das Negligé, eine bequeme Hauskleidung, die allerdings auch auf der Straße getragen werden durfte.

Von Ludwig XIV. eingeführt, spielte die höfische Kleidung, insbesondere die Galakleidung, eine zentrale Rolle innerhalb des höfischen Zeremoniells, das auch das Tragen bestimmter Kleidung je nach Rang der jeweiligen Personen festlegte. Getragen wurde die grande parure zu Zeremonien, Hochzeiten, Taufen und anderen großen Festivitäten am Hof und war dementsprechend aufwendig und unbequem. Oft dauerte es mehrere Stunden, bis man angekleidet war. Nichtsdestoweniger war diese Prozedur sehr wichtig für die höheren Gesellschaften, da das Auftreten in Versailles über Erfolg und Misserfolg einer Person entschied. So musste einerseits das "richtige" Kleid zum richtigen Zeitpunkt ausgewählt, andererseits der persönliche Reichtum und Luxus dargestellt werden.

Wurde eine Person neu am Hofe eingeführt, legte eine dreitägige Zeremonie fest, was man zu tragen hatte. Dazu benötigte man mindestens zwei Kostüme: eines, um sich am ersten Tag dem König vorzustellen und am zweiten der königlichen Familie, und ein zweites für den dritten Tag, an dem man an der Jagd teilnahm. Dabei trugen die Männer ein graues Justaucorps, eine dunkelrote Hose und eine dunkelrote Weste sowie Reitstiefel und einen Dreispitz. Die Damen trugen bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal das dreiteilige grand habit, das aus einem schweren Mieder mit Walgräten, einem weiten Reifrock in ovaler Form sowie einer Schleppe bestand, deren Länge vom Rang der Trägerin abhing. Dazu präsentierten man gern den gesamten Familienschmuck. Die Ärmel und das Mieder waren mit mehreren Schichten aus Borten, Manschetten, Spitzen und Schleifen ausgeschmückt. Zum Auftreten am Hof gehörte es, den Raum des Königs rückwärts mit Knicks und Verbeugungen zu verlassen - mit einem derartig schweren Gewand erscheint dies undenkbar. Daher übten Tanzmeister mit den Damen die richtige Haltung und Bewegung im grand habit ein.

2.4 Allgemeine Entwicklung der höfischen Kleidung


Abb. 2

Die Entwicklung der höfischen Kleidung scheint in Wellen zu verlaufen. Galt es im 17. Jahrhundert den Körper wie ein repräsentatives Kunstwerk mit viel Stoff, Spitzen und Bändern zu umhüllen, setzte sich nach dem Tode Ludwigs XIV. am Hof eine intimere, schlichtere und formlosere Mode durch. Unter Ludwig XV. dominierte bis zur Mitte des Jahrhunderts das Rokoko, das sich in Phantasie, reichhaltigen Ornamenten, Asymmetrie und dreidimensionalem Dekor ausdrückte. Die Kleidung des französischen Adels entwickelte sich nun zu einem wichtigen Bestandteil einer eleganten und verfeinerten ästhetischen Welt, in der Selbstgefälligkeit und Vergnügen im Mittelpunkt standen. Bis zum Tode Ludwigs XV. 1774 wurden die Gewänder schlichter und gradliniger. Eine natürliche Einfachheit, die in eine Faszination für die Antike mündete, machte sich breit, die einerseits auf den Einfluss der aufklärerischen Ideen sowie die Hinwendung zu Natur und Natürlichkeit zurückzuführen ist. Auf der anderen Seite suchte der Adel Fluchtmöglichkeiten aus den strengen Regelungen des Hofes, die er unter anderem im romantischen Schäferspiel fand. Eine letzte Blütezeit erlebte die höfische Mode unter Marie-Antoinette, bevor sich in der Revolution eine dezente Kleidung mit eindeutig politischer Konnotation durchsetzte und die höfische Mode verschwand.

2.5 Damenmode


Abb. 3

Besonders die Damenmode unterlag im Laufe des 18. Jahrhunderts einem häufigen Wandel und übernahm die führende Rolle in der Modewelt, was nicht zuletzt mit der veränderten Rolle der Frau in der Gesellschaft zusammenhing. Erinnert sei an die führende Rolle der Frau in den städtischen Salons, sowie an die Rolle der Mätresse, insbesondere der Madame de Pompadour am Hofe. Bis dahin war es vor allem die Männermode, die den Ton angab, die allerdings im 18. Jahrhundert weitgehend ihre Grundform aus dem 17. Jahrhundert beibehielt.

Die Kleider der Damen bestanden aus folgenden Elementen: Reifrock, Unterrock, Überrock, Korsett und Mieder und bildeten zwei Arten aus, die sich aus der Mode des 17. Jahrhunderts entwickelt hatten. Das offene Kleid, das in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte, bestand aus einem Mieder mit angehängtem Rock, der vorn offen war und den Unterrock sichtbar machte. Das geschlossene bestand aus einem Stück Stoff. Der Reifrock - panier - veränderte mehrfach seine Form: ab ca. 1725 wurde er weiter und entwickelte sich von einer Kegel- zu einer Tonnenform; ab etwa 1740 setzte sich die ovale Form durch, die sich vor allem an den Seiten ausdehnte, was durch zusätzliche Polster an den Hüften erwirkt wurde. Am Ende des Jahrhunderts erlangte die räumliche Ausdehnung derartige Ausmaße, dass die Damen seitlich durch die Türen gehen mussten. 


Abb. 4

Wichtiger Bestandteil war das Korsett, das sich von der Form her jedoch kaum veränderte. Es wurde sehr eng geschnürt, um die schmale Taille zu betonen, die Brust zu heben und die Schultern zurückzunehmen. Dies bewirkte meist eine sehr steife Haltung der Damen. Das Mieder wurde über das Korsett gezogen und diente auch dazu, die beiden Röcke zu befestigen, die über dem Reifrock getragen wurden. Der Unterrock - Jupe - lag eng auf dem Panier, der Oberrock war meist aus dem gleichen Stoff wie das Mieder angefertigt. Dies vermittelte den Eindruck, es handele sich um ein Kleid bzw. einen Mantel - daher der Name Manteau, der weiterhin Bestandteil der Hoftracht war.

Die Röcke über dem Reifrock waren lang und weit, obgleich sich die Länge im Laufe des Jahrhunderts insgesamt verkürzte. Durch geschicktes Gehen und Wippen wurden Füße und Waden sichtbar, was damals als erotisch galt, und weshalb auch die Gestaltung der Strümpfe eine wichtige Rolle spielte. 


Abb. 5

Neben der immer pompöser werdenden Hoftracht entwickelte sich unter Einfluss des Bürgertums eine legerere Kleidung, das Negligé, das im Laufe des 18. Jahrhunderts verschiedene Ausprägungen erfuhr. Zwischen 1705 und 1715 verbreitete sich in Frankreich die robe volante, aus der später die sogenannte robe à la française hervorging und um 1730 ihren Höhepunkt erlebte. Die robe volante fiel von den Schultern kegelartig über den Reifrock herunter, bestand meist aus einem Stück, war nur wenig tailliert und besaß im Rücken Falten. Da Watteau viele Damen in der Rückenansicht malte und auf diese Falten Wert legte, spricht man auch von Watteau-Falten. Zu diesem Kleid trug man ein Spitzenhäubchen und eng anliegende Haare.

Der Schnitt des Kleides hatte starken privaten Charakter, obgleich man es auch in der höfischen Gesellschaft - nicht bei Zeremonien - tragen durfte. Es ist vor allem für die Zeit der Régence charakteristisch und spiegelt Freiheit und Leichtigkeit wieder. 

Nach den reich verzierten Kleidern des Rokoko, von denen noch zu sprechen sein wird, verbreitete sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts die schlichtere und einfacherere englische Mode. Die robe à l'anglaise, eine Art Mantel über einem runden Panier, entwickelte sich zu einem der beliebtesten Kleidungsstücke der Damenwelt. Der Stoff wurde im Rücken zusammengehalten und in flache Falten gelegt, die sich erst im Rock entfalten. Ende des 18. Jahrhunderts machte sich auch in der Galakleidung der englische Einfluss bemerkbar: Man trug zwar weiterhin den Reifrock, allerdings weniger ausladend nach vorn und hinten als vielmehr zur Seite. Der Oberrock bestand aus weiten Falten.

2.6 Herrenmode


Abb. 6

Die Kleidung der Männer veränderte sich im 18. Jahrhundert nur wenig. Der dreiteilige Anzug blieb bestehen, lediglich die Formen, Schnitte und die Ausstattung wurden feiner und graziler. Insgesamt ist eine sehr viel deutlichere Tendenz zur Schlichtheit, Bescheidenheit und Seriosität zu beobachten als bei den Damen. Der Anzug des Mannes bestand aus der Kniehose (Culotte), einer Weste sowie dem Rock - Justaucorps genannt. Unter der Hose trug der Adel weißseidene Strümpfe. Dieses Kostüm wurde durch eine Halsbinde, eine Perücke mit Zopf und einem Dreispitz ergänzt. Der Degen war ein Utensil, das nur der Adel tragen durfte.

Das Justaucorps besaß kurze offene Ärmel mit aufwendigen Umschlägen und verschaffte dem Mann durch Einlagen einen weiten Umfang; die Schöße wurden in der Taille zusammengenommen, und die Länge des Rockes reichte bis zu den Knien. Aus dem Justaucorps entwickelte sich später der Mantel, der bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Form der Redingote in Frankreich verbreitet war.

 

Empfohlene Zitierweise

Hermanns, Beatrice: 2. Der Wandel der höfischen Mode. Aus: Madame de Pompadour - Die höfische Mode im Frankreich des 18. Jahrhunderts, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2835/

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Erstellt: 16.03.2006

Zuletzt geändert: 16.03.2006